Juchheißa, bei Regen und Wind!

Trudering, ein Stadtteil am Rande Münchens, war vor langer Zeit ein Dorf, das in den Wald hineinwuchs. Noch heute erkennt man das, obwohl zahlreiche Wohngebiete sich in diesem Stadtteil ausbreiten: Einfamilienhäuser mit Gärten und moderne Wohnblocks nebst Einkaufzentren, Schulen, Kindergärten und Spielplätzen. Heute wirkt Trudering weder städtisch noch ländlich und lässt Raum zum Atmen. Der Blick aus vielen Fenstern fällt nicht gleich auf die nächsten Mauern, sondern geht ins Weite. Das macht neugierig.

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Die drei- bis sechsjährigen Kinder der Freilandgruppe 1 ziehen sich an: Gummistiefel, wasserdichte Hosen, warme Jacken und Mützen. Wer fertig ist, wartet im Garten auf die Erzieherinnen Fini Rüping und Clarissa Körner-Bertele, die den Jüngsten beim Anziehen helfen. Als alle beisammen sind, zählt Severin und stellt fest: Es sind 14 Kinder, drei Erwachsene und ein Bollerwagen.

„Welcher Tag ist heute?“ fragt Clarissa. „Heute ist Donnerstag. Es ist wolkig, aber man sieht auch bisschen Sonne“, sagt Severin. Das Thermometer an der Terrasse des Kinderhauses zeigt 8 Grad an.

Im Umfeld des Münchner Kinderhauses Felicitas-Füss-Straße leben viele Familien. Mehr als 60 von ihnen entschieden sich bewusst für die Freilandpädagogik, die das Konzept des Kinderhauses prägt und allen Kindern jeden Tag bei jedem Wetter den Aufenthalt im Freien ermöglicht – entweder auf dem Außengelände oder bei Erkundungen im näheren und ferneren Umland, zu denen sich die beiden Freilandgruppen auf den Weg machen.

„Wo gehen wir hin?“ fragt Clarissa. „In den Wald“, sagen die Kinder und spurten los. „Treffpunkt: Stein!“ ruft Fini ihnen hinterher. „Wenn sie rennen wollen, machen wir einen Haltepunkt aus, einen Baum oder den Stein da hinten.“

Der Stein ist ein Findling am Rande des Weges, der sich durch eine Grünanlage zwischen dem Kinderhaus, einer Grundschule und lauter Wohnblocks windet. Autos gibt es hier nicht, allenfalls mal einen Radfahrer.

Tobias zieht den Bollerwagen. Jetzt geht es bergauf, er muss sich anstrengen. Als Alina ihn ablösen will, hat er noch genug Kraft und vertröstet sie auf später. Da ruft es von hinten plötzlich: „Hallo! Hallo!“ Alle drehen sich um. Am Gartenzaun des Kinderhauses stehen etliche Daheimgebliebene und winken. Die Freilandgruppe 1 winkt zurück.

Zwar hat München viele Parks, aber dort gibt es Regeln. Wilde Spiele sind nicht erlaubt. Deshalb sind die Kinder so gern im Wald, erzählen abends ihren Eltern davon und locken sie am Wochenende an die Orte ihrer Abenteuer. Ein Nebeneffekt der Freilandpädagogik: Familien, die sich aus dem Kinderhaus kennen, verabreden sich sonntags im Wald, freunden sich an und unternehmen etwas miteinander. So entstehen soziale Kontakte in der Nachbarschaft, was sonst eher selten ist, weil jeder in seiner Wohnung hockt und seiner Wege geht. Hieß es früher, dass Rausgehen gesund ist, schnappt man heute mal kurz frische Luft auf dem Balkon und trainiert überflüssige Pfunde im Fitness-Center ab. Schon die Kinder sind „voll verplant“: Kindergarten, Schule, Hausaufgaben, Ballett, Sportgruppe. Nicht erst seit gestern kommen Berufspraktikantinnen ins Kinderhaus, die fast ausschließlich in Räumen aufwuchsen. Kaum eine von ihnen möchte von sich aus täglich mit den Kindern rausgehen, schon gar nicht bei Regen und Wind. Weil die jungen Frauen nur wenig intensive Naturerlebnisse hatten, erinnern sie sich weder an Bilder noch an Gerüche, wenn die Erzieherinnen berichten, was sie mit den Kindern im Walde oder auf dem Weg dorthin erlebten. Die PC-Generation geht im digitalen Wald spazieren.

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Wir erreichen einen Hügel, auf dem die Kinder im Winter Schlitten fahren, und treffen eine Dame, die mit ihrem Enkelkind und einem Hund unterwegs ist. Die Kinder erklimmen den Berg – ein natürliches Bewegungsangebot –, und Joschi rutscht aus, weil es an manchen Stellen glitschig ist.

„Hier oben sind viele Glasscherben!“ ruft Severin. Orte wie der Hügel ziehen auch die Jugendlichen an, erfahre ich, die die Reste ihrer Lustbarkeiten mitunter zurücklassen. Die Kinder lesen das Zeug auf – dafür gibt es Arbeitshandschuhe und Plastikbeutel im Bollerwagen. Pfandflaschen bringen sie später zurück zum Supermarkt. Das Geld kommt in die Eis-Kasse.

Während einige Kinder mit Fini den Müll einsammeln, sitzen zwei Jungen dicht nebeneinander auf einem Holzgeländer am Hügel und erzählen sich was. „Der Zusammenhalt zwischen den Freilandkindern ist groß“, sagt Clarissa. „Natürlich spielen sie mit ihren Freunden, aber wenn die nicht da sind, nehmen sie das nächste Kind – egal, wie alt es ist.“

Hochglanz-Zeitschriften wie „Landlust“ belegen, dass die Sehnsucht nach der Natur und dem einfachen Leben wächst. Das Phänomen ist übrigens nicht neu. Als die Städte sich mit der Industrialisierung ausbreiteten, hängten die Leute sich romantische Landschaften übers Sofa. Später gingen sie auf die Straße: Stopp, wir brauchen keine dritte Startbahn! Wir brauchen begrünte Häuser, müssen anders bauen und wollen anders leben!

Doch es ist nicht leicht, aus vorgegeben Bahnen auszubrechen und andere Prioritäten als die Mehrheit zu setzen, selbst wenn der Körper protestiert. Jede Erzieherin kennt das: Montags sind die Kinder vor ungestillter Bewegungslust rappelig und zapplig, weil sie das ganze Wochenende in geschlossenen Räumen verbrachten.

Jetzt stehen wir vor dem Wäldchen. Manche Kinder wollen den linken Weg nehmen, manche den rechten, der zum schiefen Baum führt. Also wird abgestimmt. Für den Weg zum schiefen Baum entscheiden sich elf Kinder. Die Minderheit, drei Mädchen, ist unzufrieden mit dem Ergebnis. Da schlägt ein Junge vor, beim nächsten Mal den anderen Weg zu nehmen. Auf diese Verabredung lässt sich die Minderheit schließlich ein.

Ein Pfad führt uns dem schiefen Baum entgegen. An Rande wachsen Pilze im Unterholz: Hallimasch, erfahre ich. Sie sind nicht giftig, haben aber schon Frost abbekommen. Trotzdem wird einer mitgenommen und im Bollerwagen deponiert – als Mitbringsel für die Daheimgebliebenen…  

… die sich auf dem Außengelände des Kinderhauses tummeln können. Wenn sie intensiv bauen oder malen, stehen sie irgendwann auf und streben nach draußen. Das heißt: Sie erkennen ihre Bedürfnisse und können sich selbst regulieren. Bestimmen Erwachsene, wann sie das Haus verlassen dürfen, dann verlernen sie das.

Aufräumen müssen die Kinder vorher nicht, denn vielleicht möchten sie weiter malen oder bauen, wenn sie zurückkommen. Es kann auch sein, dass andere Kinder die Bauwerke inzwischen verändert haben. All das ist ein fließender Prozess, in den sich schon Krippenkinder umstandslos einfügen. Wollen zwei in den Garten, muss die Erzieherin weder alle Kinder anziehen noch den beiden Hinausstrebenden sagen: „Geht nicht.“

Haben schon die Jüngsten die Möglichkeit, hinauszukrabbeln, dann dauert es nicht lange, bis sie die weitere Umwelt erkunden wollen. Erst der neugierige Blick über den Gartenzaun auf das, was dahinter passiert – dann folgen der Aufbruch und die Erkundung des Neuen.

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Wir sind am schiefen Baum angelangt, eine umgestürzte, bemooste Esche, deren Wurzeln noch in die Erde reichen. Einer ihrer Äste wuchs senkrecht weiter, bekam genug Licht und wurde zu einem neuen, ziemlich starken Baum. Die Esche lebt also noch. Weil sie mit Moos bewachsen ist, ist ihr Stamm rutschig und bietet keinen guten Halt für Gummistiefel. Macht aber nichts, die Kinder balancieren trotzdem darauf. Andere verteilen sich im Gelände, und ich merke: Sie kennen es gut. Einige finden einen kleinen Bovist und einen großen Parasol. Der Parasol ist essbar. Das wissen auch die Schnecken, die sich daran gelabt haben.

Nachdem sich das Team der Freilandpädagogik verschrieben hatte, fiel auf: Das Leben draußen war anders. Alle – Kinder wie Erwachsene – waren entspannter, fühlten sich wohler. Die Kinder spielten intensiver, weil nichts vorgegeben war und es viel Platz gab.

Als erkennbar war, was das Draußen-Sein bringt, verwandelte das Team mit den Eltern – beraten von dem Umweltexperten und Gartenplaner Herbert Österreicher – das Außengelände in einen Naturerlebnis-Raum mit Steinen, Kräutern, kleinen Hügeln und Weidenhäuschen. Das war möglich, weil die damalige Leiterin der Abteilung Kinderkrippen und Kindertagesbetreuung das Konzept gut fand und seine Umsetzung unterstützte, denn sie konnte sich daran erinnern, wie viel Freiheit sie hatte, als sie ein Kind war.

Um Bedenken besorgter Eltern auszuräumen, dass es draußen zu Unfällen kommen könnte, dokumentierte das Team, wie die Kinder sich das Außengelände und später das Umfeld des Kinderhauses aneignen, und zwar bei jedem Wetter. Ein Kinderarzt begleitete das Team. Es zeigte sich: Draußen machen die Kinder das, was sie sich zutrauen. Selbst wenn sich in der kalten Jahreszeit der Honig beim Frühstück auf der Terrasse kaum noch vom Löffel löste, wurden die Kinder nicht öfter krank als zuvor. Ganz abgesehen davon, dass sich Fragen nach naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten wie von selbst ergaben und Projekte entstanden, in denen die Kinder diesen Fragen nachgingen: Warum ist kalter Honig nicht flüssig? Experimentierkästen brauchten sie dazu nicht.

Die Sorge, dass ältere Kinder jüngere überrennen und womöglich verletzen würden, erwies sich ebenfalls als unbegründet – schon allein, weil es auf dem Außengelände keine vorgefertigten Spielgeräte wie Türme mit Hängebrücken und damit keinen Anlass zum Reglementieren gibt, das die Kinder einschränkt. Selbst „verhaltensoriginelle“ Kinder legen sich vielleicht mal mit den Erwachsenen an, aber den Kleinen tun sie nie etwas. Das ist kein Wunder, denn die natürliche Altersstruktur, in der Menschen überall auf der Welt leben, ist nun mal gemischt. Nicht von ungefähr lautet ein Sprichwort: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. Von einem „Nest“ ist nicht die Rede.

In einem umgestürzten Baum stecken Schrauben und Nägel, sehe ich und wundere mich. Die Kinder erklären mir, dass die Freilandgruppe 2 mal ausprobieren wollte, wie man Schrauben in Holz dreht und Nägel einschlägt. Jetzt erkenne ich sogar Sägespuren, ganz regelmäßige, und weiß: Manchmal wird der Bollerwagen nicht nur mit der Verpflegung, sondern auch mit Werkzeug beladen.

Langsam bekommen die Kinder Hunger. Alle setzen sich auf den schiefen Baum und vespern: Weintrauben, Apfelstückchen, Tee oder Wasser. „Nein, es sind nicht alle Kinder“, sagt Meike, denn Sami und Quirin sitzen woanders.

Später entsteht an einer dünnen Tanne ein Tipi: Die Kinder schleppen abgebrochene Äste herbei und lehnen sie an den Stamm der Tanne. Ein zweites Tipi ist schon in Arbeit, Severin und Fini bauen es.

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Im Dschungel von Sicherheitsbestimmungen und missverstandener Aufsichtspflicht vergessen viele Erwachsene, worauf es ankommt, und räumen Kindern alles aus dem Wege. Das Ergebnis: Langeweile, Unsicherheit und – Plumps, denn bei der ersten Bodenwelle fallen sie auf die Nase, die im Indoor-Kindergarten groß Gewordenen jeden Alters.

Fotos: Kinderhaus Felicitas-Füss-Straße, München

 

Edeltraud Prokop und Herbert Österreicher
Zehn Thesen zur Freilandpädagogik
Aus dem pädagogischen Konzept des Münchner Kinderhauses Felicitas-Füss-Straße
1. Der eigene Körper
Bewegung ist ein elementares kindliches Bedürfnis. Freies, auch unwegsames Gelände ist ein Trainingsfeld zur Wahrnehmung der Möglichkeiten und Fähigkeiten des eigenen Körpers.
2. Anpassung an den Witterungsverlauf
Der Mensch stellt sich auf unterschiedliche Witterungsverhältnisse ein. Der Körper, der Temperaturschwankungen ausgesetzt ist, lernt, sich diesen Verhältnissen anzupassen.
3. Überraschende Situationen
Häufig wechselnde und überraschende Situationen sind Auslöser für unterschiedliche Erfahrungen und Reaktionen, durch die psychisch-emotionale Lernprozesse verstärkt und unterstützt werden.
4. Gruppen- und Solidaritätsgefühl
Kinder in der Ausnahmesituation des Unterwegsseins und häufigen Ortswechsels gehen mit sich und anderen Menschen vorsichtiger und verantwortungsbewusster um und zeigen ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit.
5. Kennenlernen von Dingen und Strukturen
Die Kinder entwickeln ein Eigenleben. Mit Lust und Neugier experimentieren sie mit den neuen Entdeckungen.
6. Räumliche und zeitliche Wahrnehmung
Die Raum- und Entfernungswahrnehmung sowie das zeitliche Vorstellungsvermögen werden verstärkt gefördert.
7. Lernmethodische Kompetenzen
Häufig wechselnde Situationen und immer wieder neue Erfahrungen erfordern und unterstützen ein Lernen, bei dem Kinder unmittelbar erleben, wie Wissen erworben und Lernen organisiert werden kann.
8. Selbstregulation
Räumliche und zeitliche Freiräume erleichtern es Kindern, ihre eigenen Bedürfnisse und deren Befriedigungsmöglichkeiten genauer wahrzunehmen. Eine solcherart gesteigerte Sensibilität verbessert entscheidend die Fähigkeit zur Selbstregulation.
9. Suchtprävention
Der Aufenthalt im freien Gelände leistet durch die Förderung von Selbstständigkeit, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein einen wesentlichen Beitrag zur gesunden körperlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung der Kinder.
10. Lebens- und Arbeitszufriedenheit
Die Freilandpädagogik kann wesentlich zu einer höheren individuellen Zufriedenheit von Kindern und Erwachsenen beitragen, was sich wiederum positiv auf zahlreiche Bereiche der individuellen Entwicklung und des sozialen Miteinanders auswirkt.
Erika Berthold

Erika Berthold ist freie Journalistin und Redakteurin bei wamiki.

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