Moor Myrte und das Zaubergarn

Bilderbuch

Sid Sharp erzählt von zwei Schwestern, die in bitterer Armut leben – und doch kaum unterschiedlicher sein könnten. Beatrice ist freundlich, neugierig und erfinderisch. Magnolia dagegen mürrisch, eigennützig und grausam, nicht zuletzt zu den Spinnen, denen sie genüsslich die Beine ausreißt.

Gerade diese Spinnen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Sie fangen Fliegen im zugigen Haus der Schwestern, spinnen Zauberseide und werden schließlich zu Arbeiterinnen, die sich gegen Ausbeutung wehren. Denn Beatrice erhält von der geheimnisvollen Moor Myrte – einem fabelhaften Spinnenwesen – magische Seide, aus der sie für Magnolia einen wunderbar warmen Pullover strickt. Als dieser zum Verkaufsschlager wird, will Magnolia mehr. Die Spinnen aber streiken.

Magnolia macht sich selbst auf die Suche nach neuer Zauberseide und trifft dabei auf Moor Myrte, die keinerlei Ausbeutung duldet. Alles im Wald hat seinen Platz, nichts ist entbehrlich. Als Magnolia schließlich auch noch den liebevoll gestrickten Pullover mit Füßen tritt, ist das Maß voll: Moor Myrte verwandelt sie in eine Fliege – und frisst sie.

Beatrice hingegen erschafft sich aus Spinnweben und Rattenschwänzen eine neue Schwester und lebt mit ihr weiter. Märchenhaft? Ja. Harmlos? Keineswegs. Mit grellen, grotesken Bildern und scharfem Humor hält Sid Sharp unserer Gesellschaft den Spiegel vor. Das Buch erzählt von Macht und Gier, von Ausbeutung und Widerstand – und davon, wie wichtig Umsicht, Solidarität und Mut sind.

Schlich ein Puma in den Tag

Bilderbuch

Am Anfang sind da nur ein paar helle Striche auf Weiß. Nichts Eindeutiges – nur ein Verdacht. Dann entsteht langsam ein Kopf, Augen blitzen auf: Raubtier. Löwe? Fast. Doch das Bild kippt, wird milchig, wird dunkel. Schwarz schiebt sich darüber, Seite um Seite, bis fast alles verschwunden ist. Fast.

Denn ein Auge bleibt. Und plötzlich ist klar: Kein Löwe. Ein Puma. „Schlich ein Puma in den Tag / regte sich / bewegte sich.“

Das Staunen bleibt nicht nur im Bild: Das Gedicht wächst mit jeder Wiederholung, tastet sich vor, hält Spannung, setzt kleine Brüche. Und dann – als hätten wir selbst ein Kratzwerkzeug in der Hand – kommt das Tier zurück. Die Konturen tauchen wieder auf, Schritt für Schritt freigelegt. Später folgen weitere Wesen: Laubfrosch, Kugelfisch, Leguan, Schleiereule. Immer wieder dieses Leise: Werden, Verschwinden, Wiederauftauchen.

Wenn man das Buch zuklappt, fühlt es sich an, als würde etwas weitergehen. Als könnte gleich das nächste Tier im Papier rascheln – und als wären wir es, die es hervorlocken. Ab 5.

Schlammland

Bilderbuch

„Ich habe einen schlechten Charakter.“ Mit diesem Gedanken beginnt Yukis Weg. Sie fühlt sich übersehen, ungeliebt, falsch. Als ihr Bruder sie widerwillig von der Schule abholt, wirft sie den Haustürschlüssel in einen Gully – und steigt hinab in eine unterirdische Welt ihrer Gefühle.

In Beatrice Alemagnas Bilderbuch wird diese Reise zum Abstieg durch Angst, Wut und Einsamkeit. Orte wie Schlammland, Ärgerwald oder das Museum der Zornobjekte geben Yukis Emotionen Gestalt. Herrscherin dieser Welt ist „Ihre Hoheit Matsch“ – furchteinflößend und zugleich fürsorglich. Sie wächst, wenn jemand gemein war, spiegelt, statt zu verurteilen.

Yuki begegnet Wesen, die Schuldgefühle machen, aber auch trösten. Sie lernt, dass ihre Gefühle Raum haben dürfen. Schritt für Schritt verwandeln sich Angst in Mut, Scham in Selbstvertrauen. Diese inneren Bewegungen spiegelt die Bildsprache: Zeichnung, Kreide und Aquarell treffen auf leuchtendes Neon-Gelb, Pink und Blau.

Als Yuki schließlich wieder auftaucht, ist sie verändert. Sie weiß nun: Sie ist nicht allein mit ihrer Wut. Und sie kennt den Weg zurück zu sich selbst – einen Weg, den sie jederzeit wieder gehen kann. Ab 5.

Das Wunder der Flunder

Bilderbuch

Schon am ersten Schultag wird Moritz missverstanden. In seinem Selbstporträt fehlen die Arme, weil er sie sich hinter dem Rücken denkt – einen schönen Stein haltend. Fußball spielt er nicht, er klettert lieber auf Bäume. Im Kunstunterricht übermalt er die Blumen, weil ihn ihr Streben zum Licht interessiert. Doch Lehrkräfte reagieren mit Unverständnis und Korrektur.

Daniela Leidigs Bilderbuch erzählt sensibel von einem Kind, dessen Wahrnehmung nicht in schulische Erwartungen passt. Immer wieder zeigt sich die Spannung zwischen Anpassung und Entfaltung: Fantasie ist gefragt, aber nur innerhalb enger Grenzen. Pausen sollen frei sein, werden aber gelenkt. Eigene Lernwege sind offiziell erwünscht, scheitern jedoch oft an vorschneller Bewertung.

In Collagen aus Aquarell, Kinderzeichnungen, linierten Papieren und wechselnden Perspektiven macht Leidig diese Schieflage sichtbar. Besonders eindrücklich ist die Geschichte der Flunder im Klassen-Aquarium. Moritz fühlt sich ihr verbunden, malt sie aus dem Gedächtnis – mit beiden Augen auf einer Seite. Die Lehrerin verspottet ihn. Doch im Wunder der Geschichte wandern die Augen der Flunder genau dorthin, wo Moritz sie gesehen hat.

Gemeinsam mit Lana befreit er das Tier und bringt es zum Bach. Dort kann die Flunder endlich tanzen – so wie Moritz seine Buchstaben tanzen lässt. Am Ende gibt es keine Glasscheibe mehr, nur noch Farbe, Nähe und Raum für eigene Sichtweisen. Ab 5.

Kennen wir uns?

BILDERBUCH

Wer trägt eigentlich gerne rote Mützen? Was haben Yara, Gerlinde und der Pizzabote gemeinsam? Und ist der Typ mit dem Tuch auf dem Kopf wirklich so gefährlich, wie er aussieht? Dieses Bilderbuch zeigt mit viel Witz und Wärme: Wir wissen viel weniger übereinander, als wir denken – und haben doch so unglaublich viel gemeinsam.

Auf jeder Seite begegnen wir neuen Figuren, entdecken verborgene Narben, kleine Ängste (zum Beispiel vor Spinnen) und große Freundschaften. Ein Kaleidoskop unseres Alltags, das das WIR feiert und neugierig auf die Menschen um uns herum macht. Bühne frei! Ab 4.

Die Gurkentruppe

KINDERBUCH

Der Titel hält, was er verspricht! In einem Haus im Wald lebt eine höchst eigenwillige Wohngemeinschaft aus Tierfiguren: Schwein, Hase, Bär, Biber und Zebra – alle überzeichnet, liebevoll charakterisiert und wunderbar unperfekt. Angst, Ordnungsdrang, Hyperaktivität oder Heimweh – ihre Eigenheiten sind schrullig, aber in der Gemeinschaft erstaunlich funktional.

Leslie Niemöller formt daraus ein Gute-Laune-Buch für Vor-, Erst- und Zweitlesende. Mit Humor und Feingefühl zeigt sie, wie Verschiedenheit Zusammenhalt stiftet. Die Sprache bleibt klar und kindgerecht, ohne an Poesie zu verlieren. Wortwitz und Situationskomik sorgen für herzhaftes Lachen – unterstützt von Liliane Osers pointierten Illustrationen.

Die Gurkentruppe ist eine vergnügliche Parabel auf Inklusion und das Zusammenleben in Vielfalt.

Ab 5 Jahren.

Buchstabenhausen

BILDERBUCH

Hier wird das ABC zum Abenteuer. Jeder Buchstabe steht für einen Ort, der in lebendiger Dreidimensionalität zum Erkunden einlädt. Vom „Atelier“ bis zum „Zoo“ entsteht eine wimmelnde Stadtlandschaft, die die Lebenswelt von Kindern im Grundschulalter kreativ aufgreift und erweitert.

Die Bilder spielen virtuos mit Perspektive und Tiefe: Während comicartige Figuren flächig bleiben, entfalten die vom Modellbau inspirierten Buchstabenhäuser räumliche Wirkung. Fotorealistische und grafische Elemente verbinden sich zu einem vielschichtigen Ganzen. Auf ihrem Rundgang entdecken die Lesenden kleine Geschichten und Rätsel, die zum Hin- und Herblättern und Weiterdenken anregen.

26 Gedichte zu 26 Orten laden ein zum Lesen, Schauen und gemeinsamen Philosophieren. Jonas Tjäder und Maja Knochenhauer verweben Text und Bild kunstvoll zu einem vieldeutigen Sprach- und Bildspiel. Die Übersetzung von Stefan Pluschkat überträgt den rhythmischen Witz des Originals meisterhaft – und macht Buchstabenhausen zu einem Sprachvergnügen besonderer Art.

Ab 5 Jahren.

Regentag

BILDERBUCH

Es regnet. Bruder und Schwester wollten eine Fahrradtour machen, doch nun schüttet es unaufhörlich. Langeweile breitet sich aus – bis aus den Tiefen der Vorstellungskraft eine Spielidee auftaucht, der viele weitere folgen. Im Reigen ihrer Fantasie bezwingen die Kinder Berge, werden zu Zwergen, die auf Käfern fliegen, und zu Riesen, die Hausdächer überschreiten. Sie steigen in Brunnen, durchwandern Felder und Wälder, verstecken sich, jagen einander, kitzeln sich lachend durch den Tag.

Die fließenden Bilder des Spiels scheinen ineinander überzugehen, zu verjüngen und neu anzusetzen. Die Zeit vergeht, während die Kinder ganz im Spiel aufgehen.

Jens Rassmus erzählt ganz ohne Worte von der Vielfalt kindlicher Imagination. Schwarz-weiße Umrisslinien zeigen die Realität des Kinderzimmers, kräftige Acrylfarben entfalten die weite Welt der Fantasie. Wiedererkennbare Gesten, Haltungen und Gegenstände verbinden beide Ebenen und laden Betrachtende ein, am magischen Verwandlungsspiel teilzuhaben. Bildstark und barrierefrei eröffnet Regentag einen Raum zum Mit- und Nachdenken – und wenn am Ende die Sonne scheint, ist längst klar: Fantasie hellt weit mehr auf als nur einen Regentag.

Ab 4 Jahren.

Oma verbuddeln

Kinderbuch

Drei Kinder erleben Schwerstes: Nachdem die Eltern bei einem Verkehrsunfall umkommen, ziehen sie zur Großmutter, bis auch sie stirbt. Erzähler ist der elfjährige Paul. Er berichtet von Schock und Trauer. Aber auch von neuem Mut und dem wild-verzweifelten Entschluss, keinesfalls ins Heim zu gehen. Pauls Geschichte ist tieftraurig und zugleich befreiend komisch. Denn die Pläne, die er und seine beiden Schwestern verfolgen, um familiäre Eigenständigkeit zu bewahren, sind ebenso genial wie irrwitzig.

Birgit Schössows Buch über den Tod ist alles andere als ein Problembuch. Mit schrägem Humor, Slapstickelementen und viel Wortwitz wird erzähl- und aushaltbar, was das Schlimmste ist (nicht nur für Kinder): Der Tod geliebter Menschen und das Ende einer haltgebenden Vertrauensgemeinschaft. Dass es für Mina, Paul und Annie mit der Nachbarin Frau Matuschke jemanden gibt, der immer zugewandt und fürsorglich für sie da ist, stützt auch junge Leser:innen in ihrem Zutrauen in das Weiterleben nach einschneidenden Verlusten.

Mit bildstarker Sprache, warmherzigem Humor und kriminalistischer Spannung ist dieser mutige Kinderroman eine rasante Hommage an das Leben. Kapiteleröffnende ganzseitige Illustrationen bereiten berührend vor auf die Kraft der erzählten Emotionen. Ab 9 Jahren.

Von hier aus kann man die ganze Welt sehen

Kinderbuch

Die neunjährige Deetje stellt sich viele Fragen nach ihrer Herkunft. Ihren Vater kennt sie nicht. Kontakt zur Familie der Mutter gibt es kaum und die Mutter selbst ist ihr oft fremd. Als ein geheimnisvoller Brief in Deetjes Hände gerät, Absender und Empfangsadresse sind unleserlich, berührt dieser Deetje zutiefst. Hier schreibt jemand vom Vermissen und von der Sehnsucht nach Nähe. Deetjes eigene Sehnsucht wird zum Antriebsmoment für eine Suche nach dem Geheimnis des Briefes. Was sie von den Bewohner:innen ihres Hochhauses erfährt, hat viel mit dem zu tun, was diese vermissen, immer aber auch mit der Sehnsuchtslücke in ihrem eigenen Leben.

Weich und poetisch lässt Enne Koens ihre Ich-Erzählerin einen liebevoll-neugierigen Blick auf verschiedene Lebensrealitäten richten. Das Bedürfnis nach Familie, Freundschaft und Geborgenheit ist allgegenwärtig. Dass Deetje dabei einem Familiengeheimnis auf die Spur kommt, steigert die Spannung dieses warmherzigen Buches und belohnt die Protagonistin für ihr unermüdliches Fragenstellen. Maartje Kuiper’s stimmungsvolle Vignetten in gedeckten Rottönen eröffnen einen Blick in die Fenster der Wohngemeinschaft. Die Übersetzung von Andrea Kluitmann gibt der Erzählsprache eine geradlinige Sanftheit, die sich stimmig mit dem Erzählten verbindet. Ab 10 Jahren

Mut zum Blut

Kinderbücher für eine bessere Welt

… ist ein inklusives Handbuch zum Thema Menstruation! Die Expertin Chella Quint beantwortet alle Fragen rund um die Periode: Sie stellt Menstruationsprodukte vor, erklärt, was im Körper vor sich geht, und zeigt uns, wie wir positiv und ohne Scham mit der Periode umgehen können. Wir haben lange nach einem Buch gesucht, das das vermeintliche Tabu-Thema Menstruation auf positive, inklusive und unterhaltsame Weise vorstellt. Der „Period Positive“-Gründerin Chella Quint ist genau das gelungen: „Mut zum Blut“ enttabuisiert die Periode und bestärkt Kinder und Jugendliche mit ihren Gedanken und Gefühlen zur Menstruation offen und ohne falsche Scham umzugehen. Ab acht Jahren.

Das Optimismus-Paket

Kinderbücher für eine bessere Welt

Die Zeiten sind herausfordernd. Nachrichten voller Unsicherheiten, politische Entwicklungen, die Sorgen bereiten – gerade jetzt fragen sich viele von uns: Wie geben wir unseren Kindern Hoffnung mit auf den Weg? Wie zeigen wir ihnen, dass jede noch so kleine gute Tat einen Unterschied macht? Dass es sich lohnt, mutig zu sein, für sich selbst einzustehen und für andere einzutreten?

Das Optimismus-Paket besteht aus drei liebevoll gestalteten Bilderbüchern, die Kindern und uns zeigen, dass auch in schwierigen Momenten Licht und Zuversicht zu finden sind. Geschichten, die Mut machen, Hoffnung spenden und daran erinnern, dass wir gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten können. Ab drei Jahren.