Auf Datenschutzjagd nach DSGVO

Ganz Deutschland hat ein bisschen Bammel, seit die neue DSGVO erlassen wurde. Also, die Datenschutz-Grundverordnung. Besonders im Kindergarten macht sich Angst breit, denn wo viele Menschen sind, sind leider auch deren Daten. Gut, dass es Kindergärten wie die „Dallgower Datenzwerge“ gibt, die rechtzeitig Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und sich jetzt sogar „Haus der gesicherten Daten“ nennen dürfen. Grund genug, die rührige Leiterin des Hauses, Frau Danuta Dathe, zu Wort kommen zu lassen. Bitte, Frau Dathe, berichten Sie über Ihren Weg ins DSGVO-Glück!

Der Artikel als PDF zum Herunterladen: Datenschutzsatire_#3_2020

„Guten Tag, Herr Redakteur! Gerne erzähle ich Ihnen, wie wir das mit dem Datenschutz praktizieren. Eine Kita-Führung kommt natürlich nicht in Frage, aber hier im Vorraum steht es sich ja gut. Leider kann ich ihnen auch keine Bilder der Räume zeigen, denn da wären Kinder drauf oder deren persönliche Sachen. Oder per Kunsturheberrecht geschützte Bauwerke. Und fragen Sie mich nicht nach Details! Stellen Sie sich einfach vor, wie es bei uns aussieht, aber bitte nicht zu konkret. Wer weiß denn, ob diese Bildrechte nicht auch für Vorstellungsbilder gelten …

Ein stressiger Schritt auf unserem Weg zur datenschutzgerechten Pädagogik war natürlich die Sache mit den Portfolios. Herrje, was da an persönlichen Daten über jedes Kind zusammenkommt! Wir hatten zunächst nur bei Fotos, auf denen andere Kinder sind, deren Gesichter geschwärzt. Das sah aber doof aus – lauter geschwärzte Kinder neben dem einen ungeschwärzten Portfolio-­Besitzer! Also haben wir das Portfolio-Kind gleich mitgeschwärzt. Beziehungsweise für die People-of-colour-Kinder geweißt, das wäre ja sonst unfair.

Dann mussten wir aber noch die Lernbeweise im Portfolio verändern, weil die viel zu viele datenschutzrelevante Infos über jedes Kind enthalten. Nicht auszudenken, wenn jemand erfährt, dass Kind X am soundsovielten irgendeine Kompetenz erworben hat! Also haben wir auch das Datum geschwärzt und die Kompetenz so abstrakt formuliert, dass keine Rückschlüsse auf die Person möglich sind. Schauen Sie, so sieht das dann aus. Ich lese es mal vor: ‚Lernbeweis 3-17, erbracht Mitte 2018. Kind A kann jetzt R. Herzlichen Glückwunsch und weiter so!‘

Nicht so einfach war die Sache mit den Gruppenfotos. Da geht es ja auch um Emotionales! Deshalb fanden unsere Muttis und Vatis diese schwarzen Balken vor den Augen der anderen Kinder aus der Gruppe doch zu düster. Sandy, unser Teamküken, hatte dann die rettende Idee: Warum nicht einfach die Kinder auf dem Bild durch genauso niedlich guckende Kuscheltiere ersetzen? Sehen Sie mal, hier ist die Igelbabygruppe. Schauen die nicht niedlich? Ich bin übrigens der rosafarbene Plüschhahn. Süß, oder?

Mit unseren Foto-Regeln war es natürlich nicht getan, Datenschutz steckt ja überall drin. Unsere Kita hat nämlich – leider, sage ich aus heutiger Sicht – solche Riesenfenster. Da kann jeder Krethi und Plethi reinschauen. Und wer weiß schon, wer das tut und warum? Also haben wir beschlossen, die Fenster mit Folie zu verkleben, um die Kinder zu schützen. Das funktioniert auch andersrum: Die Kinder können die Leute draußen nicht anstarren oder gar knipsen. Zum Verkleben haben wir übrigens Milchglasfolie genommen, obwohl Hannelo… äh, eine Kollegin, gleich krähte: ‚Das kann ich doch alles mit meinen alten Window Colours zumalen, da gibt’s sooo schöne großflächige Motive!‘ Aber das Milchglas sieht einfach cooler aus und hat den Vorteil, dass sich die Kinder beim Rausgucken gleich an eine verpixelte Welt gewöhnen. Christian – der Kindername ist natürlich geändert – sagte gestern: ‚Die Häuser draußen sehen jetzt genauso aus wie unser Haus bei Google Maps!‘ Und Liese fand, dass bei ihrer Oma, wenn sie nach dem Bringen von draußen reinzugucken versucht, gar keine Falten mehr zu sehen sind. ‚Wie bei Instagram ‘, freute sie sich.

Als wir dachten, das Wichtigste geschafft zu haben, fiel unserm Praktikanten zum Glück noch eine superwichtige Sache ein: ‚Hey, was ist mit den Ausflügen? Da kann doch jeder die Steppkes sehen, sich die Gesichter einprägen und sie später aus dem Kopf nachmalen?‘ Gut, dass es im Mäcgeiz gerade diese schwarzen Schlafbrillen gab. Wir haben gleich vier Zehnerpacks gekauft. Seitdem sind die Ausflüge nicht nur viel DSGVO-gerechter, sondern auch ruhiger. Und weil immer mal jemand stolpert, nehmen die Kinder das Anfassen in Zweiergruppen endlich ernst.

Dann fiel uns plötzlich die Sache mit den Geburtstagen auf. Geburtstag feiern ist toll, vor allem für das betroffene Kind.Was nicht so toll ist: Alle Kinder in der Gruppe kriegen dabei ausgesprochen sensible Daten mit, und manche merken sie sich ewig. Ich weiß zum Beispiel den Geburtstag von Ilse Linnekogel, meine Banknach­barin in der dritten, immer noch. Ach, Gottchen! Bitte vergessen Sie den Namen gleich wieder. Man hat ja heute ratzfatz eine Anzeige wegen Datenverraten an der Backe.

Zurück zum Thema: Wir haben dann jedem Kind einen neuen, neutralen Geburtstagstermin zugewiesen. Ist erstens einfacher, weil man die Feiern besser mit den anderen Kitaterminen abstimmen kann. Zweitens hat jedes Kind reihum mal im Sommer Geburtstag.

Kurz bevor wir uns zum Wettbewerb ‚Datenschutzgerechteste Kita Deutschlands ‘ angemeldet hatten, war Irene noch eingefallen, an die Namensanonymisierung zu denken. Offen gestanden war es auch bei uns üblich, die Eltern mal mit Vor-, mal mit Nachnamen anzusprechen und auch die Namen der Kinder ganz unbefangen zu erwähnen. Da konnten Mithörer sofort zwei und zwei zusammenzählen und hatten den kompletten Datensatz gehackt! Seit uns das klargeworden ist, sprechen wir die Eltern nur mit ‚Liebe Mutter ‘, ‚Lieber Vater ‘ oder bei Bedarf mit ‚Liebes Diverses ‘ an. Zu uns sagen sie weiterhin: ‚He, Sie da!‘

Die Kinder sprechen wir natürlich erst recht nicht mit Namen an, weil ja sonst alle in der Gruppe automatisch jeden Namen lernen. Wir verwenden konsequent Kosenamen. Das klappt gut. Wenn niemand in der Gruppe Malte als Malte kennt, aber alle als „Unser Kamuffelchen“, ist Datenmissbrauch kaum mehr möglich. Zumal wir ab dem nächsten Monat vorhaben, die Namen regelmäßig rotieren zu lassen.“

Ich bin beeindruckt und möchte mich verabschieden: „Vielen Dank, liebe Frau Dat… äh?“

„N. N. Oder bloß N., wir sind ja beim Du“, antwortet die Leiterin charmant.

 

Fotos: Lena Grüber

Michael Fink

Michael Fink ist Autor und Fortbildner.

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