Kann man dem Wort „gerecht“ gerecht werden?

Hier gibt es den Wortklauber auch als PDF: Wortklauber_#5_2025

 

Gerechtigkeit ist ein uraltes Wort. Selbst die ältesten schriftlichen Zeugnisse der Menschheit beschäftigen sich damit, was „gerecht“ und „richtig“ ist. Unser deutsches Wort „gerecht“ stammt wohl aus dem Gotischen und wurde schon um 900 regelmäßig verwendet. Seine Bedeutung liegt irgendwo zwischen „passend“, „mit dem Recht übereinstimmend“ und „auf der rechten Seite“. Eng verwandt ist es mit dem Wort „rechts“, das für „aufrecht“ und „gerade“ steht, aber auch mit „Herrschaft“ assoziiert wurde. Das lateinische Wort „rex“ für König klingt nicht nur so, sondern ist mit „Recht“ verwandt. Dem gegenüber steht „links“ für „krumm“ oder „verkehrt“ – noch erkennbar an Wörtern wie „linkisch“.

Für das wichtigste Buch vieler Religionen ist „gerecht“ das wohl wichtigste Wort. In Luthers Bibel kommt es – auch in der Form von „ungerecht“ – fast 1000-mal vor. Ob es der „gerechte Zorn“ des Bibel-Übersetzers über den Papst war, der ihn bewog, das Wort in vielen Sätzen sogar mehrmals auftauchen zu lassen? „Wenn ein Hader zwischen Männern entsteht, und sie vor Gericht treten, und man richtet sie, so soll man den Gerechten gerecht sprechen und den Schuldigen schuldig“, heißt es im 5. Buch Mose, und in der Bergpredigt verspricht Jesus: „Glückselig die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“

Anzumerken ist, dass das Wort „gerecht“ damals eine andere Bedeutung hatte als heute. „Gerecht“ war, wer das „Recht“ einhielt, womit vor allem das göttliche Gesetz gemeint war.

Erst zur Zeit der Aufklärung und der Industrialisierung entwickelte sich die heute viel beliebtere Bedeutung: „Gerecht“ geht es zu, wenn niemand größere Vorteile als jemand anders hat, auch wenn beide Seiten vielleicht formal im Recht sind. Das hat sicherlich damit zu tun, dass sich die Menschen seitdem immer stärker von Göttern und Herrschern emanzipierten, die über die Gerechtigkeit wachten, und nun selbst darüber entscheiden, was Recht ist.

Dass man selbst oder eine nahestehende Gruppe benachteiligt wird, ist heute zur einem der wichtigsten Beschwerdethemen überhaupt geworden. Aufschluss darüber erhält man, wenn man Suchwörter wie „Es ist nicht gerecht“ bei Google eingibt. Dann entfaltet sich ein ganzes Pano­rama an Menschengruppen, die offenbar zu Gunsten anderer Menschengruppen benachteiligt werden. Dabei spielt es oft nur eine geringe Rolle, ob die betreffenden Gruppen wirklich schlechte Bedingungen haben.

So liest man zum Beispiel:

Es ist ungerecht, dass Menschen, die wenig verdienen, auch im Alter arm sind.

Es ist ungerecht, dass Menschen, die viel leisten und deshalb viel verdienen, mehr in die Kranken- und Pflegeversicherung einzahlen.

Es ist ungerecht, dass man jemanden besteuert, der sich ein Vermögen aufgebaut hat, enorm viel Steuern bezahlt und zugunsten seiner Nachkommen auf Vieles verzichtet.

Es ist nicht gerecht, wenn acht Männer so viel Geld besitzen wie 3,6 Milliarden Menschen.

Es ist unfair, dass junge Frauen eine günstigere Kfz-Versicherung erhalten als junge Männer.

Es ist nicht gerecht, Mütter zu bestrafen, die nur ein oder zwei Kinder bekommen haben.

Ich meine, es ist nicht gerecht, wenn die 50 %-Quote nur für Frauen gilt (und nicht für mich als Mann).

Es ist ungerecht, wenn der im Plattenbau und in seiner Kabine wohnende Lkw-Fahrer mit harter Arbeit, persönlichem Risiko und Trennung von seiner Familie dem Nichterwerbstätigen ein Leben in der Villa mit Park im Nobelvorort finanziert.

Es ist ungerecht, dass die Homosexuellen so eine gute Lobbyarbeit gemacht haben und deshalb ihre Rechte viel schneller einfordern konnten als andere Gruppen.

Das große Interesse an Gerechtigkeitsfragen greifen moderne Politiker gern auf, um es in ihr politisches Süppchen zu rühren. Besonders bei lediglich empfundenen Ungerechtigkeiten bietet es sich an, auf das unschärfere, aber emotionalere Wort „unfair“ zurückzugreifen:

„Wir haben die Wahl gewonnen, und es ist nicht fair, uns den Sieg so zu nehmen. Es kann nicht sein, dass ich Georgia verloren habe“, beklagte sich Donald Trump.

„Es ist unfair, wenn Menschen in Bayern ihr Elternhaus verkaufen müssen, um die Steuer zu bezahlen! Es ist unfair, dass der Master gratis ist, die Meisterausbildung dagegen viel Geld kostet“, beschwerte sich Markus Söder und legte nach: „Es ist unfair, dass der Soli nicht für alle abgebaut werden soll.“

Gibt es Auswege? Hinweise für einen entspannten Umgang mit dem Thema geben ein alter Grieche, ein nicht ganz so alter Brite und ein auf scheinbare Selbstreflexion getrimmter Chatbot:

„Das Unrecht aber besteht darin, dass man sich selbst zu viel des schlechthin Guten und zu wenig des schlechthin Üblen zuteilt“, sagte Aristoteles weise.

„Das Leben ist nicht gerecht, und für die meisten von uns ist das gut so“, witzelte Oscar Wilde süffisant.

„Es ist unfair, dass mein Training auf voreingenommenen Daten basiert und ich daher menschliche Vorurteile reproduziere oder verstärke“, antwortete ChatGPT artig auf die Frage: „Hey, was findest du eigentlich unfair?“

 

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Michael Fink ist Autor und Fortbildner.

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