Navigieren im „Raum der Gründe“

Was können wir tun, um die Welt zu retten? Miteinander reden – besonders mit Kindern. Und zwar auf eine besondere Weise.

Neulich berichtete eine Entwicklungspsychologin von einer Nachhaltigkeitskonferenz, auf der Fachleute darüber diskutierten, was man tun könne, um die Welt zu retten. Man müsse die brain power, also die Gehirnkraft, stärken. Man müsse dafür sorgen, dass sich Rationalität entwickeln kann, dass Kinder so früh wie möglich in den „Raum der Gründe“1 eintreten und lernen, Perspektiven zu wechseln, Hypothesen zu bilden, Sachverhalte von verschiedenen Seiten zu betrachten und Folgen abzuschätzen. Aber was ist das überhaupt, der „Raum der Gründe“?

Diesen Raum darf man sich nicht dreidimensional vorstellen wie ein Zimmer. Es ist ein gedanklicher Raum, in den man eintreten und darin zu navigieren lernen kann. Das schafft man jedoch nicht allein. Man braucht dazu einen Dialogpartner, der gedankliche Schritte auf eine bestimmte Weise mitvollzieht und dadurch den Gebrauch der Handwerkszeuge im „Raum der Gründe“ einzuüben hilft.

Welche Dialoge führen in den „Raum der Gründe“1?

Es geht also um den Dialog. In unserem Fall um den Dialog mit Kindern, der im Kita-Alltag nach wie vor viel zu kurz kommt. In 90 Prozent der Zeit initiieren pädagogische Fachkräfte keinerlei dialogische Interaktionen, die nicht als Aufforderungen gedacht sind. Die verbleibenden 10 Prozent gehen für Begrüßungen, kurze Fragen und Antworten drauf. Nur Aufforderungen kommen häufig vor: „Holst du bitte mal die Schere?“ „Essen ist fertig!“ Meist geht es darum, alltägliche Abläufe zu organisieren und zu besprechen, wer was zu tun hat. Deshalb nennt man diese Interaktionen organisatorische Dialoge.

Kommen Sprechakte in Kitas vor, die nicht organisatorisch sind, sind sie fast immer deskriptiv und normativ, also beschreibend und bewertend. Besprochen wird, was gerade los ist, was passiert ist, was jemand erlebt, gehört oder gesehen hat. Ein typischer Kita-Dialog: „Warst du wieder bei Opa?“ Ja. „Wart ihr wieder angeln?“ Ja. „War es schön?“ Vielleicht fragt die Erzieherin weiter: „Habt ihr wieder einen Fisch gefangen?“ Ja. „Und wie sah der aus?“ All das ist deskriptiv, also beschreibend. So kann man zwar gute Dialoge führen, aber im „Raum der Gründe“ ist man nicht.

Der explikative2 Dialog, das „Navigieren im Raum der Gründe“, beginnt, wenn man überlegt: Wieso ist denn etwas eigentlich so, wie es ist? Wie könnte es anders sein? Vor allem die Warum-Frage, die Frage nach Gründen, eröffnet diesen Dialog. Ein Beispiel: Das Kind war mit dem Opa angeln. Ich frage aber nicht, welche Fische die beiden gefangen haben, sondern: „Wieso angeln Menschen eigentlich? Warum gehen die Fische von sich aus an die Angel? Warum lernen sie eigentlich nicht, dass Würmer an Angeln gefährlich sind, obwohl sie doch so vieles Andere gelernt haben? Was wäre, wenn wir geangelt würden?“ Mit solchen Fragen locke ich das Kind auf eine andere Ebene, nämlich die Ebene des Wieso und Warum. Ich verschaffe ihm Eintritt in den „Raum der Gründe.“

Wie führt man explikative Dialoge?

Leider kommt es in Kitas sehr selten vor, dass Erzieher­innen Aussagen von Kindern nutzen, um mit ihnen in den „Raum der Gründe“ einzutreten und gemeinsam zu überlegen, warum Sachverhalte in der Welt so sind und nicht anders. Dabei dauern solche Dialoge überhaupt nicht länger, sind nicht zeitaufwändiger als ein deskriptiver Dialog wie die Beschreibung der Fische, die Opa und Enkel geangelt hatten. Natürlich ist dieser Dialog auch gut, aber die Erzieherin könnte in der gleichen Zeit mit dem Kind darüber nachdenken, wieso Menschen überhaupt angeln. Dann wäre sie mit ihm im „Raum der Gründe“, was wichtig ist. Deshalb haben wir uns überlegt: Wir müssen eine Technik entwickeln, die es ermöglicht, aus jeder beliebigen Äußerung eines Kindes einen explikativen Dialog zu machen.

Der Einstieg in den explikativen Dialog sind Warum- Fragen, von den Kindern gestellt, die Erwachsene aufnehmen und explikativ weiterentwickeln. Zum Beispiel will ein Kind wissen: „Warum sind auf dem Kugelschreiber bunte Farben, und oben ist Rot?“ Das Entscheidende im „Raum der Gründe“ ist, dass wir Erwachsene mitdenken. Wie das geht, zeigt die Abbildung „Dreischritt“.

Stellt ein Kind eine explikative Frage, würdigen wir das: „Stimmt, oben ist Rot.“ Jetzt müssen wir überlegen: Warum ist eigentlich Rot oben? Was uns eingefallen ist, sagen wir dem Kind: „Vielleicht ist Rot oben, weil es so eine kräftige Farbe ist.“ Das Entscheidende ist, dass wir diese Sicht deutlich als unsere Perspektive benennen. Das heißt nämlich automatisch: Es muss auch andere Perspektiven geben. Andere Menschen denken anders darüber.

Dieser Schritt, selbst eine Hypothese zu bilden, sie dem Kind als echtes Gegenüber zur Verfügung zu stellen – und zwar ohne zu wissen, ob diese Hypothese hundertprozentig richtig ist –, ist ganz wichtig. Wir markieren ihn, indem wir, wenn wir es nicht genau wissen, sagen: „Vielleicht…“ Oder: „Ich denke, es ist so und so…“ Wir zeigen, dass wir unsicher sind.

Der dritte Schritt ist die Rückfrage: „Was denkst denn du?“ „Vielleicht ist Rot oben, weil es eine kräftige Farbe ist. Was meinst denn du?“ Mehr ist nicht nötig, und es dauert nicht lange.

Was tun, wenn Kinder nicht fragen?

Natürlich kann man nicht ewig warten, bis ein Kind endlich eine Warum-Frage stellt. Manche Kinder tun das nie. Aber – und jetzt kommt der Clou: Alle Kinder, besonders die kleinen, äußern Zeige-Sätze: „Guck mal, ein Buch…“ Solch einen Satz kann man als Warum-Frage verstehen und mit dem Kind in einen explikativen Dialog einsteigen. Ein Beispiel: Das Kind zeigt auf ein Buch, das auf dem Fensterbrett liegt. Es fragt nicht, warum das Buch dort liegt, sondern sagt nur: „Guck mal…“ Vielleicht denkt es: Auf dem Fensterbrett liegt doch sonst nichts, aber jetzt… Nun kommt der Dreischritt. Diesmal wissen wir es und tun nicht aus pädagogischen Gründen so, als wüssten wir es nicht: „Stimmt, da liegt ein Buch. Soll ich dir sagen, warum? Ich saß vorhin am Fenster, habe gelesen und das Buch aufs Fensterbrett gelegt, als es an der Tür klingelte. Was dachtest du denn?“ Egal, worauf ein Kind uns im Alltag aufmerksam macht – wir können seine Äußerung immer als Aufforderung zum explikativen Dialog nutzen, und wir enden mit: „Was dachtest denn du?“ oder „Was denkst denn du?“

Schon bei Kleinkindern, die noch keine Warum-Fragen stellen, ist das möglich. Sagt so ein kleines Kind: „Vogel weg!“, würdigen wir die Äußerung: „Ja, der Vogel ist weggeflogen. Vielleicht haben wir ihn erschreckt.“ Ganz kleine Kinder sind mit „Was denkst denn du?“ natürlich überfordert, aber das Dialog-Muster bekommen sie mit und kriegen einen gedanklichen Input darüber, warum ein Sachverhalt, den sie erleben, eingetreten sein könnte.

Mitunter empfiehlt es sich, zwei einander ausschließende Alternativen oder Hypothesen anzubieten, weil die Kinder dann noch einmal ganz explizit hören: Es gibt nicht die eine, allgemeingültige Perspektive. Dem kleinen Kind können wir sagen: „Vielleicht haben wir den Vogel erschreckt. Vielleicht war aber eine Katze in der Nähe, und deswegen ist er weggeflogen.“ Zwar könnten wir auch sagen: „Der Vogel war schwarz, es war eine Amsel.“ Wir beschreiben den Vogel und führen einen deskriptiven Dialog. Viel besser für das „Navigieren im Raum der Gründe“ ist aber der explikative Dialog, weil er das Einüben von Nachdenken und Begründen, also die Entwicklung von Rationalität ermöglicht. Aber: Bitte nicht zu viele Hypothesen bilden, bevor ein Kind zu Wort kommt. Vielleicht sagt es nur: „Ja, stimmt.“ Dann ist der Dialog beendet, und das ist auch gut.

Warum ist Rationalität so wichtig?

Erstens: Wenn Menschen – Kinder und Erwachsene – es schaffen, die eigene Perspektive nicht für die allein gültige zu halten, sondern imstande sind, eine andere Perspektive wahrzunehmen, können sie sich besser vorstellen, dass andere Menschen den gleichen Sachverhalt anders sehen. Das ist – ganz platt gesagt – eine demokratische Grundkompetenz.

Zweitens: Wenn Menschen es schaffen, verschiedene Perspektiven auf Sachverhalte einzunehmen, sind sie in der Lage, autonomer zu handeln, weil ihre Innenwelt reicher ist und sie besser abwägen können, was in Bezug auf ihre Motive und Wünsche sinnvoll ist. Sie lösen sich leichter von starren Vorstellungen, können sich selbst und die Welt anders zu sehen. Das hat nicht nur etwas sehr Erleichterndes, sondern: Autonomes Denken ist für die gesellschaftliche Entwicklung – wenn wir Demokratie verteidigen wollen – etwas ganz Zentrales. Außerdem ist es für die Entwicklung emotionaler Kompetenz wichtig, dass Menschen imstande sind, über die eigenen Gedanken nachzudenken und zu reflektieren. Dann sind sie nämlich empathischer, können sich besser in andere Menschen hineinversetzen und mitfühlen.

Drittens: Dass explikative Dialoge die Denk- und Sprachentwicklung befördern, kann sich jeder vorstellen. Wer imstande ist, zu argumentieren und zu begründen – anderen Menschen und sich selbst gegenüber –, kann Dinge besser durchdringen oder hinterfragen und spricht gut. Man hört ihm gern zu.

Haben Kinder keine Erwachsenen um sich, die sie in den „Raum der Gründe“ locken, dann orientieren sie sich nur sehr schwer und gehen in ganz kleinen Schritten hinein. Sie lernen es nicht, andere Perspektiven einzunehmen. Wer denkt: Ach, das entwickelt sich bei den Kindern schon irgendwie, der irrt sich. Die massive Bildungschancen-Ungleichheit, die wir hierzulande beklagen, rührt auch daher, dass wir davon ausgehen: Das kommt schon. Nein, es kommt nicht, wenn wir in den Kitas und Familien nicht systematisch darauf achten, mit Kindern explikativ zu sprechen, sie in Begründungszusammenhänge hereinzuholen.

Mal ausprobieren?

Jeder Mensch kann lernen, explikative Dialoge zu führen. Man muss zwar ein bisschen üben, aber das macht Spaß. Und plötzlich legt sich eine Art Schalter um: Man hat es drauf!

 

Guck mal, die Schuhe sind nass…

1. Schritt: Ja, sie sind nass.

2. Schritt: Vielleicht standen sie im Regen. Alternative: Es könnte auch sein, dass jemand Wasser drauf gegossen hat.

3. Schritt: Was denkst du?

 

Guck mal, diese Fische haben kleine Beine…

1. Schritt: Tatsächlich, sie haben kleine Beine.

2. Schritt: Ich weiß auch, warum. Es sind nämlich keine Fische, sondern Kaulquappen. Später werden Frösche draus. Das habe ich schon mal ­beobachtet. (Quelle)

3. Schritt: Was dachtest du denn?

 

Noch ein Tipp: Wenn Sie zum ersten Mal explikative Dialoge mit Kindern führen, kann es sein, dass die Kinder Sie verwundert anschauen. Wahrscheinlich sind sie gewöhnt, dass Erwachsene ihnen sagen, wie die Sachen sind. Da ist es schon eine neue Erfahrung, plötzlich nach den eigenen Gedanken gefragt zu werden, ohne dass es Richtig und Falsch gibt. Haben Sie also ein wenig Geduld und bleiben Sie dran. Es lohnt sich, sagen Erzieherinnen, die das ausprobiert haben, und berichten, es habe ihre Art, mit ihren Kindern zu kommunizieren, ganz und gar verändert.

Wie würden Sie die drei folgenden Dialoge führen? Was würden Sie sagen?

Guck mal, Peter hat heute zwei Rucksäcke mit…

1. Schritt:

2. Schritt:

3. Schritt:

 

Du, der Fußboden ist ganz warm…

1. Schritt:

2. Schritt:

3. Schritt:

 

Guck mal, da ist eine Feuerwehr…

1. Schritt:

2. Schritt:

3. Schritt:

 

Vorschläge zum Führen dieser Dialoge finden Sie ganz unten.

 

Und die Eltern?

Höre ich, wie Eltern Warum-Fragen von Kindern beantworten, kann ich mir sofort vorstellen, welche Bildungschancen diese Kinder haben. In vielen Familien gibt es überhaupt keine explikativen Dialoge, sondern die genervte Eltern-Antwort: „Warum? Warum? Du fragst mir noch ein Loch in den Bauch!“ Wahrscheinlich sind das Mütter oder Väter, die sich selbst nur ganz selten gefragt haben: Warum? Wahrscheinlich denken sie, dass es ja sowieso nichts nützt, sich das zu fragen. Schließlich hat man schon genug um die Ohren.

Andere Familien sind mit ihren Kindern ständig im „Raum der Gründe“ unterwegs, in jeder Alltagssituation. Sie denken gemeinsam nach, vermitteln so das Handwerkszeug, das die Kinder brauchen, um in Wissens­beständen zu navigieren, und genieren sich nicht, Un­­sicherheit zu zeigen. Unsicherheit ist auch etwas, das eine Perspektive deutlich macht: Jemand weiß etwas nicht. Niemand weiß alles.

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1 Sellars 1956

2 Explikativ heißt: erläuternd, erklärend

3 epistemisch heißt: wissend, erkennend

 

 

Marie Sander: Unterwegs im „Raum der Gründe“

Mit den älteren Kindern des Kreuzberger Kindergartens St. Thomas machen wir einen Ausflug zum Reichstagsgebäude. Bis ganz hoch in die gläserne Kuppel wollen wir steigen und uns von dort oben Berlin ansehen.

Über die Schillingbrücke, unter der die Spree fließt, laufen wir zum Ostbahnhof. Die Spree werden wir heute noch häufiger sehen. Schon als wir am S-Bahnhof Friedrichsstraße aussteigen, ist sie wieder da. Mahdi denkt darüber nach, ob im Wasser der Spree wohl auch Haie schwimmen. „Wir folgen dem Fluss“, sagt Mira, während wir am Ufer entlang zum Reichstagsgebäude laufen. „Warum sind da Statuen drauf?“ fragt sie, als wir näher kommen.

Die Frage begeistert mich. Mira hat genau hingesehen und kennt so ein seltenes Wort: Statuen. Ich gebe die Frage an die anderen Kinder weiter. Letizia vermutet: „Vielleicht fürs Dekorieren.“ Und Kiyan findet, dass die Figuren Schutzengel sein könnten, damit das Reichstagsgebäude nicht noch einmal zerstört wird.

+++

An dieses Gespräch erinnerte ich mich, als ich Frauke Hildebrandts Beitrag über den „Raum der Gründe“ las. Es fiel mir sogar wieder ein, was die Kinder genau gesagt hatten.

Gespräche im „Raum der Gründe“ müssen übrigens nicht zwangsläufig Dialoge sein. Schon, weil es im Kita-Alltag nicht allzu häufig Eins-zu-eins-Situationen gibt.

Ich freue mich, dass unsere Kinder im „Raum der Gründe“ zu Hause sind. Und so auf dem besten Weg, die Welt zu retten.

Marie Sander ist Erzieherin in der St. Thomas-Kita, Berlin-Kreuzberg.

 

 

Foto: Jan von Holleben

Frauke Hildebrandt

ist Professorin an der Fachhochschule Potsdam. Sie forscht zu kognitiv anregender Interaktion und arbeitet mit Kitas und Grundschulen zu den Themen „Sprachbildung“ und „Übergang Kita-Grundschule“.

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