Rotkäppchen sprengt den Rahmen

Bilderbuch

Neue Bücher aus alten Märchen – keine leichte Aufgabe.

Die einen finden die Geschichten überholt, zu brutal, zu gruselig. Die anderen winken ab: Schon wieder Rotkäppchen?

Delphine Bournay dreht den Spieß einfach um – und das schon auf dem Cover. Rotkäppchen und der Wolf sind so eng zusammengedrängt, dass das Mädchen die Nase plattdrückt und der Wolf in der Kniebeuge hockt, um nicht aus dem Bild zu ragen. Beide sehen ziemlich genervt aus. Verständlich. Denn sie stecken fest – in ihrer eigenen Geschichte.

Und die kommt gar nicht erst richtig in Gang. Kaum steht das Mädchen mit dem Kuchen im Wald, beschwert es sich: zu klein, kaum sichtbar neben dem lauernden Wolf. Also spricht es kurzerhand die Zeichnerin an: Ob sie es bitte größer zeichnen könne?

Damit kippt alles. Die Figuren treten aus der Geschichte heraus, verhandeln mit ihrer eigenen Schöpferin – und wachsen. Erst Rotkäppchen, dann der Wolf. Bis beide so groß sind, dass sie nicht mehr ganz auf die Seite passen. Und plötzlich wird klar: So lässt sich die Geschichte auch nicht mehr erzählen.

Dann reicht es der Zeichnerin. Das Märchen kenne ohnehin jeder, sagt sie, und räumt radikal auf: Rot für das Mädchen, Gelb für den Kuchen, Braun für den Wolf. Aus der Geschichte wird ein abstraktes Bild. Mit wirbelnden Farbflächen gelingt eine witzige, überraschende Neuinterpretation – und ganz nebenbei eine Einladung in die Welt der modernen Kunst. Und Rotkäppchen und der Wolf? Die haben natürlich das letzte Wort – bockig und herrlich! Ab 4 Jahren.

 

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