Die Erfindung von MINT

MINT ist kein Wort. Deswegen tut sich der Wortklauber zunächst schwer damit. MINT ist ein Akronym, also eine Abkürzung mehrerer Wörter durch deren Anfangsbuchstaben. Damit steht MINT in der Tradition des ersten Akronyms der Christenheit, nämlich INRI, der Inschrift auf dem Kreuz Jesu. INRI heißt – für alle Heiden unter der Leserschaft oder solche, die sich im Reliunterricht von anstrengenden MINT-Fächern erholten – Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum. Was übersetzt heißt: Jesus von Nazareth, König der Juden. Dass die Römer als Verfasser einen ziemlichen Abkürzungsfimmel (Aküfi) gehabt haben müssen, ist offensichtlich, sparten sie zwar Zeit beim Einritzen der Buchstaben, aber gewiss litt die Verständlichkeit: Woher wussten Spaziergänger rund um Golgatha, für was die zwei Is, das R und das N stand?

Zwar enthält INRI zwei gleiche Buchstaben wie MINT, aber das hat nichts zu bedeuten, denn MINT heißt nicht „Moderne Iesus von Nazareth-Theologie“, sondern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. MINT spart also zunächst 15 Silben ein und führt die Angewohnheit von Schülern fort, die Namen unbeliebter Fächer zu kürzen – siehe Mathe, Nawi, Sowi und Reli.

MINT ist nicht nur ein Akro- sondern auch ein Apronym. Apronyme sind nämlich – gleich fürs nächste Kneipenquiz merken! – Abkürzungen, die ein neues sinnvolles Wort ergeben. Solche Wörter gibt es nicht viele, weil der Trend zur sinnvollen Abkürzung noch neu ist.

Apronyme gelingen, wenn beim Abkürzen einer unschönen Wortsammlung ein sympathisches Wort entsteht. Aus dem holzigen European Region Action Scheme for the Mobility of University Students wurde der nette Name ERASMUS. Nicht ganz so gut klappt die Sache bei der Elektronischen Steuererklärung, denn das Apronym ELSTER lässt alle Steuerpflichtigen sogleich an Diebstahl denken, weil sie Elstern – unberechtigterweise! – für diebisch halten.

Wer hat MINT erdacht? Intensive Internet-Recherchen ergaben leider keine klaren Anhaltspunkte, höchstens Verdachtsmomente. Vermutlich waren es Bildungspolitiker, die sich um den Nachwuchs in den vier früher als Jungs-Fächer geltenden Disziplinen sorgten. Als Suchbegriff ergibt MINT zahlreiche Treffer, bei denen auch das Wort „Mädchen“ an prominenter Stelle vorkommt. Wenn’s um Jungs geht, bleibt es oft bei Mathe, Informatik, Technik und diversen Naturwissenschaften. Geht’s um Mädels, verschmilzt alles zu MINT.

Schmelzen und Mint – wer denkt da nicht an ein leckeres Eis, bei dem man aufpassen muss, es nicht auf seine mintfarbene Hose zu kleckern? Ja, unser mint in Kleinbuchstaben ist ein waschechtes Modewort und vermutlich wie die mintfarbene Hose irgendwann in der Mitte der Achtziger eingewandert. Doch niemand sagt „Mint“ zu dem verdauungsfördernden Tee. Aber wenn aus dem wuchernden Fast-Unkraut coole Kaugummis, Kaubonbons oder Schokoladenspezialitäten hergestellt werden – das ist mint. Sonderbar.

Was wissen oder ahnen wir über MINTs Entstehung? Entweder hatte, wer aus Mathe, Informatik, Technik sowie Physik, Chemie und Bio, also aus Naturwissenschaften, MINT gemixt hat, einfach Glück, weil das entstandene Wort gut funktioniert. Immerhin wäre, wenn wir wie die Briten statt Naturwissenschaften Science sagen würden, ziemlicher MIST rausgekommen…

Oder war es so, dass ein paar Herrschaften nächtelang beisammen saßen und verzweifelt grübelten: „Wir brauchen so ein echtes ­Girlie-Wort, um diese Nawi-Fächer für Mädchen interessant zu machen. Hubert, du hast eine Tochter, was interessiert Mädels so?“ „Eis, Pferde, Mode…“ Ewig buchstabierte man dann: „P wie Physik, I wie Informatik, N wie Naturwissenschaft, jetzt noch was mit K….“ „Gibt´s nicht! Besser ist R wie Rechnen, O wie Oekologie, S wie Science und A wie… “ Bis dann einer sprach: „Nehmen wir einfach MINT!“

Foto: vogt/photocase

Sechs Streitfragen

Gibt’s Streit? Frage eins ist schnell beantwortet: Ja, den gibt’s. Immer wieder. Obwohl ihn keiner macht.

Eine Eigenart hat das Wort „Streit“ nämlich: Es mangelt an passenden aktiven Verben. Streit kann man weder machen, erzeugen, leben, höchstens verursachen. In dieser Hinsicht ähnelt Streit einem Vulkanausbruch und einem Erdbeben, die sich ebenfalls von selbst ereignen. Genauso verhält es sich mit der militärischen Fortsetzung des Streits, dem Krieg: Den macht auch keiner, führt ihn höchstens (bloß: wohin?) oder erklärt ihn, damit klar ist, dass er da ist.

Willst du Streit? Frage zwei ist – mit drohender Faust vor der Nase – leichter beantwortet als nach längerem Nachdenken. Obwohl wir Frieden brauchen, scheint ein Bedürfnis nach Streit in uns zu stecken. Jedenfalls lassen Wörter wie „Streitlust“ oder „Streitsucht“ das vermuten. Politiker oder Unternehmer mit – ähem – pointierten Ansichten gelten gern als „streitbar“.

Besonders verräterisch aber scheint die Formulierung „Darüber lässt sich trefflich streiten“ zu sein, denn sie legt nahe, dass man das nur zu gerne tut. Eine Ausnahme gibt es, die oft bedauernd geäußert wird: Über Geschmack lässt sich – hier schieben viele Leute das Schlaumeierwort „bekanntlich“ ein – nicht streiten.

Frage drei lautet: Was gehört zum Streit? Dem Volksmund wie konflikt­geplagten Pädagogen geht die Antwort automatisch von der Zunge: Zum Streit gehören immer zwei. Eine Universal-­Antwort, die angestrengtes Nachdenken über Provokateure, Interessenausgleich zwischen Konfliktparteien und ungleiche Machtverhältnisse erspart: Jim und Jan streiten in der Bauecke, und weil zwei zum Streit gehören, sind sie selbst schuld. Das Opfer schreit, der Täter haut? Besser weitergehen, weil zum Streit eben zwei gehören.

Land A überfällt Land B? Sind eben typische Unruheherde voller Streitlust, die zwei. Besser nicht Partei ergreifen, denkt sich der Volksmund, sonst trifft das Lieblingssprichwort „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“ am Ende nicht mehr zu. Der „lachende Dritte“ hingegen macht sich die Sache leicht: „Ich will nicht wissen, wer angefangen hat, sondern wer aufhören kann.“

Wer streitet sich, wenn nicht ich? Die Antwort auf Frage vier: Streithansel.

Offenbar gibt es Menschen mit besonderer Neigung zum Streit. Vor ihnen muss man sich in Acht nehmen. Seit jeher hat der Volksmund dafür Fremde im Visier: Vor tausend Jahren waren es streitbare Wikinger, später verlegte sich das gefühlte Epi­zentrum erst nach Westen – die zerstrittenen, unruhigen Franzosen –, dann nach Süden zu den launischen Italienern und Spaniern, schließlich nach Osten, denn von den Polen stammt immerhin das Streit-Synonym Rabatz1. Besondere Streitlust aber attestierte man den eigenen Minderheiten. Lehnworte wie Zoff2 bezeugen das. Auch die immer noch gerne zitierten Kesselflicker haben rassistische Hintergründe, waren damit doch vor allem Roma gemeint, zu deren Broterwerb das Kesselflicken gehörte, ohne dass sie Mitglieder der entsprechenden Zunft waren.

Sind es heute immer noch die Anderen, die für Streit sorgen? Sicher. Vergleiche mal Berichte über „Randale im Asylbewerberheim“ und „familiäre Auseinandersetzungen bei deutscher Familie“.

Frage fünf: Ist öffentlicher Streit schlecht?

„Nicht vor den Kindern streiten“ lautet eine weitere Weisheit, die den Streit auf eine ähnliche Stufe wie öffentliche Liebesbezeugungen stellt. Obwohl Kinder sich „ständig in die Haare kriegen“, finden Volksmund und Volkspädagoge es wichtig, dass man stets „mit einer Stimme“ spricht, statt „Uneinigkeiten öffentlich auszutragen“. Die gleiche Haltung lässt sich Presseberichten über Politik entnehmen, wenn man auf ein Ende von „Asylstreit“, „Dieselstreit“ oder all den „Koalitionsstreitigkeiten“ hofft, als gäbe es nichts Wichtigeres als Burgfrieden im Staate. Selbst in windelweichen Wörtern wie „Meinungsverschiedenheit“ klingt an, dass die ideale Debatte doch eigentlich aus einem einstimmigen Austausch über gemeinsame Überzeugungen bestehen sollte.

Gibt’s – Frage sechs – auch gelassene Worte über Streit? Ja, und zwar in der Bibel, von dem streitlustigen, streitbaren und zu Recht umstrittenen Luther schön übersetzt: „Jegliches hat seine Zeit, Frieden hat seine Zeit, und Streit hat seine Zeit.“

1 Polnisch: rabac = hauen

2 Jiddisch: sof = mieses Ende

 

Von Kreaturen zu Kreatoren

Der erste kreative Prozess war wohl keiner. Für Christen, Juden und Moslems ist Gott der erste Kreative, denn Schöpfer heißt übersetzt Creator. Was dieser laut Schöpfungsgeschichte tat, ist mit keiner modernen Kreativitätstheorie vereinbar. ER schuf die Welt ganz ohne Materialanreize: Die Erde war wüst und leer. Statt kreativer Pausen legte ER ein stringentes Tempo vor und brachte es täglich zu einer bahnbrechenden Erfindung: Erst Licht, dann Himmel, Wasser und Erde, dann die Himmelskörper… Dabei wirkte Gott so zielorientiert, als habe er einen klaren Plan: ER befahl, dass grünes Land wachse – und die Erde brachte grünes Land hervor. Immerhin tat Gott das mit der für kreative Prozesse typischen intrinsischen Motivation, die allerdings erst nach der Vollendung einsetzte: Er sah, es war gut!

Erst danach bewies Gott laut Schöpfungsgeschichte kreative Kompetenzen – wahrscheinlich weil nun endlich Materialanreize für kreative Inspiration vorhanden waren. Nach der Erfindung des Paradieses baute er erst alle Tiere und Vögel aus Erde, obwohl er sie laut Kapitel 1 bereits am vierten Tag erschaffen hatte. Echte Kreative erfinden eben gern mal etwas bereits Erfundenes. Nun wurde ihm die Erd-Formungstechnik offenbar zu langweilig. Deshalb baute er den zweiten Menschen nach einem anderen Konzept: Rippe aus Mensch 1 entnehmen und daraus ein komplett neues Modell zusammenbiegen, Typenbezeichnung: Frau.

Man weiß, wie die Sache ausging: Apfelessen mit Nebenwirkung, Vertreibung aus dem Paradies, erster Sex, Kleinfamilienglück mit zwei Kinder, dann soap-artige Verwerfungen. Der übliche Menschenquatsch. Von wegen „Es war gut!“

Wie nennt man das, was Gott da hergestellt hat? Wasser, Land und Baum mögen „Kreation“ sein, ein Wort mit üblem Werbe-Beigeschmack. Wir Lebewesen dagegen sind „Kreatur“, sagt die Bibel wortwörtlich, was übersetzt bedeutet: „Es wurde geschöpft“.

Seit dem 17. Jahrhundert wurde der ursprünglich wertneutrale Bericht mehr und mehr mit Adjektiven wie „armselig“ oder „unglücklich“ kombiniert – klares Zeichen dafür, dass uns Menschen der passive Zustand des „Geschöpft-Werdens“ zunehmend weniger behagte. Also wechselten wir das Rollenfach – von der Kreatur zum Kreativen, der bis zur Erschöpfung schöpferisch tätig ist.

Lassen wir Gott, auch wenn er das nicht mag, mal beiseite. Die Bibel wortwörtlich zu nehmen, das ist ohnehin nur etwas für – Achtung! – Kreationisten, denen in der Evolutionstheorie der klar benannte Urheber fehlt.

Zum In-Wort wurde Kreativität tausende von Jahren später, genau genommen erst in den 1960er Jahren. Verantwortlich dafür war nicht Picasso, es waren dröge Bildungsforscher und die US-Regierung. Triebkraft war der Neid, denn die Russen hatten gerade den Sprung ins Weltall geschafft. „Um mitzuhalten, brauchen wir mehr Erfindergeist“, knurrte man jenseits des Atlantiks und begann, intensiv zu erforschen, wie gute Ideen entstehen. Nicht durch Fleiß, fand man heraus, sondern durch vielfältige Anregungen und ungezielte Denkprozesse, durch Ausprobieren statt Gleich-Bewerten, durch positiven Zuspruch statt allzu viel Leistungsdruck.

Forscher beschrieben vier bis sechs Phasen des kreativen Prozesses, der für das Entwickeln neuer Weltraum-Ideen dringend nötig war. Erst in dessen Sog entwickelte sich das Bedürfnis, kreative Denkprozesse auch im musischen Bereich zu nutzen, und Kreativ-Angebote, Kreativkurse oder kreatives Chaos entstanden wie die Teflonpfanne als Abfallprodukte der Raumfahrt.

Kehren wir noch einmal zum Ausgangspunkt zurück, um beide Auslegungen des Begriffs „Kreativität“ miteinander zu versöhnen. Denn wie wäre die Welt laut Bibel entstanden, wenn Gott ein echter Kreativer gewesen wäre? In einer kreativen Bibel stünde: „Am Anfang erschuf Gott jede Menge sonderbarer Teile, die zu gar nichts nutze waren. Er schmiss sie auf einen riesigen Haufen Schöpfungs-Schrott und ärgerte sich drei Tage lang. Die Zeit danach vertrieb er sich mit Wolkenschieben. Am 40. Tag beschloss er aufzuräumen. Als ihm beim Sortieren des Schrotts langweilig wurde, bastelte er ein bisschen vor sich hin. Plötzlich brummelte er: „Warte mal – jetzt kommt mir die Idee!“ Und er sah: Es war gar nicht mal so schlecht!

Also bastelte er weiter, bis zum heutigen Tag. Vielleicht dürfen wir Kreaturen irgendwann auch mal mitmachen?

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Äußerste Konsequenzen

„Das wird Folgen haben!“ Auf eine unbedachte Falschhandlung folgt nun etwas ganz und gar Unerwünschtes. Zum Beispiel das heilige Donnerwetter oder der letzte Zapfenstreich. „Folgen“ heißt auf Latein nämlich „consequere“. Und daraus entstand in letzter Konsequenz unser heutiger Rubrikengast, die „Konsequenz“. Weiter lesen

Hält der Held, was er verspricht?

Was ist ein Held? Und welcher Held hat es verdient, so genannt zu werden? Welche Verdienste haben die uns bekannten Helden erworben? Zur Beantwortung der Fragen bitten wir große Helden der Geschichte, an uns vorbei zu defilieren, denn „laufen“ passt nicht zum Schreiten mit geschwellter Heldenbrust. Und: Marsch! Weiter lesen

Die Natur: Ich war zuerst da!

Über dieses Wort freut man sich – natürlich! – als Wortklauber: In „Natur“ steckt alles, was es an Bedeutungen gibt. Schon der Ursprung des Wortes belegt das: „Natur“ heißt „Geburt“, denn sie ist quasi das Geborene, von selbst Entstandene.

Anders als ihre Gegenstücke „Kreatur“ – das Geschaffene oder Bearbeitete – und „Kultur“ braucht „Natur“ keine besondere Existenzberechtigung. Sie war zuerst da und genießt deshalb „Naturrecht“. Man spürt das selbst in unserer Sprache: Zu Sachverhalten, über die wir nicht diskutieren möchten, sagen wir „natürlich“ und „naturgemäß“. Natur heißt: Ist halt so.

Eine besondere Verbindung hat Natur zum Völkischen, auch vom Wort her: „Nation“ besitzt nicht zufällig den gleichen Wortstamm, sondern geht vom Volksstamm aus, in dem alle miteinander verwandt und daher ähnlich sind – Inzest ist die natürlichste Sache der Welt! „Gibt es doch nur bei Naturvölkern“, murrt jemand.

Obwohl wir keine Nationalisten mehr sind, haben wir die dumpfe Vorstellung einer besonderen „Natur“ jedes Volkes nicht völlig abgelegt, sondern sprechen von der „rheinischen Frohnatur“ und den „naturgemäß“ großschnäuzigen Berlinern. Lesen wir in einer Umfrage unter sächsischen Bürgern, dass immerhin 15 Prozent meinen, Deutsche seien anderen Völkern „von Natur aus“ überlegen, vermuten wir, dass solche Ansichten „in der Natur“ der Sachsen liegen.

Verweilen wir noch einen Moment am rechten Rand. „Gott hat die Menschen dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen“, schreibt ein gewisser Paulus – hieß der nicht eben noch Saulus? – in seinem Brief. Was meint er damit? Lesen wir weiter: „Desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben…“

Irgendwie klingt der Autor wie ein moderner Rechtspopulist, obwohl er schon fast 2000 Jahre lang tot ist – oder gerade deswegen? „Wir stehen für … die natürliche Verbindung von Mann und Frau“, sagt jedenfalls Herr Höcke von der AfD.

Traurig, dass selbst die Tier- und Pflanzenwelt ihre Rolle als natürlicher Vertreter des Natürlichen nicht ausfüllt. Bis zu 75 Prozent der Giraffen haben Bi-Erfahrungen, bei Elefanten gibt es Rüssel-Sex unter Bullen, 10 Prozent der Schafböcke sind schwul, und 20 Prozent sind bisexuell. All das lässt nur einen Schluss zu: Die Natur ist ziemlich widernatürlich!

Obwohl wir uns der Natur entfremdet haben, ist sie doch in uns – und damit meine ich nicht nur unseren Urwald aus Darmflora und Bakterienfauna. „Es liegt in der Natur des Menschen…“, tönen wir verheißungsvoll, um mit Satzteilen wie folgenden zu enden: „ein Haus zu bauen“, „Krieg zu führen“, „sich die Welt untertan zu machen“ oder „vernünftig zu denken und unvernünftig zu handeln“.

Kann es sein, dass unsere Natur durchdreht? Dafür spricht, dass es unter uns eine spezielle Untergruppe gibt, was deren Natur betrifft: Diverse Foreneinträge belegen, dass der „Natur des Mannes“ das „Bedürfnis (entspreche), sich mit anderen zu messen“, „der Bestimmer sein (zu) wollen“, aber einen „Beschützerinstinkt“ zu mobilisieren, wenn es um zarte Frauchen geht.

Gibt’s auch etwas, das „in der Natur der Frau“ liegt? Klar: „Cellulite“, „Eifersucht“, „die Schuld bei sich (zu) suchen“ und das, was Friedrich Holländer Marlene Dietrich singen ließ: „Das ist, was soll ich machen, meine Natur. Ich kann halt lieben nur und sonst gar nichts.“

Kurz: „Natur“ ist die treffendste Antwort auf „MeToo“: So sind wir halt – erst recht, wenn es um die „natürlichste Sache der Welt“ geht.

Natur ist primitiv, Kultur ist progressiv? Es gibt auch andere Sichtweisen. Dem Aufklärer und Pädagogik-Vordenker Jean-Jacques Rousseau wird der Ausruf „Zurück zur Natur!“ zugeschrieben. Von Natur aus gut sei der Mensch, fand Rousseau, aber eine ungerechte Gesellschaftsordnung habe ihn davon abgebracht, so dass der tief in ihm schlummernde „edle Wilde“ nur noch selten hervorluge. Ob dieser Gedanke den „Naturisten“ auf dem Campingplatz im Hirn herumspukt, die sich als „Naturfreunde“ fühlen, sich nach „Naturschönheiten“ verzehren und der „Freikörperkultur“ huldigen?

Natur gegen Kultur – der Wettstreit geht weiter. Heute taucht das Wort „Natur“ häufig im Zusammenhang mit seinem ärgsten Kontrahenten auf – in der ursprünglichen Bedeutung von Kultur = Ackerbau. Es ist problemlos möglich, sich auf ein mittelmäßiges REWE-Brot mit „Natur-Pur“-Siegel eine dicke Schicht „NaturPur“-­Zwiebelmettwurst von EDEKA zu schmieren, obwohl Brot, Wurst und alle anderen „Naturprodukte“ nicht ohne unseren kultivierenden Beistand entstehen. Die Alnatura-Produkte, die Naturino-Schuhe, das Laminat „Eiche Natur“, die naturidentischen Aromastoffe im Natur-Joghurt und der Naturdarm um die Currywurst sprechen dafür, dass Natur längst das neue Synonym für Kultur geworden ist. Aber das ist – natürlich – nur eine These.

Die Natur war zuerst da, und deswegen ist sie im Recht: Viele gute und böse Produkte profitieren, wenn sie sich mit dem Begriff „Natur“ rechtfertigen. Nur für eine gilt das jedoch nicht: die geschundene, ausgebeutete Natur. Man muss sie schützen, auch gegen die missbräuchliche, verdächtige, sinnverkehrende Verwendung des natürlich­sten Begriffs der Welt.

Aus: Katharina von der Gathen,
Anke Kuhl: Das Liebesleben der Tiere, 144 Seiten, gebunden,
Klett-Kinderbuch, Leipzig 2017,
18 Euro

Schreib- Schriftsprache

Es geht um Literacy in diesem Heft. Ein Fachwort, bei dessen Nennung wir vorsichtshalber wissend nicken sollten: Kenn ich, fördere ich, engagier ich mich für! Später ist immer noch Zeit, zu ergooglen, was das Zauber­wort bedeutet.

Tun wir das, stößt uns erstens auf, dass das Wort im Deutschen vor allem im Zusammenhang mit „Kindergarten“ auftaucht. Zweitens irritiert, dass die Google-Fachleute schon im Erklärkasten dunkel raunen: „Der Begriff Literacy ist dabei sehr komplex.“ Drittens aber tröstet uns die Wiktionary-Definition: Literacy bedeutet neben „Alphabetisierung“ auch „Gebildetsein“ und „Belesenheit“. Na, prima! Weil wir uns eben so hübsch belesen haben, sind wir jetzt gebildet.

Bedeutet Lesen-Können tatsächlich Gebildetsein? Oder ist es wenigstens die Grundlage dafür? Das hieße ja, dass mündliche Bildung keine wäre.

Begriffe wie „Literacy“ sprechen für’s Gegenteil: Geschrieben wirken sie ausgesprochen schlau, ausgesprochen hingegen – „Litträssi“ – weniger imposant. Sagt einer: „Erklär das mal“, fängt das Stammeln an: „Heißt eben, dass die Kinder lesen, aber irgendwie nicht nur so, wie wir das denken, sondern noch viel mehr und anders, ähem, Litträssi eben.“

Älter als Litträssi ist das Wort „Schrift“. Es klingt so deutsch, dass schon die Nazis es einst anstelle der Begriffe „Literatur“ oder „Journalismus“ propagierten – etwa in Form von „Schrifttum“ oder „Schriftleiter“. Ziemlich sinnfrei freilich, geht doch das Wort „Schrift“ wie die anderen Begriffe auf lateinische Wurzeln zurück: „Scribere“ heißt schreiben, und es hatte gute Gründe, dass die Germanen vorm Auftauchen der Römer kein Wort für das Schreiben benötigten. Als das Wort dann in die Sprache dieser Ur-Deutschen einging, beschränkte es sich interessanterweise zunächst auf seine Zweitbedeutung im Sinne von „etwas bestimmen“, siehe auch: „Vorschrift“. Erst später wurde es im Sinne von „Buchstaben schreiben“ wichtig. Kann sein, dass so etwas eine Kultur prägt: Schreiben war zuallererst dafür da, Vorschriften zu verfassen.

Eine besonders wichtige Vorschrift war ehedem die „Heilige Schrift“, die die meisten Religionen kennen. Typisch ist, dass der jeweilige Schreiber zumindest auf die Autorenrechte verzichtete – wurden diese Schriften doch von Göttern diktiert, die zwar allmächtig waren, aber ohne Menschenhilfe nichts Schriftliches zuwege brachten. „Im Anfang war das Wort“, hieß es demzufolge, und noch lange wurde die mündliche Sprache dem Schriftlichen vorgezogen. Selbst Bibel-Übersetzer Luther sah Drucksachen kritisch: „Es ist ein großer Unterschied, etwas mit lebendiger Stimme oder mit toter Schrift an Tag zu bringen.“

Abschrift, Beschreibung, Computerschrift, Druckschrift, Einschreiben, Habilitationsschrift, Inschrift, Mitschrift, Rückschreiben, Umschreibung, Verschriftlichung, Zeitschrift und Zuschrift beweisen, dass sich die Schrift in unserer Kultur an die Spitze kämpfte. Schönstes Schreib-Wort – weil herrlich tautologisch – ist die „Schreib-Schrift“, die sich stets vernachlässigt fühlende große Schwester der „Druckschrift“.

Egal, denn die Digitalisierung veränderte alles: „Druckschrift“ besagt, dass die Schrift gedruckt wird, was weder für E-Mails („Aus Umweltschutzgründen bitte nicht ausdrucken“) noch WhatsApp- und SMS-Buchstaben gilt. Von den Emojis ganz abgesehen.

Wie wäre es denn mit Tippschrift? Und was ist mit der Schrift, wenn sie per Sprachsteuerung in ein Gerät eingegeben wird: Sprechschrift? Braucht man, um sich diese Fähigkeit anzueignen, eigentlich einen Sprechschriftspracherwerb?

Vielleicht wird wirklich alles besser, wenn Schrift nicht mehr getippt und geschrieben, sondern mittels Sprechen eingegeben wird – und gesprochene Sprache wie Schriftsprache eins werden. Wir Wortklauber können uns freuen: Statt Vorschriften kriegen wir vorgesagt, und statt abzuschreiben, sprechen wir uns lieber ab. Statt etwas nur zu beschreiben, besprechen wir es. Aus der Rechtschreibung, das mag irritieren, wird Rechtsprechung. Erlesen wird kaum noch was, sondern durch Sprachausgabe erhört. Die Belesenheit, von der anfangs die Rede war, muss vielleicht dem Hörensagen weichen. Wer weiß?

Wahrscheinlich steht der jungen Litträssi die spannendste Zeit noch bevor.

Foto: EzraPortent, photocase.de

Spiel

Mit diesem Wort kann man ja alles machen, staunt der Wortklauber. Fast jede Vorsilbe – zum Beispiel an-, ab,- aus-, zu-, zer- und ver- – passt, aber immer kommt was anderes heraus. Je nach Satzkontext kommen auch ganz unterschiedliche Themen zum Zuge: Musik oder Elek­tronik, Sex, Sucht oder Sport. Unser heutiger Unter­suchungsgegenstand ist jedenfalls ein wahres Wort-Spielzeug.

Woher kommt das Wort eigentlich?

Tanzbewegungen, weiß das etymologische Wörterbuch, wurden im Mittelhochdeutschen so genannt. Andere Völker sehen es anders: Das französische „jeu“ und das italienische „gioco“ gehen auf den „Jokus“, die Spielfreude der Lateiner, zurück.

Sind wir Deutschen, weil wir die Freude außen vor lassen, etwa Spielmuffel? Dafür könnte sprechen, dass wir nur ein Wort für alle möglichen Formen des Spiels verwenden. Die Engländer gehen nämlich differenzierter vor. Wenn ein Spiel ungeregelt ist, sprechen sie von „play“. Handelt es sich um ein Wettbewerbsspiel, sagen sie „match“. Gibt es Regeln, verwenden sie auch das Wort „game“.

Interessant ist, dass alle drei englischen „Spiel“-Wörter deutsche Vor- und Nachfahren haben: „Play“ geht auf das Urwort von „pflegen“ zurück und meint so etwas wie „betreiben“. „Match“ ist eng mit „machen“ und „Macker“ verwandt. Auch „game“ hat einen deutschen Cousin: Noch bei den Gebrüdern Grimm stand der „Gammel“ für „Lust, Übermut, Kitzel“. Der „Gammler“ war es dann, der dem lustvollen Wort seine schmuddelige Bedeutung verlieh.

Spielen wir ein bisschen mit dem Wort „Spiel“, das so viele Bedeutungen hat? Also los!

„Im Spiel sind wir…“, sagen Kinder, wenn sie so tun, als ob. Das hätte der Spielsüchtige, der gerade sein Haus verzockt hat, wohl gern: „Können wir nicht sagen, dass das nur ein Spiel war?“ versucht er seine Mitspieler zu überzeugen, aber die sagen nur: „Spielst du jetzt völlig verrückt?“ Daheim kann er seine bittere Niederlage schwerlich überspielen. „Ich habe ausgespielt“, erklärt er verzweifelt.

Indessen faltet Trainer Jupp seine müden Spieler zusammen: „Ich hab euch vor dem Spiel gesagt: Das Rückspiel wird alles, aber bestimmt kein Heimspiel für euch! Und dann kommt ihr hier mit miserablem Zuspiel und zu häufigem Abspiel – zum Beispiel beim Anspiel vom Mittelfeldspieler! Also, Jungs, das war ein ganz schlechtes Schauspiel, was ihr da geboten habt…“

Frau Direktor Heisterkamp hingegen ist skeptisch: Ihr Bettgespiele hat gerade ein turbulentes Liebesspiel mit ihr absolviert – in „allen Spielarten“. Jetzt aber kommen ihr die Liebesschwüre ihres Playboys plötzlich unecht vor – besonders seine billigen Wortspiele. „Spielt der mir nicht was vor?“ fragt sie sich. „Und hat er dies nicht auch schon, bedenke ich es recht, beim Vorspiel getan? Spielt er gar mit meinen Gefühlen?“ Mit gespieltem Lächeln drückt sie die Play-Taste des CD-Players, woraufhin ein Song von Helene Fischer ertönt, und flüstert: „Das wird ein Nachspiel haben, mein Freundchen.“

 

Der Kauf im Volksmund

Mit Geld, weiß der vorlaute Volksmund, kann man alles kaufen. Selbst der Tod ist nicht umsonst zu haben – er koste bekanntlich das Leben.

Ja, das Wort „kaufen“ hat es dem Volksmund angetan. Er nutzt es gern, um eine Art Inbesitznahme auszudrücken. „Den Halunken kauf ich mir“, verspricht er manchmal, obwohl er fürchtet, womöglich selbst in Besitz genommen zu werden. Etwa, indem er „für dumm“ verkauft wird – an wen und für welchen Betrag auch immer. Vorsichtshalber stellt er deshalb schon mal fest, er sei „verkauft und verraten“ worden. Das heißt: ER kann nichts dafür. Bei Behauptungen hingegen, die er nicht für glaubwürdig hält, knurrt er: „Das kauf ich dir nicht ab.“ Schlau lässt er offen, ob er alle wahren Behauptungen automatisch kauft und welchen Preis er dafür zahlt. Meist kauft er ein, der Volksmund. Nur selten kauft er ab, zu oder auf – das ist ihm zu differenziert. Da möchte er sich nicht fest­legen. Noch seltener sagt er über sich oder andere Leute: Man habe sich durch sein Verhalten etwas erkauft. Jede Vorsicht lässt er ­­fahren, wenn seine Kaufstätte ihn mit zwei Vorsilben ködert: Ab-Verkauf und Aus-Verkauf ziehen ihn magisch an; er verspricht sich, „Schnäppchen“ zu „erjagen“, stürzt los und hält an, um etwas zu „erstehen“. Da steht er nun, in einer langen Schlange wie zu DDR-Zeiten. Kommt er dran, „erwirbt“ er etwas, obwohl er doch selbst geworben worden war.

Obwohl er so gerne kauft, scheint unserem Volksmund das Wort inzwischen langweilig zu werden. Vielleicht fehlt ihm der gemütliche Kaufmann hinter dem Ladentisch. Deshalb sucht er Zuflucht bei neuen, klangvolleren Verben wie dem angesagten Wort „shoppen“, und statt des „Kaufhauses“ reizt ihn die „Shopping Mall“ oder das „Outlet“, obwohl dieses englische Wort nur „Rauslassen“ meint. Vielleicht will der Volksmund ja dort etwas rauslassen, das ihn bedrückt? Denen da oben unterstellt der Volks­-mund gern bessere Kaufbeziehungen. Von nicht näher benannten Superreichen weiß er, dass sie Politiker kaufen, besonders schöne oder junge Prostituierte und treffsichere Fußballspieler. Nicht, dass der Volksmund solche Kauf-Ambitionen hätte. Aber ein bisschen neidisch ist er schon, oder? Fragt man ihn, schweigt er vielsagend. Aber den kauf ich mir schon, den Volksmund!

Foto: photocase.de