Eine Grammatik des Auffallens

„Auffällig“ heißt das Thema dieses Heftes. Das Wort hat es in sich, obwohl es doch – Achtung: Wortspiel – so unauffällig daherkommt. Denn „auffällig“ kann mit ganz unterschiedlichen positiven wie negativen Wertungen versehen sein, die sich gut unter der Unauffälligkeit des Wörtchens verstecken lassen.

Begeben wir uns auf eine Reise durch verschiedene Deklinationen des Wortes und ganz unterschiedliche Verwendungsweisen.

Ich falle auf.

Wer diese drei Wörter selbstbewusst ausspricht, merkt: Mit dem Auffallen hat es eine besondere Bewandtnis. Obwohl das Verb im Aktiv steht, ist Auffallen keine aktive Tätigkeit. Ich kann zwar durch besonderes Benehmen oder Bekleidung versuchen, die Aufmerksamkeit anderer Leute auf mich zu ziehen. Aber ob ich auffalle oder nicht, entscheiden letztendlich die anderen. Das wissen besonders die Menschen, die aufgrund von Behinderung, Hautfarbe, Körpergröße, Gewicht oder anderer Dispositionen auffallen, ohne dass sie das möchten. Sie werden ständig betrachtet, während das „Mauerblümchen“ übersehen wird.

Interessant: „Ich falle mir auf“ funktioniert sprachlich, aber nicht inhaltlich.

Du fällst mir auf.

Viele persönliche Beziehungen beginnen mit einem besonderen „Auffallen“. Person A nimmt unter vielen anderen Menschen Person B als etwas Besonderes wahr. Person B fühlt sich entweder geehrt, weil sie Person A aufgefallen ist, oder ihr ist A selbst „aufgefallen“. Ideale Grundlage für einen Flirt? Dazu sagen WissenschaftlerInnen: Offenbar finden Menschen andere Personen besonders dann positiv „auffallend“, wenn sie erstens gängigen Schönheitsklischees entsprechen und zweitens im positiven Sinne durchschnittlich wirken. „Du bist mir gleich aufgefallen“ könnte also heißen: „Du erinnerst mich an einen Mix aus diversen Schönheitsklischees.“

Er fällt auf.

In vielen Märchen, Mythen und Geschichten gibt es einen „besonderen“ Mann oder Jungen. Joseph aus der Bibel sieht mit besonders buntem Rock besser aus als seine Brüder. Mozart ist schon als Kind ein Wunderknabe, Leonardo wird es als Erwachsener. Viele dieser Helden fallen erst auf und dann auf die Fresse: Mozart verarmt, Siegfried wird ausgetrickst, Van Gogh wird verrückt… Zwar scheint die Zeit der Heldenverehrung heute passé. Doch immer noch führen uns Filme und Bücher den „auffallenden“ männlichen Einzelkämpfer vor, der die Dinge auf seine Art regelt – von Wickie im Trickfilm bis zum eigenbrötlerischen Kommissar im Sonntagskrimi.

Sie fällt auf.

Als auffallende Männer noch das Nonplusultra waren, waren auffallende Frauen verdächtig. In den Kinderbüchern der Fünfzigerjahre waren das beispielsweise die „Wildfänge“: Mädchen, die durch burschikoses Verhalten, lautes Lachen und allzu kräftige Stimmen auffielen, bevor sie dann von einem toleranten Jung-Förster gezähmt wurden. Auch heute noch gelten Frauen als auffallend, wenn sie sich in Männerdomänen behaupten wollen. Dann zeigen sie „ungewöhnliche Härte“, „eisernen Willen“ oder „beißen“ gar männliche Rivalen weg, die sich ihnen eigentlich überlegen fühlten.

Es fällt auf…

…dass es immer bestimmte Personen sind, die…

Egal, ob es um Kevins Verhalten im Matheunterricht oder statistisch ermittelte Durchschnittsverhaltensweisen irgendwelcher Bevölkerungsgruppen geht: Die Formulierung „Es fällt auf…“ bietet sich immer an, wenn man Vorurteile und Vorverurteilungen loswerden möchte, ohne allzu konkret zu werden. Zum Beispiel fällt auf, dass viele Maskenverweigerer in der Bahn männlich sind, eine bestimmte Herkunft haben, bis zum Plattenbauviertel fahren… Das Praktische an diesem „Es fällt auf…“ ist: Achtet man mal darauf, ob etwa „alle Kevins verhaltensauffällig sind“, wird jeder Treffer dieses Bild bestätigen.

Ist dir schon aufgefallen, dass unter den Maskenverweigerern wirklich jede Bevölkerungsschicht vertreten ist? Eben.

Wir fallen auf!

Auffallen kann sehr schön sein, wenn man es gemeinsam tut. Fällt der Kirchen­chor aus Bad Sumpfingen durch lautes Gackern in der Berliner S-Bahn auf, steigert das die Stimmung der Beteiligten. Gemeinsames Auffallen hat nämlich nichts mit dem Leid einsamen Auffallens zu tun, sondern verleiht das Gefühl: Jetzt setzen wir die Norm, indem wir gegen die von der Mehrheit gesetzte Norm verstoßen! Viele eher randständige soziale Gruppen genießen es, ihr individuelles Außenseitersein durch gemeinsames Auffallen zu kompensieren.

Ihr fallt auf!

Häufig hören Kinder in Gruppen und erst recht Jugendliche diese streng gemeinte Feststellung – gerne garniert mit dem Adjektiv „unangenehm“. Wer die Formulierung verwendet, macht klar, dass er auf der Seite derjenigen steht, die über richtiges – „unauffälliges“ – und falsches Verhalten entscheiden. Dazu steht im Widerspruch, dass wohl jede pädagogische Einrichtung heute behauptet, „jedes einzelne Kind im Blick zu haben“. Damit das auch wirklich klappt, ist Auffallen aber geradezu nötig. Andererseits suggeriert der Tadel „Ihr wolltet immer auffallen“, dass es nichts Besseres gibt, als von Päda­gogInnen übersehen zu werden.

Sie fallen auf.

So geht „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“: Man ordnet Menschen einer Gruppe zu, um ihnen danach eine gemeinsame Differenz zum angeblich „Normalen“ zu unterstellen. Ein Trick, der fast in jeder Diktatur funktioniert, weil er Gruppen besser stabilisiert als jedes Teambildungs-Seminar. Norbert Elias1 kennt das Rezept: Man bildet aufgrund irgendwelcher simpler Merkmale (Hautfarbe, Religion, Sprache, Körpermerkmale) eine Außenseiter-Gruppe, der man die als negativ wahrgenommenen Eigenschaften innerhalb der eigenen Gruppe unterstellt („gemein zu Frauen“, „geizig“, „fauler als andere Menschen“). Das entlastet die eigene Gruppe („Ich bin nicht so frauenfeindlich wie die…“) und vereinfacht die Rollenfindung auf beiden Seiten. Innerhalb kleinerer Gruppen übernehmen die anfangs irritierten „Außenseiter“ nun teilweise die vorgegebenen Rollen­eigenschaften, um nicht noch mehr „aufzufallen“.

1 Der deutsch-britische Soziologe Norbert Elias (1897-1990) gilt als einer der Begründer der modernen Soziologie.

Foto: Jonathan Schöps/photocase.de

Die Geschichte des ›-in ‹

Seit wann diskutieren Menschen über weibliche Bezeichnungen und verwenden sie? Der Blick in die Sprachforschung zeigt: Schon lange ist es üblich, weibliche von männlichen Bezeichnungen zu trennen. Im Lateinischen allein deshalb, weil es durch die unterschiedlichen Endungen männlicher und weiblicher Nomen leicht möglich ist: Da gab es zum Beispiel neben dem Sklaven (servus) die Sklavin (serva). Endete die männliche Form ausnahmsweise mal auf a, etwa beim Dichter (poeta), hieß die Dichterin eben poetria – Ordnung muss sein.

Wie hielten es die Germanen? Im Gotischen, einem uralten Verwandten der späteren deutschen Sprache, kannte man neun verschiedene Möglichkeiten, weibliche von männlichen Bezeichnungen zu trennen. Das -in war bereits dabei, aber es war die einzige Form, die an etwas angehängt werden musste. Sonst wurden je nach Geschlecht Endungen ausgetauscht.

Das Althochdeutsche kannte noch drei Varianten für weibliche Bezeichnungen: Neben -in, etwa bei kunigin für Königin, gab es zum Beispiel das -a. So hieß die Gastgeberin gastgeba, um sie vom männlichen Gastgeber zu trennen.

Nanu, gab es im „finsteren“ Mittelalter neben Hexen- und Teufelswahn auch noch Genderwahn? Gesetzestexte wie der folgende offenbaren Erstaunliches: „Unser herren meister und rat sint überein komen, daz kein altgewender, gremp oder grempin, noch nieman anders (…) hinnanvür me keinen husrat noch ander gut miteinander sammenthaft koufen üllent“, legte eine strenge Stadtordnung im 14. Jahrhundert fest. Gremp und Grempin sind Krämer und Krämerin.

Schon ein Jahrhundert zuvor verkündete ein Edikt für Tätige im medizinischen Bereich: „Alle, Chirurg oder Chirurgin, Apotheker oder Apothekerin, Kräutersammler oder Kräuterkundige, dürfen die Grenzen ihres Berufes nicht überschreiten.“ Man und frau reibe sich die Augen: Im frühen Mittelalter war das Gendern in offiziellen Texten bisweilen Ehrensache, entsprechend der weit verbreiteten Berufstätigkeit von Frauen in einer Zeit, in der es das Modell „Mutti daheim“ nicht gab.

„Es gibt auch Substantive, die (…) eigene oder singularische Feminina nicht haben: Sondern sie bilden das feminine Genus, indem sie dem Masku­linum in anfügen oder indem sie e in in verwandeln“: Seit der Renaissance sind Sprachforschungen wie die vom hier zitierten Albertus Oelinger aus dem Jahr 1574 bekannt, die belegen: Schon aufgrund grammatikalischer Logik müssen Bezeichnungen für Frauen mit weiblicher Endung versehen werden. Uneins war man sich nur, ob das -in weibliche Berufstätige ebenso wie Gattinnen männlicher Würdenträger bezeichnen sollte, also ob die Königin nur die Gattin des Königs oder eine Herrscherin an sich wäre. Ein Sprachlehrer schlug verschiedene Formen vor: Äbtin für die Gattin des evangelischen Abtes, Äbtissin für die Klostervorsteherin.

Erst mit der Aufklärung und der Romantik, ergaben Forschungen, verzichtete man zunehmend auf die weiblichen Bezeichnungen. Vielleicht auch, weil jetzt die daheim waltende Mutter und Hausfrau zum Ideal wurde? Dennoch war es im 19. Jahrhundert immer noch üblich, neue Berufe für Frauen (Arbeiterinnen) mit -innen zu versehen. Weil das in Zeiten starker Ungleichheit in der Regel Berufe mit schlechtem Status waren, fanden es viele Frauen der ersten Emanzipationsbewegung um die Wende zum 20. Jahrhundert erstrebenswert, männlich benannte Titel zu erreichen: „Ich bin Redakteur“ klang in damaligen Ohren ernstzunehmender als „Ich bin Redakteurin“ – als ob das -in den Wert schmälerte.

Auch wenn manch heutiger Leserbriefschreiber das generische Maskulinum bevorzugt: Erst spät nachweisbar ist die These, die männliche Form sei eine Art Grundwort, dem man für die weibliche Bezeichnung ein unnötiges -in angehängt habe. Und in den Sechzigern, keine goldenen Jahre für Geschlechtergerechtigkeit, schrieb man Sätze wie den folgenden: „Lehrer ist, wer zum Beruf das Lehren gewählt hat; Lehrerin ist dazu die moderne weibliche Variante. Im Verhältnis der beiden Varianten ist das Maskulinum das Grundwort. Es nennt eigentlich nicht eine männliche Person, sondern (…) allein das Subjekt eines Verhaltens.“ Lehrer als Verhaltensweise, die seit kurzem auch Frauen ausüben – coole These.

Könnte man auf das -in wirklich verzichten? In einem Text aus den Neunzigern stellen die Autoren fest: „Der Satz ‚Die Abgeordneten tanzten mit ihren Frauen ‘ klingt bei weitem natürlicher als ‚Die Abgeordneten tanzten mit ihren Männern ‘. Solange man sich Minister als Männer, Putzkräfte hingegen als Frauen vorstellt und die Hebammen sowieso – übrigens die einzige Berufsbezeichnung Deutschlands ohne männliche Form! –, solange geht es wohl nicht ohne -in, mit und ohne _, * und I. Und wem das zu kompliziert ist, der oder die geht zurück zum Althochdeutschen: „Ich bin eine Erzieha.“

 

Foto:  jockelo / photocase.de

Schlaue Pflanzen

Wir sind Fauna, was seid ihr?

Hier gibt es den Artikel als PDF: Wortklauber-Gedicht_#2_2022

Allzu gerne teilt der Mensch die Welt in uns und die anderen ein. Er selbst findet sich dann im Super-Team wieder, versteht die andere Seite nicht und vergisst zudem den „Rest“. So, wie der Mensch gerne „Männer sind so, Frauen anders“ denkt – und alles, was sich der Sortierung verweigert, ausblendet –, sieht er auch die Sache mit Fauna und Flora sehr zugespitzt: Wir sind die, die so essentielle Dinge wie Laufen, Kommunizieren, Denken und Fühlen drauf haben, die anderen nicht.

Ergebnis der Denkfaulheit: Die Tiere sind schützenswerter, genießen mehr Rechte und Respekt. Zumindest Wirbeltiere darf man nicht quälen oder töten – außer man will sie verzehren. „Tierschutz“ sorgt sich um bedrohte Tiere, während „Pflanzenschutz“ Gifte bezeichnet, um alle unerwünschten Pflanzen auszurotten.

Erst in den letzten Jahren fordern Aktivisten, auch Pflanzen oder sogar Ökosysteme mit Rechten gegenüber dem Alleskiller Mensch auszustatten. Und Wissenschaftler erkennen: Pflanzen innerhalb eines Ökosystems kommunizieren miteinander – auch über Gattungsgrenzen hinweg, denken auf ihre Weise, entwickeln Strategien für Nahrungssuche und sind mobil genug, um sich über ganze Erdteile auszubreiten. Wenn also Pflanzen über ihre Art von Intelligenz verfügen, könnte das am menschlichen Selbstbewusstsein rütteln: Bisher fühlten wir uns als schlaustes Lebewesen. Gibt es etwa im Pflanzenreich jemanden, der tausendmal schlauer ist als wir?

Zwar hält sich der Mensch für schlauer, aber gesteht mancher Pflanze immerhin zu, besonders schön zu sein. Das führt dazu, dass man seit alters her Menschen mit botanischen Namen versieht. Leider kommt dabei aber wieder der menschliche Hang zur Einseitigkeit durch, wie ein Blick in die Sammlung „Kindernamen botanischen Ursprungs“ auf der Seite „Mutterinstinkte.de“ beweist: Mit all dem Instinkt, den wohl nur Mütter haben, listet die Seite unzählige Beispiele floraler Namen auf – in der Rubrik „Mädchennamen“. Da finden sich Erika, Viola und Jasmin, aber auch die margeritenhafte Margret, die liliengleiche Lily und die an übles Tee-Kraut erinnernde Camilla. Immerhin schafft es mit „Olivia“ auch eine essbare Pflanze in die Vornamen-Charts. Und bei Jungs? Da präsentieren Portale botanische Knabennamen wie „Ash“ und „Oleander“ – aber von Knaben mit solchen Namen hat man wie vom angeblich gebräuchlichen „Koriander“ noch nix gehört. Dafür tummeln sich Löwen (Leo), Bären (Urs) und Wölfe (Wolfgang). Vornamenmäßig, man merke, ist noch klar: Mädchen sind zarte Blümchen, Jungs wilde Raubtiere.

Doch manchmal wehren sich auch zarte Pflanzen gegen Angreifer, nicht immer so erfolglos wie Goethes „Heide­röslein“: „Röslein wehrte sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach, musst‘ es eben leiden…“ Eine echte Metoo-Situation!

„Trotzdem nicht dumm“, konstatieren Wissenschaftler, bemisst sich doch die Intelligenz der Pflanze wie bei allen anderen Lebewesen nach deren Fähigkeit, Alltagsprobleme zu lösen, also Nahrungssuche und Abwehr von Fressfeinden. So sind Sonnenblumen aufgrund ihrer Fähigkeit, den Kopf vor dem Aufblühen nach der Sonne auszurichten, ziemlich pfiffig. Kluge Pflanzen betreiben Pflanzenschutz mit wohldosierten Mitteln, statt plump die ganze Umwelt zu vergiften, wie es etwa der Mensch beim Anbau seiner Maisplantagen tut.

Eine der vielleicht intelligentesten Pflanzen, sagen Experten, könnte demgemäß die Tabakpflanze sein, die in ihren Wurzeln zur Abwehr von Fressfeinden das Alkaloid Nikotin bildet. Greift der Fressfeind an, kann sie es in die Blätter transportieren und den Angreifer unschädlich machen. Unfreundliche Käfer erkennt sie am Speichel und stellt binnen einer Stunde Nikotin in der Menge einer Zigarette her. Gierig frisst der Käfer den Stoff, wird gelähmt und stirbt.

Man darf schlussfolgern: Weil wir ja auch eine Art Fressfeind der Tabakpflanze sind, verarscht sie uns mit dem gleichen Trick, indem sie uns erst abhängig macht, damit wir sie anbauen – und dann undankbar tötet. Zumindest in diesem Punkt ist die Pflanze klüger als der intelligenteste Angehörige des Teams Fauna.

Foto: Arsen Togulev/unsplash

Reich ins Himmelreich?

Warum heißt es „arm“ und „reich“? Schon die Wortherkunft sagt, was Sache ist, denn „reich“ ist mit dem Reich verwandt. Beide Wörter stammen vom Mittelhochdeutschen rich ab, das edel, mächtig oder von vornehmer Herkunft bedeutet und wahrscheinlich auf das germanische „Rik“ zurückgeht, das wiederum vom lateinischen „Rex“ herrührt, sprich: „König“. Herrlich, als „Reicher“ der edle König vornehmer Abkunft zu sein! Fast vergisst man darüber, die Herkunft des Wortes „arm“ zu erforschen. Wiktionary sagt: Herkunft umstritten; vielleicht stand ein vergessenes Wort für „verlassen“ Pate. Man merkt: Selbst mit dem Wort mag sich niemand so recht beschäftigen.

Hier gibts den Artikel als PDF: Wortklauber_Gedicht_wamiki_#5_2021

Arm und reich gibt es auch als Nomen. Faszinierend, dass man dafür beiden Wörtern die gleichen Buchstaben anhängt, aber in umgedrehter Reihenfolge. Arm kriegt „-mut“. Klingt mutig, kommt aber von „Gemüt“ und sagt, dass Armut eigentlich eine Art Gefühl ist. Reich erhält ein „-tum“, mit dem man auch Eigentum und Königtum bildet, den Irrtum allerdings ebenfalls. Als Nachsilbe verweist „tum“ auf Besitz, Macht oder Würde. Reichtum ist also ein uralter Euphemismus für Besitzen und Herrschen, während Armut von der Wortherkunft bedeutet, sich verlassen zu fühlen, statt handeln zu können.

Wer reich ist, hat gute Mächte an seiner Seite – Arme wurden verlassen. Für die frühen Kulturen und Religionen war deswegen klar: Reiche sind gut, denn sonst würden die Götter sie ja nicht belohnen, während Arme aufgrund ihrer Verfehlungen mit Mangel bestraft werden. Verarmten ganze Gesellschaften, war es manchmal die beste Lösung, erfolglose gegen erfolgreiche Religionen zu tauschen: „Ich wechsele jetzt zu Zeus, der zahlt besser.“ Eine andere Lösung entwickelte sich im Judentum nach der Verarmung durch die „Babylonische Gefangenschaft“: Gott ist auf der Seite der Armen, die im Jenseits reich werden. Diese Idee steckt auch hinter der biblischen Legende von Lazarus, der arm und krank vor dem Haus des reichen Mannes von dessen Speiseresten lebt. Nach dem Tod beider Männer kommt Lazarus in „Abrahams Schoß“, während der Reiche im höllenähnlichen Hades landet. Warum bloß? „Nach dem Tode wird alles umgedreht“, erklärt Abraham, „du hast ja deinen Reichtum schon gehabt, aber Lazarus nicht.“

Für die ersten Christen ist klar: Wer arm und bescheiden nach dem Vorbild des besitzlosen Jesus lebt, gefällt Gott deutlich besser als die Reichen. In seiner Bergpredigt bringt Jesus das auf die Formel: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ Ein guter Grundsatz für eine Religion der Outlaws, aber untauglich, wenn man zu Geld gekommen ist. Im Christentum finden sich immer wieder Beispiele von Menschen, die sich bewusst der Armut verschrieben und einer immer reicher und mächtiger werdenden Religion trotzten – etwa die Bettelorden oder Franz von Assisi. Andere versuchten, die Sache mit der Armut abzumildern. Schließlich würde der Satz von den seligen Armen ja auch bedeuten, dass es Gott gefällt, wenn Armut unter den Menschen herrscht. Verstand Jesus „geistlich Arme“ nicht vielleicht als Metapher? Und ist Reichtum nach dem Reformator Calvin nicht vielleicht ein Belohnung für gottgefälliges Tun und nur dann problematisch, wenn jemand mit ihm protzt und ihn nicht teilt?

Das klingt nach uralten Diskussionen, aber die Auswirkungen sind noch heute spürbar. Die Frage, ob Arme ihr Schicksal verdienen und Reiche ihren Reichtum, wird immer wieder gestellt, nicht nur in „Neiddebatten“ oder wenn den „Armen“ fehlendes Engagement vorgeworfen wird und Erbschaftssteuern als Strafe für die Tüchtigen verteufelt werden.

Auch dem aktuell vorherrschenden Lebensstil armer und reicher Menschen merkt man die alten Diskussionen über Protz und verdientes Vermögen an: Arme beschaffen bisweilen Luxusgüter auf Pump, etwa schwarzglänzende Limousinen oder teure Smartphones, um ihren schlechten Status zu kompensieren. Reiche hingegen demonstrieren Bescheidenheit und ethisches Denken, wenn bäuerliche Olivenholz-Möbel aus der Toskana in ihren Lofts stehen, das Macbook auf strenges Design setzt und alle Lebensmittel von regio­nalen und gerechten Herstellern stammen.

Hat das was mit uns zu tun? Allerdings. Denn wir PädagogInnen sind besonders empfänglich für die Frage, ob es besser ist, gut zu sein als reich. Wir spielen das Spiel von den guten Armen weiter, wenn wir auf Fragen wie „Ist dir das nicht zu wenig Geld?“, „Kriegst du Überstunden bezahlt?“ oder „Ersetzt dir jemand das Materialgeld?“ antworten: „Mir geht es eh um die Kinder.“ Es wäre sinnvoll, die Bescheidenheit fallen zu lassen – schon weil manche der von uns betreuten Kinder ohne unsere Mitwirkung nicht superreich geworden wären.

Fordern wir also: „Reichtum für alle!“ Zumindest so lange, bis eines fernen Tages Jeff Bezos oder der Immobilienspekulant vom Mietshaus nebenan aus dem Hades mailen: „Damned hot here!“

Foto: knallgrün, photocase

Generationen ohne Ende

Wie wird wohl die „Generation Corona“? Ein paar Monate war die Pandemie alt, als die ersten Autor*innen den Begriff verwendeten – und damit einem bewährten Trend folgten. Seit einigen Jahren ist es angesagt, junge Menschen einer Alterskohorte mit Generation-Pipapo-Namen zu behängen, um damit zu behaupten: Weil die alle unter gleichen Voraussetzungen aufgewachsen sind, sind sie einander irgendwie ähnlich. Aber diese Idee ist uralt.

Hier gibts den Artikel als PDF: Wortklauber_#4_2021

 

Schon 3000 Jahre bevor Sokrates die Jugend beschimpfte, weil sie stets „die Beine übereinanderlegt“, reagierten ältere Sumerer ihre Wut auf Tontafeln ab: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“ In jeder Epoche gibt es unzählige solcher Schmähungen, mit denen ältere Menschen der jungen Generation Degeneration unterstellen. Dahinter steckte wohl schon immer ein Wahrnehmungsproblem, denn aus Sicht älterer Leuten verhalten sich jüngere Menschen gern tendenziell unreif – die eigene Unreife liegt dagegen lange zurück.

Schicksal, Trauma, Skepsis

Aber seit wann sprach man bestimmten Generationen statt allgemeiner Verlotterungstendenz konkrete Eigenschaften zu? Karl Mannheimer hieß ein deutscher Soziologe, der 1928 die Schrift „Das Problem der Generationen“ publizierte. Seine Kernthese, vereinfacht gesagt: Mitglieder einer Generation erleben gemeinsame Schicksale und verarbeiten vielleicht gemeinsame Zeitströmungen auf gleiche Weise. Beispiele des Soziologen waren damals: die Jugendbewegung vor allem bürgerlicher Heranwachsender zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die zarten „Neuromantiker“.

Traumatische Ereignisse scheinen wie geschaffen, eine gemeinsame Generation zu prägen. Kein Wunder, dass nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend wenige Jahrgänge als jeweils eigene Generation bezeichnet wurden. Helmut Schelsky beschrieb in den Fünfzigerjahren wegweisend die „Skeptische Generation“ der überlebenden Kriegsteilnehmer und hoffte, dass diese Generation in ihrem sozialen Bewusstsein und Selbstbewusstsein kritischer, skeptischer, misstrauischer, glaubenslos oder wenigstens illusionsloser als alle Jugendgenerationen vorher ist, dafür aber tolerant, ohne Pathos, Programme oder Parolen.

X und Golf

Dreißig Jahre später ist von Trauma wenig zu spüren, als die Angehörigen der „Boomer-Generation“ allmählich erwachsen werden. Nun ist ein amerikanischer Autor zur Stelle, um den Generationenbegriff boomen zu lassen: Douglas Coupland recycelt 1992 den eigentlich in den frühen Fünfzigern für Rocker verwendeten Ausdruck „Generation X“ in seinem Romantitel „Generation X. Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur“. Seine Generationsbeschreibung wird sofort von den Medien aufgegriffen und erweitert, bis das Bild einer Grunge hörenden, stets ironischen Nihilisten-Generation entsteht, die auf dicke Schlitten und das Eigenheim der Eltern pfeift, gerade weil die Alten trotz Zugehörigkeit zur Skeptischen Generation darauf so stolz sind.

Bald ploppt eine Generation nach der anderen auf. Zum Beispiel die „Generation Golf“, in der Florian Illies den eben noch bewunderten „Generation X“-Mitgliedern zuschreibt, weniger nihilistisch, sondern vielmehr hedonistisch zu sein und den von den Eltern angehäuften Wohlstand zu genießen, statt aktiv zu werden.

Von MTV zu Maybe

Nun scheint es Trend zu sein, immer schlimmere Generationen zu entdecken, etwa die „MTV-Generation“ (glotzt nur Musikvideos) und die „Generation Doof“ (glotzt nur RTL 2 und verhält sich entsprechend). „Außerdem legen sie die Füße hoch“, würde Sokrates beipflichten. Oder es werden traurige, weil chancenlose Generationen erdacht, etwa die „Generation Praktikum“ oder die „Generation Prekär“, die beide wirtschaftlich nicht in die Pötte kommen. Weil all die Generationen immer nur auf ein paar Leute zutreffen und auf den Rest nicht, erfindet ein schlauer Mensch die „Generation Maybe“, die sich offenbar nicht festlegen will und deswegen „Vielleicht“ heißt.

Generationsübergreifend!

Immer wieder neue Generationen zu postulieren, um damit mediale Aufmerksamkeit zu erregen, das verbreitet sich inzwischen dermaßen, dass man für entsprechende Autor*innen eine „Generation Generation“ erfinden könnte. Doch das ist ebenso unsinnig wie jeder andere Versuch, große Teile der Menschheit mit einem Label zu versehen. Übrigens wurden bei früheren Generationen nur selten Frauen mitbedacht – siehe: die Flakhelfergeneration.

Wer in den Achtzigern keine vermögenden Eltern hatte, in Ostdeutschland wohnte oder vor irgendeinem Migrationshintergrund aufwuchs, passte kaum zur „Generation Golf“. Und Nicht-Akademiker*innen könnten die prägenden Ängste der „Generation Prekär/Praktikum“ egal sein. Auch beim Beschreiben der „Generation Corona“ wird es schwer, einen gemeinsamen Nenner für wohlhabende Homeoffice-Familienkinder und prekär lebende Notbetreuungskinder zu finden. Trotzdem werden gewiss neue Generationen erfunden werden. Schon weil unsere Generation das Wort Generation so liebt. Längst haben auch die Dinge, die heutige Generationen („Generation App“) prägen, eine eigene Generationenfolge bekommen. Zum Beispiel mein Smartphone – ist es noch „Neueste Generation“ oder wurde bereits ein Nachfolger generiert?

Das abgelegte, obschon noch brauchbare Telefon zeigt uns die wahren Gründe für unsere Generationenbesessenheit: Wir haben Angst vorm Aussortiert-Werden. Was hilft? Solidarität! Wir tun uns einfach zur Generation Generationsübergreifend zusammen.

Gründe zum Abhauen

Hier gibts den Artikel als PDF: Wortlauber+Gedicht_#3_2021

Irgendwann reicht es, ist es genug. Man hat die Schnauze gestrichen voll und die Faxen dicke.

Es kommt der Moment, das Feld zu räumen und sich vom Acker zu machen, das Weite zu suchen und sich aus dem Staub zu machen, nicht ohne dabei die Kurve zu kratzen. Höchste Zeit, sich abzuseilen, abzuschwirren, ne Mücke, ne Biege oder die Fliege zu machen, sich zu verpissen oder Leine zu ziehen.

Unsere Sprache ist selten so kreativ wie bei dem Versuch, den Moment des Abhauens in deutliche Worte zu fassen. Das liegt ganz offensichtlich daran, dass das Ausbrechen aus dem Alltag mit seinen Annehmlichkeiten, aber auch mit den Unannehmlichkeiten und die ungewisse Zukunft eins der größten Lebensthemen ist. Auch in der Welt der Geschichten und Mythen geht es immer wieder um die große Frage: Welche Gründe gibt es, alles hinter sich zu lassen?

Flucht vor ethnischer Diskriminierung und ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen

Wenn man schlecht behandelt wird, sollte man fliehen: Das zweite Buch Mose von Thora und Bibel, genannt Exodus, erzählt eine Geschichte, die nach wie vor aktuell bleibt: Die Ägypter lassen die minderprivilegierten Israeliten für große Bauten massenweise Lehmziegel herstellen und versuchen gleichzeitig, die Geburten von Jungen zu kontrollieren, damit sie nicht zu zahlreich werden. Da verhandelt Moses im Auftrag Gottes mit dem Pharao, um seine Leute zu retten: „Let my people go!“ Erst nach den von Gott herbeigeführten zehn Plagen – bei der letzten wird immerhin jeder erstgeborene Ägypter getötet – ist der Pharao nicht nur bereit, die Israeliten gehen zu lassen, sondern vertreibt sie sogar: „Macht euch auf und zieht weg aus meinem Volk.“ Auf geht es ins Land, in dem Milch und Honig fließen, nicht ohne zuvor die zehn Gebote aufzustellen, eine Art eigene Gesetzgebung.

Flucht vor Alters­diskriminierung und ­Rentenbetrug

Alt und abgearbeitet sind sie, aber statt der Rente wartet der Tod auf sie. Zusammen träumen sie von einer Karriere als städtische Musikanten im fernen Bremen. Doch daraus wird nichts, vielleicht auch wegen mangelnden Talents. Deshalb besetzen die vier eine bisher von Kleinkriminellen geführte Unterkunft und beschließen: „Das ist unser Wirtshaus!“

Viele Märchenforscher sehen in „Die Bremer Stadtmusikanten“ den Widerschein sozialer Ungerechtigkeit und Ungleichheit in ländlicher Leibeigenschaft und den Traum von städtischer Freiheit. Viele Märchen erzählen von Menschen, die ausreißen – aus unterschiedlichsten Gründen. Schneewittchen flieht vor der bösen Stiefmutter und findet bei Zwergen Asyl. Brüderchen und Schwesterchen fliehen vor häuslicher Gewalt. Das tapfere Schneiderlein verlässt das Haus, weil es, nachdem es sieben Fliegen erschlagen hatte, meint, „die Werkstatt sei zu klein für seine Tapferkeit“. Und „einer, der auszog, das Fürchten zu lernen“, haut ab, weil er als Nesthäkchen nichts lernt und erst in der Fremde zu Reife gelangt.

Loslösung aus der Mutterbindung

Erst in der Fremde wird man zum Manne: Mit diesem Vorsatz macht sich um 1860 ein junger Mensch auf, die Welt zu erobern – und zwar im Lied „Hänschen und seine Mutter“ von Franz Wiedemann, erschienen in der Sammlung „Samenkörner für Kinderherzen“. In heutigem Dumm-Sprech „ging der Song sofort viral“, als „Hänschen Klein“. Aber dabei veränderten sich Text und Sinn. Ursprünglich gab es drei Strophen, und die zweite schildert die Länge von Hänschens Aufbruch: „Sieben Jahre, trüb und klar, Hänschen in der Fremde war, bis das Kind sich besinnt“ und zurückkehrt, aufgrund gewonnener Reife aber von niemanden erkannt wird, nur von der Mutti. Ob der „Samen“ dieses betulichen Liedes als zu gefährlich galt? Jedenfalls verpasste der Volksmund dem Liedtext bald die heutige Kürze: Mutter „weinet sehr“. Sofort „besinnt sich das Kind“ und beendet die Reise, bevor sie richtig begonnen hat. So ragt aus einem „Coming of age“-Song ein biedermeierlich erhobener Zeigefinger: Bloß nicht abhauen von daheim!

Aus den Zwängen der Zivilisation in die Natur fliehen

Grau, steinern und gemein ist die Welt.

Spätestens seit Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ verbreitet sich ein Grund zum Abhauen, der es sogar international zum deutschen Lehnwort gebracht hat: Die „Wanderlust“, erklärt als „a strong desire to wander or travel and explore the world“. Sie ist Motiv unzähliger Lieder, nicht nur in Eichendorffs „O Täler weit, o Höhen“. Verächtlich wird vom Bergesgipfel auf die Zivilisation zurückgeblickt: „Da draußen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt“.

Hundert Jahre später ist im Jugendbewegungs-Lied „Aus grauer Städte Mauern“ der Wald „unsere Liebe, der Himmel unser Zelt“. In einer Hymne der alten Sozialdemokratie wird die Natur nach „einer Woche Häuserquadern“ gar zur Verheißung einer besseren Gesellschaftsordnung: „Wann wir schreiten Seit an Seit, und die alten Lieder singen, und die Wälder widerklingen, fühlen wir, es muss gelingen: Mit uns zieht die neue Zeit!“ Leider wurde der Wunsch, aus grauen Städten abzuhauen, auf ungute Weise später wahr: In die Welt zieht man als Soldat, Zivilisation und graue Städte versinken im Bombenhagel.

In Gedanken abhauen, obwohl es keine Gründe mehr gibt

Während es im Osten gute Gründe für die Republikflucht gab, fehlten sie im Westen weitgehend: Überall anderswo ist man ärmer und demokratisch schlechter dran. Was tun, wenn die Lust, einfach abhauen zu wollen, trotzdem lockt? Man sublimiert dieses Gefühl, am besten im Schlager. Dort ist die Fremde Verlockung pur, sei es „Auf der Straße nach San Fernando“, „Irgendwo in Mexiko“, auf „Santa Maria“ oder gar in „Moskau, Moskau“. Überall locken Anitas, und „La Paloma Blanca“ verspricht besseres Wetter und unerforschte Weiten. Die Spießigkeit dieser Vorstellungen bringt Udo Jürgens in „Ich war noch niemals in New York“ auf den Punkt, wenn er den besten Grund ever fürs Abhauen nennt: Er „ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans“. Wahrscheinlich verzichtete der Protagonist auf dieses Wagnis dann doch.

Heute scheint die Unterhaltungsindustrie für das Abhauen zuständig zu sein – und der Sex als kleine Flucht. Lassen wir es Helene Fischer in atemlose Worte fassen: „Alles, was ich will, ist da. Große Freiheit pur, ganz nah. Nein, wir wollen hier nicht weg. Alles ist perfekt…“

Foto: Bady Abbas/unsplash.org

Und ewig spricht das Tier

Hier gibts den Artikel als PDF: wortklauber_#2_2021

„Wie sagt der Löwe Gute Nacht? … Die Tierkinder und ihre Eltern kuscheln am Abend vor dem Einschlafen genauso gern wie kleine Menschenkinder. Ein absolutes Lieblingsbuch fürs Gutenacht-Ritual…“, flötet uns der Klappentext eines aktuellen Kinderbilderbuchs ins Ohr.

Bilderbücher mit Tieren sind angesagt – in über der Hälfte der aktuellen Titel sprechen, streiten und menscheln Tiere, von den omnipräsenten Löwen über kleine Fliegen bis zu Otti Otter. Wie kommt es eigentlich, dass Kleinkindern in Geschichten Tieren begegnen, deren echte Vorbilder sie vermutlich niemals in freier Wildbahn erleben werden? Und warum verhalten sich diese Wesen wie Menschen?

Der Anfang liegt weit zurück. Vier- bis fünftausend Jahre alt sind die Tontafeln, auf denen die Sumerer die ältesten überlieferten Tiergeschichten der Menschheit per Keilschrift hinterließen. So etwas steht da: Neun Wölfe haben zehn Schafe gejagt, und nun fällt das Aufteilen schwer. Gut, dass ein besonders kluger zehnter Wolf rät: „Ihr seid neun und erhaltet eins, macht zehn. Ich bin allein und erhalte neun, macht ebenfalls zehn.“ Man erkennt: Es handelt sich um eine frühe Form der Fabel. Eine Message hat sie, vermuten Forscher, auch: Schülern wurde damit in spaßiger Form das Kommutativ-Gesetz vermittelt: 9+1=1+9.

Auch in allen folgenden Hochkulturen kommt das Tier in Fabeln zu Wort. Bei Griechen wie Römern handelt es sich meist um eine Art „Gebrauchstexte“ mit anschaulichen Beispielen. Oft geht es darum, menschliche Fehler in Vergleichen zu veranschaulichen: Wenn du das so machst, geht es dir wie dem Esel und dem Hund…

Lässt man „ein Tier mit dem anderen reden“, stellt Jahrhunderte später Martin Luther fest, kann man unbequeme Wahrheiten vermitteln: „… weil man sie nicht will hören aus Menschenmund, dass man sie doch höre aus Tier- und Bestienmund.“ Und so übersetzt er lateinische Fabeltexte: „Ejne Maus were gern uber ein Wasser gewest und kundte nicht und bat einen Frosch umb Raht und Hülffe. Der Frosch war ein Schalck…“ Damit jede noch so lustige Geschichte eine Lehre habe, schreibt Luther sie kurz und deutlich dahinter. In der Fabel von Maus und Frosch – erst will der Frosch die Maus ersäufen, wobei dann beide von der Kornweihe gefressen werden – fasst Luther sie so zusammen: „Die Welt ist falsch und untrew vol.“

Um 1810 bekommt die Fabel einen ernsthaften Konkurrenten, der sich zudem auch an Kinder richtet. Zwei Brüder namens Grimm erhalten von Herrn Brentano den Auftrag, nach Volksgut zu suchen. Die beiden Bürgersöhne aber kennen niemanden aus dem Volk, und so muss das gutbürgerliche Umfeld in Form einiger Tanten für die ersten „Märchen“ sorgen. Die Tanten kennen Märchen wie „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Und weil sie eben zutiefst bürgerlich sind, kommt der Märchenstoff nicht ohne den erhobenen Zeigefinger aus: Beweist das Märchen nicht, dass man Mutters Anweisungen immer umzusetzen hat, statt leichtsinnig die Tür zu öffnen? Erst in späteren Märchen, die wirklich aus dem Volk stammen, hören die Gebrüder von deftigen Szenen, oft ohne erkennbare Moral. Gut, dass sie diese Texte einer gründlichen Nachbearbeitung unterziehen, um junge Leser nicht auf ungute Wege zu geleiten.

Einhundert Jahre später, um 1920, gehören Kindheit und Disziplin immer noch eng zusammen. Das erfahren auch die Besucher der „Häschenschule“, die je nach Geschlecht vom reichlich senilen Hasenlehrer für Wohlverhalten gelobt oder mit Backpfeife und Rohrstock auf den rechten Weg gebracht werden. Weil diese Tiergeschichte zum absoluten Longseller wird, erntet auch der Textautor im Laufe der Jahre gleichermaßen Lob wie Backpfeifen: Ist das Buch eine ironische Darstellung der Dorfschule? Oder verherrlicht es autoritäre Erziehung mit Rohrstock und Zwangs-Eier-Bemalen? Gerade nach 1945 wird das Buch scharf kritisiert, auch wegen der „beleidigenden Darstellung“ von Tieren in Menschenbekleidung. Dabei ist die Entstehung der „Häschenschule“ denkbar harmlos: Als der Sohn des Autors Alfred Sixtus klein war, liebten es Vater, Mutter, Kind und Tante, im Spiel als Hasen durch die Wohnung zu hoppeln – und deren Erlebnisse wurden dann zum Gedicht.

Verdummt das Bilderbuchtier unsere Kinder? Seit Ende der Sechzigerjahre haben es Häschen und Löwe zunehmend schwer, sich gegenüber menschlichen Protagonisten zu behaupten. Das hat wohl mit dem veränderten Blick auf Kinderliteratur zu tun, den Schriftsteller Peter Härtling in Worte fasst: „Es gibt eine Literatur für Kinder, deren Verlogenheit kränkend ist. Die Welt wird verschont, verkleinert, bekommt Wohnstubengröße… Ich plädiere für eine übersetzbare Wirklichkeit. Sie kann alles umfassen. Spiel, Leben und auch Tod. Zuhause und Krieg. Güte und Gemeinheit.“ Praktisch führt das zu Büchern wie Maurice Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“, in dem nur die inneren Fantasietiere der menschlichen Hauptfigur toben.

Aber dann kehren die Tiere zurück. Ausgerechnet der als besonders frech verschriene Janosch will Ende der Siebziger mal einen Erfolgstitel raushauen: „Einmal habe ich mich hingesetzt und mir vorgenommen, ich male jetzt den größten Kitsch des Jahrhunderts. Nur für diese verflixten Kritiker und Pädagogen, die ja genau wissen, wie man Kinderbücher machen muss. Dann fing ich an, Teddybär macht eine Reise. Dann dachte ich, der muss noch einen Freund haben, ´nen kleinen Tiger. Am Ende dachte ich, du blamierst dich damit nur.“ Und so kehrt mit „Oh, wie schön ist Panama“ die putzige Welt der befreundeten Tier-Kinder zurück. Nur in Details erkennt man Brüche, wenn die beiden sympathischen Protagonisten artgerecht, aber unbeobachtet vom Leser eine Gans fangen und zum Schlachten vorbereiten.

Was treiben die Tiere heute im Bilderbuch? Auf den ersten Blick sind es bloße Menschen-Stellvertreter, die in ihren Tierbehausungen ein ganz normales Menschenleben führen. Oft scheinen sie – ein Musterbeispiel wäre Nadia Buddes „Ein zwei drei Tier“ – als unschuldige Sinnbilder für das schwierige Thema „Diversität“ zu dienen: Jeder ist anders!

Tiere werden auch gern als Protagonisten benutzt, wenn menschliche Eigenschaften im Mittelpunkt stehen, die man lieber nicht direkt benennen möchte. Im positiven Beispiel kann man damit ein wenig kindliche Lust an der Brutalität ins Buch schmuggeln, zum Beispiel in „Der Grüffelo“. Da droht die Maus Fuchs und Schlange fröhlich an, sie in Püree oder Spießbraten zu verwandeln – mit menschlichen Figuren schwer vorstellbar. Weniger nett sind die Geschichten, in denen gefräßige Schweine die inzwischen verpönte Rolle des Dickerchens spielen und andere Tiere die liebenswerte Dummheit vorführen, die man menschlichen Charakteren aus gutem Grund nicht mehr zuschreibt.

Vor allem aber ist die uralte Rolle des Belehrungstiers nicht totzukriegen. Schaut man in den Klappentext unzähliger Bilderbücher, dann erfährt man zum Beispiel mit Leo Lausemaus: „Aufräumen muss manchmal einfach sein.“ Die Fliege Zappelbein begreift, dass Rücksichtnahme und Verständnis füreinander besser sind, als ständig zu streiten. Und der kleine Affe versteht im Zuge der Handlung eine universelle Botschaft: „Ein gutes Abenteuer lässt sich nur ausgeschlafen bestehen.“

So entpuppen sich viele Bilderbuchtiere als heimliche Agenten von Eltern, die keinen Streit mit ihren Kindern wollen: „Dass du jetzt schlafen musst, sag ja nicht ich, sondern der kleine Affe.“ Unangenehme Erziehungs-Wahrheiten, verpackt in Tier- und Bestienmund, würde Luther loben. Oder wäre das Elternverhalten für ihn untrew und falsch?

Klappt das wenigstens? Zum Glück nicht, heißt es in einer Studie des Ontario Institute for Studies in Education (OISE) der University of Toronto. Die Studie ergab: Will man Kindern moralische Werte über Geschichten vermitteln, sollte man immer Figuren wählen, die dem Leben der Kinder nahe sind. Kein Leo Lausemaus erzieht Kinder zum Aufräumen, und Leser der „Häschenschule“ werden nicht automatisch Fans autoritärer Erziehung. Ob die Welt „untrew vol“ ist und Muttis Tipps die richtigen sind, lernt man nicht von Maus, Frosch und Geißlein, sondern in echten Geschichten und im echten Leben. Nur eine Lehre aus der Fabelwelt stimmt: 9+1 = 1+9.

Foto: qijin-xu, unsplash

Auf Phrasenjagd

Hier gibts den Artikel als PDF: wortklauber_#1_2021

Spielen, basteln, Kaffee trinken: Vielleicht liegt es an diesen hartnäckigen Klischees, dass wir PädagogInnen beim Versuch, den Wert unserer beruflichen Tätigkeit zu beschreiben, so oft in die große Phrasenkiste greifen. Das tun wir beim Verfassen von großspurigen Konzepten, Einrichtungsflyern, Fachtexten und wenn wir im Seminar oder beim Elternabend über unser „berufliches Selbstverständnis“ sprechen. Schauen wir mal drauf und „reflektieren kritisch“, welche Phrasen wir vielleicht aussortieren sollten.

Jedes Kind ist einmalig und unverwechselbar

Eine echte Power-Phrase, die deshalb manchen Fachtext, manche Konzeption einleitet. Durchaus in Varianten, etwa der, in der „jedes Kind“ eine „eigene Persönlichkeit besitzt“, statt sie vielleicht mit den Eltern zu teilen?

Eine gesteigerte Form findet sich im Netz in einem beliebten „Begrüßungsbrief“ für Mütter bei der Eingewöhnung: „Als ich dein Kind zum ersten Mal getroffen habe, habe ich sofort gemerkt, dass es etwas ganz Besonderes ist.“ Schön, wenn man das allen Müttern der Gruppe versichert.

Wie hohl die Phrase ist, erkennt man, wenn man sich das Gegenteil vorstellt. Gehen Teams, die den Satz nicht verwenden, davon aus, dass jedes Kind mehrfach vorkommt und deshalb verwechselbar, zumindest „nix Besonderes“ ist? Hieße der Satz „Jedes Kind, jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, jeder Stein ist einmalig und unverwechselbar“, würde sofort klar: Ziemlich banale Weisheit!

Wir wertschätzen das Tun der Kinder…

… oder „ihre sprachlichen Äußerungen“, „ihre Kunstwerke“, ihre „Bedürfnisse“ und begegnen Kindern „mit Respekt“. Auch bei diesem Satz kann man erstens Wortkritik betreiben: „Wert schätzen“ ist ein neutraler Ausdruck. „Der taugt nichts“ ist übrigens auch eine Wertschätzung. Zweitens kann man wieder den Umkehr-Test anwenden, um den Wert der Phrase zu schätzen: Wie sähe es aus, wenn Erzieherinnen dem Tun, den Werken und Worten der Kinder herablassend und respektlos begegnen würden? Auch wenn das durchaus passiert, bleibt festzustellen: Die Phrase erhebt eine absolute berufliche Selbstverständlichkeit zum besonderen Konzept.

Die eigene Haltung kritisch reflektieren

Haltung, könnte man zunächst „kritisch reflektieren“, ist nichts, das man hat, sondern etwas, das man einnimmt. Wir kennen das aus Jugendjahren, in denen wir uns nach dem Satz „Sitz gerade!“ missmutig aufrichteten, aber nach wenigen Sekunden wieder gemütlich erschlafften. Ob das bei der pädagogischen „Grundhaltung“ anders ist?

„Kritisch reflektieren“, ein Lieblingssatz in jeder Weiterbildungsveranstaltung, klingt allzu bienenfleißig. Drehen wir es mal um: Kann man auch „unkritisch reflektieren“?

Auf Augenhöhe begegnen

„Sieh mir in die Augen“, fordert Hilfslehrer Hühnerbrüh im „Kleinen Nick“, und so manches Kind wird bei strengen Belehrungen angeherrscht: „Sieh mich an!“ In die Augen zu schauen, das muss nicht immer positiv sein.

Schwach am tausendfach gelesenen Spruch mit der Augenhöhe ist zweitens, dass er nicht beschreibt, wer da wessen Augenhöhe einnehmen soll. Kritisch hinterfragen könnte man drittens auch die positiv gemeinte Bedeutung der Phrase: Ist es eigentlich möglich und nötig, sich als erwachsener Mensch auf „Augenhöhe“ eines Kindes zu begeben, also zeitweise das eigene Erwachsensein zurückzustellen?

Wir lassen niemanden zurück!

Ein Pro-Inklusions-Spruch, der es in Pandemiezeiten sogar zum englischen Graffiti-Spruch geschafft hat: Leave no one behind! Wie immer nett gemeint, aber voller Fragen: Wer ist „wir“? Und wer sind im Unterschied die anderen, die wir irgendwo zurücklassen? Die „Zurückgebliebenen“ etwa, ein längst geächtetes Wort? Zu welchem Vorwärts geht die Reise eigentlich? Und warum hat sich bei der Pandemie nicht „Leave no one alone“ durchgesetzt, die klare Aufforderung, sich um Einzelne zu kümmern?

Im ständigen Austausch mit den Eltern

Manche Phrasen bestrafen die DrescherInnen damit, dass sie wahr werden. Wer „ständigen Austausch“ mit den Eltern ankündigt, bekommt ihn auch: morgens WhatsApps zum Stattfinden des Ausflugs, endlose Tür-Angel-Gespräche, vormittägliche Anrufe, lange Mails am Abend… Wer dann noch wie der Krimi-Kommissar seine Nummer mit dem Spruch „Sie können mich jederzeit anrufen“ vergibt, weiß bald, was „jederzeit“ bedeutet.

Mit allen Sinnen lernen

Fünf Sinne hat der Mensch – und manchmal kommt noch einer dazu, nämlich der Irr- oder Unsinn. Zum Beispiel dann, wenn die PädagogIn über Lernangebote für kleine Kinder schreibt und selten ohne die Phrase „mit allen Sinnen“ auskommt. Dieses Prädikat wird oft schon verliehen, wenn statt des Seh-Sinns nur der seltener erwähnte Tast-Sinn zum Zuge kommt. Oder kann man den Rasierschaum beim Matsch-Angebot wirklich gleichzeitig sehen, hören, tasten, fühlen, riechen und schmecken? Flapsig gesagt: Wer immerzu von „Lernen mit allen Sinnen“ spricht, dem ist egal, ob das alles Sinn ergibt.

Die Kinder lieben…

… alles, was sie drei Minuten lang einigermaßen interessiert tun. Zumindest, wenn man Fachtexten in Printmedien und im Netz glaubt: „Kinder lieben es, selbstständig Apfelmus zu essen“ stand ebenso in einem Text wie „Kinder lieben Händewaschen“. Und mir strich eine Lektorin den Satz „Kinder lieben analoge Küchenwecker“.

Nun „lieben“ zwar laut Werbesprech auch Erwachsene immer mehr Dinge, Tätigkeiten oder Schnellrestaurants. Aber der Drang, kindliches Tun mit diesem Wort zu veredeln, scheint stündlich zuzunehmen. Anders gesagt: Erwachsene lieben es, jede gelegentliche Vorliebe der Kinder als „Liebe“ zu bezeichnen. Reichlich be-lieb-ich!

Gelebte Partizipation

Jeder lebt sein Leben, bis er lange genug gelebt hat. Manchmal lebt man sich auch aus – auf Kosten anderer womöglich. Wie lebt man so etwas Abstraktes wie „Partizipation“?

Wer meint, Beteiligung aller gehöre so selbstverständlich zum Alltag, dass niemand etwas dafür tun muss, darf durchaus von „gelebter Partizipation“ sprechen oder schreiben. Wenn´s nicht so ist, dann passt besser: Partizipation würde ich gern mal erleben.

Foto:kallejipp/photocase.de

Das Bild von Eltern versus „StnMdKh“

Wie sind Eltern? Wer wissen will, ob diese Sorte Mensch, zu der immerhin große Teile der Weltbevölkerung gehören oder gehören werden, gemeinsame Eigenschaften hat, muss uns PädagogInnen besuchen, unsere Gespräche belauschen, unsere Fachbücher und Zeitschriften lesen. Denn wir denken gerne über Eltern nach. Vielleicht hat sich dabei, ähnlich wie beim Bild vom Kind, eine kollektive Vorstellung entwickelt. Nennen wir sie „Unser Bild von Eltern“. Weiter lesen

Piep, lieb, Appetit!

Wort und Essen gehören oft zusammen. Zum Beispiel im uralten Brauch, Mahlzeiten mit einem Tischspruch einzuleiten. Ein ziemlich paternalistischer Brauch ist das: Erst segnet der Chef die Speise, dann darf gegessen werden. Heute führen Tischsprüche eher ein Nischen-Dasein bei steifen Feierlichkeiten, hochrangigen Zusammenkünften oder im religiösen Kontext, nicht aber im deutschen Kindergarten. Hören wir mal rein, welche Worte dort gesprochen werden? Weiter lesen