Gedicht: Dieter Mucke

Die treffende Antwort

Spricht jemand von oben
herab zu dir

Mit lauter Worten
wie aus Papier

 

Kannst du getrost

und unbesehen

Dir kleine Kugeln

daraus drehen.

 

Schnips sie zurück

und sage: Hier

Sammle doch

selber dein Altpapier!

 

Angst vor offenen Plätzen

Gier nach dem eigenen Platz

nachts das alte Entsetzen

morgens der nächste Satz

 

Foto: NINEmade.de/photocase.de

Gedicht: Heinrich Detering

Kilchberg

täglich andere Ängste

und immer dieselbe Angst

die erste die letzte die längste

dass du nicht langst

 

dass du nie genug bist

dass du nie genügst

dass deine Sicherheit Lug ist

dass du lügst

 

Angst vor offenen Plätzen

Gier nach dem eigenen Platz

nachts das alte Entsetzen

morgens der nächste Satz

 

Gedicht: Gerhard Gundermann

in der nachbarschaft

der rentner im garten

nebenan lebt gesund

er rülpst wie ein schwein

da erschreckt sich mein hund

mein hund zerrt dafür

seine alte vom rad

und die fällt ins gewächshaus

und verteilt den salat

 

refrain:

inner nachbarschaft, inner nachbarschaft

inner nachbarschaft

 

der rentner im garten

nebenan ist schwer krank

seine alte lässt er schindern

er liegt auf der bank

nur wenn sich meine große tochter

auf der hollywoodschaukel sonnt

da geht sein blutdruckmesser kaputt

 

refrain:

inner nachbarschaft, inner nachbarschaft

inner nachbarschaft

 

der rentner im garten

nebenan rüstet auf

er hat sich n stereorekorder gekauft

sein heino hat all meine rosen geknickt

doch jetzt schlag ich mit

nina hagen zurück

 

refrain:

inner nachbarschaft, inner nachbarschaft

inner nachbarschaft

…und wir müssen drin bleiben

Foto: eyelab / photocase.de

Gedicht: Gottfried August Bürger

Mittel gegen den Hochmut der Großen

Viel Klagen hör’ ich oft erheben

Vom Hochmut, den der Große übt.

Der Großen Hochmut wird sich geben,

Wenn unsre Kriecherei sich gibt.

 

 

Foto: Pippilotta, photocase

Das Gedicht: Bertolt Brecht

Der Schneider von Ulm
(Ulm 1592)

Bischof, ich kann fliegen

Sagte der Schneider zum Bischof.

Paß auf, wie ich’s mach!

Und der stieg mit so ’nen Dingen

Die aussahn wie Schwingen

Auf das große, große Kirchendach.

Der Bischof ging weiter.

Das sind lauter so Lügen

Der Mensch ist kein Vogel

Es wird nie ein Mensch fliegen

Sagte der Bischof vom Schneider.

Der Schneider ist verschieden

Sagten die Leute dem Bischof.

Es war eine Hatz.

Seine Flügel sind zerspellet

Und er liegt zerschellet

Auf dem harten, harten Kirchenplatz.

Die Glocken sollen läuten

Es waren nichts als Lügen

Der Mensch ist kein Vogel

Es wird nie ein Mensch fliegen

Sagte der Bischof den Leuten.

Foto: Stadtarchiv Ulm

Das Gedicht: Chetan Akhil

Konkurrenz beginnt im Samenstrang

Und in den Katakomben potentieller

Arterhaltung setzt sie sich fort.

Vom olympischen Impuls gelenkt,

tritt jeder gegen jeden an.

Applaus gilt nur dem Sieger, der

erschöpft den gläsernen Pokal

in Händen hält,

durch den sein müder Blick

wie durch die

Linse eines Objektivs auf das

Schlachtfeld

sich amüsierender Verlierer fällt.

 

Foto: vign/photocase.de

Das Gedicht: Robert Gernhardt

Keine Kunst ohne Künstler

Zum Beispiel Bilder:

So eine Zeichnung, die
kommt doch nicht von ungefähr!
Da schaut erst jemand hin,
und dann zeichnet er.

Oder Prosa:

So ein Roman, der
fällt doch nicht vom Himmel, Mann!
Da nimmt sich jemand Zeit,
und dann schreibt er dran.

Oder Lieder:

So ein Lied, das
wächst doch nicht von allein!
Da denkt erst jemand nach,
und dann fällt’s ihm ein.

Oder Lyrik:

o ein Gedicht, das
schreibt sich doch nicht selber hin!
Da formt jemand das Wort,
und das macht dann Sinn.

Oder Unsinn.

 

Foto: photocase, The Riley Shot

Gedicht: Marie von Ebner-Eschenbach

 

Das Schiff

Das eilende Schiff, es kommt durch die Wogen

Wie Sturmwind geflogen.

Voll Jubel ertönt’s vom Mast und vom Kiele:

„Wir nahen dem Ziele.“

Der Fährmann am Steuer spricht traurig und leise:

„Wir segeln im Kreise.“

 

 

Teaserfoto: photocase

Gedicht: Mascha Kaléko

Mein schönstes Gedicht

Mein schönstes Gedicht?

Ich schrieb es nicht.

Aus tiefsten Tiefen stieg es.

Ich schwieg es.

 

 

Teaserfoto:

Gedicht: Georg Heym

Alle Landschaften

Alle Landschaften haben

Sich mit Blau erfüllt.

Alle Büsche und Bäume des Stromes,

Der weit in den Norden schwillt.

 

Leichte Geschwader, Wolken,

Weiße Segel dicht,

Die Gestade des Himmels dahinter

Zergehen in Wind und Licht.

 

Wenn die Abende sinken

Und wir schlafen ein,

Gehen die Träume, die schönen,

Mit leichten Füßen herein.

 

Zymbeln lassen sie klingen

In den Händen licht.

Manche flüstern und halten

Kerzen vor ihr Gesicht.

 

Foto Teaser: lube / photocase.de

Gedicht: Sarah Kirsch

Trauriger Tag

Ich bin ein Tiger im Regen

Wasser scheitelt mir das Fell

Tropfen tropfen in die Augen

 

Ich schlurfe langsam, schleudre die Pfoten

die Friedrichsstraße entlang

und bin im Regen abgebrannt

 

Ich hau mich durch Autos bei Rot

geh ins Café um Magenbitter

freß die Kapelle und schaukle fort

 

Ich brülle am Alex den Regen scharf

das Hochhaus wird naß, verliert seinen Gürtel

(ich knurre: man tut was man kann)

 

Aber es regnet den siebten Tag

Da bin ich bös bis in die Wimpern

 

Ich fauche mir die Straßen leer

und setz mich unter ehrliche Möwen

 

Die sehen all nach links in die Spree

 

Und wenn ich gewaltiger Tiger heule

verstehn sie: ich meine es müßte hier

noch andere Tiger geben

 

Teaserfoto: Bratscher / photocase.de

Gedicht: Thomas Rosenlöcher

Das Holz der Rede

Ich komme gleich. Ich ging nur mal hinunter
längs des sich selbst noch durch den sterbenden
Garten geschlängelt fortschleichenden Wegs,
als da der Apfelbaum im frühen Licht
zwar noch an seiner alten Stelle stand,
doch seltsam schief, ein schwarzes Bild des Todes,
und sich, als ich hinzutrat: Halte aus,
langsam vornüber neigte übers Gras
und seinen Stamm auf meine Schulter legte,
dass ich fast umsank unter seiner Last
und bei mir sprach: So ist die Welt.
Der eine fährt Auto und wundert sich nicht,
der andere stützt einen Baum,
während im Nachbargarten
die apokalyptische Säge schon schreit.
Doch jemand muss hier noch die Arbeit machen
und fröhlich sein. Das ist mein Teil.
Denn besser, gerad noch gerade zu stehn,
als gleich begraben zu sein unterm Stamm,
dachte ich in meiner aufrechten Art,
und Regen rann durch meine Hosenbeine,
wenn mich nicht Sonne dankbar dampfen ließ,
ehe du wieder Abendessen riefst
und Dunkelheit auf meinen Schultern ruhte.
So hielt der Baum mich, da ich ihn noch stützte,
und stützte mich, indem ich ihn noch hielt,
und eines Morgens spürte ich im Nacken
ein kitzliges Geschläuf von Fädchen, Spitzen.
Die Staude grünte noch. Und ich, umzwitschert,
inmitten einer Wolke kleiner Knospen,
die weiß, ein rötliches Geschipper lupfte,
glaubte zu schweben unter meiner Last,
so dass ich – als erneut dein Licht vom Haus
herüberschimmerte und sich dein Warten
verhundertfachte oben in den Zweigen –
im Schnee der Blüten schwarz verdämmernd
unter der Sterne eisigerem Schnee –
auch noch das All auf meinem Rücken trug
und nun wohl einschlief, und im Holz der Rede
vor mich hinknarrte: Ja, ich komme gleich.