Die Suche

nach einem Kita-Platz … und wie die Geschichte weitergeht

Hahahahaha“, lacht die Frau. „Wir sind ein Kindergarten. Wir nehmen keine Kinder auf. Sie sind ja lustig.“ Sie wischt sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln.

Die Frau wuschelt eine Husch-Husch-Bewegung vor ihrem Gesicht, als würde ich mich wie ein Pups wegwedeln lassen, aber ich bin kein Pups, oder ein sehr hartnäckiger.

Einer, der so richtig in der Luft stehen bleibt. Ich bleibe auch stehen und halte ihr das niedliche Kind hin. Es ist so niedlich, dass mir Katzenmütter angeboten haben zu tauschen und Menschen die Zähne putzen müssen, nachdem sie meine Tochter angesehen haben.

Die Frau seufzt schwer. „Na gut.“, sagt sie. „Ein Angebot. Ich schreibe Sie jetzt auf eine Liste und die werfe ich erst in den Müll, wenn Sie weg sind und es nicht sehen können. OK?“

„Wollen Sie mich verarschen?“, frage ich vorsichtig.

„Wenn Sie nicht wollen, schreibe ich Sie nicht auf die Liste, die ich nachher wegwerfe.“ Sie zieht die Augenbrauen hoch.

„Doch, doch.“, beeile ich mich zu sagen. „Ich möchte auf diese Liste. Unbedingt.“ Und ich drehe ein bisschen auf. Schnecken wären neidisch, wie ich schleimen kann. „Das Krähennest ist der einzige Kindergarten, bei dem wir uns beworben haben.“ Ich strahle die Frau an. „Weil wir absolut und restlos an das Konzept des Krähennestes glauben. Also für uns kommt nur das Krähennest in Frage und wenn wir noch ein Jahr, ach was, zwei, drei oder vier, sogar fünf oder sechs Jahre warten müssen!“

„Wir sind die Rappelkiste.“, sagt die Frau.

„Ja, kleiner Spaß!“, quieke ich und bin froh, dass ich mal ein Video über Improtheater gesehen habe. „Die Rappelkiste ist der einzige Kindergarten, in dem wir…“

„Ja, ebenfalls kleiner Spaß!“, sagt die Frau. „Wir sind natürlich das Krähennest.“

Es war wirklich ein sehr gutes Video über Improtheater. „Und dass bei Ihnen Humor so groß geschrieben wird!“, lobe ich. „Das ist uns in der Kindererziehung ebenfalls sehr, sehr wichtig. Hahahaha! Soll ich Ihnen meinen Lieblingswitz erzählen? Was haben ein Kitaplatz und Gott gemeinsam? Muss man dran glauben. Noch einen? Was haben ein Kitaplatz und Zigaretten gemeinsam. Ist nichts für Kinder. Hahahaha!“

Hinter mir ist eine lange Schlange von Eltern entstanden, die alle persönlich nachfragen wollen, um persönlich zu hören, dass es keinen Sinn hat. Ich räume meinen Platz an der Sonne, wo ich wenigstens kurz mit einer ­Erzieherin reden durfte. „Darf ich an Ihnen rubbeln?“, frage ich zum Schluss. An Erzieherinnen rubbeln soll angeblich Glück bringen.

Ich darf nicht an ihr rubbeln.

Ich mache einen Abstecher zum Zeitungsladen, kaufe ein Kitaplatzlos und trage als meine Glückszahlen den Geburtstag meiner zweiten Tochter ein. Vermutlich werden Lose mit 2, 0, 1 und 8 sowieso aussortiert. Vor dem Zeitungsladen steht ein Aufsteller: „Diesen Monat zwei Kitaplätze im Lostopf!“

Die Kleine ist eingeschlafen und ich gehe zum nächsten Kindergarten. Da klebt gleich unten am Klingelschild ein Zettel: „Wir haben keinen Kitaplatz für Ihr Kind! Gehen Sie weg!“

Beim nächsten Kinderladen steht Polizeischutz vor der Tür und mehrere Eltern, die rufen „Kitaplatz für mein Fratz! Kitaplatz für mein Fratz!“ Na, schön jetzt hab ich einen Ohrwurm.

Beim nächsten Kinderladen öffnet mir zwar ein junger Mann, sagt aber, dass ich gleich wieder gehen könnte.

Aber ich schleime sofort los, das Konzept des Kinderladens blabla, Sie wurden mir empfohlen, ich kenne die Chefin von früher. Und ich krieche in seinen dusteren Arsch, wo aber schon andere Eltern hocken und sagen, man müsse erst auf eine Liste, bevor man einem Erzieher oder einer Erzieherin in den Arsch kriechen dürfte. Es fehlen sogar Arschkriechplätze.

„Entschuldigung. Ich muss wieder zu den Kindern. Die betreuen sich ja nicht von alleine.“

Ich schaue um die Ecke in den Raum, der von oben bis unten mit bunten Fuß- und Handabdrücken übersät ist. Dann sehe ich ein großes Regal und in dem sitzen dicht an dicht Kinder. Sie sind angeschnallt und tragen bunte Helme. Sicherheit geht in Deutschland über alles.

Das stimmt natürlich nicht. Da sind keine Kinder im Regal. Es sind nur zwei Kinder da, und um die sitzen vier Erzieher. Der Betreuungsschlüssel ist hier halt krass.

„Es ist wirklich zwecklos“, sagt der junge Erzieher. „Wir nehmen keine Kinder auf!“

„Lustig!“, sage ich. „Mein Kind heißt Keinekinderauf. Haha, Sie haben gesagt ‚Wir nehmen kein Kind auf ‘, und das hier ist die kleine Keinkinderauf.“

Er droht, bis drei zu zählen und fängt damit sofort an „Eins, zwei, zwei ein halb…“

Ich versuche, das Kind in den Kinderladen zu werfen. „Dann müssen Sie es betreuen. Zumindest heute.“ Der junge Mann schüttelt den Kopf und sagt, dass man das nicht macht und das ihn mein Verhalten ganz, ganz traurig macht.

Bumms schlägt die bunte Tür vor mir zu. In Holzbuchstaben steht da Kita Trauminsel (und darunter klein „Träum weiter!“)

Viele Kindergärten sind außerdem so wie Affären oder One Night Stands, du kannst denen ne Mail schreiben oder anrufen, aber die melden sich nicht zurück.

Das Wort „Kitaplatz“ ist heutzutage eine sehr gute Verhütungsmethode. Bei wem das nicht klappt, der kann noch „Bewerbung an der Oberschule“ nehmen, damit man echt keinen Bock hat, sich fortzupflanzen.

Demnächst werden Kitaplätze vererbt, und dann findet da wieder keiner was dabei. Wieso, mein Urgroßvater hat hart für diesen Kitaplatz gearbeitet, damit wir es mal besser haben. Und wer keinen Kitaplatz hat, der hat sich vielleicht nicht genug angestrengt.

Vielleicht habe ich mich wirklich nicht genug angestrengt. Ich habe nicht jeden Tag bei vier Kitas angerufen, habe mich nicht reingeklagt, und überhaupt war ich so dumm, mich nicht bei reichen Eltern gebären zu lassen.

Beim Kindergarten „Hauptstadtspatzen“ hat man übrigens extra jemanden zusätzlich angestellt, der die Eltern betreut, die nach einer Betreuung für ihre Kinder suchen. Die großmütterliche Person hört mir geduldig zu, fragt ob ich weinen möchte. Ich weine ein bisschen, bekomme ein buntes Taschentuch und einen Lolli.

Wenn irgendwem mal auffällt, dass das Verwalten des Mangels genauso viel Arbeit macht wie die Vermeidung des Mangels, na dann ist aber was los.

Lolli?

Zwischen den Zeiten – wie die Geschichte weitergeht

Wie lange wir nach einen Kitaplatz gesucht haben. Und wie wir alle glücklich waren. Alle!

Die haben da einen Toberaum! Da sind die Wände weich. Das hätt ich im Moment gern zu Hause.

Und jetzt ist die Kita zu. Bis September vielleicht. Ich find es trotzdem schön, dass wir eine Kita gefunden haben, auch wenn sie zu ist.

Ich bin ein totaler Kitafan und nicht, weil das kleine Kind (und die Große auch) die ganze Zeit zu Hause ist und wir deshalb nicht arbeiten können. Oder wenig. Sondern einfach, weil wir, keiner von uns, zu Hause, andere Zweijährige ersetzen können, oder Dreijährige oder Vierjährige. Ihr versteht schon. Da ist sonst niemand in der Nähe, der unter dem Tisch durchlaufen kann oder so gern „Einmal hin, einmal her“ hört wie du. Und zwar stundenlang.

Gegenüber wohnt ein kleines Mädchen.

Das geht in den selben Kindergarten.

Die Kinder winken sich. Hach!

Kirsten Fuchs

ist Schriftstellerin, Lesebühnenautorin und Kolumnistin und lebt in Berlin. Mehrere Veröffentlichungen bis heute. Sie schreibt regelmäßig Kolumnen für »Das Magazin« und ist Mitglied bei der Lesebühne »Fuchs und Söhne«.

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