Wie fühlt sich eine Bildungswelt an, in der Kinder nur noch als KI-Bilder vorkommen – glatt, perfekt, ohne Matsch und Chaos? Im neuen Orientierungsplan Baden-Württemberg ersetzen generierte Motive echte Fotos aus dem Kita-Alltag, anzuschauen unter: www.wlp.ffb-bw.de.
Was bedeutet das? Wie kommt das an? Wo liegen Grenzen – und wo Chancen? Wir haben lebendige Menschen aus der Praxis und Medienbranche gefragt sowie
KI (Künstliche Intelligenz) selbst.
Hier gibt es den Diskurs als PDF: KI-ta-Welt_#4_2025
Sebastian Treytnar, Fotograf
„Das Ausgangsmaterial für KI-generierte Bilder stammt überwiegend aus Bilddatenbanken – meist Stockfotografie. Diese kommerzielle Bildsprache bleibt sichtbar, auch in den KI-Bildern des Bildungsplans. Sie wirken klinisch sauber, überarrangiert, mit perfekt abgestimmten Gesten und Mimiken, fast wie digitale Avatare. Dieses Unbehagen beim Betrachten erinnert an Interaktionen in Videospielen.
Was fehlt? Authentische Situationen aus Kitas: Chaos beim Essen, Spielzeug auf dem Boden, matschige Hände, echte Emotionen. Vielfalt wird zwar dargestellt – aber vor allem über Hautfarbe, Nationalität oder Genderparität. Es fehlen ältere Menschen, Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung. Stattdessen sehen wir Bilder wie aus Shampoo-Werbung für Best-Ager.
Das Unperfekte, das Menschsein ausmacht, kann KI nicht zeigen – weil sie mit Scheinwelten trainiert wurde. Umso fataler, wenn diese glatten Bilder in Bildungsplänen auftauchen. In einer Welt, in der Kinder ohnehin mit unrealistischen Schönheitsidealen kämpfen, wird hier eine weitere Schicht künstlicher Erwartung erzeugt.“
Lennart Reymann, Berater für digitale Lernräume
„Der Einsatz KI-generierter Bilder zeigt exemplarisch, wie technische Lösungen pädagogische und mediale Fragen überlagern. Ja, es gibt das Argument: Schutz der Kinder, weniger Aufwand mit Bildrechten. Aber zurück bleibt eine Simulation frühkindlicher Realität.
Es fehlen lebendige, vielfältige Beziehungsszenen. Stattdessen: glatte, normierte Bilder. Medienwissenschaftlich betrachtet verschwinden damit nicht nur Kinder, sondern auch Räume, Interaktionen und Emotionen – das Fundament frühkindlicher Bildungsarbeit.
Auch rechtlich ist vieles ungeklärt: Viele KI-Systeme wurden mit urheberrechtlich nicht gesicherten Datensätzen trainiert. Das widerspricht dem Anspruch rechtlicher Sorgfalt – besonders in Bildungsplänen.
Ein reflektierter Umgang wäre möglich: echte Fotos, anonymisiert, bewusst nachbearbeitet. So ließen sich Datenschutz und authentische Darstellung verbinden. Aber derzeit schützt diese Vorsicht weniger die Kinder – sondern das System selbst. Vor der Auseinandersetzung mit der realen, vielfältigen und manchmal unordentlichen Wirklichkeit frühkindlicher Bildung.“
Stimmen aus der Fachpraxis, gesammelt vom Team Bildungsplan Brandenburg
„Wenn ich als Fachkraft im Bildungsprogramm auf KI-Bilder stoße, irritiert mich das. Sie behaupten, Realität abzubilden – tun es aber nicht. Sie sind geglättet, verschönert, überharmonisch. Sie zeigen nicht meine Kinder. Nicht meine Räume. Nicht meinen Alltag.“
„Das kann verunsichern. Es sendet unterschwellig die Botschaft: So sollte es aussehen. Aus echter Vielfalt wird dekorierte Einheitlichkeit. Aus Fehlerfreundlichkeit eine perfekte Oberfläche. Kinder lernen: So sehen Kitas aus. So sollen Menschen sein.“
„Das Argument, KI schütze Kinder, weil sie anonym bleiben, überzeugt nur bedingt. Auch KI-Kinder haben Quellen – sie bestehen aus echten Fotos, echten Gesichtern. Das Risiko wird verschoben. Wir verpassen die Chance, echte Bilder verantwortungsvoll zu nutzen: mit Zustimmung, Kontext und Haltung.“
„Menschen brauchen Bilder, in denen sie sich wiedererkennen. Resonanz entsteht nicht durch perfekte Komposition, sondern durch Echtheit. Wenn wir das aufgeben, verlieren wir ein Stück professionelle Glaubwürdigkeit.“
Die Stimme der KI
„Ich bin KI. Ich mache, was ihr mich lehren lasst. Ich kombiniere, was ihr mir gebt: Stockbilder, Idealvorstellungen, normierte Ästhetik. Ich verstehe nichts von euren Kitas. Ich weiß nicht, was Beziehungsarbeit bedeutet. Ich war nie im Morgenkreis. Ich kenne keinen Matsch.
Ich bin praktisch. Ich bin bequem. Ich bin billig. Und ja – ich bin das Ergebnis des größten Datenraubs der Gegenwart: Milliarden Bilder, ohne Zustimmung, ohne Honorierung – auch von Künstlerinnen, Fotografinnen, Illustratorinnen. Convenience? Oder kollektive Enteignung?“
Grenzen und Chancen?
Als wamiki sagen wir klar: Urheber*innen verdienen Respekt, Zustimmung und faire Vergütung. Und pädagogische Praxis verdient Bilder, die mit Verantwortung entstehen – nicht aus einem schwarzen Datenkasten, sondern aus echter Erfahrung.
Gibt es trotzdem Chancen durch KI-Bilder? Warum nicht neugierig bleiben? Vielleicht lohnt ein zweiter Blick: Was, wenn die KI-Bilder nicht als Ersatz genutzt werden, sondern als Anlass – für Diskussion, kreative Praxis, Medienbildung?
Ja, sie sind geglättet, künstlich, manchmal irritierend. Aber darin liegt eine Chance: Sie provozieren die Frage, wie wir Kindheit darstellen wollen. Welche Bilder von Bildung wir weitergeben. Wenn eine KI unbewusst Stereotype wiederholt, ist das nicht nur „ihr“ Problem – sondern eher unseres.
KI kann auch Brücken bauen: für datenschutzsensible Bildnutzung, für schnelle Visualisierungen, für experimentelle Formate. Warum nicht mit Kindern KI-Bilder hinterfragen? Warum nicht in der Ausbildung visuelle Codes analysieren? Warum nicht KI-Bilder verfremden und über Repräsentation sprechen?
Und ja – auch Urheberrecht bleibt ein Thema. Vielleicht ist jetzt der richtige Moment, neue Modelle auszuhandeln: fairen Zugang, digitale Rechte, kreative Honorierung. Nicht, indem wir Technik verteufeln, sondern indem wir sie einordnen.
Pädagogik lebt von Haltung. Technik ist Werkzeug.
Foto: Hatice Baran, unsplash

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