Kinderbuch der Woche: Neues aus der Murkelei

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Ein Gerücht macht die Runde: Gesine Wolkensteins schwarzer Laden soll Kinder verschlucken. Ausgerechnet diese Dame meldet sich auf Mamas Suchzettel nach einer „Nachtfrau“. Das ist ein Babysitter für die ganze Nacht, sind sich Merle (11) und Moritz (8) einig. Doch was ist peinlicher als ein Babysitter für so selbständige Kinder wie sie? So etwas brauchen sie nicht! Aber weil Mama in Zukunft nachts arbeiten muss, ist sie unerbittlich: Sie lässt die Kinder nicht allein.
Seit Papa nicht mehr da ist, haben Merle und Moritz nur ihr Weltempfänger-Radio, um mit ihm in Verbindung zu bleiben. Und ihre Erinnerungen an die vielen Geschichten, die er ihnen erzählt hat. Besonders an die aus der Murkelei. Dieses Land hatte der Schriftsteller Hans Fallada einmal für seine eigenen Kinder erfunden.
Gesine Wolkenstein mit ihrer sich ständig verändernden Augenfarbe und ihrem unheimlichen Wissen über Merles Denken und Fühlen weckt Misstrauen und Abwehr in der Ich-Erzählerin Merle. Daran ändert auch Gesines verführerische Schokolade nichts.
Mitten in der Nacht wachen Merle und Moritz auf. Licht fällt durch die Türschlitze. Plötzlich ist die Tür schwarz und voller aufwändiger Schnitzereien. Die Kinder wollen sie öffnen, und ihre letzten Hemmungen fallen, als sie das Schild auf der Tür lesen: Murkelei.
Das ist doch das Land, aus dem die Geschichten stammen, die ihnen Papa erzählt hatte! Obwohl Moritz sich fürchtet, öffnet Merle die Tür. Dahinter erleben die Kinder unglaubliche Abenteuer und entkommen den Spitzzahntrollen, die sie verführen wollen, ganz viel Schokolade zu essen, nur mit Mühe. Schnell merkt Merle, dass ihr Schokolade futternder Bruder beginnt, sich in einen Spitzzahntroll zu verwandeln. Mit knapper Not gelingt den Geschwistern die Flucht aus der Murkelei, einem Land, in dem Frau Wolle offenbar das Sagen hat.
Doch weil sie ihren Weltempfänger vergessen haben, müssen sich Merle und Moritz in der nächsten Nacht noch einmal in die Murkelei wagen, um ihn wiederzufinden. Schließlich landen sie im dunklen, verlassenen Laden der geheimnisvollen Frau Wolkenstein, die sie bereits erwartet und alles über die Murkelei zu wissen scheint. Das hat sie uns Lesern voraus. Deshalb ist es gut, dass das Buch mit „Fortsetzung folgt“ endet.
Mit Reimen und Gedichten, Zauberregeln und Rätseln führt Jutta Richter durch die nächtlichen Labyrinthe der Murkelei. Ihre Sprache entfaltet eine Magie, die auf bezaubernde Weise altmodisch wirkt – verglichen mit heutigen Fantasy-Abenteuern.
Ich empfehle „Frau Wolle und den Duft von Schokolade“ allen Kindern, die das Märchenhafte lieben, und alle Vorleserinnen oder Vorlesern, die eine begnadete Erzählerin zu schätzen wissen.

Gabriela Wenke

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