Was nicht tötet, härtet ab, sagt der Volksmund. Die „harte Schule des Lebens“, prahlen manche, habe ihnen zum Erfolg verholfen. Manche witzeln: „Nur die Harten kommen in den Garten.“ Andere posten bei Pinterest: „Starke Persönlichkeiten werden durch harte Zeiten geformt.“
All diese Sprüche drücken die weit verbreitete Überzeugung aus, es sei für die Entwicklung eines Menschen vorteilhaft, wenn er nicht „in Watte gepackt“ aufwächst, sondern unangenehme Zustände aushalten muss, was ihn am Ende stärker macht. Eine Überzeugung, die auch viele PädagogInnen teilen. Vielleicht, weil sie sich sich dann sagen können: Es ist nicht schlimm, wenn ich die Bedürfnisse der Kinder mitunter ignoriere. Fühlt sich der pädagogische Alltag unangenehm an, kann ich mich rechtfertigen: Da lernen die Kinder, dass man auch mal was aushalten muss.
Wie könnte diese Idee in pädagogische Köpfe gelangt sein? Es lohnt sich, ein bisschen in uralten Schriftstücken zu blättern…
Hier gibt es den Wortklauber als PDF: Wortklauber_1_2025
Gott als strenger Vater
„Es dient zu eurer Erziehung, wenn ihr dulden müsst. Wie mit seinen Kindern geht Gott mit euch um; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Seid ihr aber ohne Züchtigung, die doch alle erfahren haben, so seid ihr Ausgestoßene und nicht Kinder.“ Etwa 60 nach Christus datiert dieser Abschnitt aus dem Brief an die Hebräer, Teil des Neuen Testaments.
Warum legte die junge Religion Duldsamkeit nahe? Wohl weil monotheistische Religionen ein Rechtfertigungsproblem hätten, wenn es den Menschen schlecht geht. Der allmächtige Gott, an den sie glauben, müsste ja eigentlich Leid verhindern. Aber wahrscheinlich bewirkt er es absichtlich, um die Menschen zu testen, zu strafen – oder sie wie in diesem Text zu erziehen. Schlechte Behandlung ist also ein Beleg dafür, dass Gott zu uns hält.
Lockes Erziehungstipps
„…die gute Leibesbeschaffenheit der meisten Kinder wird durch Verzärtelung verdorben oder wenigstens geschwächt.“ Vor mehr als 300 Jahren legte John Locke (1632-1704), prägender Wegbereiter der Aufklärung, sein Ideal der Erziehung nieder. Obwohl er quasi das Recht des Menschen am guten Leben erfunden hatte, war er begeistert von der Idee der Abhärtung als pädagogisches Prinzip und sparte nicht mit Empfehlungen: „Ich würde auch rathen, (… ) (dem Kind) so dünne Schuhe zu geben, dass dieselben sofort das Wasser eindringen lassen, so oft es mit demselben in Berührung kommt.“ Das betrifft auch Ernährungstipps: „Wenn es irgendwann zwischen den Mahlzeiten nach Speise verlangt, so reiche man ihm nichts anderes als trockenes Brot. Wenn es hungrig ist, nicht bloß ein Leckergelüstchen fühlt, so wird Brot allein schon rutschen.“ Auch das hochmoderne Süßigkeiten-Verbot war dem Philosophen schon geläufig: „Von Melonen, Pfirsichen, den meisten Arten von Pflaumen und allen Arten von Trauben Englands sollten, meine ich, die Kinder gänzlich fern gehalten werden, da jene Früchte einen sehr verführerischen Geschmack in einem sehr ungesunden Safte entwickeln; sie sollten, wenn es möglich wäre, nicht einmal dergleichen sehen oder wissen, dass solche Dinge vorhanden seien.“ Klar, dass Locke auch Kuschelbetten für Kinder ablehnte: „Lassen Sie das Lager Ihres Sohnes hart sein…“
Rousseaus Manifest der Härte
„Die Erfahrung lehrt, dass von den verzärtelten Kindern eine ungleich größere Anzahl starb als von den übrigen.“ Geprägt von den Gedanken Lockes, verfasste Jean Jacques Rousseau (1712-1778) um 1760 den Erziehungsroman „Emile“, den man quasi als ein Manifest des „Was nicht tötet, härtet ab“ lesen kann: „Sobald als man nur nicht das Maß ihrer (der Kinder) Kräfte überschreitet, so wagt man weniger, wenn man sie anstrengt, als wenn man sie schont. (…) Härtet ihre Leiber ab gegen wechselnden Einfluss der Witterung, des Klimas, der Naturkräfte für Hunger und Durst, für Mühseligkeiten.“ Weshalb diese Härte? Rousseau argumentierte vor allem, dass Kinder damit auf die wahren Härten eines späteren Lebens vorbereitet seien. Im Sinne der Abkehr von Adel und Gottesgnadentum assoziierten Denker dieser Zeit „Verzärtelung“ negativ mit dem niedergehenden Adel, das Zurückstecken von Bedürfnissen hingegen positiv mit bürgerlicher Emanzipation.
Kneipps Wasserkuren
In der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der Hype um die Abhärtung keinesfalls ab, wie man den Schriften von Sebastian Kneipp (1821-1897) entnehmen kann: „‚Woher stammt die Empfindsamkeit der jetzigen Generation, woher die auffallend schnelle Empfänglichkeit für alle möglichen Krankheiten‘, fragt der Priester, um zu antworten: ‚…ich zögere nicht, zu sagen, diese großen Übelstände rühren vorzüglich her von dem Mangel an Abhärtung.‘“ Wie von einem Burnout-Lehrer liest sich seine Einschätzung: „Die Schwächlichen und Schwächlinge, die Blutarmen und Nervösen, die Herz- und Magenkranken bilden fast die Regel, die Kräftigen und Kerngesunden die Ausnahme.“ Bekanntermaßen simpel sind Kneipps Gegenmaßnahmen: „Abhärtung der Haut, des ganzen Körpers und einzelner Körpertheile“ durch „Wasseranwendungen“.
Hitlers langer Arm
So geisterte die Abhärtung durch die Welt die Erziehung, bis sie im Dritten Reich zum Erziehungsprinzip wurde, denn Hitler glaubte, erkannt zu haben: „Der Junge, der in Sport und Turnen zu einer eisernen Abhärtung gebracht wird, unterliegt dem Bedürfnis sinnlicher Befriedigung weniger als der ausschließlich mit geistiger Kost gefütterte Stubenhocker.“ Wohl aufgrund eigener Erfahrungen, der junge Hitler war ein notorischer Schulschwänzer, forderte er: „Er hat kein Recht, in diesen Jahren müßig herumzulungern…, sondern soll nach seinem sonstigen Tageswerk den jungen Leib stählen und hart machen, auf dass ihn das Leben nicht zu weich finden möge.“
Prägend noch für die westdeutsche Nachkriegsgeneration waren die nationalsozialistisch angehauchten Erziehungsratgeber Johanna Haarers (1900-1988), die den Mix aus Bedürfnisaufschub und Strafmaßnahmen als altruistische Wohltat deutscher Mütter verkaufte: „Auch das schreiende und widerstrebende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält, und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen ,kaltgestellt‘, in einen Raum gebracht, wo es allein sein kann, und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert. Man glaubt gar nicht, wie früh und wie rasch ein Kind solches Vorgehen begreift. (…) Versagt auch der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart!“ Unglaublich, dass auch folgende Sätze bis in die Sechzigerjahre nicht verdächtig wirkten: „Von vornherein mache sich die ganze Familie zum Grundsatz, sich nie ohne Anlass mit dem Kinde abzugeben. Das tägliche Bad, das regelmäßige Wickeln und Stillen des Kindes bieten Gelegenheit genug, sich mit ihm zu befassen.“
Uralter Tobak?
Kinder stark machen, indem man sie wirklicher oder gar emotionaler Kälte aussetzt, ihre Bedürfnisse übersieht oder sie in Ernstsituationen verstehen lässt, dass das Leben nicht immer freudig ist? Gleicht man Gedanken wie die hier versammelten mit der Resilienzforschung ab, ist die Antwort klar: Alle diese Ideen würden verhindern, dass sich Resilienz entwickelt. Höchstens freiwillige Versuche des Kindes, mutig ein kaltes Bad zu nehmen, könnten sein Selbstvertrauen stärken, aber dafür gibt es viele andere Wege.
Spielt denn solch uralter Tobak in Bildungseinrichtungen noch eine Rolle? Wie man es nimmt – hinter täglich zu hörenden Sätzen wie „Stell dich nicht so an!“, „Kein Grund zu heulen“ und „Da lernt ihr mal, etwas auszuhalten“ könnte die Vorstellung stecken, dass Kinder ihre Bedürfnisse übermäßig wahrnehmen und ein bisschen Abhärtung nicht schaden könnte.
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