Im Weltzimmer

 

Er ist in der kleinsten Hütte, gut abgegrenzt, und dennoch unendlich. Alle Erdenbürger leben gemeinsam in ihm, eventuell sogar Außerirdische. Gleichzeitig ziehen wir uns in ihn zurück, wenn wir Ruhe haben wollen. Wir nehmen manchmal mit Worten viel von ihm ein, greifen ihn uns gar. Wir stellen Fragen an ihn, lassen ihn nicht für Zweifel, brauchen ihn manchmal für uns. Einen Beruf hat er immerhin: Erzieher, allerdings nicht der erste oder zweite. Hä, über wen sprechen wir? Na, über den Raum!

 

Wo kommt das Wort her? Das Germanische hat uns rūma, den Raum, den Platz und die Lagerstätte beschert, also entweder einen umgrenzten oder offenen Raum. Das hat sich beim deutschen Wort fortgesetzt: Raum ist Weltall, Region, Zimmer, Flur (Vorraum) oder etwa die Mundhöhle (Rachenraum). Es gibt den Spielraum, den Freiraum, den rechtsfreien Raum. Raum kann auch Zwischen- und Leerraum sein, selbst der unbedruckte Rand dieser Zeitschrift ist einer namens Weißraum. Raum ist, wenn man irgendwo im Alpenraum in einem Warteraum wegen Schmerzen im Backenraum sitzt und den Raumduft schnuppert.

 

Diese universelle Wortverwendung unterscheidet das Deutsche von den meisten anderen Sprachen: Room und Chambre sind das Zimmer, place ist der Raum, den man einnimmt, espace oder space das Weltall. Uns Deutschen, könnte man spotten, ist das heimelige Zimmer immer gleich das Universum, sozusagen das Weltzimmer.

 

Vielleicht beeinflusst diese universelle Vorstellung des Raums auch unser pädagogisches Paralleluniversum. Jedenfalls fällt auf, wie oft das Wort in der PädagogInnen-Sprache vorkommt: Da gibt es den Gruppenraum, die Funktionsräume und sogar das Raumkonzept (Hatte der Schöpfer des Weltalls beim Urknall eigentlich auch eins?). Sogar vermenschlicht wird der Raum, wirkt er doch laut übersetzter Reggio-­Pädagogik als „dritter Erzieher“. Merkwürdig nur, dass man in Reggio selbst eher von „L’ambiente è il terzo educatore“ spricht, also: Die Umwelt, das (soziale) Umfeld, das Ambiente ist der dritte Erzieher, nicht das Zimmer.

 

Wie wirken Räume „erzieherisch“? Die Pädagogik weiß: Das menschliche Denken wird durch Räume beeinflusst. Bei einem Raumwechsel, bestätigten Studien, werden Informationen im Gehirn neu sortiert, mit positiven und negativen Auswirkungen. Beim Betreten eines neuen Raums kommt es immer wieder vor, dass man vorherige Gedanken verliert. Deshalb sagt man sich: „Ich geh mal in die Küche zurück, dann fällt’s mir wieder ein.“ Steckt man dagegen beim Denken fest („Wie kriege ich bloß diesen Text fertig?“) und verlässt kurz den Raum, eröffnen sich nicht selten Gedankenräume: „Hey, jetzt hab ich die zündende Idee!“

 

Bei Kindergartenräumen ist die Grundidee bekanntermaßen: Für wichtige kindliche Spiele wie Bauen, Verkleiden, Malen und Toben gibt es Räume, die schon beim Betreten anregen, sich in entsprechende Tätigkeiten zu vertiefen. Der Raum ist also die Spielanregung, das stumme „Spielt doch mal mit Bausteinen!“ Spannend, dass es meist die gleichen fünf oder sechs Räume sind, in die die kindliche Spieltätigkeit verbannt wird: der Rollenspielraum, der Bauraum, der Bewegungsraum, der Toberaum, der Kreativraum, manchmal ein Forscherraum, dazu der Ruhe-, Schlaf- oder Snoezelenraum, in dem die Kinder sich vom Spielen erholen können. Alle Räume haben gute Gründe, und doch erinnert die Starrheit der Einteilung an bürgerliche Wohnungszuschnitte, die stets das Elternschlafzimmer für Eheliches, das Kinderzimmer für die Kinder, die Küche zum Kochen und das Wohnzimmer zum Wohnen vorsehen. Damit mag auch zusammenhängen, dass manche PädagogInnen erwarten, die Kinder sollten das von den Erwachsenen erdachte Raumkonzept beim Spielen berücksichtigen: „Hey, hier ist der Bauraum, hier könnt ihr eure Burg nicht malen. Dafür gibt es das Atelier.“

 

Wer Räume schafft, eröffnet zwar Möglichkeiten, muss aber aufpassen, den BenutzerInnen mit dem Raumkonzept jederzeit gerecht zu werden: Stimmt die Einteilung? Oder brauchen neue Kinder neue Formen von Aktionsräumen? Auch die „Raumregeln“ sollten dem Aufenthalt im Raum förderlich sein, ihn also nicht limitieren, beengen oder unnötig in eine Richtung drängen. Vielleicht ist es gar nicht verkehrt, dass das Wort „Raum“ im Deutschen so unscharf ist: Ein guter Raum für Kinder ist ein abgegrenztes Zimmer, das gleichzeitig grenzenlos wie ein Universum sein kann.

 

Michael Fink ist Autor und Fortbildner.

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