Giraffensprache versus Wolfssprache

Gewaltfrei in der Kita kommunizieren

Hier gibts den Artikel als PDF: giraffensprache_#2_2021

Kinder kommen auf die Welt und warten auf die Bestätigung: „So, wie du bist, bist du richtig und bereicherst mein Leben.“ Das wünschen sich Kinder auch dann, wenn sie ein Verhalten zeigen, mit dem die Erwachsenen nicht einverstanden sind. Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), war davon überzeugt: (Kleine) Kinder sind auf natürliche Weise mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen verbunden. Bereits wenige Wochen nach der Geburt lächeln sie, wenn jemand ihre Bedürfnisse beantwortet. Sie schreien, wenn sie hungrig sind, sie eine neue Windel brauchen oder wenn es ihnen langweilig ist und sie sich Kontakt wünschen.

Da gibt es nichts Verstelltes, Anklagendes. Eindeutig geben sie Auskunft über sich: „So geht es mir gerade. Bist du bereit, für mich da zu sein?“, und suchen die Verbindung. Für den amerikanischen Psychologen waren Kinder „Natur-Giraffen“.

Konflikte ohne Gewinner*innen und Verlierer*innen lösen

In Jahrzehnten eigenen Lernens entwickelte Marshall Rosenberg, beginnend in den 1980er-Jahren, ein Kommunikationsmodell, das er auch „empathische Kommunikation“ oder „Giraffensprache“ nannte. Dieses inzwischen auf der ganzen Welt verbreitete Modell hilft, Konflikte zu lösen, ohne dass es Gewinner*innen und Verlierer*innen gibt, egal ob es um Streit in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz geht oder sogar um kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Gruppen und Völkern. Es sensibilisiert Menschen dafür, was Worte anrichten können. Sie können Mauern errichten, wehtun und trennen. Zugleich können Worte auch Fenster sein, durch die sich Menschen füreinander öffnen und sich besser verstehen.

In seinen Seminaren setzte Marshall häufig zwei Handpuppen ein: die Giraffe und ihren Gegenspieler, den Wolf. Letzterer gilt als Metapher für eine Kultur der Herrschaft und der Dominanz, des Rechthabens und des Kleinmachens. Giraffen, die Landtiere mit dem größten Herzen, stehen für ein freundliches, mitfühlendes, dennoch kraftvolles und klares Verhalten, das eine Verbindung spüren lässt. Mit einem einfachen Satz kann man einem anderen Menschen die Hände reichen als eine Geste für: „Ich verstehe dich. Ich sehe dich.“ Die Sprache hingegen, in der sich der Wolf äußert, ist geprägt von Schuld bzw. Beschuldigung sowie von Beschämung. Die führt zu Trennung, Schmerz, Ärger und Angst. Liebevoll fügte Marshall Rosenberg hinzu, dass der Wolf eigentlich eine Giraffe mit Sprachfehler sei. Denn auch mit seinen wertenden, anklagenden Mitteilungen drückt der Wolf aus, was er dringend braucht.

„Sei still!“ oder „Du störst!“ könnte beispielsweise heißen: „Ich brauche so dringend Ruhe. Bist du bereit, mich darin zu unterstützen?“

Es gibt einige Zeilen, die diese fatale Metamorphose sehr anschaulich beschreiben – eine Verwandlung, die ich bei mir selbst häufig beobachten konnte und die ich auch bei anderen, selbst bei Kindern, hin und wieder wahrnehme:

Wir wollen alle geliebt werden.

Werden wir nicht geliebt,

wollen wir bewundert werden.

Werden wir nicht bewundert,

wollen wir gefürchtet werden.

Werden wir nicht gefürchtet,

wollen wir gehasst und missachtet werden.

Wir wollen ein Gefühl

in unseren Mitmenschen auslösen,

ganz gleich, um welches es sich dabei

auch handeln mag.

Die Seele zittert vor Leere

und sucht Kontakt

um jeden Preis.

Hjalmar Söderberg, 1869–1941

Mit seinem Modell der GFK wollte Marshall Rosenberg daran erinnern, dass wir Menschen seit unserer Kindheit und oft über Generationen hinweg eine tiefe Sehnsucht in uns tragen: „… unser einfühlendes Wesen, das sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt in unserem Herzen nachlässt“ (Rosenberg 2004, S. 22). Der idealistische Friedenskämpfer war davon überzeugt: Vor Millionen von Jahren fingen die Menschen an zu sprechen, um in Verbindung zu sein. Deshalb suchte Rosenberg nach einer Sprache, die diese Verbindung unterstützt und nährt.

Die Verbundenheit zwischen den Menschen anzuerkennen und zu stärken und damit für den Frieden im Kleinen wie im Großen zu wirken – dafür trat Marshall Rosenberg klar, charismatisch und auch humorvoll in seinen Workshops und Seminaren weltweit ein. Alle Menschen, so seine Botschaft, egal wo sie leben, ob jung oder alt, gleich welcher Herkunft, gleich welcher Religion oder Kultur sie angehören, haben die gleichen menschlichen Bedürfnisse: Sie alle brauchen Luft zum Atmen, Nahrung und ein Dach über dem Kopf. Alle Menschen brauchen andere Menschen, Gemeinschaft, Geborgenheit, Verständnis und Unterstützung. In ihre Gemeinschaft wollen sie sich einbringen, wollen angenommen und geschätzt werden, wollen Freude empfinden, sich ausdrücken und kreativ tätig werden, einzigartig sein sowie gesehen werden, wie sie sind. Indem sie ihre Bedürfnisse leben, bereichern sie die Gesellschaft und tragen zu Veränderungen bei – jeder an seinem Platz. In diesem Sinne kann die Gewaltfreie Kommunikation auch die Kindertagesstätten bereichern, die erste Bildungsinstitution, mit der Kinder hierzulande in Kontakt kommen.

Gehen wir mit der Haltung der GFK an Dinge heran, befreit uns das von der Last der Anforderungen. Stattdessen haben wir die Freiheit der Wahl und die Chance, Verantwortung für uns selbst und das eigene Umfeld zu übernehmen. In der Haltung der GFK fragen sich einzelne pädagogische Fachkräfte und Teams:

 

Worum geht es mir / worum geht es uns?

Was ist mir / uns wirklich wichtig?

Wofür möchte ich meine / möchten wir
unsere Kraft nutzen?

Was brauche ich dafür?

 

Verbunden mit einer Vision öffnen sich durch diese Haltung Wege zum kraftvollen, engagierten gemeinsamen Handeln. Das wird nicht gelingen, ohne Verantwortung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse, aber auch für Gedanken zu übernehmen, und verlangt eine ständige Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen.

Vom Raufbold zum Friedensstifter

Marshall Rosenberg bewies durch sein eigenes Leben, dass jeder Mensch in der Lage ist, wirksam zu sein und Impulse zu Veränderungen zu geben. 1934 geboren und 2015 gestorben, wuchs er in einer jüdischen Familie in der einstigen US-Auto-Metropole Detroit auf. Als Junge lernte er, nicht zu weinen. Dabei war er in der Schule häufig Anfeindungen wegen seiner Herkunft ausgesetzt. Als Neunjähriger erlebte er die Aufstände der Schwarzen gegen die Rassendiskriminierung mit und deren brutale Niederschlagung; eine Erfahrung, die ihn erschütterte. In seinen Jugendjahren galt er selbst als gefürchteter Raufbold. Dabei hatte er auch liebenswürdige, großherzige Seiten erfahren, vor allem von einer seiner Großmütter, die er mit viel Wärme beschrieb. Sie teilte das wenige, das sie hatte, mit anderen Menschen. Deshalb bewegten Marshall seit seiner Kindheit zwei Fragen: Warum sind manche Menschen fähig, sich in andere einzufühlen und auch unter schwierigen Bedingungen Verständnis und Mitgefühl zu entwickeln? Und warum scheinen manche Menschen nicht dazu in der Lage zu sein und verletzen ihr Gegenüber und empfinden nichts dabei? Um Antwort auf diese Fragen zu finden, studierte Rosenberg klinische Psychologie, promovierte und wurde Psychotherapeut. Einer seiner Lehrer war Carl Rogers, der Begründer der klientenzentrierten Gesprächstherapie. Einige Zeit führte er eine erfolgreiche Privatpraxis. Allerdings bemerkte er, dass er bei seinen – vorwiegend weiblichen – Klient*innen nur individuelle Symptome heilen konnte. Die gesellschaftlichen Strukturen und die Art, miteinander zu sprechen und zu handeln, blieben davon unbeeinflusst und machten weiter krank. Das ließ ihm keine Ruhe. Er sah, wie riesig das Ausmaß des Leidens auf unserem Planeten ist. Deshalb suchte er nach Wegen, Menschen mit den grundlegenden Kenntnissen über ihr eigenes Wesen vertraut zu machen und die helfenden, heilenden Werkzeuge der Psychologie und Psychotherapie nicht länger nur den Therapeuten zu überlassen. Er wollte die mitfühlenden Seiten in jedem Menschen wecken und alle befähigen, die Gesellschaft insgesamt zu verändern.

Vor allem in den letzten Jahren seines Lebens war ihm der Einsatz für den „sozialen Wandel“, wie er es nannte, sehr wichtig. Dabei inspirierte ihn u. a. der brasilianische Befreiungspädagoge Paulo Freire. Dieser alphabetisierte in den 1950er- und 1960er- Jahren die Bauern seines Landes, indem er sie unterstützte, Protestbriefe über ihre Lebensbedingungen an die Regierung zu schreiben. Freire schlug so zwei Fliegen mit einer Klappe: Lernen und Empowerment. Auch Rosenberg wollte ein einfaches Modell entwickeln, um Menschen zu bestärken, sich für ihr eigenes Leben und die Welt verantwortlich zu fühlen und entsprechend zu handeln. Er reflektierte seine eigene Arbeit und die seiner Kolleg*innen und entwickelte daraus die GFK. – So einfach dieses Modell ist, so ist es auch komplex und herausfordernd.

Kinder als Lehrmeister

Als Vater nutzte Marshall Rosenberg sein eigenes Modell zur Verständigung mit seinen drei Kindern. Sie halfen ihm zu erkennen, welche Sprache hilfreich ist, in Kontakt miteinander zu kommen und Verbindung zu erleben, und er erfuhr, welche Art der Haltung und der Sprache Widerstand und Trauer produziert. Zugleich nahm Rosenberg wahr, wie unterschiedlich die Macht zwischen Kindern und Erwachsenen verteilt ist und wie viel Gewalt wir Erwachsenen – in aller Regel unbewusst – gegenüber Kindern einbringen. Erwachsene haben die Position und auch die Macht zu bestimmen, was richtig und was falsch ist. Entsprechend belohnen und bestrafen sie. Dadurch fallen Kinder aus ihrer natürlichen Verbindung mit den Bedürfnissen heraus. Wie fatal das für ein Kind ist, wurde Marshall Rosenberg (vgl. Rosenberg 2004a, S. 103) bewusst, als er mit seinem damals dreijährigen Sohn Brad darüber sprach, warum er ihn wohl liebe. Der Junge mutmaßte, weil er nicht mehr in die Windeln machte, nicht mehr das Essen vom Tisch warf und Ähnliches. Für diese Verhaltensweisen hatte der Vater den Sohn wertgeschätzt und gelobt und dem Kind hatte sich das eingeprägt. Verborgen hinter dem Lob blieb jedoch die Freude des Vaters an der Individualität seines Sohnes.

Aus dieser Erfahrung schlussfolgerte Marshall Rosenberg, dass es für Kinder besonders wichtig ist, „nicht mit dem Bild aufzuwachsen, dass Erwachsene wissen, wann sie etwas gut gemacht haben und wann nicht, und dass sie danach bewertet werden, in welchem Maß das, was sie tun, als gut, richtig oder toll beurteilt wird“ (2004a, S. 103). Vielmehr werden Kinder, wenn sie in ihren Bedürfnissen genährt werden, die für sie richtigen Handlungsweisen finden. Rosenberg (2004a, S. 105) beschreibt, dass er mit seinen drei Kindern Chef spielte: Er war der Ober-Chef, der wichtige und für alle geltende Entscheidungen den Kindern übergab. Heute würde man das wohl als Partizipation bezeichnen. Beim Chefspiel erwarben die drei Rosenberg-Kinder Fähigkeiten, die die Gesellschaft dringend braucht: Über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, auch die Bedürfnisse der anderen in Betracht zu ziehen und dadurch Entscheidungen zu treffen, die allen guttun.

Ich begreife es einerseits als unsere Aufgabe, uns selbst und unser persönliches Umfeld von der Gewalt in unserer Sprache und in unserem Denken zu befreien. Und andererseits ist es unsere Aufgabe, die Machtstrukturen zu verändern, die uns überhaupt erst so konditioniert haben und die immerfort das Unglück produzieren, das wir bekämpfen. Marshall B. Rosenberg

Dazu gehörte auch die Erfahrung, sich mit einem Vorschlag durchzusetzen und den Ärger der Geschwister auf sich zu ziehen. Aber genau das machte das Lernen nachhaltig und effektvoll. Es ging um echte, für die Kinder bedeutsame Dinge. Und das konnte auch ein Streit darüber sein, wie drei Bonbons verteilt werden.

Gleichzeitig erlebte der Kommunikationstrainer, wie anstrengend es ist, sich gewaltfrei zu äußern. Es braucht Zeit, die Position der Kinder zu verstehen und die eigene zu ergründen und gute Wege zu finden, beiden gerecht zu werden. Wenn er sich gedrängt und unter Druck fühlte, war durchaus auch Rosenberg geneigt, den schnellen, eher gewaltvollen Weg der Forderungen zu wählen. Entsprechend vermittelte er seinen Kindern: Entweder ihr gebt mir Zeit, mich mit beiden Seiten zu verbinden und beide zu verstehen. Oder es bleibt nur, dass ich mich durchsetze.

Sich gegenseitig zu sehen und zu würdigen, das ist es jedoch, was Kinder und Erwachsene zufrieden und auch widerstandsfähig sein lässt. Wir lernen: Gewaltfrei handeln ist kaum möglich ohne Reflexion. Dafür braucht es zusätzliche Zeit, die auch in der Kindertagesstätte eingeplant werden sollte, damit Veränderungen eine Chance haben.

Marshall Rosenberg zeigt auch auf, wo der Einfluss eines Erwachsenen seine Grenzen hat. In unserer Gesellschaft schätzt man das gemeinhin wohl etwas anders ein, doch laut Rosenberg sind Eltern oder andere Erwachsene nicht für das Verhalten von Kindern verantwortlich. Sie können einen Rahmen stecken und die Kinder darin unterstützen, ihn zu füllen. Darüber hinaus können sie das Verhalten der Kinder vor allem durch ihr Vorbild beeinflussen. Deshalb schlägt Rosenberg (2004a, S. 100) vor, sich selbst zu befragen: „Lebe ich eigentlich die Werte, die ich meinem Kind mit auf den Weg geben möchte?“ Wenn ich also möchte, dass Kinder Konflikte friedvoll und im Miteinander lösen, werde ich mit dem Anliegen wenig erfolgreich sein, wenn ich das Kind anschreie. Ehrlichkeit werde ich nur ernten, wenn das Kind mich als ehrlich erlebt, selbst wenn es unangenehm ist, meine Wahrheit auszusprechen. Es gehört dazu, dass ich als Erwachsener eingestehe, dass ich manchmal hilflos, schwach, ideenlos oder was auch immer bin.

Was ist Gewalt?

Wenn ich gebeten werde, über meine Arbeit zu sprechen und die GFK vorstelle, höre ich häufig: „Ach, das brauche ich nicht. Ich schlage nicht. Ich bin nicht gewaltvoll!“ – Ist das wirklich so?

An dieser Stelle möchte ich zu einer ersten Übung einladen1. Auf subtile Weise eröffnet sie den Zugang zur Gewalt im eigenen Denken und Handeln, auch wenn man sich – wie ich – vom Wesen her als warmherzig und zartfühlend wahrnimmt. Die Übung zeigt, wie das Denken in den Kategorien von Richtig und Falsch, Gut und Böse die Sozialisation von Menschen, auch meine eigene, prägt.

Erinnern Sie sich an einen Moment, in dem Sie den Impuls verspürten, Ihre physische Kraft zu gebrauchen und zu markieren: „Das stimmt nicht. Das geht so nicht. Das ist falsch.“

Das kann eine Situation sein, in der Sie mit der Faust auf den Tisch schlugen, die Stimme erhoben, fest zupackten oder einen Gegenstand warfen – oder es nur im Sinn hatten. Kennen Sie solche Konstellationen? Wenn ja, gehen Sie, so genau es Ihnen auch immer möglich ist, in die Situation zurück. Vielleicht gelingt es Ihnen, Ihren inneren Film in gewisser Weise rückwärts abzuspulen.

Was genau war zuvor passiert?

Und vor allem: Was war Ihr Gedanke in diesem Augenblick? Wie fühlte sich Ihr Körper in diesem Moment an? Was nehmen Sie jetzt in der Erinnerung wahr?

 

Wie oft in meinem Leben, auch in der Beziehung zu meinen Kindern und Enkelkindern, war ich überzeugt: „Das ist nicht richtig!“, „Das darf nicht sein!“, „Das geht gar nicht!“, „Das ist falsch!“, „So, wie ich es will, ist es richtig!“. Und genau solche Absolutheitsansprüche sind Gewalt! Sie erkennen nicht die Realität in dem konkreten Moment an. Für den anderen Menschen ist etwas anderes Fakt. Das sollte ich ebenso berücksichtigen wie meine eigene Sicht.

Als Erwachsene nehmen wir uns aufgrund unserer körperlichen Größe, unserer größeren Lebenserfahrung, unserer Position und Verantwortung und auch, weil Kinder von uns abhängig sind und uns aus Liebe gern folgen, oft das Recht heraus, unsere Meinung durchzusetzen – häufig mithilfe von Lob und Strafe. Dadurch verlieren Kinder den Kontakt zu ihrer eigenen, ihrer intrinsischen Motivation. Das sind ihre eigenen Bedürfnisse, der Grund ihres Handelns.

In seinen Workshops lud Marshall Rosenberg häufig zu einem Experiment ein: Wie reagiert jemand, wenn er oder sie mit dem Verhalten eines Menschen nicht einverstanden ist? Und wie ist die Reaktion, wenn dieser andere Mensch ein Kind ist? Mit Entsetzen beklagte er den Mangel an Respekt von Erwachsenen gegenüber Kindern: „… dass wir – ich schließe mich da nicht aus – oft für unsere eigenen Kinder nicht annäherungsweise so viel Verständnis haben wie für Menschen, die uns gar nicht besonders nahe sind“ (Rosenberg 2004a, S. 98). Um nicht in diese Falle der gewaltvollen, kinderfeindlichen Kultur zu geraten, schlägt Rosenberg vor, mit einem Kind, über das man sich ärgert, so umzugehen, wie man es mit einer besonders geschätzten Person tun würde.

Ich nutze diese Übung von Marshall Rosenberg mitunter in meinen Workshops. Einmal beklagte sich Peggy, eine Erzieherin, vehement über das Verhalten eines Jungen in der Garderobe: Einem Kind nach dem anderen wende er sich mit lustigen Sprüchen zu, springe mal hierhin, mal dahin und vergesse dabei vollkommen, sich selbst anzuziehen. Peggy war und blieb davon überzeugt: Es gebe keinen akzeptablen Grund, nicht das zu tun, was sie ihm sage. Aus ihrer Sicht war es auf jeden Fall falsch, sich auf diese Weise zu verhalten. Entsprechend sollte das Kind ihre Strenge spüren.

Auch als andere Kolleg*innen sie umstimmen wollten, hielt sie an ihrer Überzeugung fest. Dann fragte ich sie, wie sie handeln würde, wenn nicht dieser Junge, sondern ihr Idol sich so verhalten würde. Das war für Peggy damals Michael Jackson.

Sobald sie sein Bild vor Augen hatte, fing sie an zu lachen, entspannte sich und war voller Freude. Nun erst war sie bereit, den Menschen in dem Jungen zu sehen und nicht länger in ihren Gedanken gefangen zu bleiben.

Und genau darum geht es in der Gewaltfreiheit. Es geht darum, anzuerkennen: „Mir fällt gerade etwas schwer. Ich habe eine Blockade, brauche etwas Anderes / etwas muss anders sein.“ Bezogen auf die Situation in der Garderobe: „Ich brauche die Kooperation und Unterstützung der Kinder.“ Es ist dann gewaltfrei, die „Last“ des Moments auf sich zu nehmen und sie nicht dem Gegenüber aufzubürden. So definierte Mahatma Gandhi den Zustand, den er „Ahimsa“ oder „Gewaltlosigkeit“ nannte: „Ich mute mir etwas zu. Ich bin in Kraft und Verantwortung, bin stark und kreativ, stelle mich dem Gegenüber und ringe um eine gute Beziehung.“ Das verlangt den Handelnden viel ab. Deshalb setzte Gandhi auch hinzu: Gewaltfreiheit ist nichts für Feiglinge. Gewaltfreiheit setzt darauf, in jedem Menschen in jeder Situation den Menschen zu sehen.

Gerade für Pädagog*innen wünsche ich mir deshalb ein Nachdenken über die Wahrheit, die in dem Satz von Marshall Rosenberg steckt: „… dass wir in unserer Kultur eine Person schnell entmenschlichen, wenn wir sie in eine Schublade ‚Kind ‘ stecken“ (Rosenberg 2004a, S. 99). Natürlich hoffe ich vor allem in einem Punkt auf ein Umdenken und ein verändertes Handeln: Den Kindern ihre Rechte als Menschen zu geben. Dabei unterstützt auch die GFK.

Mehr als die vier Schritte – Institutionen schaffen, die das Leben bereichern

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass die GFK nach Deutschland und in den deutschsprachigen Raum kam und sich hier so weit verbreitete wie in keiner anderen Region der Welt. Auch viele pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten und Teams lernten unterdessen die GFK kennen. Vor allem beschäftigten sie sich mit den vier Komponenten bzw. Schritten der GFK, auf die es lohnt, die Aufmerksamkeit auszurichten:

 

Die vier Komponenten der GFK

Beobachtung: Was genau ist passiert? Was sind die Fakten? Wer hat was in dieser Situation getan? Was kann ich sehen und hören? Kann ich alle Bewertungen, (Vor-)Urteile und Erwartungen loslassen?

Gefühle sind an Körperempfindungen gebundene subjektive Reaktionen auf die Situation. Was fühle ich? Wo und wie fühle ich das? Wie mag es den anderen beteiligten Menschen gehen?

Bedürfnisse: Was brauche ich jetzt? Was ist mir wichtig? Um welche Bedürfnisse geht es? Spätestens hier öffnet sich die Dimension in den Raum: Wie lebt die Energie des Bedürfnisses in und zwischen uns?

Bitte: Erst aus der Wahrnehmung der Lebensenergie heraus lohnt es sich, zum vierten Schritt, zu der Bitte zu kommen: Wie wollen wir jetzt weiter vorgehen? Geht es zunächst um Verständigung, Verstehen, um die Klärung der Beziehung? Oder gibt es konkrete, positive, machbare Vorschläge für das Handeln im Moment? Was kann konkret getan werden, damit es allen bessergeht?

Mit diesen vier Komponenten können pädagogische Fachkräfte sich selbst, ihre Kolleg*innen, die Kinder und deren Eltern besser verstehen und freundlichere Beziehungen gestalten. Sie helfen allen, weniger belastet und angestrengt und stattdessen zufriedener und glücklicher zu sein. Die GFK unterstützt nicht nur bei der Selbstklärung und der Verständigung im Konflikt. Die GFK sorgt vor allem für Zwischenräume: beispielsweise zwischen Auslöser und Reaktion und auch zwischen verschiedenen Akteuren. Dadurch ermöglicht sie es, einen freundlichen, gewaltfreien Rahmen für die Beziehungen zu schaffen und diesen weiter auszudehnen.

Marshall Rosenberg ging es insbesondere darum, der Verbundenheit zwischen den Menschen zu dienen und lebensbereichernde Organisationen zu schaffen. Lebensbereichernd heißt vor allem: Die Bedürfnisse aller werden gesehen, alle Menschen, mit allem, was sie einbringen. Für die Kindertagesstätte heißt das: Die Kinder werden als selbstbestimmte Wesen, die pädagogischen Fachkräfte und die Eltern der Kinder werden als wichtige Akteure anerkannt. Es gilt, den Beziehungsrahmen zwischen diesen Polen freundlich und friedlich zu gestalten.

In Marshall Rosenberg Büchern findet man keine konkreten Ansätze für die Arbeit in der Kindertagesstätte. Er schrieb mehrere Texte darüber, wie Kinder einfühlsam begleitet werden können und wie die Schule für Kinder und Erwachsene in eine Institution des gemeinsamen Lernens verwandelt werden kann. In seinen Workshops und Texten zeigte er, wie Pädagog*innen in den Institutionen den Lernwillen der Kinder unterstützen können. Er beschrieb, wie dafür die Beziehungen der Lehrenden zu sich selbst, zueinander und zu den Kindern gestaltet werden können. Diese Impulse nutze ich in meinem neuen Buch auch für die Kindertagesstätte.

1 Dazu inspirierten mich meine amerikanischen Kolleginnen Jane M. Connor und Dian Killian. Vgl.: Killian, D. & Connor, J.M. (2014): Verbindung herstellen – Trennendes überbrücken. ÜBUNG: Gewalt im Alltag

Text: Barbara Leitner

Foto: Robin Stuart/unsplash

Wir danken dem Junfermann Verlag für die freundliche Genehmigung für den Abdruck.

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