Gedicht: Rainer Maria Rilke

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Ach, wehe, meine Mutter reißt mich ein.

Da hab ich Stein um Stein zu mir gelegt

und stand schon wie ein kleines Haus,

um das sich groß der Tag bewegt,

sogar allein. Nun kommt die Mutter,

kommt und reißt mich ein.

 

Sie reißt mich ein, indem sie
kommt und schaut,

sie sieht es nicht, dass einer baut –

sie geht mir mitten durch die Wand
von Stein.

Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

 

Die Vögel fliegen leichter um mich her,

die fremden Hunde wissen: das ist d e r –

nur einzig meine Mutter kennt es nicht,

mein langsam mehr gewordenes Gesicht.

Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind.

 

Sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind,

sie liegt in einem hohen Herzverschlag

und Christus kommt und wäscht sie
jeden Tag.

 

Foto: as_seen/photocase.de

Gedicht: Joachim Ringelnatz

Abschiedsworte an Pellka

Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,

Du Ungleichrunde,

Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,

Du Vielgequälte,

Du Gipfel meines Entzückens.

Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens

Mit der Gabel! — Sei stark!

Ich will auch Butter und Salz und Quark

Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.

Musst nicht so ängstlich dampfen.

Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.

Soll ich Schnittlauch über dich streun?

Oder ist dir nach Hering zumut?

Du bist so ein rührend junges Blut.

Deshalb schmeckst du besonders gut.

Wenn das auch egoistisch klingt,

So tröste dich damit, du wundervolle

Pellka, dass du eine Edelknolle

Warst, und dass dich ein Kenner verschlingt.

 

Foto: Nonmin, Photocase

Gedicht: Dieter Mucke

Die treffende Antwort

Spricht jemand von oben
herab zu dir
Mit lauter Worten
wie aus Papier

Kannst du getrost
und unbesehen
Dir kleine Kugeln
daraus drehen.

Schnips sie zurück
und sage: Hier
Sammle doch
selber dein Altpapier!

 

Foto: NINEmade.de/photocase.de

Gedicht: Heinrich Detering

Kilchberg

täglich andere Ängste

und immer dieselbe Angst

die erste die letzte die längste

dass du nicht langst

 

dass du nie genug bist

dass du nie genügst

dass deine Sicherheit Lug ist

dass du lügst

 

Angst vor offenen Plätzen

Gier nach dem eigenen Platz

nachts das alte Entsetzen

morgens der nächste Satz

 

Gedicht: Gerhard Gundermann

in der nachbarschaft

der rentner im garten

nebenan lebt gesund

er rülpst wie ein schwein

da erschreckt sich mein hund

mein hund zerrt dafür

seine alte vom rad

und die fällt ins gewächshaus

und verteilt den salat

 

refrain:

inner nachbarschaft, inner nachbarschaft

inner nachbarschaft

 

der rentner im garten

nebenan ist schwer krank

seine alte lässt er schindern

er liegt auf der bank

nur wenn sich meine große tochter

auf der hollywoodschaukel sonnt

da geht sein blutdruckmesser kaputt

 

refrain:

inner nachbarschaft, inner nachbarschaft

inner nachbarschaft

 

der rentner im garten

nebenan rüstet auf

er hat sich n stereorekorder gekauft

sein heino hat all meine rosen geknickt

doch jetzt schlag ich mit

nina hagen zurück

 

refrain:

inner nachbarschaft, inner nachbarschaft

inner nachbarschaft

…und wir müssen drin bleiben

Foto: eyelab / photocase.de

Gedicht: Gottfried August Bürger

Mittel gegen den Hochmut der Großen

Viel Klagen hör’ ich oft erheben

Vom Hochmut, den der Große übt.

Der Großen Hochmut wird sich geben,

Wenn unsre Kriecherei sich gibt.

 

 

Foto: Pippilotta, photocase

Das Gedicht: Bertolt Brecht

Der Schneider von Ulm
(Ulm 1592)

Bischof, ich kann fliegen

Sagte der Schneider zum Bischof.

Paß auf, wie ich’s mach!

Und der stieg mit so ’nen Dingen

Die aussahn wie Schwingen

Auf das große, große Kirchendach.

Der Bischof ging weiter.

Das sind lauter so Lügen

Der Mensch ist kein Vogel

Es wird nie ein Mensch fliegen

Sagte der Bischof vom Schneider.

Der Schneider ist verschieden

Sagten die Leute dem Bischof.

Es war eine Hatz.

Seine Flügel sind zerspellet

Und er liegt zerschellet

Auf dem harten, harten Kirchenplatz.

Die Glocken sollen läuten

Es waren nichts als Lügen

Der Mensch ist kein Vogel

Es wird nie ein Mensch fliegen

Sagte der Bischof den Leuten.

Foto: Stadtarchiv Ulm

Das Gedicht: Chetan Akhil

Konkurrenz beginnt im Samenstrang

Und in den Katakomben potentieller

Arterhaltung setzt sie sich fort.

Vom olympischen Impuls gelenkt,

tritt jeder gegen jeden an.

Applaus gilt nur dem Sieger, der

erschöpft den gläsernen Pokal

in Händen hält,

durch den sein müder Blick

wie durch die

Linse eines Objektivs auf das

Schlachtfeld

sich amüsierender Verlierer fällt.

 

Foto: vign/photocase.de

Das Gedicht: Robert Gernhardt

Keine Kunst ohne Künstler

Zum Beispiel Bilder:

So eine Zeichnung, die
kommt doch nicht von ungefähr!
Da schaut erst jemand hin,
und dann zeichnet er.

Oder Prosa:

So ein Roman, der
fällt doch nicht vom Himmel, Mann!
Da nimmt sich jemand Zeit,
und dann schreibt er dran.

Oder Lieder:

So ein Lied, das
wächst doch nicht von allein!
Da denkt erst jemand nach,
und dann fällt’s ihm ein.

Oder Lyrik:

o ein Gedicht, das
schreibt sich doch nicht selber hin!
Da formt jemand das Wort,
und das macht dann Sinn.

Oder Unsinn.

 

Foto: photocase, The Riley Shot

Gedicht: Marie von Ebner-Eschenbach

 

Das Schiff

Das eilende Schiff, es kommt durch die Wogen

Wie Sturmwind geflogen.

Voll Jubel ertönt’s vom Mast und vom Kiele:

„Wir nahen dem Ziele.“

Der Fährmann am Steuer spricht traurig und leise:

„Wir segeln im Kreise.“

 

 

Teaserfoto: photocase

Gedicht: Mascha Kaléko

Mein schönstes Gedicht

Mein schönstes Gedicht?

Ich schrieb es nicht.

Aus tiefsten Tiefen stieg es.

Ich schwieg es.

 

 

Teaserfoto:

Gedicht: Georg Heym

Alle Landschaften

Alle Landschaften haben

Sich mit Blau erfüllt.

Alle Büsche und Bäume des Stromes,

Der weit in den Norden schwillt.

 

Leichte Geschwader, Wolken,

Weiße Segel dicht,

Die Gestade des Himmels dahinter

Zergehen in Wind und Licht.

 

Wenn die Abende sinken

Und wir schlafen ein,

Gehen die Träume, die schönen,

Mit leichten Füßen herein.

 

Zymbeln lassen sie klingen

In den Händen licht.

Manche flüstern und halten

Kerzen vor ihr Gesicht.

 

Foto Teaser: lube / photocase.de