Ist Petzen doof?

In dem Verb „petzen“ schwingt mit, dass es sich um etwas Negatives, zumindest Unerfreuliches handelt. Dabei geht es, wenn Kinder „petzen“, eher ums Bescheid-Sagen. Ist Bescheid-Sagen doof?

Stellen wir uns mal vor, drei Kinder sitzen im Buddelkasten, und es gibt Krach. Eins kommt zur Erzieherin und sagt: „Peter hat Marie die Schippe weggenommen.“ Da erhebt die Erzieherin den moralischen Zeigefinger und sagt zu dem Kind: „Du sollst nicht petzen.“

Aber: Welche Motivation hat ein Mensch – jung oder alt – eigentlich, wenn er Bescheid sagt? Nennt man ihn Petze, unterstellt man ihm etwas Denunziatorisches: Er will die anderen in die Pfanne hauen oder sich einen Vorteil erschleichen.

Ich glaube, dass das meist nicht stimmt. Derjenige, der Bescheid sagt, kann nämlich ein Mensch sein, der sieht: Hier passiert etwas, das wir nicht allein regeln können, sondern Beratung oder Unterstützung brauchen. Dieser Mensch ist mutig, finde ich, denn er durchbricht den Konsens, den es in Gruppen häufig gibt: Was hier passiert, bleibt unter uns. Mutig ist dieser Mensch, weil er Verantwortung übernimmt, sich dem Gruppenkonformismus verweigert und sagt: Nein, das bleibt nicht unter uns.

Diffamiert man so einen Menschen als Petze, ist das so wirkungsvoll wie bei der Mafia: Verrat ist das Allerletzte. Tut man das in der Kita, sorgt man dafür, dass alles Mögliche unter die Decke gekehrt wird, und die Kinder lernen: Auch wenn ich Unrecht erlebe – zur Erzieherin sollte ich deshalb nicht gehen, weil der Wert, der Gruppe beizustehen, höher ist als der Wert, Unrecht zu benennen.

Dass junge Kinder beim Bescheid-Sagen ihren eigenen Vorteil im Blick haben oder sich bei den Erwachsenen einschleimen wollen, finde ich schon deshalb unwahrscheinlich, weil es fast nie gelingt, denn: Ein Kind, das „petzt“ oder Bescheid sagt, hat in der Regel damit zu rechnen, dass es mit seiner Aussage nicht ernst genommen wird.

Ich vermute, die Figur der „Petze“ – oder des Kindes, das Bescheid sagt – wird in östlichen und westlichen Kitas unterschiedlich bewertet. Meine These ist, dass der Bescheid sagende Mensch im Osten stärker als im Westen diskreditiert wird. Im kollektivistisch geprägten Osten ist der Gruppen-Zusammenhalt wichtiger als das Individuum und seine Eigenverantwortung, und zwar erst recht, wenn jemand dem Gruppendruck wiedersteht und sich nach außen wendet. Dass Erwachsene es als Kompetenz werten, wenn ein Kind Bescheid sagt, weil es allein nicht weiterkommt – das ist wahrscheinlich überall nicht weit verbreitet.

Oder?

Frauke Hildebrandt

ist Professorin an der Fachhochschule Potsdam. Sie forscht zu kognitiv anregender Interaktion und arbeitet mit Kitas und Grundschulen zu den Themen „Sprachbildung“ und „Übergang Kita-Grundschule“.

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