Retter sein

Strubbel ist klein und schwarz. Ganz allein zieht er in die Welt und hält die Augen offen. Diesmal ist er in einer Bauklötzchen-Welt unterwegs, durchschaut sofort, wie sie funktioniert, und trifft einen Supermann, der sich eitel in einem Schaufenster spiegelt. Als ein Kätzchen auf einer Bauklötzchen-Säule verzweifelt um Hilfe schreit, rührt sich der Supermann nicht. Doch Strubbel findet einen Weg, das Kätzchen zu retten. Beide sehen, dass sich plötzlich ein dicker, blonder Junge aus dem Supermannkostüm schält, seine Stelzen weglegt und die Luft aus dem Kostüm lässt. Strubbel darf auch so ein Kostüm ausprobieren, stellt aber fest, dass es unpraktisch ist.

Als ein kleiner Hund auf dem Klötzchenturm sitzt, wirft der blonde Junge sein Kostüm von sich und besteigt den Turm, kommt aber nicht hoch. Da zieht er die Würfel Stück für Stück unter dem Hund hervor, bis der in seinen Armen liegt. Als es notwendig ist, mobilisiert der Junge alle Kräfte und tut das Richtige. Keiner wird blamiert oder ausgelacht.

Der Comic ist knallbunt und grafisch schlicht gestaltet. Doch die Bildgeschichte ist durchdacht und so konstruiert, dass ihr Kinder ab drei Jahren folgen können. Älteren erschließen sich die raffinierten Feinheiten der Story: Wie rette ich jemanden ohne Leiter von einer senkrechten Säule?

Wilde Gefühle

Alle erstgeborenen Kinder erinnern sich an das Glück, die Eltern für sich allein zu haben – wenn Mutter und Vater gern Eltern wurden. Doch auf der zweiten Doppelseite schaut das kleine, rote Wesen namens Natalie skeptisch von links nach rechts, wo ein kleines blaues Wesen im Kinderwagen sitzt: „Dann kam Alfonso dazu.“

Friedlich spielen die Geschwister miteinander. Alles scheint gut zu sein. Nur dass Alfonso Natalies Sachen manchmal bekritzelt oder hineinbeißt. Und eines Tages sieht Natalie, wie Alfonso auf ihrem Lieblingsbuch herumkaut. „Alfonso, das macht man nicht“, sagt sie, obwohl das ihrer Gefühlslage kaum entspricht. Diese Lage hält sie in einem Bild fest: Ein winzig kleiner Alfonso geht in einem Wirbelsturm aus Erbsen zwischen zwei wilden Tieren unter. Dieser Wirbelsturm der Gefühle tobt in Natalie und verschont auch ihr Umfeld nicht. Doch schließlich verzieht er sich, weil Alfonsos Versöhnungsversuche Natalie erreichen. Sie verzeiht dem kleinen Bruder, und gemeinsam malen sie weitere Bilder. Ein Happyend, nach dem sich viele Geschwister sehnen, ein Buch für große Schwestern, die noch kein Verständnis für kleine Brüder aufbringen, und eine Anregung, wilde Gefühle in wilde Bilder zu verwandeln.

Vom Wurm, der sich nicht in sein Schicksal ergab

Fast wäre der Wurm Marcus vom Vogel Laurence verspeist worden. Doch weil er ihm fröhlich „Guten Morgen“ sagte, fand der Vogel, dass ein Wurm, mit dem man geredet hat, nicht gefressen werden kann. Er erzählt Marcus von seinem Traum, nach Kenia zu fliegen, wo die Flamingos wohnen. Für solch ein Tier hält sich der rundliche Vogel nämlich. Aber er kann keine Karten lesen und fürchtet, sich zu verfliegen. Der Wurm ermutigt ihn, und beide machen sich auf nach Afrika. Unterwegs treffen sie Freunde und Feinde, und der Wurm stellt fest: „Ich erlebe lieber Abenteuer mit dir, Laurence, als Löcher in die Erde zu graben.“ Als sie schließlich merken, dass sie nur im Kreis geflogen sind, amüsieren sie sich darüber.

Ein kluges und witziges Buch über Fressfeinde, die zu Freunden werden, weil sie miteinander reden. Schon Leseanfänger können sich daran versuchen, aber man kann es auch kapitelweise vorlesen. Zwar steht „Eine philosophische Betrachtung über die Freundschaft“ auf dem Titel, doch philosophieren können schon die Jüngsten, wie man weiß.

Halbe Helden

Seit dem Umzug ist Paul unglücklich. Sein Dauerschnupfen macht ihn zum rotnasigen Schniefer, und der großkotzige Max hat ihn auf dem Kieker. Da braucht es schon eine Fee, die ihm ein Wunder verspricht, ein blaues, und einen Gefährten. Zwar ist die Fee winzig, alt und schrumpelig, aber lautstark und überzeugend. Also macht sich Max mit einem jammernden, dicklichen Mini-Elefanten auf den Weg und muss Abenteuer bestehen, bei denen beide merken, dass mehr Mut, Stärke und Klugheit in ihnen steckt als angenommen. Schließlich hilft ihnen die Fee, die letzte Hürde zu überwinden und in den Besitz des blauen Wunders zu kommen. Doch da sind sie schon längst Freunde geworden.

Sprachverspielt lässt Andrea Schomburg ihre Fee fluchen, toben, gurren und erzählt eine witzige, poetische Geschichte über zwei halbe Helden, die auf ihrer Reise zum blauen Wunder ganze Kerle werden.

Die tapfere Siri

Frida Nilsson erzählt von Kindern, die keine Zweifel haben, was gut und richtig ist. Selbst wenn die ganze Welt gegen sie wäre – sie würden widerstehen. Die zehnjährige Siri ist so ein Kind. Als ihre kleine Schwester Mikis von Piraten geraubt wird, die Kinder stehlen, um sie in einem Bergwerk nach Diamanten graben zu lassen, zieht Siri los, um Mikis zu retten. Ihre unerschrockene Geradlinigkeit, Menschlichkeit und Stärke helfen ihr, zu überleben, und sie freundet sich mit Fredrik an, der auf dem ersten Schiff, auf dem sie anheuert, als Smutje arbeitet. Unterwegs rettet sie das Kind einer Meerjungfrau, lernt einen Jungen kennen, der ein Walhuhn aufzieht, um es Fische fangen zu lassen, und befreit mit der Tochter des Piratenkapitäns nicht nur Mikis, sondern auch die anderen Grubenkinder.

Die Kinder in Nilssons Büchern – darunter „Ich, Gorilla und der Affenstern“ oder „Frohe Weihnachten, Zwiebelchen“ – trotzen selbst den größten Gefahren, obwohl sie manchmal Angst haben und der Mut sie verlässt. Aber die Liebe zu ihren Angehörigen und der Wunsch, gute Menschen zu sein, sind stärker. Ein Kinderbuch, das wie alle guten Abenteuerbücher ermutigt, tapfer zu sein.

Die Wut des kleinen Tigers

Der kleine Tiger wird schnell wütend. Als die Mama ihn ermahnt, nicht so wild zu sein, sucht er nach einem Platz, an dem er seine Zornteufel verstecken kann – also nach einer Möglichkeit, mit seiner Wut umzugehen. Er holt noch einmal tief Luft, um sie herauszubrüllen, und versteckt sie dann unter seiner Mütze. Nun weiß er, wo die Wutteufel sind, und glaubt, sie im Griff zu haben.

Die in kräftig bunten Farben und einfachen Formen präsentierte Bildgeschichte ist schon für Kinder ab drei Jahren nachvollziehbar. Das Schreien und Toben des kleinen Tigers können sie nachspielen und dabei lautstark Dampf ablassen. Das tut gut!

Wir mit dir sind vier

Bilderbuch

Nachdem wir in „Ich groß, Du klein“ von Lilli L’Arronge dem kleinen und dem großen Wiesel durch ihren abwechslungsreichen Alltag gefolgt sind, ist die Wiesel­familie gewachsen und hat sich verdoppelt: „Wir mit dir sind vier.“

Treffsichere Cartoons erzählen von der Hochzeit, noch zu dritt, vom immer dicker werdenden Bauch der Braut, vom Freudentaumel nach der Geburt des Jüngsten. Wir folgen der Familie in den neuen, aufregenden Alltag, in dem einzelne Worte die Abenteuer der Wiesel lakonisch kommentieren, zum Beispiel im Schwimmbad: „schwimmt“ (der Papa), „dümpelt“ (Mama, die das Baby hält), „plantscht“ (das Baby) und „taucht“ (der Kleine, den wir aus dem Vorgänger-Buch kennen). Oder beim Ausflug im Regen: der Große „in Hektik“, der Kleine „in Träumen“, die Große „in Eile“ und das Kleinste „in Pfütze“.

Ein wunderbarer Alltagsspaß für junge Familien. Und wunderbar, wie die Künstlerin immer wieder alles auf den Punkt bring: Unter dem Titel sehen wir ein großes Bierglas, eine kleinere Teetasse, ein noch kleineres Glas mit Strohhalm und eine winzige Nuckeltasse.

Zuhause

Bilderbuch

Das Titelbild lässt vermuten, es handle sich um ein Sachbuch über verschiedene menschliche Wohnformen. Auf den zweiten Blick sieht man, dass auch Heime von Tieren dabei sind: ein Schneckenhaus, ein Bienenkorb, ein Vogelnest und ein Spinnennetz. Je länger man in dem großformatigen Bilderbuch blättert, desto mehr fantastische und märchenhafte Elemente entdeckt man: bis in kleinste Details liebevoll erfundene Unterwasser-Meeresburgen, Paläste und Schatzhöhlen aus 1001er Nacht. All das regt an, nachzudenken: Was kann alles ein Zuhause sein? Zum Schluss stellt die Künstlerin Carson Ellis sich selbst und ihr Haus vor. „Wo wohnst du?“ fragt sie den Betrachter.

Die farbstarken, mit kräftigem Strich flächig gemalten in den Details verspielt wirkenden Bilder belegen: Carson Ellis ist eine Entdeckung auf dem Bilderbuchmarkt, die genaues Hinschauen verdient und Kindern ab 4 Jahren überall Spaß machen wird – zu Hause und in der Fremde.

wamiki-Tipp: Ellis, C.: Zuhause. Aus dem Englischen von Thomas Bodmer. NordSüd Verlag 2016, 36 Seiten, 15,99 Euro, ab 4 Jahren

Ayda, Bär und Hase

Kinderbuch zum Vorlesen

Ayda lebt im Eigelstein, einem Kölner Stadtteil, in dem viele Menschen aus der Türkei, aus Griechenland und dem Iran wohnen, aus dem auch Aydas Eltern kommen. Die Kölner, hat Ayda gelernt, sind irgendwie anders als der Rest von Deutschland. Ayda findet, ihr Bâbâ sei wegen des FC Köln in diese Stadt gezogen, obwohl der Verein immer verliert. Bâbâ hat Mâmân beim Studium kennengelernt. Traurig ist Ayda, dass all ihre Cousins und Cousinen im Iran oder in Amerika wohnen und sie immer allein ist, weil sie keine Geschwister hat. Sie geht noch in den Kindergarten, ist fünf Jahre alt und ziemlich clever. Aber sie ist sehr klein. Deshalb soll sie immer mit den Kleinen spielen. Eines Tages trifft sie zwei Freunde, von denen der jüngere sehr groß ist und der ältere noch kleiner als Ayda: Bär und Hase. Die drei merken bald, das größer oder kleiner und älter oder jünger wenig darüber aussagen, ob man sich anfreunden und viel miteinander machen kann.

Humorvoll, frech und mit großer Liebe für kleine Kinder erzählt der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani die Geschichte von Ayda und ihren Freunden, die von überall her stammen, sogar aus dem Tierreich, aber eine gemeinsame Heimat in Köln gefunden haben. Als Kinderbuchautor ist Kermani es wert, endlich entdeckt zu werden.

Mondkaninchen

Bilderbuch

Die Kinder spielen in ihrem Garten, als das Unheil über sie hereinbricht: Der Bruder darf nicht mehr zur Schule gehen, und Papa sagt, dass das Land kaputt gemacht wird. Die Mutter und die zwei kleinen Mädchen sollen fliehen, der Vater und der ältere Bruder wollen nachkommen. Aber die Mädchen weigern sich zu gehen. Da kommen nachts Mondkaninchen und erzählen, dass sie einst vor dem bösen Wolf fliehen mussten und seitdem glücklich auf dem Mond wohnen.

Andrea Karimé und Annette von Bodecker-Büttner haben die Begegnung verschiedener Kulturen und Mythen schon in vielen Büchern mit märchenhaften und fantastischen Elementen geschildert. In dieser Geschichte, die die Heimat der Kinder in paradiesischen Bildern darstellt und auch auf Arabisch erzählt wird, liegt die Betonung darauf, den Mut zum Gehen zu haben, obwohl man viel lieber bleiben möchte.

Krähe und Bär

Kinderbuch zum Vorlesen

Der Bär im Zoo hat zwar jeden Tag mehr als genug zu fressen, aber er muss immer die gleichen kleinen Kreise drehen, hat noch nie etwas von der Welt gesehen und sehnt sich nach einem anderen Leben. Nur der frechen Krähe, die auf sein Futter aus ist, kann er davon erzählen. Eines Tages tauschen die beiden auf magische Art ihre Körper. Doch nach dem Überlebenskampf als Krähe kehrt der Bär freiwillig in seinen Käfig zurück und teilt sein Zuhause mit der freien Krähe, die ihn oft besucht.

Aber der Tausch hat nicht nur Vorteile: Die Krähe frisst, bis sie sich nicht mehr bewegen kann, und der Bär fällt auf einen lebensgefährlichen Trick der Ratten herein. Da hilft nur noch der Rücktausch.

Dass man doch lieber in der eigenen Haut steckt – kein Wunder. Aber dass jemand den Käfig der Freiheit vorzieht, das ist ungewöhnlich in Geschichten für Kinder. Doch der Bär sagt: „Das Leben teilen ist ein Glück, Krähe … Frühstück?“ Bei dieser Teilung kommen beide auf ihre Kosten.

Die Flucht

Bilderbuch

Heimat und Fremde sind abstrakte und so komplexe Begriffe, dass sie in Geschichten für kleine Kinder nur selten vorkommen. Doch es gibt einige Bilderbücher zu diesen Themen, darunter „Die Flucht“, ein grafisches Kunstwerk, das es auf die Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 geschafft hat.

Die Autorin Francesca Sanna versucht, für die Heimat schöne Bilder zu finden, um den Verlust der Geflohenen zu symbolisieren. Aber sie erzählt auch, warum Menschen ihre Heimat verlassen müssen.