Naturverhältnisse #wamiki 3/2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie ist Dein Verhältnis zur Natur?

In diesem wamiki-Heft laden wir Dich ein, über unsere Beziehungen zur Natur nachzudenken. Es ist interessant und führt weiter, sich dieser Beziehungen mit Fragen zu widmen, die sonst für zwischenmenschliche Relationen gedacht sind: Führst Du eine feste Beziehung mit der Natur? Oder bevorzugst Du gelegentliche Flirts mit umso mehr Herzklopfen? Vergötterst Du die Natur? Oder siehst Du auch ihre Schattenseiten? Willst Du ihr nach jahrelanger Ferne wieder näher kommen? Zurück zur Natur?

Was erwartest Du von Deiner Beziehung? Soll Dich die Natur im Innersten berühren, Dir beim Auftanken helfen und Dich mit ihrer Schönheit bezaubern? Oder hast Du eher das Gefühl, von der Natur gebraucht zu werden, weil sie ohne Deine Hilfe immer mehr in die Schieflage gerät? Glaubst Du, sie retten zu müssen – oder denkst Du, sie käme ohne Dich und all die anderen Menschen vielleicht viel besser klar?

Betrachtest Du Dich als einen Teil der Natur, sozusagen als ein Familien­mitglied? Oder siehst Du uns zivilisierte Wesen, die angesichts der Digitalisierung immer mehr in virtuelle Welten abtauchen, eher als verlorene Söhne und Töchter?

Welche Rolle spielen Kinder in Deiner Beziehung? Findest Du, dass man die Kleinen vor der Natur schützen muss, weil sie in all ihrer Rohheit und Unberechenbarkeit kreuzgefährlich werden kann? Oder denkst Du, dass sie die eigentliche Pädagogin, eben ein Naturtalent und uns stets überlegen ist – auch im Waldkindergarten?

Fragen, auf die es natürlich viele Antworten gibt. Wir stellen sie trotzdem – aufgrund unserer Pädagogen-Natur – und warten auf Deine Antwort.

Deine wamikis

 

Und hier gehts zur aktuellen Ausgabe unserer Fachzeitschrift wamiki

Die Wurzeln des guten Geschmacks


Warum beginnt eine neue Esskultur beim Anbau? Back to the roots: Wer für den guten Geschmack, für neue, intelligente Lebensmittel kämpft, schützt die biologische Vielfalt und kann damit eine Revolution auslösen. Ein neues Bündnis zwischen Köchen und Bauern ist der natürliche Weg zu nachhaltigen Anbaumethoden und damit zu einem sozialen und kulturellen Wandel: Den Geschmack zu kultivieren lehrt uns, besser und intelligenter zu leben. Carlo Petrini, Gründer von Slow Food und des Agrarnetzwerks Terra Madre, diskutiert mit dem Biologen Stefano Mancuso. Die zerstörerische industrielle Landwirtschaft ist gescheitert, da sind sich die beiden Gesprächspartner einig. Statt lebensfeindlicher Monokulturen, der immensen Vergeudung von Nahrungsmitteln und den immer neuen Künstlichkeiten der Star-Gastronomie geht es darum, die Grundlagen einer neuen Kultur des Essens zu schaffen. Und dabei buchstäblich auf dem Boden zu bleiben und bei den Pflanzen anzusetzen, die 96 Prozent der Biomasse des Planeten stellen und uns in vielem als Modell dienen können. Ein beispielnahes, wunderbar anregendes und zukunftsweisendes Gesprächsbuch zweier leidenschaftlicher Spezialisten zu einem Thema, das den Kern unseres Lebens berührt.

Die Intelligenz der Pflanzen


Ohne die Pflanzen, die uns mit Nahrung, Energie und Sauerstoff versorgen, könnten wir Menschen auf der Erde nicht einmal Wochen überleben. Merkwürdig eigentlich, dass sie trotzdem lange als Lebewesen niederer Ordnung galten, knapp oberhalb der unbelebten Welt. Erst seit kurzem erkennt die Forschung, was schon Darwin vermutete: dass Pflanzen trotz ihrer (scheinbaren) Unbeweglichkeit über stupende Fähigkeiten verfügen, ja über Intelligenz.
Denn außer den fünf Sinnen des Menschen besitzen sie noch mindestens 15 weitere, mit denen sie nicht nur elektromagnetische Felder erspüren und die Schwerkraft berechnen, sondern zahlreiche chemische Stoffe ihrer Umwelt analysieren können. Mit Duftstoffen warnen sie sich vor Fressfeinden oder locken Tiere an, die sie davon befreien; über die Wurzeln bilden sie riesige Netzwerke, in denen Informationen über den Zustand der Umwelt zirkulieren. Ohne Organe können sie so über eine Form von Schwarmintelligenz Strategien entwickeln, die ihr Überleben sichern. Von wegen »vegetieren«! Ein besseres Verständnis der Intelligenz der Pflanzen könnte uns lehren, auf Pestizide zu verzichten, ja bessere Computer und Netzwerke zu entwickeln, meint der renommierte Pflanzenforscher Stefano Mancuso, der uns in diesem Buch anschaulich und voller Leidenschaft eine unbekannte Welt eröffnet.

Ein Tier fragen?

Oder: Welche Frage würdest du gern einem Tier stellen?

SACHBUCH

Ist Natur für alle Menschen gleich wichtig? Das fragt u.a. Antje Damm und stellt zu dieser Frage das Foto dreier Kinder aus Indien. Ihr ist Natur jedenfalls so wichtig, dass sie mehr als 60 Fragen aufwirft, die die Grundlage für lange und tiefe Gespräche mit Kindern sein können: Haben Pflanzen Rechte? Wie wäre es, für immer in der Wildnis zu leben? Was können wir von der Natur lernen? Welche Frage würdest du gerne einem Tier stellen? Wie in ihren bisherigen Fragebüchern bebildert Antje Damm auch das Thema Natur mit vorwiegend eigenen Fotos und Illustrationen und schafft auf diese Weise einfache Zugänge zu oft philosophischen Fragen. Ab 4.

Bäume

Ob üppig im Regenwald wachsend, ob als einsamer Baumriese in der Savanne oder zu Hunderten in Reih und Glied in Wirtschaftswäldern angepflanzt – Bäume sind von unglaublicher Vielfalt und Vitalität. Und von großem Nutzen für uns Menschen: Holz macht nicht nur den Bau von Häusern möglich, sondern verwandelt sich auch in Schiffe, Musikinstrumente oder in das Papier für unsere Bücher. Doch nicht zuletzt sind Bäume für unser Ökosystem unverzichtbar! Piotr Socha, preisgekrönter Illustrator, hat auf augenzwinkernde Weise erstaunliches Wissen über das Wesen der Bäume in Bilder gebannt – und der Geschichte von Menschen und Bäumen ein farbenprächtiges Denkmal gesetzt. Ab 5.

Noch summen die Bienen

Ein Sach-Bilderbuch

Dieses Buch darf in keiner Kinderbibliothek und in keinem Kinderzimmer fehlen, denn sein Thema beherrscht schon seit einigen Jahren weltweit die Diskussion. Die plakativen, künstlerisch herausragenden Illustrationen ordnen sich den Sachinformationen zwar unter, aber trotz aller Ernsthaftigkeit und Genauigkeit hat der Illustrator und Autor viele kleine Geschichten und komische Details hineingeschmuggelt. Schon auf der ersten Doppelseite zum Beispiel den Dinosaurier, der zu der Biene auf seiner Nase schielt und dadurch klar macht, dass diese Insekten ihrer segensreichen Arbeit als Bestäuberinnen schon seit mehr als 100 Millionen Jahren nachgehen. „Als die Pflanzen das erkannt hatten, taten sie alles für die Bienen.“ Sie entwickelten immer prächtigere und wohlschmeckendere Blüten.
Sämtliche Informationen über Bienen werden in kurzen, erzählenden Texten vermittelt. Die Bilder dazu sind zwar auf das Notwendige reduziert, aber von erzählerischer Kraft. Leser und Gucker können stundenlang blättern, schauen, zurückblättern, lesen und vorlesen. Sie erfahren von der Nützlichkeit der Bienen, von all den Pflanzen, die auf die Bienen angewiesen sind, aber auch von ihrer Bedrohung durch moderne Landwirtschaft: durch Monokulturen und Pestizide. Faszinierend ist übrigens, was sich die Bionik bei den Bienen abgeschaut hat.
Die Geschichte von Menschen und Bienen reicht von der Steinzeit bis in die Moderne. Zwar wurden Bienen in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich bewertet, galten aber immer als nützlich. Schon die Pharaonen liebten ihren Honig, und Napoleon hob sie sogar in sein Wappen. Heute leben selbst in großen Städten zahlreiche Hobbyimker, und auf dem Land haben die meisten Leute begriffen, dass sie die Imker unterstützen müssen: durch den Kauf von einheimischem Honig und anderen Produkten aus Honig und Wachs.


Piotr Sochas Buch „Bienen“ wurde schon 2016 im Gerstenbergverlag veröffentlicht und erhielt 2017 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch. Es eignet sich für alle Altersklassen und kann selbst Nichtleser, denen es die Bienen angetan haben, zum Lesen bringen.

Draußen – Mein Naturbuch

Tausend Ideen für Draußen auf 440 Seiten! „Was dieses Buch wirklich stark macht und es wohltuend vom Trend der vielen anderen ‚Geh endlich raus und entdecke deine Umgebung!’– Sachbücher unterscheidet, ist die unaufdringliche und charmante Wissensvermittlung, die ganz ohne pädagogischen Zeigefinger auskommt. Tatsächlich ist dieses Buch großartig. Es erzählt sehr intim und wundervoll von den persönlichen Erlebnissen eines Kindes in der Natur und den Entdeckungen, die es machen kann – bitte und unbedingt ohne Erwachsene!“ (Regina Voss)

Judith Drews hat bislang 40 Bücher veröffentlicht, und dies ist sicherlich ihr Meisterstück. Ihre Tochter Lilli Baltzer (10) hat die fröhlichen Illustrationen angefertigt. Ab 5.

Wie die Pflanzen unsere Zukunft erfinden

Ob es um Materialien, Energieversorgung oder Anpassungsstrategien geht – die Pflanzen haben schon vor undenklichen Zeiten optimale Lösungen entwickelt. Ein Buch, das die Pflanzenwelt erforscht, um die Zukunft der Menschheit zu imaginieren.

Um unsere eigene Zukunft auf der Erde zu sichern, müssen wir uns von den Pflanzen inspirieren lassen. In seinem neuen Buch entwickelt Stefano Mancuso eine revolutionäre Sicht auf die Pflanzenwelt.

Denn Pflanzen haben in Jahrmillionen vollkommen andere Überlebensstrategien entwickelt als wir: Wo der Mensch auf zentralisierte, hierarchische Lösungen setzt, handeln Pflanzen flexibel, dezentral und als Gemeinschaft. Sie verbrauchen sehr wenig Energie, überleben unter extremen Bedingungen, lernen aus Erfahrung und haben dabei Tausende Lösungen gefunden, die ganz anders sind als die der uns vertrauteren Tierwelt.

Wie die Pflanze Licht einfängt und Energie nutzt, dient schon heute der Architektur als Inspiration; wie das Wurzelgeflecht Informationen aufschließt und verarbeitet, macht es zum Modell eines kollektiven Organismus. Von der Konstruktion neuer Roboter bis zur Organisation von großen Gemeinschaften gibt es keine bessere Inspirationsquelle als die Pflanzen. Die Strategien, mit denen sie ihre Funktionen regeln, sind ein außergewöhnlich effizientes Paradigma für ein nachhaltiges Leben, für eine demokratische Zukunft.

Der Autor Stefano Mancuso, geb. 1965, international renommierter Pflanzenforscher, ist Professor an der Universität Florenz und leitet das Laboratorio Internazionale di Neurobiologia Vegetale. In Deutschland wurde er mit seinem Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ bekannt.

Entdeckungsreise durch den Wald

Den Wald erleben, staunen und Spaß haben! Haben Bäume eine eigene Sprache? Schlafen Bäume nachts? Wie funktioniert das Internet des Waldes? Warum haben Waldtiere Angst vor Menschen? Peter Wohlleben beantwortet Kinderfragen. Seine leicht verständlichen und fast immer überraschenden Antworten lassen Kinder das Leben im Wald mit ganz anderen Augen sehen. Wenn du bereit bist, Dinge über Bäume und andere Waldbewohner zu erfahren, die du nie für möglich gehalten hättest, dann komm mit! Wir gehen zusammen auf eine spannende Expedition in den Wald. Lass dich einweihen in die Geheimnisse seiner Bewohner, ihre Eigenheiten und Überlebenstricks. Ab 5.

Das Liebesleben der Tiere

 

Biber bleiben einander ihr Leben lang treu. Skorpione verführen ihre Partnerinnen mit zärtlichen Tänzen. Pinguin­weibchen lassen sich gerne mal für den Liebesakt bezahlen. Löwenmännchen sind nach einem Tag mit vierzigmal Sex ziemlich erschöpft. Und am allerbrutalsten sind die Bettwanzen! Ab 8.

 

Radikal umdenken

  Um Nutzpflanzen zu produzieren, wird weltweit immer neu Chemie verspritzt. Pablo E. Piovano dokumentiert in seinem Buch: „The Human Cost of Agrotoxins“ die katastrophalen Folgen von 20 Jahren wahllosen Einsatzes von Agrarchemikalien im ländlichen Nordosten Argentiniens. Weiter lesen…

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Weltwissen in Kindergärten, Schulen und Familien

23 Filme aus 23 Jahren von Donata Elschenbroich und Otto Schweitzer erscheinen im September 2018 neu bei wamiki. Mit ihren Filmen dokumentieren die Kindheitsforscherin und der Filmemacher zugleich Bildungsgeschichte weltweit. Sie greifen Entwicklungen voraus und erweitern den Horizont des Möglichen.

Acht Fragen an Donata Elschenbroich (DE) und Otto Schweitzer (OS) von wamiki.

 

Frau Elschenbroich: Sie haben Musik und Literatur des Mittelalters in München und London studiert. Wie sind Sie Expertin für die Jahre der Kindheit geworden?

DE: Die mittelhochdeutsche Sprache kann man zunächst nur halb verstehen, aber diese Literatur hat mich berührt, schon in der Schulzeit. Und dankbar war ich dann der Wissenschaft, der Mediävistik, die mir half, die fremde Gedankenwelt des Mittelalters zu erschließen. In den 60er Jahren war ich eine von nur 6 Prozent Mädchen meines Jahrgangs, die studierten. Dass das ein Privileg ist, habe ich gespürt, und nach fünf Jahren war es genug. Mit den Kindern im Märkischen Viertel, wo ich nach dem Studium zwei Jahre lang einen Kindergarten gegründet habe, in einem Bauwagen improvisiert, ging es mir nicht so anders. Auch die Lebenswelt der proletarischen Familien war mir sehr fremd. Aber die Kinder in diesem Betonviertel auf Berliner Sandboden, wie lebendig die waren, das hat mich begeistert, ihr Witz, ihre Poesie. Und vor Augen war da immer zugleich diese Sonderschule. Ein Gebäude mit großer Kapazität mitten hinein gebaut in das Wohnviertel. Die ist für euch gedacht, sagte das Gebäude. Das empört mich in der Erinnerung, heute nicht weniger als damals. Und weil ich aber keine gute praktische Pädagogin bin – ich habe nie gelernt, mit Kindern in größeren Gruppen sinnvoll umzugehen, Tag für Tag, Monat für Monat –, bin ich wieder zurückgekehrt zu den Büchern. Und konnte mit einem Promotionsstipendium viel lesen und schreiben über die Geschichte der Kindheit und der Kindheitsbilder. Wie Gesellschaften mit Kindern umgehen, das kann ein Schlüssel sein zum Verständnis von Epochen, und von menschlichen Beziehungen in ihrer ganzen kulturellen Breite.

Herr Schweitzer: Sie haben Soziologie in Wien und Frankfurt studiert, in Bremen zur italienischen Volkssprache promoviert. Wie sind Sie zur forschenden Filmarbeit gekommen?

OS : Raus aus der Schreibstube. Nach all den Schulen und Studien entstand ein Bedürfnis nach der physischen Welt. Als Zuschauer war ich, wie alle, begeistert von der unmittelbaren Wirkkraft der gestalteten Bilder. Als Autor hatte ich das Gefühl, dass das Schreiben wenig dem hinzufügte, was ich schon gedacht hatte. Das Schreiben bietet wenig Widerstand. Aber wenn man sich in die physische Welt begibt mit Kamera und Tonband, ist die aufgenommene Realität immer mehr als man selber denken und mitteilen könnte.

 

Seit 30 Jahren entdecken Sie in Ihren Filmen das Thema Kindheiten immer wieder neu. Was fasziniert Sie an dem Lebensthema Kindheit?

DE: Wie Lebensfreude und Wissbegier einander steigern, das ist in der Kindheit mit Händen zu greifen. Und ist überall, in Frankfurt-Eckenheim nicht grundsätzlich anders zu beobachten als in Tansania oder in Bolivien bei den Kindern der „vergessenen Milliarde“. Und immer wieder berührt mich, und verwundert mich der pädagogische Impuls, der uns Menschen anscheinend eigen ist. Man will etwas abgeben vom eigenen Wissen und Können. Abgeben an Wesen, die nicht einmal zum eigenen Clan gehören. Was hat man selbst davon? Ist doch erstaunlich. Humanistisch.

Und was fasziniert Sie an dem Medium Film, Herr Schweitzer?

OS: Der Film gibt keine Gedanken und Theorien wieder. Sondern er löst das Sichtbare in Handlungen auf. Als Zuschauer muss man den Handlungen folgen, und das macht den Schritt sehr klein von den nachvollzogenen Handlungen zu den eigenen Handlungen in der täglichen Arbeit. Ein anderer Aspekt: Handlungen sind Realität, sie sind machbar. Die Handlungen, die die Erzieher im Film wahrnehmen, sind immer schon auf der Folie ihrer eigenen Erfahrungen interpretierte Handlungen. Sie sind eine erweitere Realität, durch die Zuschauer selbst erweitert, und bedürfen kaum des Kommentars der Filmemacher.

Die Kinder sind die besten Mitarbeiter eines Regisseurs. Sie wissen genau, dass sie jetzt gefilmt werden und können es gleichzeitig wie vergessen, und sie vertiefen sich in ihre Vorhaben in der vollen Freiheit des Unbeobachtetseins.

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist weltweit ein Thema geworden. In ihrem neuen Film: „Erde auf dem Feld – Erde auf dem Dach“ zeigen Donata Elschenbroich und Otto Schweitzer, wie (indische) Pädagoginnen und Pädagogen den Kindern im Dorf und in den Slums der Großstädte Wege bahnen zur ecological literacy, zum Wissen über den Boden, über die Erde, unsere Lebensgrundlage.

Mit Ihren Filmen dokumentieren Sie zugleich Bildungsgeschichte weltweit. Sie greifen Entwicklungen voraus und möchten den Horizont des Möglichen erweitern. Wie finden Sie Ihre Geschichten?

DE: Es reizt mich, große Themen der Zeitgeschichte immer wieder zu übersetzen in die Sicht von Kindern. Wie sehen die das, was sagen die vielleicht dazu? Und die Phänomene neu zu betrachten, versuchsweise, aus der Sicht von Kindern. Mathematik etwa – ich als Kind habe schlechte Erfahrungen gemacht mit dem Thema. Also mit siebzig nochmal zurück auf Anfang. Mit der Hilfe von Kindern und von genialen Pädagoginnen wie Nancy Hoenisch oder Ute Andresen sind mir beim Drehen einige Lichter aufgegangen. Als Kollegin in einem Kindergarten wäre ich, wie gesagt, nicht gut zu gebrauchen. Aber ich habe ein Gespür für, ich nenne es „Gute Orte“ – hier passiert gerade gute Pädagogik – ob das in Ober-Balbach ist oder in Tel Aviv oder in Kalkutta. Da will ich genauer hinschauen, das soll aufgezeichnet werden, das sollen andere in Deutschland auch sehen. Und Otto Schweitzer blickt dann noch näher hin mit der Kamera und verdichtet die Qualität des Beobachteten durch seinen Schnitt.

Ihre Filme richten sich an Pädagoginnen und Pädagogen in Ausbildung, Studium und Praxis, an Familien und an ein allgemein bildungspolitisch interessiertes Publikum. Den Blick an guter Praxis bilden, warum ist das Medium Film dafür besonders geeignet?

DE: Erzieher und Erzieherinnen sind gute Beobachter. Der Beruf legt das nahe, darin üben sie sich täglich. Gelesen wird seltener, jedenfalls nicht die Papiere, die in Forschungsinstituten verfasst werden. Viele schöne Erlebnisse hatte ich im Publikum mit unseren Filmen. Erzieher hören Nuancen im O-Ton. Sie erfassen schnell den wesentlichen Gehalt der Interaktionen zwischen Kindern und Erwachsenen. Sie leben sich spontan ein in Szenen auch aus anderen Gegenden der Welt. Sie können sich freuen an Stärken von Kindern. Können sich konkurrenzlos beeindrucken lassen vom Können anderer Kolleginnen.

Erde-Film: Einblicke in die forschende Auseinandersetzung von Kindern mit der Ökologie der Dörfer und Megacities

 

Zeigen Sie auch misslungene Praxis?

Lustlose Pädagogen und pädagogischen Leerlauf – das treffen wir natürlich auch an. Das dokumentieren wir aber nicht. Wir wollen nicht das Vertrauen in unsere Kamera missbrauchen. Wir kritisieren das Negative lieber auf indirektem Weg: indem wir zeigen, was positiv möglich ist. Möglich wäre. Deshalb achten wir darauf, dass die Bedingungen der gezeigten Praxis keine Sonntagsbedingungen sind. Oft ganz im Gegenteil.

OS: Das Fernsehen fokussiert auf die Katastrophe, auf die Probleme. Vielleicht lassen die Katastrophen der anderen die eigenen leichter ertragen, aber man kann daraus nichts lernen.

Warum gehen Sie so oft in ferne Länder?

DE: Wenn wir uns ein neues Thema vorgenommen haben, etwa Schrift, hatten wir gewisse Vor-Urteile. Etwa „Schrift ist in der jüdischen Kultur besonders bedeutsam“. Also mal schauen, wie Vierjährige im Kindergarten in Israel an Schrift und Zeichen herangeführt werden. Oder „der ungarische Komponist Zoltan Kodály hatte nach dem Zweiten Weltkrieg großen Einfluss auf die musikalische Früherziehung“. Also sich in ungarischen Kindergärten umsehen, wird da heute tatsächlich noch viel gesungen und musiziert? In der Erzieherausbildung sollten solche Exkursionen selbstverständlich sein. Unsere Filme springen ein wenig in die Lücke.

OS: Wenn man eine neue Szene betritt, zum Beispiel eine neue Stadt, sieht man in den ersten Stunden so viel wie nachher nie wieder. Deshalb erleichtert ein fernes Land die Anschauung. Aber wir haben beim Drehen das Fremde immer bald vergessen. Das Exotische war wie durch Zauberhand verschwunden, und wir konnten den Erwachsenen und Kindern folgen als wären sie Teil unserer Welt. Diese wie spielerische Überwindung von Distanzen könnte sich auch auf die Interkulturalität bei uns übertragen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

DVD-Reihe WELTWISSEN in Kinder­garten, Familie und Schule

23 Filme aus 23 Jahren
von Donata Elschenbroich und Otto Schweitzer

 

Die Reihe WELTWISSEN: Kinder in den Jahren vor der Schule werden in Deutschland nicht „unterfordert“, wohl aber oft unterschätzt in ihren Interessen und in ihren Fähigkeiten zu aktivem Wissensaufbau.

Die Filme lenken die Aufmerksamkeit auf lange vernachlässigte Themenbereiche wie zum Beispiel die frühen Erfahrungen mit der Schrift (preliteracy), die elementare Naturforschung, auf überraschende Begabungen im Kindesalter und auf die Ermutigung von Eltern als den Bildungsbegleitern ihrer Kinder. Sie versammeln beispielhafte Beobachtungen guter frühpädagogischer Praxis in Deutschland und in anderen Ländern, kommentiert vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Recherchen und von Interviews mit Experten und Praktikern. Die Filme möchten die Wahrnehmung für das Mögliche erweitern und das Mögliche als das Realisierbare vorstellen.

Sie richten sich an Pädagoginnen und Pädagogen in Ausbildung, Lehre und Praxis, an Eltern und ihre Kinder und an ein allgemein bildungspolitisch interessiertes Publikum.

Im Preis der DVDs sind die V&Ö-Rechte enthalten.

Drehorte: Kindergärten, Schulen, Projekte, Familien, Experten u. a. in Japan, China, USA, Israel, England, Frankreich, Schweden, Italien, Spanien, Türkei, Ungarn, Kirgisien, Kasachstan, Myanmar, Uganda, Tanzania, Indien, Deutschland.

Interviews: u. a. mit Yehudi Menuhin (Musiker und Dirigent, London), Georges Charpak (Nobelpreis Physik, Paris), Pierre Léna (Physiker, Académie francaise, Paris), Katalin Forai (Musikwissenschaftlerin, Budapest), Andrew Meltzoff (Säuglingsforscher, Seattle), Mechthild Papousek (Säuglingsforscherin, München), Nancy Hoenisch (Elementarpädagogin, Virginia), Lady Margie Whalley (Entwicklungspsychologin, Corby), Wolf Singer (Hirnforscher, Frankfurt), Keiko Higuchi (Familiensoziologin, Tokyo), Artur Fischer (Erfinder, Tumlingen) Renate Schmidt (Familienministerin a. D., Berlin), Helmut Rau (Kultusminister Baden-Württemberga. D., Stuttgart), Wolfgang Roth (Hirnforscher, Bremen), Avima Lombard (Entwicklungspsychologin, Jerusalem), Marlis Karlsson-Lohmander (Entwicklungspsychologin, Göteborg), Ute Andresen (Autorin, München), Frank Wilson (Hirnforscher, San Francisco), Helmut Schreier (Pädagoge, Hamburg), Christoph Perleth (Begabungsforscher, Rostock), Peter Fauser (Jury Deutscher Schulpreis), Ardhendu Sekhar Chatterjee (Ökophilosoph, West Bengalen), Michael Tomasello (Anthropologe, Max Planck Institut, Leipzig).

Produktionszeitraum: 1995 bis 2017, Neuauflage 2018

 

WELTWISSEN 1: Die Natur und die Dinge

 

Die Befragung der Welt
Kinder als Naturforscher – 60 Minuten (2004)
„Das Kind erwartet die Naturwissenschaft. Wir müssen sie in ihm auslösen.“ (Martin Wagenschein)
Leben lernen heißt immer auch, elementare Physik zu betreiben.

Das Rad erfinden
Kinder auf dem Weg in die Wissensgesellschaft – 50 Minuten (1999)
„Kinder sind nicht belehrbar. Sie können nur selbst lernen.“
Zukunftsweisende Formen des Lernens in Deutschland und Europa an der Schwelle zum 21. Jahrhundert.

In den Dingen
Kinder und Eltern öffnen die Wunderkammern des Alltags – 50 Minuten (2009)
„Ich werde nie vergessen, was ich von den Dingen gelernt habe.“ (Pier Paolo Pasolini).
In den Alltagsgegenständen steckt das Wissen der Welt.

Die Dinge – daheim
Ein Bildungshaus im Taubertal – 45 Minuten (2008)
In einer „Weltwissen-Vitrine“ stellt ein Kindergarten und eine Grundschule, zum Bildungshaus verbunden, Dinge und Werkzeuge bereit, damit Kinder sie ausleihen, bespielen und erforschen können – daheim. Im Elternhaus, einem entscheidenden Bildungsort.

Mathematik ist überall
55 Minuten (2014)
Sie kommt uns entgegen, die Mathematik, in den Mustern der Natur, in der planvollen Regelung des Alltags, beim Nachdenken über Ordnungen. „Mathematisieren“ mit Kindern: Räume ausloten, Kräfte messen. Mathematik ist mehr als nur ein Schulfach.

 

WELTWISSEN 2: Singen, Schreiben und mehr

Im Frühlicht
Die ersten drei Jahre als Bildungszeit – 52 Minuten (2005)
Krippen – dringend nötig, aber längst nicht mehr gesehen als Notlösung. Sondern als eine einmalige Bildungszeit von „Null bis Drei“

Die Farbe des Echos
Kulturen musikalischer Erziehung – 60 Minuten (2000)
Wie eine fundamentale menschliche Sprache gelernt wird: Dimensionen musikalischer Bildung in Deutschland und England, USA und Japan, Österreich und Ungarn.
„Die Musik gehört allen.“ (Zoltan Kodály)

Das Lied beim Händewaschen
Ein musikalischer Kindergarten in Budapest – 25 Minuten (2000)
Supplement-Film zu „Die Farbe des Echos“. In einem ärmeren Stadtteil von Budapest zeigt ein Kindergarten ein erstaunliches Repertoire von Tänzen mit komplexen Choreographien, mehrstimmigen Liedern und vielsprachigen Gedichten. Der Film beobachtet die positiven sozialen Folgen der anspruchsvollen Praxis.

Ins Schreiben hinein
Kinder auf der Suche nach dem Sinn der Zeichen – 60 Minuten (2001)
Ein weltvertrauender Umgang mit dem Schreiben soll nicht das Privileg von Wenigen sein. Wie Kinder in der Welt der Zeichen zu einem unerwarteten Ausdruck finden, und wie Erwachsene in Familie und Kindergarten sie bei ihren Probegängen unterstützen, beobachtet der Film auch in Japan, Israel und England.

Das Kind ist begabt
Mit den Begabten Begabung neu sehen lernen. – 60 Minuten (2007)
Ungewöhnliche Kinder, die es sich selbst und ihren Nächsten nicht bequem machen. Aber sie werden anerkannt in den erstaunlichen Formen ihres fordernden Selbstausdrucks – in der Familie, im Kindergarten, in der Grundschule.

 

WELTWISSEN 3: Kulturen früher Bildung

Das Jahrhundert des Kindes im Jahrhundert des bewegten Bildes
Filmische Dokumente aus den Archiven des 20. Jahrhunderts in Deutschland. – 55 Minuten (1999)
Das Bild des Kindes von Jahrzehnt zu Jahrzehnt – in der Reformpädagogik – im Faschismus – in der DDR und in der frühen Bundesrepublik – `68 und danach…

Anleitung zur Neugier
Aufwachsen und Lernen in Japan – 3×27 Minuten (1995)
Professionelle Mütter: zuhause und in der Krippe
Handwerk des Lebens: Grundhaltungen im japanischen Kindergarten
Die Gruppe, das bessere Selbst: japanische Grundschulen
Drei Stationen japanischer Kindheit – drei Stufen der Eroberung von Weltwissen, in je besonderer Weise geschützt, angeleitet, selbsttätig.

Je mehr man von der Welt weiß, umso interessanter wird sie
Frühe Bildung in Südtirol – 45 Minuten (2012)
Ein weiter Horizont früher Bildung im 21. Jahrhundert: in der Holzwerkstatt, am Fluss, im Atelier, am Bügeltisch und im Labor. Und Kinder in ihrem Element, dem tätigen Erkennen.

Erzieherportraits
Erzieherinnen-Profile in USA, Schweden, Italien – 60 Minuten (2002)
„Auf sehr unterschiedliche Weise kann man eine gute Erzieherin sein.“
Der Erzieherberuf, die Erzieherpersönlichkeit: eine starke Wechselwirkung. Viele Gemeinsamkeiten, viele Unterschiede in den bereisten Ländern.

Lebenserwartung
Die Alten und die Kinder in Japan – 53 Minuten (2009)
Was können Kinder und alte Menschen für einander tun?
Japanische Begegnungen im Pflegeheim, in der Familie, in Mehrgenerationenprojekten. „Lebenserwartung“ steigernd, für die Kinder und für die alten Menschen.

 

WELTWISSEN 4: Resonanzraum Familie

Early Excellence im Wohnzimmer
Drei Filme a 10 Minuten (2009)
Forschen, Lesen, Fragen – nur wenn das im Kindergarten angebahnte Lernen auch in die Familien ausstrahlt, kann das Kind das Lernen als einen Teil seines Lebens erfahren. Drei Filme beobachten, wie Eltern aus aller Welt die Anregungen vom Kindergarten umsetzen.

Nahaufnahme Qualität
Kitas in Frankfurt/M. – 45 Minuten (1999)
Wie Kinder ein Tagesprogramm in persönliche Lernerlebnisse verwandeln. Beobachtet mit Erzieherinnen in sechs Frankfurter Kindertagesstätten.

Portfolio
Bildungstagebücher im Kindergarten – 57 Minuten (2007)
Im Leben der meisten Kindergartenkinder inzwischen ein selbstverständlicher Begleiter ist das Bildungsbuch, das Ich-als-Kind-Buch, mit dem das Kind seine Selbstwahrnehmung erweitert. Für Pädagoginnen und Pädagogen gewiss Mehrarbeit, aber durch die Einbeziehung der Eltern eine erweiterte Wahrnehmung des ganzen Kindes.

Glückskekse
Interkulturelle Familienbildung in Münchner Kitas – Zwei Filme a 15 Minuten (2008)
Es gibt Handlungsfelder, in denen sprachliche Barrieren und Bildungsunterschiede keine Rolle spielen. Beim Kochen mit Müttern im Kindergarten zum Beispiel. Im zweiten Film dagegen werden kulturelle Unterschiede zum Thema: beim Erkunden der Kontinenten-Kisten.

Vater sein ist schön (Baba olmak güzel sey)
Drei Kurzfilme zur Bildung neuer Väterlichkeit in der Türkei – 27 Minuten (2008)
Adaptation einer Fernsehserie der türkischen Familienbildungsorganisation ACEV, mit deutschen Untertiteln.
Die patriarchalische Ausrichtung des Familienlebens steht auch in einigen Herkunftsländern auf dem Prüfstand. Wir dokumentieren eine erfolgreiche türkische Fernsehserie und ihre Begleitkurse für Väter.

Ruhe auf der Flucht
Begegnungen mit geflüchteten Kindern – 45 Minuten (2015)
Flucht ist Alltag auf allen Kontinenten. Der Film fragt, wie man in einem der größten Flüchtlingslager in Afrika damit umgeht. Auch in Deutschland findet der Film überraschende Initiativen, die das Einleben der Familien in der Fremde erleichtern.

 

WELTWISSEN – Bonusfilme zur Auswahl:

Vom Helfen
Helfen, Teilen, Kooperieren – 55 Minuten (2016)
Wie kann die erstaunliche Empathie und Hilfsbereitschaft von Kindern erhalten bleiben? Wie kann sie kultiviert werden in einem erweiterten Bildungsverständnis von Kindergarten, Hort und Schule?

Erde auf dem Feld – Erde auf dem Dach
Umweltbildung in Westbengalen – 45 Minuten (2017)
„Nachhaltige Entwicklung“ ist weltweit ein Bildungsthema geworden. Wie indische Pädagoginnen und Pädagogen den Kindern im Dorf und in den Slums der Großstädte Wege bahnen zur ecological literacy, zum Wissen über den Boden, über die Erde, unsere Lebensgrundlage.