Fehl am Platz?

Warum sind wir, wie wir sind? Und warum stoßen wir damit nicht nur auf Gegenliebe? Erinnerungen an missliche Situationen, Erkenntnisse über Verhaltensweisen, Erfahrungen mit Lösungsmöglichkeiten und Umsetzungstipps – Aline Kramer-Pleßke, Supervisorin und Coach, möchte dazu beitragen, dass wir unsere Potenziale entdecken, unsere Ressourcen stärken, emotionale Entlastung finden und souveräner handeln können.

Hier gibts den Artikel als PDF: Supervisorin_#3_2021

Erinnerungen

Oft wollte ich einfach nur weg! Und es gab viele dieser prägenden Erlebnisse:

Im Kindergarten musste ich gefühlt stundenlang vor meinem Teller sitzen und sollte aufessen. Die anderen Kinder spielten schon, und ich war allein.

In der 1. Klasse sagte die Lehrerin immer wieder: „Aline, komm nach vorn an die Tafel und schreib eine Vier.“ Jedes Mal rief sie dann: „Falsch! Falsch! Falsch!“ Dabei war ich kreativ, dachte mir neue Formen für die blöde Vier aus und erfuhr irgendwann, dass ich Spiegelschrift geschrieben hatte. Das hätte meine Lehrerin mir gleich sagen sollen.

8. Klasse, Ferienarbeit im Krankenhaus: Ich träumte davon, auf der Kinderstation helfen zu dürfen, aber es wurde die Geriatrie. Der Chefarzt hieß genauso wie ich, und die Verantwortlichen dachten, ich sei seine Tochter. Mir war das unangenehm, ich hatte Angst und wollte dort nicht bleiben.

Als ich jung war, konnte ich solche Situationen nicht auflösen. Heute frage ich mich: Wer war damals wirklich fehl am Platz?

Auch als junge Erwachsene hatte ich diese Fluchtimpulse. Zumeist waren es Unklarheiten und konflikthafte Auseinandersetzungen, die mir Angst machten, oder Herausforderungen, denen ich vermeintlich nicht gewachsen war. Ich hatte den Eindruck, nicht in den Rahmen zu passen.

Während meiner Studienjahre traf ich auf mir wohlgesonnene Leute, die mich ermutigten zu reflektieren: Was passiert, was fühle ich, wie verhalte ich mich? Ich durfte ausprobieren, was zu mir passt. Selbstvertrauen und Selbstbestimmung wuchsen.

Erfahrungen

Aktuell spielt die Pandemie eine entscheidende Rolle. Sehr viele meiner sonst engagierten Supervisand*innen aus Kita und Schule fühlen sich fehl am Platz, sind entmutigt und denken darüber nach, den Beruf zu wechseln. Was für eine katastrophale Situation! Der Gefühlscocktail reicht von Ausgeliefertsein, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Ärger über Wut bis zur Resignation. Die Geschäftsführer*innen kämpfen und versuchen mit ihren Kolleg*innen die sich immer wieder ändernden Beschlüsse und Vorgaben zu erklären und umzusetzen. Oft ungeschützt. Eine Erzieherin sagte, sie komme sich vor wie im Bällebad bei Ikea und ertrinke darin.

Ich appelliere an dieser Stelle dringend zu Handeln! Im Grunde musste vorgestern nachgebessert werden, um einen ganzen Berufszweig nicht den Bach runtergehen zu lassen. Ich vermute, ein solcher Schaden wird uns noch Jahre mühsamen Wiederaufbaus bescheren.

Zurück zum Thema: In mein Coaching kommen meist gut qualifizierte, leistungsbewusste Menschen, die interessante Positionen bekleiden. Fast alle haben das Gefühl, im Job „fehl am Platz“ zu sein. Das kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Hauptthemen sind die berufliche Rolle, Kommunikation, Konflikte, Selbstverständnis, Haltung, Stressbewältigung und Resilienz. Oft gibt es einen Effekt, den ich den „BaggerVance“ nenne.

Kennen Sie den Film „Legende von Bagger Vance“? Die Geschichte spielt in den 1930er Jahren in Savannah, Georgia. Djuna, ein junger Kriegsveteran und ehemals brillanter Golfspieler wird zu einem Turnier herausgefordert. Allerdings ist er seit dem Krieg desillusioniert, traumatisiert, hat sich für das Vergessen entschieden, trinkt und spielt. Nun soll er ins Turnier. Wie aus dem Nichts taucht Bagger Vance auf, wird sein Caddy und sagt: „In jedem von uns steckt ein wahrer, authentischer Schwung. Etwas, womit wir geboren wurden, und das nur uns allein gehört. Etwas, das man nicht lehren oder lernen kann. Etwas, worauf man sich zurückbesinnen muss. Die Welt kann uns den Schwung nehmen und ihn unter all diesem Könnte, Müsste, Sollte begraben.“ Djuna hatte seinen authentischen Elan verloren. Bagger Vance unterstützt ihn mit guten Ratschlägen und weisen Tipps, seinen Schwung wiederzufinden.

Auch Frau X. hatte ihren authentischen Elan verloren, als sie zu mir ins Coaching kam. Sie war Mathematikerin und arbeitete im Controlling eines Unternehmens. Ihre berufliche Rolle war ihr fremd geworden, sie fühlte sich ausgelaugt und fehl am Platz. Gemeinsam erforschten wir ihre Bedürfnisse, Sehnsüchte, Leidenschaften. Wofür brannte sie?

Vor allem wollte sie etwas Sinnvolles tun. Über die Jahre hatte sie sich entwickelt, ihre Rolle passte nicht mehr zu ihr. Am Ende entschied sie sich, im Controlling nur noch in Teilzeit zu arbeiten. Sie suchte sich eine Stelle als Honorarkraft an einer Schule. Dort forschte sie mit Kindern und Jugendlichen zu mathematischen Themen. Diese sinnvolle und herausfordernde Tätigkeit gab ihr einen riesigen Aufschwung. Sie hatte den eigenen „Sound“ – so nannte sie es – gefunden und war auf dem für sie richtigen Platz gelandet.

Experiment

Fühlen Sie sich auch manchmal fehl am Platz? Stehen Sie an einer Wegkreuzung und sind sich nicht sicher, wohin Sie sich wenden sollen? Halten Sie an! Dafür brauchen Sie die innere Erlaubnis von sich selbst. Sie dürfen schwach sein, aus dem Leistungs- und Bewertungskarussell aussteigen. Nehmen Sie sich Zeit für sich, für die Suche nach dem eigenen „Sound“.

Unser Leben besteht aus mehreren Bereichen, zum ­Beispiel: die Familie, soziale Kontakte, Gesundheit, ­Finanzen, persönliche Weiterentwicklung, berufliche Tätigkeit, Energie, Partnerschaft. Je nach Lebenssituation ändert sich der Fokus und lässt sich individuell gewichten. Machen Sie eine Bestandsaufnahme. Dazu können Sie eine Collage anfertigen, ein Bild malen oder eine Liste schreiben. Nützliche Fragen sind:

Wie stabil sind die einzelnen Bereiche?

Wie zufrieden und erfüllt sind Sie?

Gibt es Bereiche, die in letzter Zeit zu wenig Beachtung fanden?

Wie flexibel sind Sie in den verschiedenen Bereichen? Welche Unterschiede nehmen Sie wahr?

Was wollen und können Sie zurzeit so lassen?

Welcher momentane Zustand geht für Sie nicht mehr?

Auf welche Bereiche wollen Sie sich in nächster Zeit besonders konzentrieren?

Wo wollen und können Sie Veränderungen aktiv hervorrufen?

In welcher Reihenfolge möchten Sie Entwicklungen vorantreiben?

Was genau wollen Sie verändern – an der Situation, an sich selbst?

Was könnten Sie investieren oder vielleicht sogar riskieren?

Wer ist auch davon betroffen?

Wer kann Sie unterstützen?

Wo bekommen Sie Informationen oder praktische Hilfe?

Welche Art der Lösung käme für Sie nicht in Frage?

Gibt es eigentlich Bereiche, in denen Sie besonders mutig oder ängstlich sind? Bedenken Sie: Wo die Angst ist, ist der Weg. Besinnen Sie sich auf Situationen, in denen Sie Probleme lösen konnten.

Vergessen Sie nicht: Sie schlagen Ihren Weg ganz bewusst ein. Sie gestalten selbst, sind selbst verantwortlich für Ihr Tun, Ihr Verhalten, Ihre Ziele und was in Ihrem Leben jetzt gerade wichtig ist.

 

Foto: cw-design / photocase

Da beißt die Maus keinen Faden ab

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Frau Pipapo

Über die Schwierigkeiten einander zu verstehen

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Frau Pipapo

Über die Schwierigkeiten einander zu verstehen

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Mein liebes Kind

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In der Dummheitsfalle

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Selbstsicherer werden

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Rausgucken

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Angst — Eine Ermutigung

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Dicke Luft

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Erinnerungen

Ein Stoß, und ich fiel nach hinten. „Aua!“ Das tat weh. Ich fasste mir an den Mund und hielt entgeistert meinen Zahn in der Hand. Was war passiert?

Damals war ich in der ersten Klasse und zankte mit meiner besten Freundin. Worum es ging, weiß ich nicht mehr. Ohne nachzudenken, schimpfte ich los, und sicher habe ich sie beleidigt. Jedenfalls holte meine Freundin aus und schlug mir meinen letzten Milchzahn aus. Ich war erschrocken, und sie sah verstört aus. Das tat mir irgendwie leid. Ich fühlte mich schuldig und gleichzeitig unterlegen. Andererseits: Endlich war ich diesen blöden Wackelzahn los und bedankte mich bei ihr. Wahrscheinlich war das meine Art, mich zu entschuldigen, und die Ausrede vor mir selbst, den Schwanz eingezogen zu haben. Kurz darauf gingen wir wieder spielen.

Nun, wir reagierten damals so, wie wir konnten. Andere Möglichkeiten standen uns nicht zur Verfügung. Ich schrie sie an, sie schlug zu. Beide waren wir hilflos und wussten nicht, wie wir unseren Konflikt anders hätten lösen können.

Die Basis eines Konfliktes: Mindestens zwei Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse oder Absichten und glauben, nur eins davon kann verwirklicht werden. Unter Umständen bleibt das eigene Bedürfnis also unerfüllt.

Auslöser für den Streit in der Kindheit war vermutlich mein Bedürfnis, Recht zu haben. Dass ich mich für den Schlag bedankt hatte, könnte an meinem damals ausgeprägten Bedürfnis, gemocht zu werden, gelegen haben. Das war früher mein stärkstes Bedürfnis. Ich hätte fast alles dafür getan, meine Freundin zu behalten und nicht allein dazustehen.

Erfahrungen

Eines Tages rief mich ein Kita-Koordinator an und berichtete aufgeregt von einem Konflikt in einem Kita-Team, der den Alltag störe und für allgemeine Unzufriedenheit sorge. Viele Team-Mitglieder seien krank, sagte er. Nun wolle man zeitnah einen Teamtag nutzen, um dem Konflikt auf den Grund zu gehen.

Als das Team zu mir in die Praxis kam, war die Atmosphäre spürbar angespannt. Dicke Luft.

Konflikte kann eine Person mit sich selbst oder mit anderen Personen haben. Angeblich geht es um sachliche Entscheidungen, tatsächlich aber um tieferliegende Bedürfnisse und Erwartungen. Die wahren Streitgründe werden in der Regel sorgsam verborgen – wenn sie den Streitenden überhaupt bewusst sind.

Zunächst glichen wir Erwartungen ab, und ich ließ ein Stimmungsbild erstellen. Die meisten Mitarbeiter*innen fühlten sich als Teil des Teams und fanden die Struktur gut. Dennoch war ihnen durchaus bewusst, dass etwas „im Argen“ lag, dass es irgendein „Ding“ gab. Aber dieses „Ding“ war nicht greifbar. Gemeinsam erforschten wir, wie es sich äußerte.

Zunächst wurde deutlich, wie unterschiedlich die Mitarbeiter*innen verschiedene Situationen wahrgenommen hatten – nämlich aus der jeweils eigenen Perspektive. Wir erarbeiteten, welche Abhängigkeiten es gab, wer auf wen in welcher Weise angewiesen war und was das in der Zusammenarbeit bewirkte. Offensichtlich war es sehr schwierig, Probleme oder Fehler zu benennen, weil alle es nett und friedlich haben wollten.

Ich fragte die Mitarbeiter*innen, was das Thema hinter dem Thema sein könnte. Niemand wagte, es auszusprechen. Deshalb erklärte ich dem Team das bekannte Eisbergmodell: Nur ein kleiner Teil einer Botschaft – cirka 20 Prozent – ist wirklich sichtbar. Alles andere – cirka 80 Prozent – kann nur vermutet werden. Diese verdeckten Informationen werden häufig auf der Beziehungsebene ausgetragen. Es sind Stimmungen, Gefühle, Werte, Interpretationen, Missverständnisse, strukturelle Bedingungen, Sichtweisen oder auch ganz persönliche Probleme, die verborgen bleiben und häufig unbewusst ausagiert werden. Natürlich wirkt sich das auf die Inhaltsebene aus.

Der Blick auf das Eisbergmodell wirkte zunächst entlastend. Also forschten wir weiter, und ich fragte die Mitarbeiter*innen, bis wann das Klima gut war und ab wann es sich veränderte.

Nun kamen wir dem wesentlichen Punkt näher: Eine heißgeliebte ältere Kollegin, die allen Halt gegeben hatte, war vor einem halben Jahr in Rente gegangen. Fast zeitgleich gab es einen Leitungswechsel. Rollen wurden neu besetzt oder veränderten sich, vieles war unklar. Das Team befand sich in einem Veränderungsprozess, war tief verunsichert, und die Mitarbeiter*innen versuchten in dieser Zeit, besonders vorsichtig miteinander umzugehen. Es sollte so harmonisch bleiben, wie es zuvor gewesen war. Das Ergebnis: Missverständnisse, Vertrauensverlust, Enttäuschungen, Unsicherheiten, Grüppchenbildung, Klagen und Anklagen. Kritik zu äußern und anzunehmen, das war jetzt noch schwerer als sonst. Die meisten Mitarbeiter*innen sagten von sich, dass sie Angst hatten, in Auseinandersetzungen zu gehen. Es war kompliziert, eigene oder auch fachliche Grenzen zu erkennen und zu ziehen. Außerdem wussten die Mitarbeiter*innen schlichtweg nicht, wie man Konflikte erfolgreich löst.

Konfliktfähig zu sein bedeutet, konstruktiv in Auseinandersetzungen zu gehen. Dazu gehört, eine Basis zu schaffen, die von Toleranz und Offenheit geprägt ist, so dass sich eine faire Streitkultur entwickelt, die Fehler zulässt und die gemeinsame Suche nach angemessenen Lösungen ermöglicht. Das Wichtigste sind jedoch tragfähige Beziehungen, die – Achtung! – nichts mit Küsschen-Kultur zu tun haben, sondern die Grundlage für einen professionellen Austausch schaffen.

Experimente

Sehr hilfreich in Konflikten ist immer ein Blick von außen oder oben. Versuchen Sie, aus der Vogelperspektive auf den Konflikt zu schauen und herauszufinden: Was ist los? Wer ist beteiligt? Um wen oder was geht es wirklich? Wie verhalten sich die Beteiligten? Wie äußert sich das? Was genau ist der Kern des Problems? Dabei hilft, sich bewusst zu machen, dass möglicherweise ein Teufelskreis existiert. Dieser Begriff geht auf Paul Watzlawick zurück. Weiterentwickelt wurde das Modell, mit dem negative Spannungen in Beziehungen erfasst, Hintergründe begriffen und Fallen erkannt werden können, von Christoph Thomann und Friedemann Schulz von Thun. Mit Hilfe des Modells lässt sich einerseits darstellen, was die äußerlich sichtbaren und wirksamen Verhaltensweisen oder Äußerungen der Konfliktparteien sind. Andererseits sind auch die inneren Reaktionen Bestandteile des Teufelskreises, zum Beispiel Gefühle. Sobald ein Konflikt sichtbar gemacht werden kann, greift die Eigenverantwortung, und ein konstruktives Vorgehen wird möglich.

Wie können Sie Konflikte konstruktiv ansprechen? Es gibt eine wirkungsvolle Vorgehensweise. Sie heißt „Sag es!“ und besteht aus folgenden Schritten:

Sichtweise schildern: „Mir ist aufgefallen, dass…“

Auswirkungen beschreiben: „Für mich heißt das…“

Gefühle benennen: „Ich fühle mich…“

Erfragen: „Wie siehst du das?“

Schlussfolgerungen möglichst gemeinsam ziehen:

„Was machen wir jetzt damit?“

Hilfreich ist es, diese Methode im Team zu besprechen und gemeinsam zu üben. Das entlastet im Eifer des Gefechts und ermöglicht auch mal ein Augenzwinkern, wenn Sie sagen: „Ich übe gerade.“

 

Lieber quergestreift als kleinkariert

Warum sind wir, wie wir sind? Und warum stoßen wir damit nicht nur auf Gegenliebe? Erinnerungen an missliche Situationen, Erkenntnisse über Verhaltensweisen, Erfahrungen mit Lösungsmöglichkeiten und Umsetzungstipps – Aline Kramer-Pleßke, Supervisorin und Coach, möchte dazu beitragen, dass wir unsere Potenziale entdecken, unsere Ressourcen stärken, emotionale Entlastung finden und souveräner handeln können. Weiter lesen…

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Zwischen den Stühlen

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