Wie Bildungs- und Erziehungsprozesse gelingen

Wollen wir Bildungsprozesse fördern, müssen wir sie angemessen moderieren und eine Atmosphäre schaffen, die diese Prozesse unterstützt.
Doch wie kann das gelingen? In einer neuen Beitragsfolge erklärt Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis, welche Ansätze diese grundlegenden Aspekte prozessualer Bildungsqualität enthalten. Teil 1: Ko-Konstruieren

Ich beziehe mich dabei auf die Ansätze von Glenda MacNaughton und Gillian Williams, die in dem Werk „Techniques for Teaching Young Children – Choices in Theory and Practice“ beschrieben werden und eine Grundlage zur Qualifizierung jeder Fachkraft liefern.

Dazu gehören:

1. Bildungsprozesse mit Kindern kooperativ
gestalten (Ko-Konstruieren)

2. Eine lernende Gemeinschaft bilden

3. Mit Kindern philosophieren

4. Kindern Hilfestellung geben (Scaffolding)

5. Problemlösendes Verhalten der Kinder stärken

6. Projekte und Aufgaben analysieren.

 

    Geschenk aus Farben und Blättern

„Nachts spricht der Himmel mit den Bäumen.“ Alice (3 J./9 M.)

1. Ko-Konstruieren

Ko-Konstruieren als pädagogischer Ansatz heißt Lernen durch Zusammenarbeit. Lernen wird also von Fachkräften und Kindern gemeinsam ko-konstruiert. Der Schlüssel dieses Ansatzes ist die soziale Interaktion.

Die Ko-Konstruieren geht aus dem philosophischen Ansatz des Konstruktivismus hervor, nach dem man die Welt interpretieren muss, um sie zu verstehen. Auch Piagets Werk ist von dieser Auffassung geprägt: Nach Piaget lernen Kinder durch die aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt.

Der soziale Konstruktivismus, der auf den Arbeiten Wygotzkis aufbaut, teilt diese Auffassung, sieht jedoch den wesentlichen Faktor für die Konstruktion des Wissens in der sozialen Interaktion. Demnach lernen Kinder die Welt zu verstehen, indem sie sich mit anderen Menschen austauschen und Bedeutungen miteinander aushandeln. Dies schließt ein, dass die geistige, sprachliche und soziale Entwicklung durch die soziale Interaktion mit anderen Menschen gefördert wird. Piaget hingegen ging davon aus, dass Kinder bei der Entwicklung von Sprache und Intelligenz auf sich selbst gestellt sind.

Der Einsatz von Ko-Konstruktion

Fachkräfte können mit Kindern Wissen ko-konstruieren, indem sie die Erforschung von Bedeutung stärker betonen als den Erwerb von Fakten. Um Fakten zu erwerben, müssen Kinder beobachten, zuhören und sich etwas merken. Um Bedeutung zu erforschen, müssen sie Bedeutungen entdecken, ausdrücken und sie mit anderen ­Menschen teilen. Sie müssen die Ideen anderer Menschen anerkennen.

Somit ist die Erforschung von Bedeutungen ein ko-konstruktiver Prozess, in dem Kinder und Erwachsene in einer Gemeinschaft ihr Verständnis und ihre Interpretation von Dingen miteinander diskutieren und verhandeln.

Ko-Konstruktion wird durch Gestaltung, Dokumentation und Diskurs unterstützt. Gestaltung, zum Beispiel Bilder und Fotos, und Dokumentation, zum Beispiel Aufzeichnungen der Fachkraft darüber, was die Kinder äußerten, ermöglichen es Kindern, ihre eigenen Ideen festzuhalten, sie mit anderen Menschen zu teilen und die Ideen dieser Menschen kennen zu lernen. Der Diskurs ist der Prozess, in dem die Kinder über die Bedeutungen sprechen, Bedeutungen ausdrücken, teilen und sie mit ihren Altersgefährten oder Erwachsenen aushandeln, indem sie versuchen, die Ideen und Gestaltungen der jeweils anderen zu begreifen.

In diesem Prozess achten die Fachkräfte auf die Theorien der Kinder, ihre Vermutungen, Widersprüche oder Missverständnisse und diskutieren sie. Dadurch unterstützen sie die Kinder bei der Erforschung der Bedeutungen und fördern nicht die bloße Vermittlung von Fakten.

Das Ziel der Ko-Konstruktion

Durch Ko-Konstruktion können bessere Lerneffekte erzielt werden als durch entdeckendes Lernen oder durch die individuelle Konstruktion von Bedeutung. Indem sie mit Erwachsenen Bedeutungen ko-konstruieren, lernen Kinder, wie man mit anderen Menschen Probleme löst. Deshalb ist Ko-Konstruktion eine wichtige Interventionsmethode, um das aktuelle Verständnis- und Ausdrucksniveau der Kinder in allen Entwicklungsbereichen zu erweitern. Dieser Prozess ist besonders nachhaltig, wenn Fachkräfte die Kinder dazu anregen, mittels unterschiedlicher Medien auszudrücken, wie sie die Welt begreifen.

Beim Ko-Konstruieren von Bedeutung lernen Kinder, dass

• man die Welt auf viele Arten erklären kann,

• man Bedeutungen miteinander teilen und aushandeln kann,

• man Probleme auf unterschiedliche Weise lösen kann,

• man Ideen verwandeln und ausweiten kann,

• man Ideen austauschen kann,

• man sein Verständnis bereichern und vertiefen kann,

• es interessant und bereichernd ist, Bedeutungen
mit Altersgefährten und Erwachsenen gemeinsam
zu erforschen.

  

Geschenke für Bäume: Ohrringe / Herr und Frau Baum

 

Wann kann Ko-Konstruktion eingesetzt werden?

Ko-Konstruktion kann eingesetzt werden, wenn Kinder versuchen, sich ihre Umwelt zu erklären. Nach neuesten Erkenntnissen tun sie dies bereits von Geburt an.

Damit Kinder Bedeutungen ko-konstruieren können, brauchen sie eine Vielfalt an Medien, mit deren Hilfe sie ihr Verständnis von der Welt ausdrücken und anderen Menschen mitteilen können. Diese Hilfsmittel müssen jedoch zu ihrem Entwicklungsstand und ihren Fähigkeiten passen. Vor allem aber brauchen sie Erwachsene, die ihnen aufmerksam zuhören, zusehen und mit ihnen interagieren.

Bei Babys stehen sensorische Erfahrungen im Vordergrund. Deshalb brauchen sie vielfältige Möglichkeiten, ihre Umgebung durch Fühlen, Schmecken, Riechen, Tasten, Hören und Bewegung zu erfahren.

Kleinkinder entwickeln schnell die Fähigkeit, die Welt mittels Sprache, Bildern, Modellen und Bauwerken zu entdecken und zu deuten. Sie besitzen eine große Bandbreite an Gesten und können sich bereits durch Musik, in Rollenspielen, mit Geschichten, Bilder und Bewegungen ausdrücken, um anderen Menschen ihre Erfahrungen mitzuteilen. Die Fähigkeit, sich symbolisch auszudrücken, nimmt bei Vorschulkindern weiter zu.

Im Schulalter können Kinder die Perspektiven und Gefühle anderer Menschen immer besser verstehen. Mit Tanz und Musik können sie ihr Begreifen ausdrücken und mitteilen. Ihre Fähigkeit, Bedeutung zu konstruieren, wächst dadurch.

Nach Gardner können Kinder auf sieben Intelligenzbereiche zurückgreifen, um Bedeutungen zu erarbeiten und mitzuteilen: logisch-mathematische, sprachliche, musikalische, räumliche, körperlich-kinästhetische sowie interpersonale und intrapersonale Intelligenz.

Diese multiplen Intelligenzen geben Fachkräften Anhaltspunkte, wie unterschiedlich Kinder ihre Umwelt wahrnehmen und dadurch neue Bedeutungen konstruieren können: Bäume können auf musikalische Weise erforscht werden, wenn Kinder das Rascheln oder Rauschen der Blätter im Wind entdecken. Mittels Modellen können Bäume räumlich dargestellt werden. Die Bewegungen der Äste im Sturm können tänzerisch nachempfunden werden. So können Kinder sich verschiedene Wahrnehmungs- und Verstehensweisen über das Thema „Baum“ erschließen, sich mit ihren Altersgefährten oder Erwachsenen darüber austauschen und in diesem Prozess Bedeutungen ko-konstruieren.

   

 

Welche spezifischem Aspekte der Ko-Konstruktion sind zu berücksichtigen?

Der Prozess der Ko-Konstruktion wird oft als eine Möglichkeit gesehen, den Kindern in den Einrichtungen größeres Gewicht bei der Gestaltung von Lernprozessen zu geben. Doch Kinder haben unterschiedliche Ausdrucksfähigkeiten, und Schweigen wird schnell unterschätzt, obwohl es eine eigene Form des Ausdrucks sein kann.

Der interkulturelle Aspekt

Die kulturelle und ethnische Identität von Kindern kann den Prozess der Ko-Konstruktion beeinflussen. Dabei spielt das Selbstbewusstsein, das nötig ist, um eigene Sichtweisen anderen Menschen gegenüber zu vertreten, eine wichtige Rolle. Kinder, die sich in zwei kulturellen Gruppen bewegen, befürchten mitunter, in keiner der Gruppen bestehen zu können. Sich Menschen gegenüber auszudrücken, die andere Erfahrungen gemacht haben als sie, fällt manchen dieser Kinder schwer, und sie entwickeln deshalb geringeres Selbstvertrauen. Zudem verwenden sie eventuell kulturspezifische Ausdrucksweisen, die anderen Menschen unvertraut sind oder falsch interpretiert werden.

Ko-Konstruieren kann die Entwicklung von Selbstvertrauen fördern, weil die Kinder gezielt ermutigt werden, ihre individuellen Meinungen auszudrücken. Außerdem erleben sie, dass sich ihre Altersgefährten und Erwachsene dafür interessieren, was sie zu sagen haben, und dies schätzen.

Zudem vermittelt Ko-Konstruktion die Bereitschaft, die Sichtweisen anderer Menschen zu verstehen und zu respektieren. Dadurch wachsen das Bewusstsein für und die Wertschätzung von Unterschiedlichkeit.

Der geschlechtsspezifische Aspekt

In der Regel wollen Jungen Konflikte eher durch körperliche Gewalt und Aggression lösen, während Mädchen Sprache, Argumentation und Verhandlung bevorzugen. Deshalb ziehen sich Mädchen in gemischt-geschlechtlichen Gruppen leicht zurück. Dies könnte dazu führen, dass die Jungen im ko-konstruktiven Prozess dominieren und vorwiegend ihre Bedeutungen Gehör finden.

Fachkräfte können den Ausgleich fördern, indem sie Mädchen ermuntern, Bedeutungen zu konstruieren, und Jungen dazu anhalten, ihre Argumente oder Meinungen stärker sprachlich auszudrücken.

Kinder mit besonderen Bedürfnissen

In Gruppen, zu denen Kindern mit besonderen Bedürfnissen gehören, kann Ko-Konstruktion zu einem bereichernden Prozess werden, wenn die Kinder eine große Spannbreite von Möglichkeiten erhalten, sich ihren spezifischen Fähigkeiten entsprechend auszudrücken. Mädchen oder Jungen, die Sprachschwierigkeiten haben, können gezielt ermutigt werden, sich über Bilder, Musik oder Bewegung auszudrücken.

Aufgabe der Fachkräfte ist es, dafür zu sorgen, dass alle Kinder lernen, Diversität zu achten, weil sie erleben, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, die Welt wahrzunehmen, und unterschiedliche Weisen, sich darüber mitzuteilen. Jede Art und Weise verdient Respekt.

 

Geschenke für Bäume: Armreifen aus Ton

Wie schließt man mit einem Baum Freundschaft?

 

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