Hält der Held, was er verspricht?

Was ist ein Held? Und welcher Held hat es verdient, so genannt zu werden? Welche Verdienste haben die uns bekannten Helden erworben? Zur Beantwortung der Fragen bitten wir große Helden der Geschichte, an uns vorbei zu defilieren, denn „laufen“ passt nicht zum Schreiten mit geschwellter Heldenbrust. Und: Marsch!

Schon betritt Held Nummer 1 die Bühne, ein unförmiger Riese. „Gilgamesch mein Name“, stellt er sich in schönstem Urukisch vor – früheste Hochkultur der Menschheit! – und berichtet von Heldentaten wie dem Bau einer Mauer, dem Töten eines Stiers und dem Gang durch einen Tunnel, was ihn zweifellos zum „gewaltigsten aller Helden“ mache. Außerdem habe er das erste literarische Werk der Menschheit erschaffen lassen, um seine Werke zu preisen und seine Position als König zu festigen.

„Mauern bauen klingt ungut nach DDR, Stier essen wir als Spießbraten, und durch lange Tunnel trauen sich höchstens Dreijährige nicht“, finden wir. „Und die Sache mit dem Epos stinkt nach Eigenlob. Du bist höchstens ein Maulheld, Gilgamesch. Der nächste, bitte!“

Held Nummer 2 stellt sich als „Herr Kules“ vor – oder haben wir da was falsch verstanden? Lang und breit erzählt er von seiner „Heldenreise“, die ihn erst zu dem gemacht habe, was er ist – Held eben. Leider erweist sich die Geschichte als ausgesprochen langatmig: Nach der Tötung eines Löwen und einer Schlange fing der Heros mindestens einen Eber, einen Stier, eine Hirschkuh und diverse Rosse ein – Tier folgte auf Tier. Erfreulich immerhin, dass Herr Kules (oder Herr Rakles?) sich nicht zu fein für gesellschaftlich wenig anerkannte Jobs war: Weil er den stark verschmutzten Augias-Stall reinigte, ernennen wir ihn zum „Putzhelden“.

Held Nummer 3 tritt in Jesuslatschen auf. Auch sein Zauselbart spricht dafür, dass wir es eher mit einem Antihelden zu tun haben. Als „Jesus Christus“ stellt er sich vor und erläutert sein sympathisches Heldenkonzept: Statt Angreifer mit doppelter Körperkraft zurückzuweisen, hält er ihnen seine Wange hin – voll pazifistisch!

So ganz ohne Kraftprotzereien geht es aber nicht, denn auch dieser Held hat – wahrscheinlich nicht ganz ohne Gewaltanwendung – Geschäftstreibende aus einem Tempel verjagt, Wasser gebändigt und mittels Wein- und Fischvermehrung Hunderttausende satt gemacht. „Ein wahrer Lieferheld“, kühlen wir sein Mütchen.

Tschingderassabum! Die nächste Heldenkategorie schreitet majestätisch heran. Es sind die Nationalhelden, die spätestens im 19. Jahrhundert jeder Staat verzweifelt suchte. In Deutschland traf es Hermann, den Cherusker.

Fragen wir die zu Denkmälern erstarrten Herren, welche Heldentaten sie für ihre Völker vollbrachten, werden sie schmallippig. Irgendwie sei diese Ernennung zu Nationalhelden über sie hereingebrochen, obwohl sie längst das Zeitliche gesegnet hatten. Ein biederer Schweizer berichtet von Apfel und Armbrust, während eine Französin mit ihrem Feuertod auf dem Scheiterhaufen angibt. „Vielleicht hat man uns so groß gemacht, um den Rest unseres Volkes klein zu halten?“ sinniert ein intelligenter Nationalheld, der Dichter Friedrich Schiller.

Es fällt auf, wie viele Heroen die Geschichtsschreibung kennt – und wie wenige Heroinen, von der brandheißen Johanna von Orleans mal abgesehen. Nanu, bei dem Wort „Heroine“ klingelt doch was? Richtig – schon betritt ein zerknirschter Mitarbeiter der Firma „Bayer“ aus Leverkusen die Bühne. Vor mehr als 100 Jahren glaubte man in dieser Firma, das ultimative Medikament gegen Husten und Morphinabhängigkeit erfunden zu haben. Überzeugt von der heldenhaften Wirkung des Mittels, ließ man dessen Namen sogleich patentieren: „Heroin®“.

Womit wir beim traurigen Thema „Gescheiterter Held“ wären. Heldensorte Nummer 5 besteht aus unzähligen jungen Männern. „Wir haben uns in einem sinnlosen Angriffskrieg töten lassen“, erklären die Teilnehmer zweier Weltkriege, „und wurden dadurch zu Kriegshelden mit Heldengedenktag, Heldendenkmal und Heldengrab.“ Zwar gebe es auch Soldaten, die ihren Heldenstatus genießen konnten und irgendwann im Bett starben, aber das seien ihre Oberbefehlshaber gewesen. Zum Beispiel dieser Hindenburg, der als Entschädigung für seinen verlorenen ersten Weltkrieg Reichspräsident wurde, Hitler zum Kanzler machen durfte und Namenspatron vieler deutscher Straßen wurde.

„Da hatten wir es ja besser“, freuen sich die „Helden der Arbeit“, die in der DDR mit dieser Auszeichnung belohnt wurden, weil sie im Arbeiterparadies kein Problem mit Überstunden, Normerhöhungen und sinnlosen Versammlungen hatten.

„Ich habe den Menschen nach dem Krieg die Lebensfreude und den Glauben an das Gute im Manne zurückgegeben“, prahlt Nummer 6, ein „Leinwandheld“ der Fünfzigerjahre. Sein Verdienst? „Ich habe das Töten in den fiktionalen Raum verlegt. Das war ethisch viel verträglicher.“

„Auch ich habe das Thema Eroberung von seinem militärischen Makel befreit“, säuselt der „Frauenheld“, ein Lockenkopf mit Dreitage-Bart, der – auf der Leinwand oder davor – ausschließlich Damen eroberte. „Mit höchstens sanfter Gewalt“, fügt er hinzu.

„Klingt lustvoll“, finden wir und halten nach seinem Gegenpart Ausschau, der „Männerheldin“. Kommt aber niemand. Wahrscheinlich gibt es das Wort gar nicht.

Die nächsten Heroen entstammen der Jetztzeit. Es sind die „Helden unserer Kindheit“, Trickfilm- oder Bilderbuchfiguren wie Heidi, Conni mit der Schleife, Pippi und der merkwürdige Captain Sharky. Mit Heldentaten scheinen sie wenig am Hut zu haben – abgesehen von Pippi, die wie Herkules Tiere dressierte, oder Heidi, die das schlimme Heimweh besiegte. Trotzdem werde ihrer regelmäßig gedacht, etwa in unzähligen Youtube-Filmen.

„Gibt’s denn heute gar keine echten Helden mehr? Seid ihr der maskulinen Wucht, des aufopferungsbereiten Kampfgeists und der Todesverachtung müde?“ fragt einer der Nationalhelden bestürzt. Während wir, stolz auf unsere Emanzipation von Heldenverehrern zu Demokraten, die Achseln zucken, stößt jemand ungelenk eine auf dem Tisch liegende Playstation zu Boden. Sie zerbricht – und es entschlüpfen ihr die erbarmungslosesten Helden aller Zeiten, bis an die Zähne bewaffnet und bekannt dafür, das Böse in jeder Form zu vaporisieren oder zu eliminieren. Wir erschrecken, fassen uns aber schnell und staunen über die „neun verschiedenen Heldenklassen von Heroes of Warcraft“, die „Dienerklasse Elementar“ und ihre „Lebensentzugs-Mechanik“. Eins haben wir nämlich gelernt: Helden können fast alles einstecken: Schläge, Folter, Häme. Aber nur selten: Kritik.

Foto: Michael Fink

Michael Fink

Michael Fink ist Autor und Fortbildner.

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