Was finden Kinder ungerecht?

Marie Sander, Erzieherin und Leiterin der Kita St. Thomas in Berlin-Kreuzberg:

Hier gibt es die Gute Frage als PDF: gute Frage_#5_2025

Ein paar Kinder fragte ich danach, und sie antworteten so:

Emil sagte: „Ungerecht ist, wenn Kinder ein anderes Kind ausschließen oder manchmal auch zwei.“

Jona sagte: „Wenn ein Freund mit jemand anderem spielt.“

Mika sagte: „Ich weiß nichts.“

Ilay sagte: „Wenn Kinder Sachen kriegen und einer nicht.“

Leon sagte: „Wenn einer schon mitspielen darf und dann nicht mehr.“

Die fünf Jungen saßen beim Essen mit mir am Tisch. Das Thema beschäftigt sie gerade, weil die Gruppe sich veränderte. Einige Kinder waren zur Schule gekommen, ein paar neue Kinder kamen hinzu. Wer mitspielen darf und wer nicht, das muss nun wieder neu ausgehandelt werden, aber es ist darüber hinaus ein ganz grundsätzliches Thema.

Natürlich dürfen Kinder entscheiden, wer mitspielt und wer nicht. Wenn Erwachsene sich dabei einmischen, geht das meistens schief. Aber wenn ein Kind mitspielen darf und dann nicht mehr, weil jemand Interessanteres kommt oder jemand, der gut bestechen kann – das ist richtig hart. Dann frage ich, was los ist, und lasse es mir erklären. Immer gibt es Gründe dafür. Manchmal sind sie für mich nachvollziehbar, manchmal nicht. Ist der Konflikt nicht lösbar, versuche ich, das ausgeschlossene Kind zu trösten, oder sage: „Komm, wollen wir beide was zusammen spielen?“ Und dann haben wir manchmal alle anderen Kinder an der Backe, weil sie bei uns mitspielen wollen.

Für die Kinder sind solche Dinge Lernprozesse. Wer soll dabei sein, wer nicht – das müssen sie sagen dürfen: „Ich will das aber allein machen oder nur mit meinem Freund.“ Ich habe mir vorgenommen, nicht immer gleich mit Lösungen herauszuplatzen, sondern zu fragen, nicht gleich zu intervenieren, sondern erst mal zu gucken, zuzuhören, aufmerksam zu sein.

Früher haben wir Kindergeburtstage immer mit allen Kindern in der Kita gefeiert. Jetzt feiern die Kinder mit denen, die sie einladen. Das ist mal nur ein Kind, mal sind es zwei, mal zehn Kinder. Die anderen sind dann nicht eingeladen, und das ist eine Art von Ausschluss, den sie aushalten müssen. Wir trösten sie, sagen aber nicht: „Jetzt lade dieses Kind mal auch ein, es ist sonst so traurig.“

 

Foto: photocase

Marie Sander ist Leiterin der St.-Thomas-Kita in Berlin-Kreuzberg.

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