Das Kinderbuch der Woche: Eric Carles „Nimmersatt“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

 

Eric Carles „Nimmersatt“ – frisch wie am ersten Tag

50 Jahre ist sie alt, die kleine Raupe Nimmersatt. Wer so alt wie die Raupe ist und im deutschsprachigen Raum wohnt, hat sie im Laufe seines Lebens bestimmt kenngelernt – sei es zu Hause oder im Kindergarten, sei es in der Kindheit, bei den eigenen Kindern oder Kindeskindern.

Das Bilderbuch folgt dem Weg Nimmersatts vom unscheinbar winzigen Ei auf einem Blatt bis zur dicken Raupe, die endlich so satt ist, dass sie nicht mehr weiterfressen will. Sie baut sich einen Kokon, in dem sie verschwindet, nach mehr als zwei Wochen ein Loch nach draußen bohrt und – tata! – ein wunderschöner Schmetterling ist.

Worüber wollen wir reden? Dass jedes Kind lernt, dass eine Raupe ein kleines,  wurmähnliches Tier ist, aus dem etwas so Schönes wie ein bunter Schmetterling werden kann? Oder dass jedes Kind schon die Raupe bestaunt und nicht erst den Schmetterling? Dass der Künstler mit den scheinbar einfachen Mitteln der Collage Bilder von großer Strahlkraft erschafft, weil ihm eine unendliche Palette von Farben zur Verfügung steht, weil er buntes Seidenpapier bemalt und so farbliche Nuancen erzielt, mit denen man viel mehr gestalten kann als mit Collagen aus „fertigem Buntpapier“? Weil er so gut in dem ist, was er tut?

Das Buch spielt mit Formaten und Löchern, was bei seiner Entstehung sehr ungewöhnlich war und Buchbinderei wie Verlag vor große Herausforderungen stellte. Auch heutige Kleinkinder fordert es noch heraus, wenn sie der Raupe durch die Löcher in den Seiten folgen.

Eric Carle, am 25. Juni feierte er seinen 90. Geburtstag, erzählte, dass er als Kind und Jugendlicher besonders von Paul Klee, Pablo Picasso und Franz Marc beeindruckt war, die ihm ein einfühlender Kunstlehrer näherbrachte, obwohl sie in der Nazizeit verboten waren. Carle wurde in den USA geboren, aber seine deutschstämmigen Eltern gingen 1935 nach Deutschland zurück – ein Kulturschock für ihn. Da war dieser Kunstlehrer seine Rettung.

Nachdem Carle 1951 in die USA zurückgekehrt war, wurde er Werbedesigner. Als er 1969 mit „Die kleine Raupe Nimmersatt“ Erfolg hatte, war er 40 Jahre alt. In den nächsten 50 Jahren wurde er zu einem weltberühmten Bilderbuchkünstler.

Normalerweise stelle ich jede Woche ein ziemlich neues Bilder- oder Kinderbuch vor. Aber bei der kleinen Raupe mache ich eine Ausnahme, aus Hochachtung vor Eric Carle und seinem Talent, kleinen Kindern eine komplexe Sache so einfach, verspielt, gekonnt und lustvoll nahezubringen. Falls Sie gerade keine „Raupe“ zu Hause haben, sollten Sie die Gelegenheit nutzen, das Buch zu kaufen. Schon um es bei der nächsten Gelegenheit einem zweijährigen Kind zu schenken.

 

 

Das Kinderbuch der Woche: Ein Comic zur Wohnungsnot

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

 

Wohnen in Zeiten der Verdrängung

„Bergstraße 68“ ist eine Comic-Geschichte über Menschen in Berlin, denen es so geht wie sehr vielen Leuten in größeren Städten. Der Platz zum Wohnen wird immer knapper. Bäume und grüne Hinterhöfe müssen Tiefgaragen weichen.

In der Bergstraße 68 lebt das Mädchen Tilda, das uns freundlich in sein Haus einlädt. Eine bunte Mischung aus Erwachsenen und Kindern wohnt in diesem alten Haus. Abends, wenn die Kinder im Bett sein sollten, grillen die Erwachsenen im Garten hinter dem Haus, und die Kinder beobachten sie von den Balkonen aus.

Aber eines Tages kommt der neue Besitzer und will das Haus sanieren – angeblich zum Wohle der Bewohner. Doch die merken, dass er sie loswerden will, um mit den nach der Sanierung viel teureren Wohnungen mehr Geld zu verdienen. Sandiert statt saniert hat Tilda verstanden und stellt sich die Sandmassen plastisch vor.

Als erstes wird der Zugang zum Garten verrammelt, und die alte Kastanie soll gefällt werden. Da erzählt der Vater dem Mädchen, dass er das Baum-Amt eingeschaltet hat. Mit dessen Arbeitern wollen die Bewohner den Baum ausgraben und ihn an einem anderen Ort einpflanzen. Doch der Vater hat diese Geschichte nur erfunden. Es gibt kein Happyend. Am nächsten Morgen ist die Kastanie gefällt und abtransportiert.

Im Nachwort erfahren wir, dass es die Mietergemeinschaft im alten Haus nicht mehr gibt. Alle mussten ausziehen. Obwohl Tilda das neue Zuhause gefällt, bleibt es doch bitter, dass sie die Freunde aus dem alten Haus verloren hat.

Das kleine Comic-Buch fällt aus dem Rahmen. Zum einem gibt es Szenen, die zeigen, wie die Erwachsenen feiern und danach verkatert in den Betten liegen. Zum anderen versteht Tilda vieles von dem, was sie belauscht und beobachtet, falsch oder gar nicht. Das lässt fantastische Bilder in ihrem Kopf entstehen.

Zwar ist es ein ungeschriebenes Kinderbuch-Gesetz, dass Unklarheiten und Missverständnisse – wie Sandierung statt Sanierung – aufgelöst werden und dass die Geschichte gut ausgeht. Aber hier muss der vorlesende Erwachsene das übernehmen. Oder das lesende Kind muss nachfragen. Und wirklich gut geht die Geschichte auch nicht aus, obwohl Tilda ihr neues Zuhause mag.

Veronica Solomon und Tina Brenneisen, zwei neue Künstlerinnen, und ein bisher unbekannter kleiner Verlag – parallelallee Verlag – haben diesen Kinder-Comic auf den Markt gebracht. Veronica Solomons Zeichnungen muten auf den ersten Blick klassisch realistisch an. Auf den zweiten Blick entdeckt man fantastische Elemente, ironische Seitenhiebe und Szenen, die auf den erwachsenen Leser zielen. Man kann finden, dass das nichts für Kinder ist, oder ihnen die differenzierte Geschichte zumuten und vielleicht miteinander ins Gespräch kommen.

Ich empfehle dieses Buch besonders Eltern und Kindern, die von der städtischen Wohnungsnot betroffen sind oder sie aus ihrem Umfeld kennen.

 

 

Kinderbuch der Woche: Der Wolf und die Fliege

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Pappbilderbuch

Antje Damm ist eine Könnerin in allen Sparten: vom witzigen Bilderbuch bis zum tiefsinnigen Philosophieren mit Kindern. Auch „Der Wolf und die Fliege“ ist nicht von Pappe.
Gefräßig macht sich der Wolf über das Regal auf der rechten Seite des Büchleins her, weil er ein kleines „Hüngerchen“ hat. Gierig starrt er die acht Kandidaten – von Ente bis Katze – auf den drei schwarzen Balken an. Und schwupps – auf der nächsten Seite sind es nur noch sieben.
Hoppla, wer fehlt denn da? Noch mal kurz zurückblättern: Was gab es, das jetzt weg ist? Richtig, es war ein grüner Apfel. Und beim nächsten Umblättern weiß das kluge Kind vielleicht schon vor dem Erwachsenen, wer jetzt eine große Lücke hinterlassen hat.
So macht der gefräßige Wolf weiter, bis nur noch der Kaktus und die Fliege übrig sind. Den Stacheln des Kaktus entgeht er, weil er nichts Grünes mag. Aber in der Fliege hat er seine Meisterin gefunden. Sie rumort derartig in seinem Bauch herum, bis er grün im Gesicht wird und alle Verschluckten wieder lebendig ausspuckt. Sogar das kleine blaue Spielzeugauto.
Ein kräftiger Strich, die gekonnte Farbgebung und eine überzeugende Idee – das ist Antje Damm, die nicht nur einem gefräßigen Wolf, sondern auch einer wütenden Fliege viel Ausdruck geben kann.
Wenn Kinder mit solchen Pappbilderbüchern aufwachsen, dann haben sie die besten Chancen! Darüber freut sich
Gabriela Wenke

 

Kinderbuch der Woche: Ein Turm für die Weitsicht

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Bilderbuch

Der Junge Arthur und sein Vater leben auf einer Lichtung mitten in einem dunklen, undurchdringlichen Wald in der Nähe eines Dorfes. Zusammen arbeiten sie auf dem Feld. Alle Dorfbewohner haben Angst vor der schwarzen Wand des Waldes, in dem Wölfe, Riesen und riesige Dachse hausen sollen. Aber Arthurs Vater nicht. Er träumt davon, herauszufinden, was hinter dem Wald ist. Und eines Tages hat er eine Idee: Aus seinem Mehl backt er Brote und verkauft sie an die Dorfbewohner gegen – Steine. Aus diesen Steinen baut er mit Arthur einen Turm, um über den Wald hinwegschauen zu können.
Die Personen dieser ländlichen Idylle sind Hasen, die aussehen, als wären sie vor 100 Jahren gemalt worden, als die „Häschenschule“ entstand, die ja immer mal wieder neu aufgelegt wird und daher auch heutigen Kindern bekannt ist. Aber nein, Gérard Dubois hat diesen altmodischen Stil absichtlich für seine Geschichte gewählt und ihn mit modernen Vereinfachungen verbunden, zum Beispiel bei der Darstellung des Waldes, der einer Wand aus Ängsten und Vorurteilen gleicht.
Weil die Dorfbewohner viele Steine auftreiben, wächst der Turm langsam in den Himmel. Da zerstört ihn ein furchtbares Unwetter. Vergeblich versucht der Vater, den Turm zu retten, fällt schließlich erschöpft in tiefen Schlaf und kann kein Brot backen. Doch inzwischen haben die Dorfbewohner seine Idee aufgenommen. Sie räumen auf und bauen weiter.
Als der Vater endlich aufwacht, ist der Turm höher als zuvor. Alle packen nun mit an, und am Tag der Erstbesteigung feiern sie ein großes Fest. Als Arthur und sein Vater den Turm erklommen haben, sehen sie in der Ferne einen zweiten Turm mit einer winzig kleinen Figur, die ihnen zuwinkt. Es ist ein Hirsch, der auch wissen wollte, was hinter dem Wald liegt.
Anders als beim Turmbau zu Babel geht es in dieser Geschichte nicht um Hochmut und Selbstüberschätzung, sondern um Neugier und die Lust, mehr über die Welt zu erfahren.
Ein gelungenes Bilderbuch für kleine Kinder, die schon mal einen Blick auf die weite Welt werfen wollen, und eine Ermutigung, zu den eigenen Ideen zu stehen.

 

Kinderbuch der Woche: Ene, mene Hühnerdreck

Papp-Bilderbuch

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Dieses Buch hat das Zeug zu einem Klassiker wie „Backe, backe Kuchen…“. Denn daran erinnern sich auch erwachsene Kinder, wenn sie in der WG-Küche stehen und die Backzutaten zusammensuchen.

Bei „Ene, mene Hühnerdreck, wieso sind denn die Eier weg“ steigen Kinder ab zwei Jahren in den Rhythmus der Verse und den Refrain ein: „Eier, Eier (oder was sonst gerade gesucht wird) seid so lieb, sagt doch einmal Piep.“ Der Text eignet sich auch zum Mitklatschen.

Jede Doppelseite ist ein gelungenes Suchbild, und dem erwachsenen Vorleser hilft das „Piep“ gleich daneben, den gesuchten Gegenstand zu finden.

Die kleine Backgeschichte ist lustig und gut gereimt, aber  nicht vegan, denn der Bäcker-Koch Eichhörnchen benutzt Zucker und Mehl ohne Vollkorn-Zusatz oder Dinkel. Wen das nicht stört, der wird kleinen Kinder mit dem Vorlesen der Texte und den witzigen Zeichnungen Freude machen – sei es in der Kita oder zu Hause – und erleben, dass sie Reime mögen.

Gut gereimt ist halb gebacken, findet Gabriela Wenke

 

 

 

Kinderbuch der Woche: Abschied

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

„Dies ist kein Buch über das Sterben, sondern über das Leben – zu dem ohne Zweifel auch das Sterben gehört“, schreibt der Autor Werner Holzwarth in seinem Vorwort zu „Mein Jimmy“. Von Anfang an ist klar, dass die Geschichte von Jimmy, dem Nashorn, und Hacki, dem Madenhacker, von den letzten Tagen ihrer Freundschaft erzählt. Aber auch davon, wie viel Spaß die beiden miteinander hatten.

Jimmy ist sehr alt, und beide Freunde wissen, dass er nicht mehr lange leben wird. Aber er versucht, dem kleinen Vogel zu sagen, dass all das Schöne, das sie zusammen erlebt hatten, deswegen nicht aufhört, schön gewesen zu sein, und dass Hacki bald wieder neue Freunde haben wird.

Werner Holzwarth erfand 1989 die geniale Geschichte vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Nun erzählt er eine Geschichte vom Abschied.

Mehrdad Zaeri gelang es, den großen Jimmy so ins Bild zu rücken, dass er keine Angst macht, sondern wie ein Schutzwall wirkt, während Hacki wie ein winziges Strichmännchen auf ihm herumturnt. Ganz langsam wird von Seite zu Doppelseite aus Jimmy eine schwarze Masse im Dunkel der afrikanischen Nacht unter dem tief-blauen Sternenhimmel. Beim ersten Morgenlicht fliegt Hacki davon. Auf den letzten Bildern sehen wir ihn mit neuen Freunden, den Madenpickern, auf dem Rücken eines Zebras stehen und von seinen Abenteuern mit Jimmy erzählen.

Diese beeindruckende Geschichte zweier ungleicher Freunde kann ich allen großen und kleinen Liebhabern guter Geschichten und überwältigender Bilder voller Überzeugung empfehlen.

 

Kinderbuch der Woche: Ein großer Tag ohne Handy

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

 

Das ist nur mit dem Handy zu ertragen. Draußen gießt es. Drinnen sitzt Mama am PC und arbeitet, obwohl Ferien sind. Sie hat keine Zeit für das Kind.

Das Kind vernichtet auf seinem Handy Marsmännchen – ein Klick und weg. Mit Papa wäre das anders, denkt das Kind. Mit dem würde es vielleicht doch rausgehen.

Wie immer nimmt Mama dem Kind schließlich das Handy weg. Wie immer holt es sich das Handy heimlich zurück, steckt es ein und geht hinaus in den strömenden Regen, den Hügel hinunter zum Teich mit den Steinen, die rund sind wie die Marsmännchen im Spiel. Das Kind springt von Stein zu Stein, als wolle es sie wegklicken. Dabei fällt das Handy ins Wasser und ist weg. Katastrophe! Das Leben hat keinen Sinn mehr.

Verzweifelt sitzt das Kind auf dem Boden, die Beine ausgestreckt wie Baumstämme, die im Schlamm versinken. Vor seinen patschnassen Brillengläsern ziehen riesige Schnecken vorbei. Moment mal, Riesenschnecken?

So beginnt das Sehen, das genaue Hinschauen: große Schnecken, rot getupfte Pilze. Und das Tasten: diese gallertigen Fühler der Schnecken. Und dann der Geruch der Pilze: wie früher in Opas Keller. Den hatte das Kind fast vergessen. Aber seine Nase erinnert sich.

Mit allen Sinnen erfährt das Kind die Welt: wie Regen schmeckt, wie die Wurzeln die Erde durchziehen, wie durchscheinende Steine das Licht auffangen, das durch die Wolken bricht, wie sich die Erde unter die Fingernägel gräbt. Das Kind steht auf, beginnt zu rennen, rutscht aus und purzelt die Wiese hinab, bis unten alles auf dem Kopf zu stehen scheint. Da ist der Bann gebrochen. Als das Kind schließlich klitschnass ins Häuschen zurückkommt, sieht es im Spiegel das staunende Lächeln seines abwesenden Vaters – im eigenen Gesicht. Eigentlich wollte das Kind der Mutter so viel erzählen, aber dann sitzen sie nur ganz ruhig in der Küche bei duftendem Kakao und schauen sich an.

Wunderschöne Bilder erzählen vom grauen Regenhimmel, von bläulichen Nebeln zwischen hellbraunen Stämmen, und mittendrin das Kind im orange-roten Regencape – ein Farbfleck, der immer mehr in Bewegung gerät. In all den sanften Naturtönen des Buches wiederholt sich das Orange, und wir folgen dem Kind. Es nimmt uns mit, zieht uns hinein in eine Natur, an die es sich wieder zu erinnern beginnt.

Eigentlich ist nichts passiert – außer dass ein Handy verloren ging und die Welt wieder Farben bekam. Den größeren Teil dieser Geschichte erzählt Beatrice Alemagna nicht mit Worten, sondern mit ihren ausdrucksvollen und beeindruckenden Bildern, die der italienisch-stämmigen, in Paris lebenden Künstlerin schon viele Preise einbrachten. Ein wunderbares Buch zum Immer-wieder-Vorlesen und Anschauen.

PS: Dem Buch wurde am 11. Mai 2019 der „Huckepack-Preis“ des Projekts „Vorlesen in Familien“ und des Bremer Institutes für Bilderbuchforschung in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar verliehen. Die Autorin dieser Rezension hielt die Laudatio.

 

 

 

 

Kinderbuch der Woche: Bösemann

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

 

In expressiven Bildern zeigt Svein Nyhus, wie aus einem riesengroßen, freundlichen Vater ein immer düsterer, gewalttätiger Mann wird. Bösemann hat die Herrschaft über ihn übernommen. Niemand kann Bösemann aufhalten, auch die Mutter nicht, obwohl sie sich groß und breit macht, um den Jungen zu schützen.
Der Junge hat die schreckliche Verwandlung seines Vaters schon oft erlebt, sieht sie kommen und hofft doch, dass es anders sein wird, dass er sich nicht in dieses Ungeheuer verwandelt, rot vor Wut, brennend vor Zorn, berstend vor roher Kraft. Doch auch dieses Mal wieder bleibt die Uhr nicht fünf vor Zwölf stehen.
Text und Bilder greifen ineinander wie Zahnräder: die Uhren, das schwere, bedrohliche Werkzeug, die aggressiv wirkende Muskulatur des Mannes, die Flammen, die über dem Wütenden zusammenschlagen, die zarte, zerbrechliche Gestalt der Mutter und der kleine, verzweifelte Boj. Im Auge des Sturms zieht er sich in seine Fantasiewelt zurück.
Als der Orkan sich legt, einen gebrochenen Mann und Ascheflocken zurücklässt, flieht Boj nach draußen. Dort ist eine freundliche Frau mit einem weißen Pudel, dem er ebenso alles erzählen kann wie den Bäumen und Büschen. Menschen davon zu berichten, das kann er nicht. Doch dann kommt er auf die Idee mit dem Brief. Ein Brief an den König – wie an eine höhere Macht, die helfen kann.

„Lieber König, Papa haut. Ist das meine Schuld?
Liebe Grüße
Boj“

Der Brief ist tatsächlich bei jemandem angekommen, der helfen kann und befiehlt, dass Papa sich entschuldigt. Als der Vater das tut, wird er ganz klein, so klein wie sein Kind.
Der König nimmt Papa mit in sein Schloss, wo er lernt, mit Bösemann, der immer wieder aus ihm herausbrechen will, fertig zu werden. Er muss die eigenen angsterregenden Erinnerungen an seine Kindheit durchleben und sich selbst „reparieren“. Wenn Papa das kann, wird er nach Hause kommen. Dann wird alles gut.
Der Text von Gro Dahle und die so eindrucks- wie ausdrucksvollen Bilder von Svein Nyhus machen aus dieser komplexen Geschichte ein modernes Märchen. Dem erwachsenen Vorleser werden viele Symbole und Gleichnisse ins Auge springen, die aus der Kunst und aus Schriften zur Psychoanalyse bekannt sind. Kinder können sie auf ihre Weise verstehen und lernen, dass es Hilfe gibt, wenn man darum bittet. Wie im Märchen, wo das Gute über das Böse siegt.

Ich möchte ausdrücklich dazu ermuntern, sich das Buch mit Kindern ab etwa fünf Jahren anzuschauen. Wenn sie sich darauf einlassen, sind sie alt genug – sowohl Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, als auch diejenigen, die das nur vom Hörensagen, aus Büchern oder Filmen kennen.
Alle Erwachsenen, die Bedenken haben, Kinder mit Problemen, mit dem Bösen zu konfrontieren, verweise ich auf Bruno Bettelheim, einen berühmten Psychiater, der unter anderem das Buch „Kinder brauchen Märchen“ schrieb. Er erklärte einmal, dass Kinder das Böse, das Erschreckende, die Alpträume, die sie aufwühlen und ängstigen, in den Märchen stellvertretend durchleben. Dass Märchen gut enden, vermittelt Trost, den Glauben an die eigene Stärke und die Hoffnung, das Böse besiegen zu können. Ängste zu verniedlichen, das hilft hingegen nicht bei ihrer Bewältigung.
Wem das zu theoretisch ist, den möchte ich an „Hänsel und Gretel“ erinnern. Seit Jahrhunderten erzählt man Kindern die Geschichte von der bösen Hexe, die Kinder mit Zuckerzeug verführt und frisst, aber von den Geschwistern überwunden und im Ofen verbrannt wird. Und warum haben sich die Kinder im Wald verirrt? Weil ihre Eltern sie nicht mehr haben wollten. Das ist schon eine sehr angsteinflößende Geschichte, die unbedingt ein gutes Ende braucht, damit Kinder – und Erwachsene – sie aushalten können.
Also: Keine Angst vor Bösemann.

 

 

 

Wilde Tiere in der Kita

Wir sind nicht allein. Mit und neben uns gibt es zahlreiche andere Lebewesen. Manche sind ständig bei uns, manche tauchen nur als Besucher auf und könnten schon bald wiederkommen: nach Hause, in die Kita oder in die Grundschule. Kinder entdecken solche Tiere nicht selten rascher als Erwachsene, und das trifft besonders auf Kleintiere wie Käfer, Ameisen oder Spinnen zu.

Welche Bedeutung haben diese Begegnungen für Kinder? Welches Interesse verbindet sich mit dem Blick auf die jeweiligen Lebensformen? Welches Bild von Natur und Umwelt entsteht hier gleichsam nebenbei?

Dieses Buch widmet sich Wildtieren, die zumeist weit verbreitet sind und auch in unserem unmittelbaren Wohn- oder Arbeitsumfeld auftauchen. Zu ihnen gehören: die Ameise, das Eichhörnchen, der Fuchs, die Hausmaus, die Hausspinne, die Kakerlake, die Katze, die Kleidermotte, die Kopflaus, die Krähe, die Obstfliege, das Silberfischchen, die Stechmücke, die Stubenfliege, der Waschbär, der Weberknecht, die Wespe und der Igel.

Ein Tiger richtet weniger Schaden an als die Angst vor ihm. Günter Eich

Alle Tiere werden auf zweierlei Weise vorgestellt: in Portraits, die Einzelheiten und Besonderheiten jedes Tiers näher beleuchten, und in Bildern, gezeichnet oder gemalt von Mädchen und Jungen zwischen drei und sechs Jahren.

Darüber hinaus helfen praktische Tipps und Hinweise zum Umgang mit den Tieren, Kinder im Kita- und jüngeren Grundschulalter für das Projekt „Wilde Tiere in der Kita – entdecken und kennenlernen“ zu begeistern.

Zu beziehen bei:
wamiki, Was mit Kindern GmbH, Kreuzstr.4, 13187 Berlin, shop@wamiki.de
www.wamiki.de/shop oder im Buchhandel.

 

Zorilla

Bilderbuch

Wir begegnen Zorilla auf einer in grelles Grün getauchten Straße, wo ihm die Bewohner – Affen, Hunde und andere Tiere – ängstlich hinterherschauen. Misstrauisch beäugen die Tiere die kräftige, dunkle Gestalt im schwarzen Mantel, die ihnen unheimlich ist und über die viel geredet wird. Zorilla redet mit niemandem. Im Schutze der Dunkelheit kauft er sonderbare Dinge ein, aus seinem Haus kommen unheimliche Geräusche. Als ein paar Mutige sich heranschleichen wollen, werden sie von hellen Blitzen und glühender Hitze vertrieben. Alle haben Angst. Am nächsten Morgen ist Zorilla verschwunden. „Was ist geschehen?“ fragen sich die Tiere, als sie in Zorillas Haus eine riesige Wanne, einen Schmelzofen und andere seltsame Dinge finden. „Hätten sie nur einmal den Zorilla gefragt“, heißt es in der Mitte des Buches, in der nur der Schatten Zorillas über die Seiten ragt. Dann erzählt Jutta Bücker, „was auch geschah“. Die wunderschönen, emotionalen Bilder zeigen im ersten Teil die Angst, das Schattendunkel des Zorilla und die furchterregenden Fratzen der anderen Figuren, die ihn zu verfolgen scheinen. Im zweiten Teil sind die Bilder voller Heiterkeit und Leichtigkeit, voller Sehnsucht nach Sonne, Wärme und voller Freude, als Zorilla sich schließlich wie eine Flaschenpost ins Meer, in die Welt wirft. Das sollte man sich mit Kindern unbedingt zu Gemüte führen, findet Gabriela Wenke

Den Arbeitsplatz neu erfinden

Fachbuch

Reinventing organizations ist ein Buch mit wunderbaren Denkanstößen für die eigene Arbeitswelt. Es hinterfragt konventionelle Formen der Zusammenarbeit, zeichnet ihre Entwicklung historisch nach und stellt klassische Annahmen der Arbeitswelt in Frage.

Im Fokus steht das Überdenken von zementierten Arbeitsstrukturen. Brauchen wir Hierarchien? Müssen wir uns zerteilen in eine private und in eine dienstliche Person? Ist meine Arbeit sinnstiftend für mich und andere?

Das Buch gibt es in zwei Varianten: „Reinventing ­Organizations visuell“ vermittelt auf 170 Seiten die Kern­ideen, „Reinventing Organizations“ bietet auf 356 Seiten mehr Breite und Tiefe. Eine stimulierende Lektüre, die schwer aus der Hand zu legen ist. Für alle, die noch mehr lesen möchten, gibt es zudem ein englischsprachiges Wiki: reinventingorganizationswiki.com