Das Kinderbuch der Woche: „Der Junge im Rock“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

Echte Jungs tragen keine Röcke?

Felix mag Röcke. Wo er bisher aufwuchs, störte das niemanden, er fiel nicht auf. Aber in dem neuen Kindergarten ist das anders. Die Eltern zögern lange, bevor sie ihm erlauben, seinen roten Lieblingsrock auch hier anzuziehen.
Doch es kommt so, wie die Eltern wahrscheinlich befürchtet hatten: Er wird abgelehnt, ist für die anderen „kein echter Junge“. Seinen Eltern wird vorgeworfen, sie seien schlechte Eltern, weil sie zulassen, dass er Röcke trägt.
Für Felix bricht eine Welt zusammen. Er kann nicht verstehen, warum er keine Röcke anziehen soll, die ihm gefallen, weil er sich darin frei und beweglich fühlt, besser rennen und klettern kann. Warum dürfen Mädchen Hosen anziehen, aber Jungs keine Röcke?
Felix traut sich nicht mehr in den Kindergarten. Da kauft sein Vater sich einen langen, grünen Rock. Tagelang spazieren die beiden in ihren Röcken durch die Stadt und trotzen bösen Blicken.
Schließlich traut sich Felix wieder in den Kindergarten. Papa begleitet ihn in seinem grünen Rock. „Heute darf jeder einen Rock tragen, hat dir das niemand gesagt?“ fragt Felix einen verwunderten Jungen. Als der sagt, das Jungs immer Hosen anziehen müssten, antwortet Felix nur: „Und Mädchen immer Röcke?“ Schließlich ist die Welt für Felix wieder in Ordnung: Er ist „Der Junge im Rock“ und lässt sich von der Meinung anderer Menschen nicht mehr beirren.
Diese kleine Geschichte beschäftigt sich mit einem immer noch bestehenden Tabu. Schlichte, im Comic-Stil gehaltene Illustrationen begleiten das zur Zeit einzige Bilderbuch zu diesem Thema, das eine Diskussionsgrundlage für alle Jungen bietet, die gerne Kleider und Röcke tragen, für ihre Freunde, die das nicht stört, und für ihre Eltern.
Halt! Ein Bilderbuch über einen Jungen, der gerne Kleider trägt, gab es schon. Die in Wort und Bild kunstvoll erzählte Geschichte von Jens Thiele heißt „Jo im roten Kleid“ und erschien 2004 im Hammer Verlag. Leider ist das Buch nicht mehr lieferbar. Wer es noch irgendwo auftreiben kann, sollte es unbedingt lesen.
Gabriela Wenke

 

Das Kinderbuch der Woche: „Ein Hund fürs Leben“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

 

 

Ein Hund fürs Leben

7. Klasse. Auch in den Niederlanden heißt das: eine neue Schule und neue Schulkameraden. Für Parker und Sven ist es der Neustart nach einer Katastrophe.
Seit einem Jahr kämpft Sven mit der Krankheit Epilepsie und muss die 7. Klasse wiederholen. Nach einem Überfall auf den Foto-Laden ihrer Eltern versucht Parker, wieder Fuß zu fassen.
Sven will alles daran setzen, den neuen Schulkameraden nicht als sabbernder, zuckender Freak in Erinnerung zu bleiben, sondern cool rüberzukommen. Ein Anfall gleich am ersten Tag macht das zunichte.
Parker ist verstört, weil die Eltern sich von dem Schock des Überfalls noch nicht erholt haben. Ihr Vater, der angeschossen wurde, traut sich nicht mehr aus dem Hause; die Mutter versucht mühsam, den Laden und die Familie am Laufen zu halten. Deshalb denkt Parker sich Tricks aus, um drei kleine Brüder im Zaum zu halten. Zudem hat sie ihren geliebten Hund Alaska verloren, weil einer der Brüder eine Tierhaarallergie hat.
Bei der Vorstellungsrunde in der neuen Klasse behauptet sie, dass sie „Jingle Bells“ bellen kann. Das stimmt. Sie hat es mit Alaska eingeübt. Doch der neue Junge mit den epileptischen Anfällen, Sven, verpasst Parker den Spitznamen Barger (auf Englisch: Beller), was in der Schule sofort die Runde macht.
Da taucht Parkers Hund, ein Golden Retriever, so weiß wie der Schnee in Alaska, plötzlich draußen vor der Schule auf, erkennbar gezeichnet als Assistenzhund für Sven. Ausgerechnet Sven!
Die Geschichte der Kinder und des Hundes Alaska wird abwechselnd aus der Perspektive von Parker und Sven erzählt. Im Verlauf der Handlung kommen die beiden einander zwar vorsichtig näher, haben aber noch zahlreiche Herausforderungen zu bestehen, in denen Alaska keine unwesentliche Rolle spielt.
Anna Woltz ist eine umwerfend gute Erzählerin spannender Geschichten mit dem gewissen Etwas. Das macht sie zu einer herausragenden Autorin für Kinder.
Gabriela Wenke

 

Das Kinderbuch der Woche: „Als Larson das Glück wiederfand“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

 

Als Larson das Glück wiederfand

Eines Abends klingelt es an der Tür des alten Larson. In seinem Haus, das zugewachsen ist – nicht wie Dornröschens Schloss, sondern wie ein von Wurzeln durchzogener Tierbau –, erklang die Klingel schon lange nicht mehr. Als Larson zornig öffnet, steht ein kleiner Junge vor ihm, hält ihm einen Blumentopf mit Erde hin und bittet ihn, auf die Blume aufzupassen. Verblüfft nimmt der alte Larson den Topf entgegen.

Der Junge fährt mit seiner Familie in den Urlaub, und Larson gießt – anfangs widerstrebend – die Erde im Blumentopf. Doch das weckt Erinnerungen an seine Frau, an die Bilder, die sie gemalt hatte, und an glückliche Tage.

Nun füllen Blumen seine Träume. Larson träumt, er sei ein Samen in der Erde des Blumentopfes, aus dem zauberhafte Mohnblumen wachsen. Wie der Samen seine Triebe, entfaltet sich auch Larson wieder, holt Licht und Sauberkeit in sein Haus zurück. Während die Pflanze im Topf des Jungen wächst, fasst Larson wieder Zutrauen in sich und sein Leben. Sogar der Kater, der dieses trostlose Haus verlassen hatte, kommt zurück.

Auf einer Doppelseite sieht man Larsson mit einer Laterne inmitten eines wild wuchernden Dschungels unter der Knospe einer Mohnblume stehen, die gerade aufplatzt, und nach dieser Traumsequenz entfaltet die Blüte sich Seite für Seite.

Als der Junge seinen Blumentopf mit der schönen Blüte nach dem Urlaub abholt, lädt er Larson ein, im Haus der Eltern ein Glas Wein zu trinken. Larson nimmt die Einladung an.

Emilia Dziubak hat traumhaft schöne Bilder für die Gefühle und Stimmungen des alten Mannes geschaffen. In seinem verwahrlosten, in Brauntönen gehaltenen Haus scheint er in der Erde zu versinken, umgeben von Wurzelwerk und vertrockneten Pflanzen. Licht spenden nur Erinnerungen, besonders die an seine Frau, die – jung geblieben und in Sonnenlicht getaucht – durch seine Gedanken tanzt. Doch der kleine Junge vor der Tür ist überzeugt, dass Larson sich um den Blumentopf kümmert. Dass die erblühende Pflanze den alten Mann wieder ins Leben holt, ahnt der Junge nicht.

Dieses Aufblühen hat Emilia Dziubak mit symbolischen wie realistischen Darstellungen gestaltet und ein Kunstwerk mit Tiefgang geschaffen, das die Betrachter berührt. Unbedingt anschauen – am besten mit Kindern!

 

Das Kinderbuch der Woche: „Malen für verkannte Künstler“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

Pinsel- und Farbspiele
Mal-Buch

Man nehme das Buch, den bekannten Kasten mit sechs Wasser- oder Deckfarben – und lege los. Das ist ganz leicht und deshalb besonders geeignet für Menschen, die beim Malen Ermutigung brauchen, aber auch für diejenigen, die Lust haben, etwas dazuzulernen. Junge Künstler brauchen nicht gleich Tipps zur Perspektive oder zum Rahmen, sondern lernen lieber, wie man durch Druck auf den Pinsel zu unterschiedlichen Linien und Punkten kommt, die sich mit ein paar Strichen aus Patschen in Krallen verwandeln lassen. Sie können direkt ins Buch hineinmalen, denn der größte Teil ist auf Aquarellpapier gedruckt, und sollten schon lesen können, damit sie alle Tipps, Ermutigungen und Informationen in ihrem eigenen Tempo verarbeiten können.
Dabei entstehen Pinselspiele, in denen ein rascher Strich zu leuchtenden Farben führt, aus gedankenverlorenen Kringeln seltsame Wesen werden und nur Schwarz gebraucht wird, um ein schwarz-weißes Bild zu malen. All das und vieles mehr wirkt selbst auf Kinder, die nur ab und zu gern malen, reizvoll und anregend. Wer diesem Ideenfeuerwerk widerstehen kann, dem ist wahrscheinlich wirklich nicht zu helfen.
Leider kann das Buch nur einen Besitzer haben, weil man es nur einmal „malen“ kann. Insofern ist es ein kostbares Geschenk, aus dem ein noch wertvolleres Gesamtkunstwerk werden kann. Denn nach den „Pinselspielen“ können spielerisch ernsthafte Ausblicke auf Perspektiven gewagt, Stillleben gemalt und ganze Bildgeschichten erzählt werden.
Das Buch erschien erstmals 1992 in den USA; die überarbeitete Neuauflage kam 2017 heraus. Dennoch ist es frisch wie am ersten Tag – und sehr zu empfehlen.

Das Kinderbuch der Woche: „Fell und Feder“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

Ungleiche Freunde

Huhn und Hund müssen gleich auf die Bühne, ihr Stück spielen. Durch einen Spalt im Vorhang kann man schon die neugierigen Zuschauer erkennen. Der Vorhang geht auf, das Buch beginnt und damit auch das Theaterstück, die Geschichte von Hund und Huhn, von „Fell und Feder“.
In der Bilderbuch-Neuzeit ist Kathrin Schärer die beste Erzählerin von Tiergeschichten in Bildern. Und Lorenz Pauli fallen tatsächlich immer wieder kleine Geschichten ein, die eine Botschaft ohne pädagogischen Zeigefinger, aber mit raffiniert doppeltem Boden haben. Komisch sind sie auch, voller hintersinnigem Humor.
Worum es geht? Huhn sehnte sich nach der großen Freiheit und floh aus dem Hühnerhof. Es wollte Abenteuer erleben und einen Schatz finden. Als es Hund kommen hört, flüchtet es – Abenteuer hin oder her – hinter einen Busch und hört, wie Hund sich etwas wünscht: einen Freund, groß und stark und schön und… Da sagt der Busch, er sei ein Wunschbusch, und – Hund hat noch gar nicht alle Einzelheiten des gewünschten Freundes aufgezählt – da wuschelt es im Busch. „Tataa!“ Das Huhn erscheint und präsentiert sich als Wunschfreund. Hund ist ein bisschen irritiert. Er hat sich den Freund ganz anders vorgestellt. Schließlich zeichnet er, wie er sich den Freund vorstellt, und hofft, dass Huhn ihm hilft, den Freund zu finden.
Also geht Huhn auf die Suche und bringt tatsächlich einen Freund auf die Bühne, aber das ist: der Hund. Während Hund noch immer nach dem idealen Freund sucht, hat Huhn schon einen Freund gefunden: den Hund. Da begreift auch Hund, worauf es wirklich ankommt und dass Huhn der beste Freund ist, den man sich vorstellen kann. Denn ein Freund, der anders ist als man selbst, ist wirklich ein Abenteuer. Nach der Theatervorstellung gehen Hund und Huhn zusammen nach Hause. „Zu dir oder zu mir?“
Eine augenzwinkernd erzählte Geschichte von einem, der auf der Suche nach dem idealen Freund ist, und dem schlauen Huhn, das Abenteuer sucht. Huhn kapiert schnell, dass es mit Hund Abenteuer erleben wird, und Hund versteht schließlich, dass seine Suche nach dem idealen Freund von falschen Voraussetzungen ausgeht.
Die Theateraufführung, in der die beiden ihre Geschichte erzählen, beweist Darstellern, Zuschauern im Saal und den Kindern, denen das Buch vorgelesen wird, dass Freunde nicht immer so aussehen müssen wie man selbst und einen anderen Charakter haben sollten, damit es nicht langweilig wird.
Ein wunderbares Buch zum Vorlesen, Anschauen und Reden. Es basiert auf der gleichnamigen Kinderoper, die Lorenz Pauli (Libretto), Randolphe Schacher und Charlotte Perrey (Musik) im Auftrag von „argovia philharmonic“ geschrieben haben.
Gabriela Wenke

Das Kleine — Eine Liebesgeschichte

  Bilderbuch

Wenn eine Ausnahmekünstlerin wie ISOL ein Buch über die Ankunft eines Kindes in der Welt malt und schreibt, dann wird das kein Babybuch. Es erzählt vom Anfang eines Menschen und zeigt völlig kitschfrei, wie ein „Kleines“ vom Himmel fällt. Mama und Papa haben alle Hände voll zu tun, um es nicht fallenzulassen. Es schreit, und das ist gut so, damit alle merken: Es ist da. Alle staunen, als wäre es das erste seiner Art: so winzig, so perfekt, so geheimnisvoll, wie es da durch die Luft zu schwimmen scheint.

Von der ersten Zeit eines solchen „Kleinen“ wird so berichtet, dass kleine und große Leser sich zu erinnern scheinen, wie das war, in die Welt zu kommen. Mit sanfter Ironie und herzlichem Humor überlegt ISOL, ob das „Kleine“ am Anfang seiner Reise wusste, wohin es wollte: Wir sehen, wie es an einem Steuerrad im Bauch der Mutter sein Ziel avisiert.

Doch die Erinnerungen an das Vorher sind aufgehoben, als das „Kleine“ ankommt. Wir erfahren, wie es die Welt sieht und wie die Welt es sieht. Zum Beispiel hat es wunderbarerweise zwei Zipfel an den Seiten des Kopfes – wie Antennen, die Geräusche transportieren. Das ist ebenso aufregend wie das Trinken und Pinkeln, das Schauen und Rülpsen, das Kotzen und die Kackfee, vielleicht eine Schwester der Zahnfee.

Das eine „Kleine“ bleibt nicht allein – es gibt viele „Kleine“. Sie sind unterschiedlich, bringen andere zum Lächeln und weinen mit, wenn andere weinen. Man kann ihnen nichts vormachen. Sie bekommen unendlich viel mehr von ihrer Umgebung mit, als die „Großen“ merken.

Das Buch ist eine Liebeserklärung an das „Kleine“ und dadurch auch an die Menschen, die sich aufmerksam auf es einlassen und ihr „inneres Kind“ wiederentdecken. Dieses „Kleine“ in jedem Erwachsenen – dargestellt durch blaugestrichelte Figuren –, macht es den neuen „Kleinen“ leichter, sich in der Welt wohlzufühlen.

ISOL kann auch bittere Geschichten erzählen. Aber in diesem Buch, das man allen werdenden Eltern überreichen sollte, feiert sie auf feine und sensible Weise das Wunder, das jedes Kind ist, und ist überzeugt, dass die „Großen“ noch Erinnerungen an das Kleinsein haben. Kindern sagt das Buch: Auch du bist so ein Wunder, das auf diesem Planeten landete. Auch du wirst gebraucht und geliebt.

In einfacher Sprache, mit kurzen Sätzen erzählt ISOL von alltäglichen Beobachtungen. Krakellinien mit gedoppelten Umrissen geben den Bildern etwas zart Zittriges. Die wenigen Farben auf einem Packpapier-Hintergrund verleihen den Aussagen hohe Emotionalität.

Da das Titelbild das kühlste Bild von allen ist, sollte man das Buch unbedingt aufschlagen. Lässt man sich von den anrührenden Szenen führen, wird man feststellen: Das ist große, originelle Bilderbuchkunst.

Die Schönheit des Lebens

Bilderbuch

 

Alles hat einmal klein angefangen, sogar der Elefant. Aber zum Wachsen braucht er Sonne und Mond. Cynthia Rylant, die Autorin, stellt sich vor, dass alle Tiere irgendetwas besonders mögen: das Kamel zum Beispiel den Sand.

Manchmal kann das Leben zwar schwer sein, aber die Autorin meint, dass man immer etwas finden kann, das liebenswert ist – überall auf der Welt. „Denn das Leben fängt klein an, und es wächst.“

Mit Collagen aus farbigen Papieren und Landschaften mit Tieren zeigt Brendan Wenzel die Welt, von der Cynthia Rylant erzählt. Obwohl der Mensch darin fehlt, fühlt man sich angesprochen: „Du kannst jedes Tier der Welt fragen: Was liebst du besonders am Leben?“ Dass jedes Tier etwas hat, das es liebt, steht dafür, dass auch der kleine Mensch, der das Bilderbuch anschaut, etwas haben wird, das ihm wichtig ist, denn die Welt ist schön und lebendig. Es lohnt sich, genau hinzuschauen.

Kurz: eine Ermutigungsgeschichte für Kinder, die so etwas gerade brauchen.

Reim-Spaß

Gedicht-Cartoons

 

„Kurt, der Bär, ist viel zu…!“ Ja, das sieht man doch – schwer. Schließlich steht er auf der Waage, in Boxershorts, mit Boxhandschuhen und hochhackig-roten Stiefeln. Jedes Kind, dem die Zeile vorgelesen wird, weiß den Reim: Bär – schwer. So geht das munter weiter mit lustigen Cartoons und viel Nonsens in Wort und Bild, erdacht von Peng. Der Mann heißt so und arbeitete bisher als Cartoonist für Erwachsene. Für Kinder kann er das auch: reimen und passende Bilder dazu erfinden.

Das Ganze ist ein großer Spaß und bringt kleine Poeten auf den Geschmack: mal simpel wie bei „Doris, das Huhn, hat nie etwas zu …!“, mal abgefahrener wie bei „Schnurli, die Katze, wärmt Giovanni die…“. Da ist das Bild eine –fast – notwendige Reim-Hilfe.

Ein Buch für Vorleser, die Spaß haben wollen, und Kinder, die schon ein bisschen sprechen können. Außerdem eignet es sich gut für Erstleser und -schreiber.

Das Kinderbuch der Woche: „Durch den Wald“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

Hinaus ins Leben!
Ein Bilderbuch

Auf dem Titel des Buches schauen sich der blaue Pudel und der rötliche Kater, der einen Käfig mit einem gelben Vogel trägt, ängstlich um. Sie gehen aufrecht, sind angezogen wie Menschen-Kinder und kommen aus einem Einfamilienhaus, in dem sie von der alten Frau Lieb – nomen est omen – verwöhnt und beschützt wurden. Frau Lieb hat Angst vor den Gefahren der Welt. Deshalb blieben sie und ihre drei Schützlinge immer zu Hause.
Doch eines Tages passiert ein Unglück. Frau Lieb wird mit dem Rettungswagen abgeholt und kommt ins Krankenhaus. Die Tiere entdecken, dass Frau Lieb ihre Kette vergessen hat – ein Talisman, ohne den sie gewiss nicht gesundwerden kann. Also überwinden sie ihre Furcht und folgen dem Krankenwagen. Tapfer durchqueren sie den dunklen Wald voller unheimlicher Geräusche. „Hier kommt nur weiter, wer wirklich etwas wagt“ wird ihr Wahlspruch.
Unterwegs treffen sie einen Riesenkeiler und eine Rotte furchteinflößender Wildschweine, die sich über die braven Haustiere amüsieren. Bei der Überquerung eines Bachs landet der Kater mit dem Vogel, der immer noch in seinem Käfig sitzt, im wilden Wasserlauf. Ihre Hilferufe hören die wilden Tiere und beschließen: „Los, Leute kommt, da helfen wir! Ein verwöhnter Kater ist auch nur ein Tier!“
Auf Zuspruch der Krähen gebraucht der Vogel endlich seine Flügel, verlässt den Käfig und kann den Haustieren schließlich den Weg zum Krankenhaus weisen. Frau Lieb freut sich über die drei und gibt sogar zu: „Es macht Spaß, das Leben, wenn man was wagt.“
Mit munteren Reimen, kräftigen Farben und scheinbar naiven Strichen schickt Nele Palmtag Pudel, Kater und Vogel ins abenteuerliche Leben. Vielen Details ergänzen den Text mit Bildinformationen: zum Beispiel das Medaillon-Foto eines „wilden“ Mannes, von dem die drei wohl stammen, denn als Babys schauen sie aus seinem Hut heraus. Kurz: Eine fröhlich gestaltete, humorvolle Ermutigungsgeschichte über den Aufbruch ins Leben.

Mein Buch

Das Sprachbildungsbuch für Kinder

 

Bilderbücher, die ihre Adressaten aus der Rezeptionshaltung heraus­locken und zur aktiven Gestaltung motivieren wollen, haben es auf dem Buchmarkt traditionell schwer. Sie werden oft in die Sach- und Spielbuchecke gedrängt. Einen ähnlich schweren Stand haben Bilderbücher, deren Illustrationen von Kindern und nicht von professionellen Illustratoren angefertigt werden; auch sie sind auf dem Markt nicht nachgefragt, wie zahlreiche Versuche belegen. Mit diesen beiden Hypotheken geht Mein Buch an den Start, ein Projekt, das in der grund_schule der künste an der Universität der Künste Berlin in Kooperation mit wamiki entwickelt wurde. Es geht um einen offenen, kreativen Umgang mit Sprache und Bildern, mit Buchstaben, Wörtern und Bildzeichen. Es geht um Zugänge zur Bildung durch eigene Erfahrungen mit dem Erzählen von Geschichten.

 

Was zunächst nach einem Lernlesebuch für die Grundschule klingt, ist tatsächlich etwas grundlegend Anderes. Das wird schon am Design deutlich: Man öffnet nicht ein Buch, sondern eine Pappschachtel, in der drei Hefte sowie zwei dicke Buntstifte liegen, ergänzt durch einen Stapel leerer Buchseiten.

Heft 1 bietet Ansätze von Geschichten, überwiegend in Bildern erzählt, die Kinder angefertigt haben. Diese Geschichtsanfänge können weitererzählt oder umgedeutet werden, durch eigene Zeichnungen auf freien Heftseiten oder durch Hineinzeichnen in vorhandene Bilder. Die narrativen Vorgaben wechseln dabei in ihren ästhetischen Grundformen, in ihren Stimmungen und in ihrer Sinnlichkeit, so dass hier Erzählen in seinen vielfältigen Kommunikationsformen erfahrbar wird.

Auch Heft 2 führt den offenen, spielerischen Ansatz der Annäherung an Sprache fort. Das Wort Anfang mit seinen einzelnen Buchstaben wird nun zum Spiel- und Experimentierfeld, sowohl für die Macher als auch für die Nutzer. In lockerer Anlehnung an die bildhaften ABC-Bücher kann man sich in die fantasievolle Buchstaben-Welt durch Wort und Bild einklinken.

 

Das dritte Heft verdeutlicht noch einmal die Grundidee der Autor*innen, bildnerische Äußerungen von Kindern als Basis und Motivation für eigene, individuelle Erzählübungen zu nutzen. Auf ästhetisch ausgesprochen reizvollen und anregenden Bildflächen, die Kinder mit Hilfe von Zeichenmaschinen hergestellt haben, kann nun eine eigene längere Geschichte mit einem dramaturgischen Verlauf gezeichnet und geschrieben werden, ohne pädagogischen Zeigefinger oder einengende Vorgaben.

Die Intention des Projektteams, dass sich Zugänge zur (fremden) Sprache über das Erzählen mit seinen bildhaften und sprachlichen Mustern und Regeln, aber auch mit den Möglichkeiten individueller Ausdeutungen ergeben, wird in den drei Heften mit ihren aufeinander abgestimmten Materialien überzeugend umgesetzt.

 

Man versteht die Konzeption dieses ‚Buchs ‘ noch klarer, wenn man sich den kulturpolitischen Hintergrund vergegenwärtigt. Das Autorenteam hat sich zum Ziel gesetzt, mit Mein Buch all den Kindern eine Chance auf Teilhabe an der deutschen Sprache und damit an Bildung zu geben, die durch Migration, Flucht und soziale Ausgrenzung erschwerte Lernbe­dingungen vorfinden. Die Pappbox wurde bereits an viele Kinder in Berlin über die grund_schule der künste kostenlos verteilt. Mein Buch könnte Kindern auch an jedem anderen Ort eine solche Chance bieten, auch oder gerade jenseits der klassischen Lernorte.

Text: Jens Thiele
Fotos: Elisa Bauer

Das Kinderbuch der Woche: „Ellington“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

Was man liebt, muss man freilassen

 

Die Klavierlehrerin Frau Treuherz heißt, wie sie aussieht: treuherzig. Eines Tages begegnet ihr ein weißer Erpel, der sie Hilfe suchend anschaut, denn ihn erwartet nach dem Verkauf beim Geflügelhändler nichts anderes als ein Bratofen. Sie weiß sofort, dass der Erpel Ellington heißen muss, nach dem Jazzmusiker Duke Ellington. Sein Blick und der Name, den sie ihm gab, lassen ihr keine andere Wahl: Sie muss ihn kaufen.
Ihre kindlichen Klavierschüler sind besonders entzückt, als sie merken, dass Ellington musikalisch ist und zu allen Stücken tanzt, die mit Federvieh zu tun haben. Als die aufmüpfigen Zwillingsmädchen ihm das Lied aus „Peter und der Wolf“ vorspielen, in dem der Wolf eine Ente verschluckt, wird Ellington wütend. Er versteht die Musik also.
Zwar ist Ellington froh über seine Rettung, doch ihm fehlt die Freiheit. Schließlich nimmt Frau Treuherz ihn an die Leine und geht mit ihm in den Park, wo er sich in eine kleine braune Ente verliebt. Natürlich will er zu ihr, aber Frau Treuherz will ihn nicht an eine Ente und den See im Park verlieren. Sie sperrt ihn wieder in die Wohnung ein, woraufhin Ellington erst randaliert und dann in schwärzeste Trauer fällt.
Der erwachsene Klavierschüler Herr Straubinger, ermuntert durch den Lebensgeist, den Ellington Frau Treuherz eingehaucht hat, verliebt sich ein bisschen in die Klavierlehrerin und bringt ihr ein Ständchen. Als er „Ich wollt ich wär ein Huhn“ singt, stimmt sie ein, tanzt mit ihm, und da mischt plötzlich auch Ellington wieder mit. Das rührt Frau Treuherz so, dass sie den Enterich freilassen kann. „Ellington lächelte, so gut ein Enterich eben lächeln kann“, und Herr Straubinger geht mit zum See, um nicht zu verpassen, wie Ellington mit seinem Ententanz das Herz der Angebeteten erobert.
Schlussbild: Herr Straubinger und Frau Treuherz sitzen in einem Tretboot, dem Ellington, die kleine braune Ente und einer Schar gelb-brauner Küken folgen. Happy End.
Die Geschichte darüber, dass man aus Liebe oder Bewunderung niemandem die Freiheit rauben darf, ist ein Klassiker. Dass es diesmal um eine treuherzige Klavierlehrerin und einen Erpel geht, lässt Erwachsene zwar schmunzeln, aber die Botschaft, von Marlies Bardeli poetisch vermittelt, kommt trotzdem an. Der von mir bewunderten belgischen Illustratorin Ingrid Godon gelingt es mit wenigen gut gesetzten Strichen und sanften Farben, Gefühle, Stimmungen und Charaktere der Menschen und Tiere hinreißend und komisch zu Papier zu bringen. Selten hat jemand eine Ente so überzeugend zum Leben erweckt und tanzen lassen wie Ingrid Godon den Ellington. Ein herausragend schönes Bilderbuch, an dem Kinder ab vier Jahren ihren Spaß haben werden. Selbst jüngere werden dem Treiben des musikalischen Enterichs vergnügt folgen.
Gabriela Wenke

Das Kinderbuch der Woche: „Das Kleine“

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Ab heute 52 Mal.

Während in Frankfurt am Main die Buchmesse stattfindet, stellen wamiki und Gabriela Wenke das „Kinderbuch der Woche“ vor: Es ist ein herausragendes Bilderbuch aus dem österreichischen Verlag Jungbrunnen, der es immer wieder wagt, Bücher zu veröffentlichen, die nicht den Mainstream bedienen. Das „Buch der Woche“ heißt „ Das Kleine“, illustriert von der Argentinierin Isol, und manche Erwachsene mögen rätseln, für welches Alter es gedacht ist. Der Verlag sagt: ab 4 Jahren.
Immer, wenn Bilderbücher auch Erwachsene entzücken, weil Strichführung wie Text begeistern, taucht die Frage auf: Ob das Kindern gefällt? Seit Jahrzehnten antwortet Gabriela Wenke: Ja!

Natürlich muss so ein Buch nicht allen Kindern gefallen. Und nicht allen Erwachsenen. Ganz davon abgesehen, dass Erwachsene und Kinder nicht unbedingt das Gleiche berührt, denn: Jeder Mensch – wie alt oder jung er auch sei – hat seine eigene Lesart. Aber die Ankunft eines Kindes in einer Familie, in der man es so freudig und voller Neugier willkommen heißt wie in „Klein“, dieses Wunder berührt tatsächlich alle.
Überzeugen Sie sich – Sie finden unstenstehend die Rezension und übrigens auch in der aktuellen Ausgabe von wamiki (4/2018). Das Buch gibt es in Ihrer Buchhandlung. Oder man bestellt es dort für Sie.
Zurück zum „Buch der Woche“: Meist wird es sich um Neuerscheinungen handeln. Aber manchmal lohnt auch der Rückgriff auf vergangene Jahre, findet Gabriela Wenke, die das jeweilige Buch auswählt. Sie war Mitglied in zahlreichen Jurys und entscheidet nun allein. Das traut sie sich zu, weil sie viel Erfahrung mit Kinderliteratur hat. Urteilen Sie in den nächsten zwölf Monaten selbst, ob Sie – und die Kinder – mit Gabriela Wenkes Empfehlungen zufrieden sind.
Die wamikis und Gabriela Wenke sind gespannt auf Ihre Reaktionen und freuen sich, wenn Sie die Bücher mögen.

Und hier Gabrielas erstes Buch der Woche:

Vom Auf- und In- die-Welt-Kommen

Bilderbuch

Wenn eine Ausnahmekünstlerin wie ISOL ein Buch über die Ankunft eines Kindes in der Welt malt und schreibt, dann wird das kein Babybuch. Es erzählt vom Anfang eines Menschen und zeigt völlig kitschfrei, wie ein „Kleines“ vom Himmel fällt. Mama und Papa haben alle Hände voll zu tun, um es nicht fallenzulassen. Es schreit, und das ist gut so, damit alle merken: Es ist da. Alle staunen, als wäre es das erste seiner Art: so winzig, so perfekt, so geheimnisvoll, wie es da durch die Luft zu schwimmen scheint.

Von der ersten Zeit eines solchen „Kleinen“ wird so berichtet, dass kleine und große Leser sich zu erinnern scheinen, wie das war, in die Welt zu kommen. Mit sanfter Ironie und herzlichem Humor überlegt ISOL, ob das „Kleine“ am Anfang seiner Reise wusste, wohin es wollte: Wir sehen, wie es an einem Steuerrad im Bauch der Mutter sein Ziel avisiert.

Doch die Erinnerungen an das Vorher sind aufgehoben, als das „Kleine“ ankommt. Wir erfahren, wie es die Welt sieht und wie die Welt es sieht. Zum Beispiel hat es wunderbarerweise zwei Zipfel an den Seiten des Kopfes – wie Antennen, die Geräusche transportieren. Das ist ebenso aufregend wie das Trinken und Pinkeln, das Schauen und Rülpsen, das Kotzen und die Kackfee, vielleicht eine Schwester der Zahnfee.

Das eine „Kleine“ bleibt nicht allein – es gibt viele „Kleine“. Sie sind unterschiedlich, bringen andere zum Lächeln und weinen mit, wenn andere weinen. Man kann ihnen nichts vormachen. Sie bekommen unendlich viel mehr von ihrer Umgebung mit, als die „Großen“ merken.

Das Buch ist eine Liebeserklärung an das „Kleine“ und dadurch auch an die Menschen, die sich aufmerksam auf es einlassen und ihr „inneres Kind“ wiederentdecken. Dieses „Kleine“ in jedem Erwachsenen – dargestellt durch blaugestrichelte Figuren –, macht es den neuen „Kleinen“ leichter, sich in der Welt wohlzufühlen.

ISOL kann auch bittere Geschichten erzählen. Aber in diesem Buch, das man allen werdenden Eltern überreichen sollte, feiert sie auf feine und sensible Weise das Wunder, das jedes Kind ist, und ist überzeugt, dass die „Großen“ noch Erinnerungen an das Kleinsein haben. Kindern sagt das Buch: Auch du bist so ein Wunder, das auf diesem Planeten landete. Auch du wirst gebraucht und geliebt.

In einfacher Sprache, mit kurzen Sätzen erzählt ISOL von alltäglichen Beobachtungen. Krakellinien mit gedoppelten Umrissen geben den Bildern etwas zart Zittriges. Die wenigen Farben auf einem Packpapier-Hintergrund verleihen den Aussagen hohe Emotionalität.

Da das Titelbild das kühlste Bild von allen ist, sollte man das Buch unbedingt aufschlagen. Lässt man sich von den anrührenden Szenen führen, wird man feststellen: Das ist große, originelle Bilderbuchkunst.