Das Bakterien- und Schimmelprojekt

„Die schönsten Projekte sind die, über deren Themen ich kaum etwas weiß und mit den Kindern auf Entdeckungs- reise gehen kann“, findet Maria Förster. „Beim Bakterienprojekt war es auch so, denn von Bakterien hatte ich keine Ahnung. Wenn man keine Ahnung hat, kann man nicht belehrend eingreifen. Man weiß ja nichts. Das ist das Schöne.“…

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Mach mal weiter so!

wamiki im Gespräch mit Mike Weimann, der vor fast über drei Jahrzehnten das Erziehung-Macht-Spaß-Poster (im Pädagoginnenmund auch das rote Sprüche-Poster genannt) erfand und es nun in die Sprachen der Welt übersetzt

 

Mike Weimann, Mitbegründer des Vereins Netzwerk Spiel/Kultur, gehört zu den Menschen, die bereits Ende der siebziger Jahre Jahren in Ostberlin „Erziehung“ hinterfragten. Er kritisierte die gängige Pädagogik und stritt gemeinsam mit der Gruppe Spielwagen für ein gleichberechtigtes Miteinander von Kindern und Erwachsenen. Mit ihren Spielaktionen reservierten die Spielwagner Straßen und öffentliche Plätze für das kindliche Spiel. Frei nach dem Motto: „Kinder brauchen Raum, Zeit, Zeug und Partner.“

Seit 1991 irritiert und begeistert Dein Poster Menschen aus verschiedenen Kulturen und Gruppen? Wie ist das Poster entstanden?

Mike: Wir hatten bei unseren Spielaktionen festgestellt, dass sich viele Leute um Zeit, Zeugs und Raum für Kinder kümmern. Aber zu selten über die Frage stolpern: Wie gehen Erwachsene eigentlich mit Kindern um? Wie ernst nehmen wir Kinder tatsächlich? Nach dem Ende der DDR konnten wir richtig losmachen. Also auch alternative Erziehungskonzepte, kritische Fragen um Gerechtigkeit und Menschenrechte außerhalb der Wohnungen öffentlich diskutieren. Aber wie, so überlegten wir, bringen wir Grundfragen in die Welt? Damals noch ohne Internet, soziale Medien usw.?

Das Beste, so schien uns damals, ist es, eine Ausstellung zu machen. Ein Element darin waren die Sprüche. Ich begann zu sammeln, Leute zu fragen… Die Liste wurde länger und länger… Irgendwann kam die Idee auf, daraus eine Fläche zu gestalten: ein Meer von Sprüchen. Ein uferloses Meer, in dem man Angst hat unterzugehen und fürchtet, nicht wieder lebend herauszukommen. Und so ist das Original für das Poster entstanden. Verschiedene Zeitungen – auch Eure früheren – haben es gedruckt.

… Dein Poster hat uns an all unseren früheren Arbeits- und Lebensorten über drei Jahrzehnte begleitet. Die Wirkung des Posters konnten wir immer wieder beobachten: Hinter der Flut von Sprüchen auf knallrotem Hintergrund verbirgt sich ein großes menschenrechtliches Thema.

Die Erkenntnis, dass ich Kinder so nicht behandeln darf, stellt sich beim Lesen beinahe wie von selbst ein. Ohne pädagogischen Zeigefinger. Wo gibt es sowas schon in der Pädagogik? Deshalb freuen wir uns um so mehr, dass Dein Original-Poster nun wieder erhältlich ist. Der Clou: Das Poster gibt es ab Juni in acht Sprachen der Welt. Wie kam es dazu?

Mike: Unsere Vision „Wir nehmen Kinder ernst und machen die Welt damit ein bisschen besser“ hat uns mit vielen kinderrechtlich interessierten Menschen zusammengeführt. Jenseits aller Grenzen. Gemeinsam haben wir zum Beispiel mit K. R. Ä. T. Z. Ä. (steht für das Kunstwort KinderRÄchTsZÄnker, mehr dazu auf: www.kraetzae.de, die Red.) zahlreiche öffentlichkeitswirksame Aktionen durchgeführt, zum Beispiel zum Recht jeden Kindes auf Bildung oder auch zum Wahlrecht für Kinder, u. a. Jahrzehnte bevor dieses ein Thema in der Politik wurde. Wir veranstalteten internationale Seminare und Exkursionen, diskutierten über demokratische Schulen, gründeten alternative Bildungsorte für Kinder, wurden Kita-Träger… Das rote Poster fand seinen Platz, in Deutschland wie in Italien oder Korea, es provozierte und belustigte zugleich. Und die Idee, es in andere Sprachkulturen zu adaptieren, lockte. So begannen wir, Sprüche in der jeweiligen Kultur zu sammeln. Was bedeutet zum Beispiel der im Deutschen verbreitete Spruch: Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu tun, was ich dir sage in anderen Sprachkulturen? Was sagen arabische Eltern jenseits der deutschen Tisch-Kulturen zu Kindern, wenn sie etwas von den Eltern Unerwünschtes tun wollen? In Ungarn heißt es zum Beispiel: Solange du mein Brot isst, hast du zu tun was ich dir sage. Das ist spannend gemeinsam herauszufinden…

Das klingt nach viel Arbeit. Wie findet Ihr diese Sprüche? Und gibt es Sprüche, die es in mehreren Sprachen in die Liste geschafft haben?

Mike: Ja. Die Sprüche werden nämlich nicht übersetzt, sondern pro Sprache gesammelt, analog und vor allen Dingen digital – über das Internet. Die Sprüche unterscheiden sich von Sprache zu Sprache und es fällt auf, dass manchmal die wörtliche Übersetzung und die Bedeutung nicht identisch sind. Auf Hebräisch sagen die Eltern zum Beispiel vor der Kasse im Supermarkt zu ihren Kindern: “Ich bin doch kein Rothschild.“ Was bedeutet das? Rothschild ist in Israel der Inbegriff von reich. Die Botschaft lautet also: „Du kriegst nichts, ich bin nicht reich.“

Es gibt viele Sprüche, die bisher in allen Sprachen vorkommen wie zum Beispiel: Kannst du nicht hören? Es gibt Variationen. Mehr oder weniger Gewaltandrohungen. Und alte Verbote werden gegen neue ausgetauscht. Statt früher: Stubenarrest! heißt es heute: Handyverbot! Manche Sprüche wie zum Beispiel: Mein liebes Fräulein! tauchen nur noch höchst selten auf.

In welchen Sprachen gibt es Dein Poster inzwischen?

Mike: In Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Hebräisch und Griechisch. Ab Juni auch in Russisch und Türkisch. Weitere Sprachen sind in Arbeit. Einen Überblick darüber gibt es auf der Seite: www.gotobednow.com

Übrigens: Muttersprachler, die mitmachen wollen, sind gern gesehen – es sollen noch mehr Sprachen werden.

 

 

 

 

 

Erziehung-Macht-Spaß-Poster
Im wamiki-shop gibt es ab 1. Juni 2020 alle Poster von Mike Weimann in DIN A1, gerollt
zum Stückpreis von 6,– Euro
in den Sprachen: Deutsch (Original-Poster von 1991), Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Türkisch, Hebräisch und Griechisch

sowie zum Setpreis von 40,– Euro
8 Poster in 8 Sprachen: (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Türkisch, Hebräisch und Griechisch)

zzgl. 5,– Euro für Versand in der Rolle
Bezug: www.wamiki.de/shop

Wir bauen eine neue Stadt Kopieren

Ein visionärer Blick auf die Zukunft der Pädagogik oder ein Beitrag über das Selbstverständliche, das alles andere als selbstverständlich ist: Drei Wochen Mini-München

Mit ungefähr 1500 Kindern warten wir morgens vor den Zenith-Hallen in München Freimann darauf, reingelassen zu werden. Bis Mittag wird man fast 2500 Kinder zählen. In den nächsten drei Wochen will ich mit meinem Kamerateam beobachten, was die Kinder in Mini-München alles machen. Wie sie es machen. Und was sich dabei in ihnen und zwischen ihnen sowie zwischen ihnen und den Erwachsenen abspielt.

Die Kinder stehen geduldig in der Schlange. An diesem ersten Ferientag scheint die Sonne. Wunderbare Augustsonne. Manche sind in Begleitung von Müttern oder Vätern gekommen. Viele sitzen auf dem Boden, beraten woran sie teilnehmen wollen. „Will ich diesmal Vollbürger werden?“ „Gehe ich lieber gleich arbeiten oder erst mal studieren?“ Sie füllen den Mini-München Mitspielpass aus oder lesen die Regeln. Die 10. heißt, „Wer Regeln aufstellt, kann sie auch verändern.“ Das macht die Bürgerversammlung. Es gibt schon viele Regeln und Traditionen, denn Mini-München findet in diesem Sommer zum 18. Mal statt. Alle zwei Jahre in den großen Ferien. Manche Eltern waren bereits als Kinder dabei. Viele der Betreuer auf dem Bauhof, im Rundfunkstudio oder im Gasthaus „Zur Fetten Sau“ sind Ehemalige.

Es wird fast noch eine Stunde bis zum Einlass dauern. Dann werden die Kinder ungefähr so reinstürmen, wie sie am letzten Schultag aus der Schule rausgerannt sind.

Nicht wenige waren schon vor zwei oder vier Jahren oder noch häufiger dabei. Sieben Jahre alt muss man sein und nicht älter als Fünfzehn. Von einigen hören wir, dass sie ihre Eltern überredet haben später in den Urlaub zu fahren, damit sie erst mal zu Mini-München können. Und nun wollen sie an den ersten Ferientagen oder die ganzen drei Wochen hier von morgens bis gegen Abend Dinge herstellen, ins Rathaus gehen, Geld verdienen, einkaufen, was so alles hergestellt wird. Es gibt eine Währung, den MiMü. Und ihren ganzen Alltag selbst regeln. Eltern bekommen nur ein Visum für eine halbe Stunde. Und das wird, wie man jetzt schon hört, streng, also mit Eifer und mit großer Freude von den Kindern kontrolliert. Schulfrei und elternfrei.

Mini-München hat bei den Kindern einen so umwerfend guten Ruf, dass man sich das einfach genauer ansehen muss. Wir haben schon einen Vorbereitungstag gefilmt und werden nun bis zum Ende drei Wochen jede Minute dabei sein. Eines ist schon klar. Wenn man wissen will, was Vorfreude ist, muss man jetzt in diese Gesichter blicken.

Ich schwanke noch, ob der Film eher ein visionärer Blick auf die Zukunft der Pädagogik sein wird, oder eine Studie über das Selbstverständliche. Dieses Selbstverständliche, das alles andere als selbstverständlich ist. Es gibt bedrückende Hinweise, dass das freie Spiel der Kinder so bedroht ist wie manches Biotop.

Der Hunger auf Welt

Nun geht’s los. Punkt 10 Uhr. Die Hallentore werden geöffnet. Die Kinder rennen. Manche rasen zum Ziel, das sie schon kennen. Es gibt das Rathaus und Handwerksbetriebe, das Gasthaus, die Comenius Hochschule und die Bank und das Arbeitsamt, auch Müllabfuhr, Theater, Kino und Fernsehen. 68 Einrichtungen. Die Kinder sind Bürgermeister und Taxifahrer, Gärtner und Hochschullehrer. Es gibt Märkte und Wahlen, Müllsammelaktionen und natürlich Feste. Das Botschaftsgebäude wird in diesem Jahr von Kindern aus Indien, Japan und europäischen Städten gestaltet. Dort gibt es nämlich Ableger dieser in München kreierten Idee. Zentral ist in diesem Jahr der Klimaschutz mit einem Wertstoffhof und einem Forschungsinstitut.  200 Erwachsene sind die Mentoren: Pädagogen, Künstler, Handwerker, Studenten und Wissenschaftler, kurz: erwachsen gewordene Erwachsene, Leute, bei denen die Kinder aus erster Hand die Dinge und das Können, also die Welt kennenlernen, auf die Kinder so hungrig sind.

Sie rennen in die Hallen, um an die besonders beliebten Jobs zu kommen. Zum Beispiel Taxifahrer auf seifenkistenartigen Gefährten. Oder auch Taxen reparieren. Wer dann anderswo arbeiten will, kündigt, bekommt einen Lohnscheck, der bei der Bank eingelöst wird. Die Arbeitskarte für diesen Arbeitsplatz geht zum Arbeitsamt, wo die Jobs nun tagsüber vermittelt werden.

Bank und Arbeitsamt

Mini München ist Fest und Alltag. Nur immerzu Fest wäre ja so schwer auszuhalten wie nichts als Alltag. Die Kids kommen freiwillig. Eine Festpflicht wäre so etwas wie ein Zwangsrestaurant mit Aufesszwang. Dort würden sich selbst bei guter Küche bald Essenstörungen ausbreiten.

Viele Kinder finden ihr Ding. So ein 14jähriger, der letztes Mal an die hundert Seiten Gesetzestext für die Kinderrepublik geschrieben hatte. Wo hat er das nur her? Die Kinder vertiefen sich in Themen. Diesmal haben einige den digitalen Geldverkehr entwickelt, den sie neben der gedruckten MiMü-Währung einführen wollen. Ein Expertenwerk. Kinder wechseln ihre Tätigkeiten. Auch weil sie etwas suchen, an dem sie hängen bleiben können. Aber sie wechseln nicht ständig im 45-Minutentakt des Stundenplans, als wäre der Vormittag ein Pro-ADHS-Training.

Das ewige Kind in uns

In der Comenius Hochschule lehrt Ellen Fritsche. Sie ist ein Fan von Mini-München. Schon seit Jahren. Sie spendet und ist dort „Professorin“. Professoren sind diejenigen, die Vorlesungen oder Kurse halten. Das machen Kinder, Jugendliche, Profis oder jemand wie Ellen Fritsche. Sie ist 88 Jahre alt und ohne Übertreibung, sie gehört in mancher Hinsicht zu den Jüngsten. Sie interessiert sich schon ihr Leben lang, exakt seit 1945, für Hände. Sie interessiert sich auch für vieles andere. Aber über Hände hat sie ein riesiges Wissen. Und Hände sind für sie ein mindestens ebenso großes Geheimnis geblieben. Sie ist mit den Händen nicht fertig. Von Händen kann sie was erzählen. Ihre Begeisterung und Neugierde haben nicht nachgelassen.

„17000 Fühlsensoren haben wir an unseren Händen.“ Die Kinder staunen. „Aber das kann sich natürlich niemand vorstellen“, fügt sie gleich hinzu. Deshalb hat sie kleine, einen Quadratzentimeter große Zettelchen ausgeschnitten und an die Kinder ausgegeben. „Auf einem Zentimeter Fingerkuppe gibt es 144 Sensoren.“ Das kann man sich schon eher vorstellen und deshalb auch merken. Frau Fritsche ist eine gute Lehrerin, was sie allerdings nie von Beruf war. Sie hatte eine Handschuhmanufaktur gegründet.

Ständig sind ihre Hände in Bewegung. Sie spricht nicht nur über Hände, sie spricht auch mit ihnen, erklärt wofür wir sie gebrauchen und was sie ausdrücken. Schon im Mutterbauch beginnt dieses Spiel und für das Baby sind dann die Finger das erste Spielzeug. Wie wunderbar in diesem Organ Tätigkeit und Wahrnehmung  zusammenliegen. Was wären wir ohne Hände? „Das müsst ihr euch mal vorstellen“, verlangt sie. Pause. Konzentration und Ruhe. Wache, nachdenkliche und dabei schöne Gesichter. Dann fordert sie die Kinder auf ihren Puls zu fühlen. „Was, du fühlst keinen?“ fragt sie mit superkräftiger Stimme. „Das ist ja furchtbar, dann bist du tot“. Aber tot ist hier natürlich niemand. Auch nicht so scheintot wie sonst häufig im Unterricht. Ellen Fritsche ist einfach ansteckend vitalisierend. Sie erinnert an Albert Einsteins Antwort auf die ihm gestellte Frage, wie er denn all das herausfinden und entdecken konnte. Er sagte: Weil ich immer das ewige Kind geblieben bin. Natürlich ist bei Albert Einstein und bei Ellen Fritsche sonnenklar, dass dieses ewige Kind nichts mit Infantilität zu tun hat. Im Gegenteil. Gelungene Erwachsene – im Unterschied zu den vielen Verwachsenen – haben nicht nur ihre Urteilskraft entwickelt, sie bieten diesem ewigen Kind Schutz. Sie haben es nicht abgetrieben. So werden sie immer wieder neu staunende, große Anfänger. Je mehr sie wissen, umso mehr Fragen haben sie. Sie sind eben nicht fertig. Das macht eine Ellen Fritsche oder einen Einstein mit den Kindern so verwandt. Die Kinder spüren diese Verwandtschaft sofort. Kinder brauchen solche Erwachsene.

Klimazentrum

Mit Leib und Seele

Nun sind wir schon ein paar Tage dabei. An einem Morgen so um neun, auf dem Weg von der U-Bahnstation Freimann zu den Zenith-Hallen. Vor mir drei Knirpse im Laufschritt, diese kindertypische Begeisterung.  Einer guckt auf die Uhr und sagt, „es sind noch genau 57 Minuten, wir können mehr trödeln“. Sie verlangsamen den Schritt. Der andere, „ne, die Warteschlangen sind doch immer so lang“. Der dritte, „dann lasst uns rennen“. Der erste wieder, „da sparen wir höchstens eine halbe Minute“. Dann sind sie wieder in diesem glücklichen Laufschritt. Bewegte Vorfreude. Vorfreude auf den Tag, Vorfreude auf Erlebnisse und Vorfreude auf sich selbst.

Werkzeugausgabe

Unsere erste Station ist diesmal die Gärtnerei. Die Kinder tragen Körbe mit Pflanzen ins Freie, gießen sie, erklären uns welche mit der Tülle, die jungen nämlich, und welche ohne, aber mit sanftem Strahl gegossen werden. So eine stolze Fachlichkeit. Auf dem Bauhof entsteht Klein-Mini-München. Hier bauen die Kinder Häuser, am Anfang Buden, dann verschachteltere Konstruktionen. Ein Zimmermann ist immer dabei. Außerdem wird an einem U-Boot Modell gearbeitet. Das brauchen die Trickfilmer. In der Küche werden Kartoffeln püriert. Butter, Quark und viel Schnittlauch werden zugesetzt. Das wird ein Brotaufstrich. Die Kellner probieren ihre bodenlangen, roten Schürzen an, nehmen sich Notizblöcke und werden nachher Bestellungen aufnehmen, bedienen und kassieren.

Erstaunlich ist die Hingabe der Kinder. Jeder findet seinen Platz, bleibt für ein paar Stunden, dann kann gewechselt werden. Die meisten in der Küche wollen dortbleiben. Andere wollen aber ebenfalls mal den Job in der Küche haben. Vielleicht ein Thema für die Bürgerversammlung am Nachmittag? Da können allerdings nur Vollbürger abstimmen. Die Vollbürgerschaft kann nach vier Stunden Arbeit, vier Stunden Studieren und einem „Zoff-Kurs“ beantragt werden. Dort lernt man Streits nicht eskalieren zu lassen.

Gerichtstag
Modenschau

Wie Schulen aussehen können

Damit sind wir wieder mitten in Mini-München und bei den Kindern. Wir sehen andauernd Kinder, die tief in eine Sache versunken sind. Zum Beispiel im Architekturbüro. Eben noch haben sie draußen Flächen vermessen, auf denen Häuser gebaut werden sollen. Da waren sie wach und agil. Nun sind sie übers Papier gebeugt, übertragen die Maße und bauen Modelle. Jetzt könnte ein Schrank neben ihnen umfallen und sie blieben unbeeindruckt. Weder das Dorfplatztreiben noch ein Kameramann, der nah an sie herangeht, lässt sie aufblicken. Maria Montessori nannte das die Polarisierung der Aufmerksamkeit.

Das Geheimnis von Mini-München ist, dass die Dinge, die Tätigkeiten und die Ziele selbst wichtig und wertvoll sind. Dann wollen viele Kinder um 17 Uhr nicht nach Hause und stehen am nächsten Morgen zu Hunderten lange vor der Öffnung in der Schlange.

Die Zeit bei Mini-München vergeht schnell. Am auffälligsten ist die Haltung der Kinder. Diese schier unglaubliche Aufmerksamkeit. Ihre Intensität. Anderes als die in der Schule mit zumeist nur sitzenden Schülern, die einen Kopf zu transportieren haben und ansonsten ruhiggestellt werden, hier diese bewegten, friedlichen und zusammen handelnden „ganzen Kinder“! Nicht einmal hörte ich in dieser Woche den Kommandoruf „Ruhe!“ Auch keine Disziplinprobleme sind aufgefallen. Die Kinder sind nicht im Status der sie ungerührt lassenden Vorratsdatenspeicherung. Sie sind ganz gegenwärtig. Sie sind in der Welt. Die wird ihnen nicht aus zweiter Hand gereicht. Sie wird tätig erfahren. Die Möglichkeit seine Erfahrungen zu machen, und dann aus den Erfahrungen was Anderes zu machen, Lösungen, etwas Neues oder etwas ganz Anderes. Einigen Ehemaligen, die sich an einem Nachmittag trafen, fiel auf, dass sie kein Kind mit einem Smartphone in der Hand gesehen haben.

Mini-München ist ein Labor des Lernens, Denkens und Handelns und muss unbedingt als solches entdeckt werden. Weil die Kinder handeln wollen, denken sie und dabei lernen sie. Viele, auch in München glauben ja immer noch, das sei eine sehr schöne und ziemlich aufwendige Ferienbetreuung. Keine Betreuung! Mini-München verhält sich zur Schule nicht wie Freizeit zur Arbeit, es verhält sich zu ihr eher wie die Grammatik der Industriegesellschaft zu der einer nachindustriellen Tätigkeitsgesellschaft, die hier, das ist das Großartige, gebildet wird. Man bekommt eine Idee davon, wie eine Schule aussehen könnte. Eine aus Werkstätten, Ateliers, Übungsräumen, auch Cafés und Räumen der Stille. In so einer Schule wären Lehrer auch Menschensammler. Sie holen Experten, Meister ihrer Sache, also Botschafter aus der tätigen Welt hinein und führen die Kinder nach draußen zu interessanten Orten. Die Schule selbst wäre ein Basislager der Gesellschaft, ein generativer Ort, an dem die Generationen zusammenkommen und Neues generieren. Und wie wichtig sind doch die Lebendigkeit und die Neugier von Kindern für uns Erwachsene! Es wäre ein Geben und Nehmen.

Geldwechsler

Die Kinder stoßen zu den Dingen, zu den Phänomenen selbst vor. Deshalb sind sie so begeistert. Sie verwandeln die Dinge. Das nennen sie Arbeit. Und Lernen ist, dass sie sich die Dinge und die Erfahrungen und das Wissen anverwandeln. Dabei werden sie nach ein paar Tagen einen Kopf größer. Diesen Satz habe ich mehrfach gehört. Auch von einer Redakteurin des Bayrischen Rundfunks. Sie macht hier mit den Kindern eine tägliche Radiosendung „radioMikro“ und sie hat ihren Sohn mitgebracht, der in die erste Klasse geht. In der Schule, sagt sie, begann er sich schon mehr und mehr zu langweilen und war frustriert, weil er sich nicht mehr wie im Kindergarten frei bewegen und seine Sachen machen konnte. Hier ist er glücklich, emsig, hier ist ihm nicht langweilig und nach ein paar Tagen ist er „einen Kopf größer.“

Und was kommt dabei raus, wenn Kinder ihre Sachen machen, ihr Ding finden und es weiter und weitertreiben? Die Redakteurin selbst war als achtjähriges Kind erstmals bei Mini-München dabei. Da wollte sie zuerst nichts Anderes als in der Küche „Zur Fetten Sau“ arbeiten. „Immer nur umrühren.“ In den folgenden Jahren kam für sie anderes hinzu. Sein Ding zu finden ist eben keine lineare oder einmalige Angelegenheit. Eigentlich müsste man dafür einen neuen Begriff erfinden: Die positive Traumatisierung. Oder einfach: Glück.

PS. Das ist natürlich nur ein Ausschnitt von dem, was wir gesehen haben und filmen konnten. Und auch nur ein Teil der Gedanken, die dann auf Papier im DVD-Buch stehen werden. Mehr Infos:

Wir bauen eine neue Stadt Kopieren

Ein visionärer Blick auf die Zukunft der Pädagogik oder ein Beitrag über das Selbstverständliche, das alles andere als selbstverständlich ist: Drei Wochen Mini-München

Mit ungefähr 1500 Kindern warten wir morgens vor den Zenith-Hallen in München Freimann darauf, reingelassen zu werden. Bis Mittag wird man fast 2500 Kinder zählen. In den nächsten drei Wochen will ich mit meinem Kamerateam beobachten, was die Kinder in Mini-München alles machen. Wie sie es machen. Und was sich dabei in ihnen und zwischen ihnen sowie zwischen ihnen und den Erwachsenen abspielt.

Die Kinder stehen geduldig in der Schlange. An diesem ersten Ferientag scheint die Sonne. Wunderbare Augustsonne. Manche sind in Begleitung von Müttern oder Vätern gekommen. Viele sitzen auf dem Boden, beraten woran sie teilnehmen wollen. „Will ich diesmal Vollbürger werden?“ „Gehe ich lieber gleich arbeiten oder erst mal studieren?“ Sie füllen den Mini-München Mitspielpass aus oder lesen die Regeln. Die 10. heißt, „Wer Regeln aufstellt, kann sie auch verändern.“ Das macht die Bürgerversammlung. Es gibt schon viele Regeln und Traditionen, denn Mini-München findet in diesem Sommer zum 18. Mal statt. Alle zwei Jahre in den großen Ferien. Manche Eltern waren bereits als Kinder dabei. Viele der Betreuer auf dem Bauhof, im Rundfunkstudio oder im Gasthaus „Zur Fetten Sau“ sind Ehemalige.

Es wird fast noch eine Stunde bis zum Einlass dauern. Dann werden die Kinder ungefähr so reinstürmen, wie sie am letzten Schultag aus der Schule rausgerannt sind.

Nicht wenige waren schon vor zwei oder vier Jahren oder noch häufiger dabei. Sieben Jahre alt muss man sein und nicht älter als Fünfzehn. Von einigen hören wir, dass sie ihre Eltern überredet haben später in den Urlaub zu fahren, damit sie erst mal zu Mini-München können. Und nun wollen sie an den ersten Ferientagen oder die ganzen drei Wochen hier von morgens bis gegen Abend Dinge herstellen, ins Rathaus gehen, Geld verdienen, einkaufen, was so alles hergestellt wird. Es gibt eine Währung, den MiMü. Und ihren ganzen Alltag selbst regeln. Eltern bekommen nur ein Visum für eine halbe Stunde. Und das wird, wie man jetzt schon hört, streng, also mit Eifer und mit großer Freude von den Kindern kontrolliert. Schulfrei und elternfrei.

Mini-München hat bei den Kindern einen so umwerfend guten Ruf, dass man sich das einfach genauer ansehen muss. Wir haben schon einen Vorbereitungstag gefilmt und werden nun bis zum Ende drei Wochen jede Minute dabei sein. Eines ist schon klar. Wenn man wissen will, was Vorfreude ist, muss man jetzt in diese Gesichter blicken.

Ich schwanke noch, ob der Film eher ein visionärer Blick auf die Zukunft der Pädagogik sein wird, oder eine Studie über das Selbstverständliche. Dieses Selbstverständliche, das alles andere als selbstverständlich ist. Es gibt bedrückende Hinweise, dass das freie Spiel der Kinder so bedroht ist wie manches Biotop.

Der Hunger auf Welt

Nun geht’s los. Punkt 10 Uhr. Die Hallentore werden geöffnet. Die Kinder rennen. Manche rasen zum Ziel, das sie schon kennen. Es gibt das Rathaus und Handwerksbetriebe, das Gasthaus, die Comenius Hochschule und die Bank und das Arbeitsamt, auch Müllabfuhr, Theater, Kino und Fernsehen. 68 Einrichtungen. Die Kinder sind Bürgermeister und Taxifahrer, Gärtner und Hochschullehrer. Es gibt Märkte und Wahlen, Müllsammelaktionen und natürlich Feste. Das Botschaftsgebäude wird in diesem Jahr von Kindern aus Indien, Japan und europäischen Städten gestaltet. Dort gibt es nämlich Ableger dieser in München kreierten Idee. Zentral ist in diesem Jahr der Klimaschutz mit einem Wertstoffhof und einem Forschungsinstitut.  200 Erwachsene sind die Mentoren: Pädagogen, Künstler, Handwerker, Studenten und Wissenschaftler, kurz: erwachsen gewordene Erwachsene, Leute, bei denen die Kinder aus erster Hand die Dinge und das Können, also die Welt kennenlernen, auf die Kinder so hungrig sind.

Sie rennen in die Hallen, um an die besonders beliebten Jobs zu kommen. Zum Beispiel Taxifahrer auf seifenkistenartigen Gefährten. Oder auch Taxen reparieren. Wer dann anderswo arbeiten will, kündigt, bekommt einen Lohnscheck, der bei der Bank eingelöst wird. Die Arbeitskarte für diesen Arbeitsplatz geht zum Arbeitsamt, wo die Jobs nun tagsüber vermittelt werden.

Bank und Arbeitsamt

Mini München ist Fest und Alltag. Nur immerzu Fest wäre ja so schwer auszuhalten wie nichts als Alltag. Die Kids kommen freiwillig. Eine Festpflicht wäre so etwas wie ein Zwangsrestaurant mit Aufesszwang. Dort würden sich selbst bei guter Küche bald Essenstörungen ausbreiten.

Viele Kinder finden ihr Ding. So ein 14jähriger, der letztes Mal an die hundert Seiten Gesetzestext für die Kinderrepublik geschrieben hatte. Wo hat er das nur her? Die Kinder vertiefen sich in Themen. Diesmal haben einige den digitalen Geldverkehr entwickelt, den sie neben der gedruckten MiMü-Währung einführen wollen. Ein Expertenwerk. Kinder wechseln ihre Tätigkeiten. Auch weil sie etwas suchen, an dem sie hängen bleiben können. Aber sie wechseln nicht ständig im 45-Minutentakt des Stundenplans, als wäre der Vormittag ein Pro-ADHS-Training.

Das ewige Kind in uns

In der Comenius Hochschule lehrt Ellen Fritsche. Sie ist ein Fan von Mini-München. Schon seit Jahren. Sie spendet und ist dort „Professorin“. Professoren sind diejenigen, die Vorlesungen oder Kurse halten. Das machen Kinder, Jugendliche, Profis oder jemand wie Ellen Fritsche. Sie ist 88 Jahre alt und ohne Übertreibung, sie gehört in mancher Hinsicht zu den Jüngsten. Sie interessiert sich schon ihr Leben lang, exakt seit 1945, für Hände. Sie interessiert sich auch für vieles andere. Aber über Hände hat sie ein riesiges Wissen. Und Hände sind für sie ein mindestens ebenso großes Geheimnis geblieben. Sie ist mit den Händen nicht fertig. Von Händen kann sie was erzählen. Ihre Begeisterung und Neugierde haben nicht nachgelassen.

„17000 Fühlsensoren haben wir an unseren Händen.“ Die Kinder staunen. „Aber das kann sich natürlich niemand vorstellen“, fügt sie gleich hinzu. Deshalb hat sie kleine, einen Quadratzentimeter große Zettelchen ausgeschnitten und an die Kinder ausgegeben. „Auf einem Zentimeter Fingerkuppe gibt es 144 Sensoren.“ Das kann man sich schon eher vorstellen und deshalb auch merken. Frau Fritsche ist eine gute Lehrerin, was sie allerdings nie von Beruf war. Sie hatte eine Handschuhmanufaktur gegründet.

Ständig sind ihre Hände in Bewegung. Sie spricht nicht nur über Hände, sie spricht auch mit ihnen, erklärt wofür wir sie gebrauchen und was sie ausdrücken. Schon im Mutterbauch beginnt dieses Spiel und für das Baby sind dann die Finger das erste Spielzeug. Wie wunderbar in diesem Organ Tätigkeit und Wahrnehmung  zusammenliegen. Was wären wir ohne Hände? „Das müsst ihr euch mal vorstellen“, verlangt sie. Pause. Konzentration und Ruhe. Wache, nachdenkliche und dabei schöne Gesichter. Dann fordert sie die Kinder auf ihren Puls zu fühlen. „Was, du fühlst keinen?“ fragt sie mit superkräftiger Stimme. „Das ist ja furchtbar, dann bist du tot“. Aber tot ist hier natürlich niemand. Auch nicht so scheintot wie sonst häufig im Unterricht. Ellen Fritsche ist einfach ansteckend vitalisierend. Sie erinnert an Albert Einsteins Antwort auf die ihm gestellte Frage, wie er denn all das herausfinden und entdecken konnte. Er sagte: Weil ich immer das ewige Kind geblieben bin. Natürlich ist bei Albert Einstein und bei Ellen Fritsche sonnenklar, dass dieses ewige Kind nichts mit Infantilität zu tun hat. Im Gegenteil. Gelungene Erwachsene – im Unterschied zu den vielen Verwachsenen – haben nicht nur ihre Urteilskraft entwickelt, sie bieten diesem ewigen Kind Schutz. Sie haben es nicht abgetrieben. So werden sie immer wieder neu staunende, große Anfänger. Je mehr sie wissen, umso mehr Fragen haben sie. Sie sind eben nicht fertig. Das macht eine Ellen Fritsche oder einen Einstein mit den Kindern so verwandt. Die Kinder spüren diese Verwandtschaft sofort. Kinder brauchen solche Erwachsene.

Klimazentrum

Mit Leib und Seele

Nun sind wir schon ein paar Tage dabei. An einem Morgen so um neun, auf dem Weg von der U-Bahnstation Freimann zu den Zenith-Hallen. Vor mir drei Knirpse im Laufschritt, diese kindertypische Begeisterung.  Einer guckt auf die Uhr und sagt, „es sind noch genau 57 Minuten, wir können mehr trödeln“. Sie verlangsamen den Schritt. Der andere, „ne, die Warteschlangen sind doch immer so lang“. Der dritte, „dann lasst uns rennen“. Der erste wieder, „da sparen wir höchstens eine halbe Minute“. Dann sind sie wieder in diesem glücklichen Laufschritt. Bewegte Vorfreude. Vorfreude auf den Tag, Vorfreude auf Erlebnisse und Vorfreude auf sich selbst.

Werkzeugausgabe

Unsere erste Station ist diesmal die Gärtnerei. Die Kinder tragen Körbe mit Pflanzen ins Freie, gießen sie, erklären uns welche mit der Tülle, die jungen nämlich, und welche ohne, aber mit sanftem Strahl gegossen werden. So eine stolze Fachlichkeit. Auf dem Bauhof entsteht Klein-Mini-München. Hier bauen die Kinder Häuser, am Anfang Buden, dann verschachteltere Konstruktionen. Ein Zimmermann ist immer dabei. Außerdem wird an einem U-Boot Modell gearbeitet. Das brauchen die Trickfilmer. In der Küche werden Kartoffeln püriert. Butter, Quark und viel Schnittlauch werden zugesetzt. Das wird ein Brotaufstrich. Die Kellner probieren ihre bodenlangen, roten Schürzen an, nehmen sich Notizblöcke und werden nachher Bestellungen aufnehmen, bedienen und kassieren.

Erstaunlich ist die Hingabe der Kinder. Jeder findet seinen Platz, bleibt für ein paar Stunden, dann kann gewechselt werden. Die meisten in der Küche wollen dortbleiben. Andere wollen aber ebenfalls mal den Job in der Küche haben. Vielleicht ein Thema für die Bürgerversammlung am Nachmittag? Da können allerdings nur Vollbürger abstimmen. Die Vollbürgerschaft kann nach vier Stunden Arbeit, vier Stunden Studieren und einem „Zoff-Kurs“ beantragt werden. Dort lernt man Streits nicht eskalieren zu lassen.

Gerichtstag
Modenschau

Wie Schulen aussehen können

Damit sind wir wieder mitten in Mini-München und bei den Kindern. Wir sehen andauernd Kinder, die tief in eine Sache versunken sind. Zum Beispiel im Architekturbüro. Eben noch haben sie draußen Flächen vermessen, auf denen Häuser gebaut werden sollen. Da waren sie wach und agil. Nun sind sie übers Papier gebeugt, übertragen die Maße und bauen Modelle. Jetzt könnte ein Schrank neben ihnen umfallen und sie blieben unbeeindruckt. Weder das Dorfplatztreiben noch ein Kameramann, der nah an sie herangeht, lässt sie aufblicken. Maria Montessori nannte das die Polarisierung der Aufmerksamkeit.

Das Geheimnis von Mini-München ist, dass die Dinge, die Tätigkeiten und die Ziele selbst wichtig und wertvoll sind. Dann wollen viele Kinder um 17 Uhr nicht nach Hause und stehen am nächsten Morgen zu Hunderten lange vor der Öffnung in der Schlange.

Die Zeit bei Mini-München vergeht schnell. Am auffälligsten ist die Haltung der Kinder. Diese schier unglaubliche Aufmerksamkeit. Ihre Intensität. Anderes als die in der Schule mit zumeist nur sitzenden Schülern, die einen Kopf zu transportieren haben und ansonsten ruhiggestellt werden, hier diese bewegten, friedlichen und zusammen handelnden „ganzen Kinder“! Nicht einmal hörte ich in dieser Woche den Kommandoruf „Ruhe!“ Auch keine Disziplinprobleme sind aufgefallen. Die Kinder sind nicht im Status der sie ungerührt lassenden Vorratsdatenspeicherung. Sie sind ganz gegenwärtig. Sie sind in der Welt. Die wird ihnen nicht aus zweiter Hand gereicht. Sie wird tätig erfahren. Die Möglichkeit seine Erfahrungen zu machen, und dann aus den Erfahrungen was Anderes zu machen, Lösungen, etwas Neues oder etwas ganz Anderes. Einigen Ehemaligen, die sich an einem Nachmittag trafen, fiel auf, dass sie kein Kind mit einem Smartphone in der Hand gesehen haben.

Mini-München ist ein Labor des Lernens, Denkens und Handelns und muss unbedingt als solches entdeckt werden. Weil die Kinder handeln wollen, denken sie und dabei lernen sie. Viele, auch in München glauben ja immer noch, das sei eine sehr schöne und ziemlich aufwendige Ferienbetreuung. Keine Betreuung! Mini-München verhält sich zur Schule nicht wie Freizeit zur Arbeit, es verhält sich zu ihr eher wie die Grammatik der Industriegesellschaft zu der einer nachindustriellen Tätigkeitsgesellschaft, die hier, das ist das Großartige, gebildet wird. Man bekommt eine Idee davon, wie eine Schule aussehen könnte. Eine aus Werkstätten, Ateliers, Übungsräumen, auch Cafés und Räumen der Stille. In so einer Schule wären Lehrer auch Menschensammler. Sie holen Experten, Meister ihrer Sache, also Botschafter aus der tätigen Welt hinein und führen die Kinder nach draußen zu interessanten Orten. Die Schule selbst wäre ein Basislager der Gesellschaft, ein generativer Ort, an dem die Generationen zusammenkommen und Neues generieren. Und wie wichtig sind doch die Lebendigkeit und die Neugier von Kindern für uns Erwachsene! Es wäre ein Geben und Nehmen.

Geldwechsler

Die Kinder stoßen zu den Dingen, zu den Phänomenen selbst vor. Deshalb sind sie so begeistert. Sie verwandeln die Dinge. Das nennen sie Arbeit. Und Lernen ist, dass sie sich die Dinge und die Erfahrungen und das Wissen anverwandeln. Dabei werden sie nach ein paar Tagen einen Kopf größer. Diesen Satz habe ich mehrfach gehört. Auch von einer Redakteurin des Bayrischen Rundfunks. Sie macht hier mit den Kindern eine tägliche Radiosendung „radioMikro“ und sie hat ihren Sohn mitgebracht, der in die erste Klasse geht. In der Schule, sagt sie, begann er sich schon mehr und mehr zu langweilen und war frustriert, weil er sich nicht mehr wie im Kindergarten frei bewegen und seine Sachen machen konnte. Hier ist er glücklich, emsig, hier ist ihm nicht langweilig und nach ein paar Tagen ist er „einen Kopf größer.“

Und was kommt dabei raus, wenn Kinder ihre Sachen machen, ihr Ding finden und es weiter und weitertreiben? Die Redakteurin selbst war als achtjähriges Kind erstmals bei Mini-München dabei. Da wollte sie zuerst nichts Anderes als in der Küche „Zur Fetten Sau“ arbeiten. „Immer nur umrühren.“ In den folgenden Jahren kam für sie anderes hinzu. Sein Ding zu finden ist eben keine lineare oder einmalige Angelegenheit. Eigentlich müsste man dafür einen neuen Begriff erfinden: Die positive Traumatisierung. Oder einfach: Glück.

PS. Das ist natürlich nur ein Ausschnitt von dem, was wir gesehen haben und filmen konnten. Und auch nur ein Teil der Gedanken, die dann auf Papier im DVD-Buch stehen werden. Mehr Infos:

Unteilbare Kinderrechte

Jedes Kind hat das Recht auf eine Kindheit. Das garantiert die UN-Konvention über die Rechte des Kindes, die am 20. November 1989 verabschiedet und von
195 Staaten ratifiziert wurde, auch von der Bundesrepublik Deutschland. Obwohl inzwischen viel erreicht wurde, bleibt mehr noch zu tun, auch in Deutschland.

Dies bewog die Mitglieder des Berliner Bündnisses „Willkommen KONKRET“, anlässlich des Jubiläums mit einer eher ungewöhnlichen Aktion darauf aufmerksam zu machen, dass die Kinderrechte unteilbar sind.

Der Plan

Da das Bündnis „Willkommen KONKRET“ sich vor allem für Kinder geflüchteter Familien einsetzt, stand fest, dass diese Kinder im Mittelpunkt einer Aktion stehen sollten, die die Öffentlichkeit über ihre Lage informieren und für ihre Belange sensibilisieren sollte. Doch welche Art von Aktion würde ihnen Aufmerksamkeit sichern, sie in ihrer Individualität und Persönlichkeit sichtbar machen? Wodurch könnte darauf aufmerksam gemacht werden, wie unterirdisch die Situation mancher Kinder ist, wie sehr sie auf ein Ankommen in dieser Gesellschaft und auf ihr Recht auf Bildung und Beteiligung warten?

Mit Puppen zu arbeiten, die quasi endlos unterwegs sein können, war eine verlockende Idee. Mitglieder des Bündnisses könnten die Puppen inkognito begleiten und beobachten, wie Menschen auf die „Kinder“ reagieren. In den Arbeitstreffen des Bündnisses entstand bald ein Text, der die Anliegen der Aktion zusammenfasst:

 

Die Umsetzung

Mit dem Text >Ankommen< wurden Ende August dieses Jahres vier Puppen ausgestattet, Kinder aus Pappe. Sie hießen Maria, Ali, Ayşe und Junis. Jede Puppe bekam zusätzlich ihre Kurzbiografie umgehängt:

 

 

 

 

 

Die Aktion

Mit diesen Puppen machten sich vier Frauen aus dem Bündnis und eine Fotografin auf den Weg in die Öffentlichkeit. Das heißt: Sie bestiegen U- und S-Bahnen am Wochenende und an einem Arbeitstag, fuhren quer durch die Stadt, setzten die Pappkinder auf leere Plätze und beobachteten, was geschah. Hier einige Zitate:

• „Wir fuhren mit der U5 von Frankfurter Allee zum Alexanderplatz, hatten uns in zwei Gruppen geteilt und sahen: Eine Frau mittleren Alters guckte sich die Puppen an und schien den Text aufmerksam zu lesen. Dabei zeigte sie ein bewegtes Mienenspiel.“

• „Im Abteil gegenüber saßen zwei Kinder und ein Vater. Die Kinder waren irritiert und fragten sofort nach. Ihr Vater las den Text, sagte: ‚Da geht es um die Kinderrechte ‘ und erklärte, dass sie für alle Kinder auf der ganzen Welt gelten müssen. Dann kamen drei Hipster, die auch sofort guckten und lasen. Aber ich war schon zu weit weg, um zu verstehen, was sie sagten.“

• „Ich hatte ein Paar neben mir. Die Frau beugte sich zu den Puppen vor, als ob sie etwas in einem Schaufenster betrachten möchte, und sagte zu dem Mann: ‚Guck mal!‘ Aber der Mann, einer mit Schlips und Kragen, wehrte mürrisch ab. Da fuhr die Frau ihr Interesse runter, versuchte noch ein bisschen, den Text zu entziffern, und ließ es dann. In dem Moment kam eine von uns rein, setzte sich wie ein Fahrgast neben die Puppen und las die Texte. Dadurch wurde der Typ mit dem Hund neugierig, der gerade eingestiegen war, und las den Text auch.“

• „Ein älteres Paar saß eine Bank entfernt. Plötzlich stand der Mann auf, ging zu den Puppen, guckte sich den Text kurz an, kehrte zu der Frau zurück und sagte: ‚Ist wegen Kinderrechte für alle.‘ ‚Ach so, na dann…‘, sagte die Frau.“

• „Ein junger Mann hielt sich an der Stange fest und schaute verstohlen nach den Puppen, aber las – so unter dem Arm weg – die Texte genau. In der Nähe saßen zwei arabisch sprechende Männer. Einer war interessiert, guckte immer mal zu den Puppen, aber der andere redete auf ihn ein und lenkte ihn ab.“

• „In den Waggon stiegen zwei arabische Frauen mit ihren Söhnen. Der ältere Junge las sich den Text komplett durch. Ich setzte mich ihm gegenüber und fragte ihn: ‚Was steht denn da?‘ Er sagte: ‚Da steht was über die Kinderrechte.‘ Ich nahm die Puppe, damit sie auffällt, und sagte: ‚Das will ich auch mal lesen.‘ Kurz darauf stieg eine Familie ein, die einen Fahrradanhänger dabei hatte und sichtlich von einem Ausflug kam. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen holte sich einen von den Zetteln, die an den Puppen befestigt waren, und sprach mit den Eltern darüber. Dann kam ein Junge, vielleicht acht Jahre alt, und sagte: ‚Die sind echt gut gemalt, sehen ganz lebendig aus.‘ Ich sagte: ‚Ich finde sie auch schön. Guck mal, die haben Zettel dabei. Du kannst dir einen rausnehmen.‘ ‚Hat meine Kusine schon gemacht ‘, sagte er. Ich kapierte, dass er auch zu der Familie gehört, und fragte: ‚Hat deine Kusine gesagt, worum es geht?‘ ‚Ja ‘, sagte er, ‚um die Kinderrechte.‘ ‚Hast du schon mal was davon gehört?‘ fragte ich. ‚Ja‚ in der Schule. Und heute waren wir auf einem Fest, auf dem es um die Kinderrechte ging.‘ Er fand es total blöd, dass es obdachlose Kinder gibt. ‚Willst du etwa ohne Wohnung sein?‘ fragte er mich. Von dem Fest hatte er noch einen Satz im Kopf, den er jetzt wie einen Aufruf wiederholte: ‚Wohnungen für Obdachlose!‘ Dann saß ich den Puppen wieder allein gegenüber. Da kamen zwei jungen Frauen mit Rucksäcken. Ich sagte: ‚Ihr könnt euch hinsetzen, ich steige sowieso gleich aus.‘ Also stand ich auf. Sie saßen den Puppen nun frontal gegenüber, nahmen sich Zettel, lasen und freuten sich. Ich kam mir komisch vor, als ich die Puppen später griff und mit ihnen ausstieg.“

• „Mehrere Leute stiegen ein, sahen die Puppen und diskutierten, ob sie sich da hinsetzen sollten. Ein Mann schob die eine Puppe so auf die andere, dass man den Text nicht mehr sehen konnte. Ein weiterer Mann, der sichtlich auch zu den Leuten gehörte, sagte zu dem neben den Puppen sitzenden Mann: ‚Na, haste ´nen neuen Kumpel?‘

• „Ich setzte mich dem Junis gegenüber. Da kam ein junger, spanisch sprechender Mann, betrachtete die Puppe, lächelte ihr zu, schob sie zart etwas beiseite und setze sich neben sie. Der Mann, der neben mir saß, sagte zu mir: ‚Die sehen sich ähnlich.‘ Ich: ‚Vielleicht sah der junge Mann so aus, als er klein war.‘ Später kam eine Frau mit einem Mädchen, das ich auf sechs, sieben Jahre schätzte. Intensiv beschäftigte es sich mit der Puppe. Die Mutter las den Text, erklärte ihrem Kind, worum es geht, und sagte: ‚Ja, die Kinder dürfen alles so haben wie du.‘ ‚Auch Schuhe?‘ wollte das Mädchen wissen und streichelte die Puppe. ‚Ja ‘, sagte die Mutter. Ein alter Mann setzte sich neben das Mädchen und fragte: ‚Hast du den gebastelt? Wer ist denn das?‘ Weil die Mutter zuvor die biografischen Daten der Puppe vorgelesen hatte, sagte das Mädchen: ‚Das ist Junis. Gibt’s den wirklich?‘ fragte es die Mutter. ‚Vielleicht ‘, sagte sie. Als der alte Mann ausstieg, setzten Mutter und Tochter sich links und rechts neben Junis und machten ein Spiel: einander auf die Nase tupfen. Junis bekam auch immer einen Tupfer ab und erwachte förmlich zum Leben. Irgendwann standen die beiden auf, und das Mädchen sagte: ‚Tschüss, Junis!‘ Vorher hatte die Mutter Junis fotografiert und versprach, zu Hause auf der angegebenen Web-Seite zu gucken, wer die Puppe gemacht hat. All das weckte natürlich Aufmerksamkeit im Umfeld. Die Leute guckten, nahmen Anteil und lasen den Text.“

• „Der junge Mann neben der Puppe beugte sich eine Zeitlang weit vor, weil er den Text las. Dann kam eine Frau mit Kopftuch und beanspruchte den Platz, auf dem die Puppe saß, denn die U-Bahn war voll. Sie guckte mich so auffordernd an, dass ich die Puppe auf den Schoß nahm.“

• „Schließlich gingen wir in ein Café auf dem Alexanderplatz und setzen zwei Puppen an den Nebentisch. Niemand interessierte sich für sie. Nur die Serviererin schaute hin, als sie den Tisch abräumte, und fragte uns, ob die Puppen uns gehören. Wir boten ihr das Info-Blatt mit dem Text an, sie nahm es und bedankte sich. Als wir fragten, ob wir die Puppen wegräumen sollen, sagte sie: „Nein, nein. Das ist in Ordnung.“

Fazit

Mit so viel Interesse für die Aktion hatten die fünf Frauen nicht gerechnet. Sie hatten sich vielmehr auf Desinteresse oder gar böse Blicke vorbereitet, denn es könnte ja wie eine Provokation wirken, wenn Pappkinder begehrte Sitzplätze besetzen – selbst wenn sie für die Unteilbarkeit der Kinderrechte werben. Doch solche Blicke trafen weder die Frauen noch die Puppen.

Beeindruckend war, wie unmittelbar und neugierig Kinder auf die Puppen reagierten, während Erwachsene eher verstohlen versuchten, sich sachkundig zu machen. Auf Kinder schienen die Puppen lebendig und ebenbürtig zu wirken.

Was könnte man vor einer Wiederholung der Aktion verbessern? Vielleicht den Text größer machen? Für anderssprachige Menschen einen QR-Code angeben? Sich auf das Wochenende konzentrieren, weil die Aktion am Sonntag erfolgreicher war?

Eines ist sicher: Es wird nicht der letzte Ausflug von Maria, Ali, Ayşe und Junis gewesen sein. Ohnehin sind sie seither unterwegs, sitzen zum Beispiel unermüdlich und freundlich in Seminaren oder anderen Veranstaltungen und werben dafür, in unserer Mitte ankommen zu dürfen.

Idee und Figuren: Dorothee Jacobs

Text: Erika Berthold

Fotos: Lena Grüber

Kinder brauchen Maschinen!

Meine persönliche Lieblingsforderung an die Welt: Jedes Kind sollte einmal eine richtig große Maschine bauen. Mit vielen anderen Kindern, die viele andere Vorstellungen haben, wie das Ding aussehen soll. Mit genug Materialien, um tagelang weiterbauen zu können. Mit Erwachsenen, die so vertieft dabei sind, dass sie als Helfer manchmal unbrauchbar sind. Mit Pädagogen, die nicht…

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Die Blindschleiche

„Schau mal, Siegunde, was ich hier habe!“ ruft Emil und kommt, mit einer Ziplock-Tüte wedelnd, auf die Erzieherin Siegunde zu. „Na, da bin ich mal gespannt“, sagt Siegunde und schaut neugierig auf die Tüte. „Da ist eine Blindschleiche drin“, erklärt Emil. „Eine lebende oder eine tote?“ fragt Siegunde. „Eine tote! Eine lebende könnte doch nicht…

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Im Klangschloss: Wenn der König komponiert

Klangerforschung mit Kindern „Alle Bewohner des Schlosses müssen dem König dienen.“ Zu dieser Erkenntnis kamen 13 Schüler*innen aus der 4. Klasse der Peckwisch-Grundschule in Berlin-Reinickendorf. Damit meinten sie nicht nur das Personal. Einen König wie Friedrich Wilhelm I. umgaben im Berliner Schloss des 18. Jahrhunderts selbstverständlich Scharen von Bediensteten, die für warme Kachelöfen, leuchtende Kandelaber,…

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Das Pädiko- Medienatelier

Digitale Kompetenz als eine von 100 Sprachen Unsere Kita „Colorito“ des Vereins Pädiko e. V. liegt zentral in der Kieler Innenstadt. Auf einem Hinterhof gelegen bieten wir Erfahrungsräume für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren. Wesentliche Impulse für unsere Arbeit gibt uns die Reggio-Pädagogik. Wir verstehen sie als eine „Pädagogik des Werdens“. Das…

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Das ist auch unsere Baustelle!

Anlass und Idee

Sumpf, Dominikanerkloster, Berliner Schloss, Aufmarsch­platz, Palast der Republik, Zwischennutzung, Kulturbaustelle, Wiese – an kaum einem anderen Ort in Berlin haben sich in den letzten 800 Jahren gesellschaftliche, städtebauliche, politische und kulturelle Entwicklungen so verdichtet wie auf dem heutigen Schlossplatz.

Mit dem Humboldt Forum beginnt ein weiteres Kapitel. Der Bauprozess des Humboldt Forums im Herzen Berlins ist in der Geschichte des Ortes ein Moment. Ein Moment mit offenem und durchaus nachhaltigem Fortgang. „Daher ist es zwingend“, so die Kuratorinnen Barbara Falkner und Petra Larass, „dass die zukünftigen Nutzer dieses Gebäudes, die Kinder und Entscheidungsträger der Zukunft, Stimme und Raum erhalten: Was bedeutet dieser Ort für mich? Was sollte er in Zukunft leisten? Es lohnt sich genau hinzuschauen und offen in diese Dialoge zu gehen. Wir wünschen uns das Humboldt Forum als einen Ort, der immer wieder von kreativen Dialogen im vielstimmigen Miteinander erobert werden darf!“

Wie genau das gelingen kann (und verstetigt werden sollte!!! – Die Redaktion), zeigt das folgende Großprojekt: Die Riesenbaustelle, wo einst ein Schloss, später ein Palast stand, ist Anlass für 176 Kinder aus acht Berliner Schulen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Ortes zu erforschen. Gemeinsam mit 29 Künstlerinnen und Künstlern und unterstützt von Expertinnen und Experten. Ausgangspunkt sind Fragen aus der Lebens-und Erfahrungswelt der Kinder.

In mehrmonatigen Projekten entstehen eine Fülle spielerischer Auseinandersetzungen, u. a. die zum Entdecken und Weiterspielen verlockende Ausstellung: Das ist auch unsere Baustelle!* Sie eröffnet Einblicke in das komplexe Geschehen vor Ort, lädt ein, ­unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen und dabei eigene Spuren zu hinterlassen.

Zahlreiche Fragen und Antworten aus den offenen Forschungsprozessen von Kindern, Künstlerinnen, Künstlern, Expertinnen und Experten finden sich in acht phantastischen Erlebnisräumen der Ausstellung wieder:

 

1

Tanzfassade

„Am ersten Tag habe ich eine Statue nachgestellt. Am zweiten Tag haben wir uns verkleidet und am dritten Tag haben wir große Papiere bekommen und unsere Bilder raufgeklebt. Toll, dass wir uns verkleiden durften.“

„Wir machen die Welt bunt und gestalten unseren eigenen Palast, unser eigenes Schloss. Die Fassaden der Fantasie-Gebäude reagieren auf mich und ich tauche ein, mache mit, bewege mich, hüpfe, springe. Mit spezieller Technik haben wir die Collagen der Kinder lebendig werden lassen. Sie erfuhren, welche Möglichkeiten das kreative Programmieren bietet und wie man sich auf diese Weise spielerisch die Welt erobern kann. Aus einer Sprache der Kinder wurde eine fantasievolle Sprache der Zukunft, die hoffentlich auch ihren Platz im Humboldt-Forum finden wird.“

 

2

Zeitmaschine

„Uns hat an diesem Projekt sehr gut gefallen, dass wir die Kisten und Maschine selbst gestalten durften. Wir haben viel gebastelt, gemalt, gebaut und viele Ausflüge gemacht…“

„Zu Beginn lagen knapp 900 Jahre Stadtgeschichte vor uns! Wie konnten wir einen Ort mit so vielen Geschichten und Veränderungen nachvollziehen?

Und dann war es ganz einfach: Neugier und Forscherdrang führten die Kinder zu 16 für sie wichtigen Ereignissen. Mit dem Berliner Stadtschloss und dem Palast der Republik lernten wir unterschiedliche politische Systeme kennen und entwickelten interaktive Stadtpläne. Am Ende entwarfen wir diese Maschine, um Einblicke in einzelne Geschichten zu geben und unsere Begeisterung beim Entdecken spannender historischer Ereignisse mit allen zu teilen.“

 

3

Stadt der Paläste

„Ich fand es ganz toll, dass wir aus diesem Papier Räume gemacht haben, für uns selbst, aber auch für andere.“

„Wenn ich in einem Schloss leben würde wie Humboldt, fänd’ ich es ein bisschen eng.“

„Mir hat gefallen, dass wir ein Haus gebaut und uns verbunden haben.“

„Was ist ein Palast? Wer wohnt da? Wie fühlt es sich an, Königin oder König zu sein? Und ein Palast, der für alle da ist? Warum sieht jede/r von uns andere Räume, wenn es still wird, die Augen geschlossen sind und wir uns vorstellen, eine Tür öffnet sich: ‚Tadaa’. Jede/r von uns hat besondere Qualitäten, im Inneren einen eigenen Palast. In unserer Projektwoche haben wir gemeinsam eine Welt geschaffen, in der wir alle mit unseren Stärken verbunden sind, einen sicheren Platz haben und aus diesem guten Gefühl heraus Verbindungen mit anderen eingehen. Wir laden Dich herzlich ein in unsere Stadt der Paläste!“

 

4

Baustellensymphonie

„Ein Sumpf. Tausend Mücken. Ein Schloss mit König. Auf die Zerstörung folgt eine Wiese. Danach ein Palast. Für das Volk. Abriss. Hier lebt nur ein Fuchs. Dann: eine Riesenbaustelle und wir.

Eine alte Kamera, ein Projektor, Aufnahmegeräte. Denn unser Film ist stumm. Nur der Projektor surrt und schnurrt. Wir sammeln Töne.

Wie klingt die Baustelle? Wie klang der Sumpf? Und die Pferdehufe vor dem Barockschloss? Das Klopfen der Bildhauer, damals und heute. Eine Sinfonie. Unsere Sinfonie!“

„Ein Kloster, ein Schloss, eine Ruine, ein Palast, eine Ruine, eine Wiese, ein Schloss. Ein Ort inmitten der Stadt. Eine Baustelle wird zum Instrument. Mit einer 16 mm-Filmkamera näherten wir uns der Baustelle. Ein Stummfilm entstand, inspiriert vom bekannten Film: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt.

Anschließend wurden mit Aufnahmegeräten Klänge gesammelt und Musik komponiert. Die Kinder experimentierten mit den Klängen des Alltags und mit Musikinstrumenten. Filmmaterial trifft auf wechselnde Klanglandschaften, immer neue Bilder entstehen.“

 

5

Kosmos

Am Anfang des Projekts habe ich mich gefragt, warum man im Museum nur alte Dinge ausstellt. Jetzt habe ich eine Antwort darauf: damit man sehen kann, was es früher alles gab. Ich habe heute im Märkischen Museum zum Beispiel gelernt, dass man früher keine Gabel benutzt hat. Man hat mit den Messern rein gestochen!“

„Kann man im Humboldt Forum etwas über ‚normale Menschen’ sehen? Mit dieser Frage haben die Kinder eine Sammlung über sich selbst zusammengestellt und vor der Kamera gezeigt: Was macht sie selbst aus, was ist ihnen wichtig? Die Leitfrage hierfür war, was sie den Kindern der Zukunft aus ihrem heutigen Leben zeigen möchten. Dadurch haben die Kinder ihre Welt für sich greifbar gemacht. Und sie haben erfahren, dass Museen die Welt erklären möchten und über das Leben erzählen. Ich wünsche mir, dass sie künftig die Welt der Museen mit der ihren verknüpfen und Sammler ihrer Zeit bleiben.“

 

6

Klangschloss

„Wir waren in Potsdam. Wir haben uns verkleidet als Prinzessinnen, Königin, Prinz und Könige und sind im alten Schloss von Friedrich II. rumgelaufen. Dann haben wir Menschen auf Französisch begrüßt. Wir waren im Probenraum von ensemble mosaik und haben mit den Musikern Musik gemacht. Wir haben nämlich selber Noten hergestellt und Musik. Ich habe mit meinen Freundinnen ein Stück komponiert. Es heißt: Der Traum. Jede von uns hat zwei ‚Instrumente’ gespielt: Eda den Wasserfall und Friedrichs Uniform. Daria den Frosch und das Schlafen, und ich habe den Friedrich und das Pferd gespielt.

7

Aktion Freiraum

„Uns hat gefallen, dass wir mit verschiedenen Materialien gearbeitet haben. Das Gestalten von seinem eigenen Freiraum und das Schreiben von eigenen Performances hat sehr viel Spaß gemacht.“

„Ich habe gelernt, dass man Materialien anders benutzen kann als sie gedacht waren und dass Freiräume fast für jeden etwas Anderes sind. Wir haben gelernt, dass es fast überall Freiräume gibt, man muss sie nur finden. Und dass die Geschichte von Berlin ziemlich interessant war.“

8

Tastwerkstatt

„An einem Projekttag war ich in der Schlossbauhütte. Wir haben mit Steffen gearbeitet. Steffen ist Bildhauer. Ich habe mich dort mit Gipsabgüssen beschäftigt. Dafür braucht man als erstes eine dreißig Zentimeter große Tonplatte. Und dann modelliert man etwas rein. Wenn man etwas auf den Ton drauf macht, dann ist es später auf der Gipsplatte drinnen und umgekehrt. Zum Schluss haben wir mit den Gipsplatten eine Fassade gebildet. Ich fand es toll, dass wir als Gruppe ein gemeinsames Objekt gestaltet haben.“

Lebensgroße Adler aus Gips, Silikon und Sandstein laden zum Ertasten und zum Kennenlernen von handwerklichen Prozessen ein.

„Ton ist weich und feucht. Er lässt sich mit Händen und Werkzeug bearbeiten.

Gips ist staubig und trocken. Er verbindet sich mit Wasser und fließt in die Löcher im Ton. Ein Abguss entsteht.

Der Gips wird warm, dann fest, dann kalt. Negativ wird positiv und positiv wird negativ. Links wird rechts und rechts wird links.

Wann wird das Material zur Form? Wann wird die Form zum Kunstwerk? Was ist das Original und was ist die Kopie? Beim Modellieren müssen wir unsere Vorstellungskraft benutzen. Beim Tasten auch. Das Kunstwerk entsteht im Kopf.“