Acht Impulse zum Thema „Entschleunigung“

Alles wird heute immer schneller. Stimmt das wirklich? Im Bildungssystem Tätige diskutieren mal hektisch und dann wieder unvergleichlich lahm, ob das Tempo beim Lernen eher viel zu hoch oder viel zu niedrig ist.

Denn: Genau so schnell wie jetzt – das ist ja langweilig!

Im Folgenden kommen die Vertreterinnen und Vertreter der wichtigsten Positionen mal kurz zu Wort:

Tanja: „Wir leben in einer Zeit, in der sich niemand mehr richtig langweilen kann“, sagt Tanja und ergänzt gestelzt: „Ich will den Kindern diese Fähigkeit, deren Fehlen ja zweifelsohne überall zu Recht beklagt wird, wieder zugänglich machen.“

„Aha. Und wie verschaffst du Kindern dieses wertvolle Erlebnis, Tanja?“

„Ganz einfach. Ich mache die gleichen drei, vier Angebote, die ich sowieso seit Jahren draufhabe. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie zum Gähnen langweilig die sind! Zum Beispiel das Gummibärchenexperiment…“

Schnarch!

 

Lydia: „Unsere Lydia entwickelt sich ganz schön schnell“, berichten Jürgen und Christa, glückselig lächelnd. „In der Krippe hat sie alle Kompetenzen immer als erste erreicht. Und die Erzieherinnen im Kindergarten hatten für sie eine Extra-Packung Prospekthüllen stehen, um die täglichen Entwicklungsschritte ins Portfolio zu heften. Die Lehrerin in der 1. Klasse war hellauf begeistert, und das Überspringen zweier Klassen war dann nur noch Formsache. Sag doch auch mal was dazu, Lydielein, zeig mal, was du alles schon kannst!“

„Kein Bock, Alter, vergiss es!“

„Ist sie nicht schnell? Erst sieben – und die Pubertät schon fast absolviert!“

 

Renate: Die Evaluationskommission schüttelt sich vor Schreck. „Also, die Füttersituation hat uns leider gar nicht zugesagt. Und dann die Mittagssituation im Sedierungs-Raum! Vom Angebot im Hier-nicht-Tobe-Raum gar nicht zu reden“, fasst die Erste Evaluatorin das Grauen in Worte.

„Das heißt, äh…“, Leiterin Renate räuspert sich, „das mit dem Kleine-Montessori-Forscher-Zertifikat würd eher nüscht?“

„Sieht kritisch aus“, bestätigt die Evaluatorin. „Aber vielleicht wär das ja was für Sie: das Retropädagogik-Zertifikat von Radio Nordseewelle – mit den besten Hits der fünfziger, sechziger, siebziger Jahre!“

 

Hilde: „Mir ist es wichtig, dass Pädagogik nachhaltigen Erfolg hat“, doziert Hilde. „Diese ganzen Bildungsprogramme mit ihren tausend Bildungszielen – das geht den Kindern doch da rein und da raus.“

„Und Ihre Pädagogik schafft das besser, Tante Hilde?“

„Absolut“, strahlt die erfahrene Pädagogin. „Ich vermittle seit Jahrzehnten ausschließlich die Jahreszeitenpädagogik! Und glauben Sie mir – ich wüsste kein Kind aus meiner Kita, das nicht heute noch die vier Jahreszeiten kennt.“

 

Adolf: AfD-Adolf, Oberstudienrat a.D ., trifft eine Fee, die ihm einen Wunsch gewähren will. Adolf zögert nicht lange: „Ich will, dass alles so ist wie früher – mit klaren Regeln, keinen Fremden, pünktlich Mittag und netten Frauen, die sich um einen kümmern…“

„Gewährt“, säuselt die Fee silberhell und erhebt ihren Zauberstab: Glitzerregen!

Adolf sieht um sich und fragt erschrocken: „Wo bin ich?“

„Im Pflegeheim ‚Sorgenfrei ‘! Gitti schiebt dich gerade zum Mittagessen, ist doch schon 10.30 Uhr! Huch husch, keine Trödelei!“

 

Vanessa: „Achtsamkeit – das ist gerade voll mein Thema“, schwärmt Vanessa. „Kinder sollen bei mir lernen: Gerade die kleinen, unscheinbaren Momente sind so wichtig, weil man normalerweise hektisch auf die nächste Attraktion wartet, den nächsten Genuss, die nächste Ablenkung. Ich sage dir: In unserer schnelllebigen Zeit braucht es nichts mehr als die Wiederentdeckung des Wertes lustvollen Wartens.“

„Sehe ich auch so, Vanessa.“ Kollegin Klara nickt. „Aber sollten wir nicht trotzdem mal anfangen, die Blumenkohlsuppe aufzutun? Die Kinder sitzen ja schon fünf Minuten am Tisch…“

 

Thorsten: „Meinem Mann ist es wichtig, dass jeder Schüler in seinem ganz individuellen Tempo lernen kann“, berichtet Frau Dr. Heisterkamp ihrer Bekannten beim Plausch in der Fußgängerzone.

„Und was heißt das konkret?“ rückfragt die Bekannte.

„Das heißt, dass mein Thorsten alle Schüler, die nicht in seinem individuellen Tempo mitkommen, sitzenbleiben lässt“, informiert die Studienratsgemahlin.

 

Else: „Dieses Jahr zum Muttertag schenken wir Ihnen kein selbstgebasteltes Herz und auch keine Deko-Kleider­bügel“, eröffnet Else den Elternabend. „Dafür schenken wir Ihnen das Schönste, was es überhaupt gibt!“

Interessiert blicken die Eltern von ihren Displays auf.

„Und das ist Zeit! Kostbare Zeit, die Sie mit dem wertvollsten Menschen verbringen dürfen, den Sie haben!“

„Ach, Gottchen“, flötet Ildikos Mutter, „ich bin sooo gerührt! Äh, was heißt denn das genau?“

„Na, außerplanmäßig drei Schließtage. Ab morgen!“

Michael Fink

Michael Fink ist Autor und Fortbildner.

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