Große Aufgaben – kleine Ressourcen

Ergebnisse der Kita-Umfrage „Kinder geflüchteter Familien in Berlin“

Das Berliner Bündnis für Kinder geflüchteter Familien „Willkommen KONKRET“ sandte allen Berliner Kitas im Herbst 2015 einen Fragebogen, um zu erkunden: Machen sich Kita-Teams Gedanken über geflüchtete Menschen? Was passiert bereits in den Kitas? Was brauchen die Teams, um sich geflüchteten Familien verstärkt zu öffnen? Zirka 5 Prozent aller 2 370 Berliner Kita-Teams beantworteten die 18 Fragen. Dorothee Jacobs und Hannah Rosenfeld berichten über die Ergebnisse der Umfrage.

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Was ist Ihr Fazit nach der Auswertung der Umfrage?

Dorothee Jacobs: Zuerst einmal waren wir überrascht von den vielen Antworten. Sie ermöglichen ein weitaus differenzierteres Bild der Situation in den Berliner Kitas als bisher. Da wir die Umfrageergebnisse verbreiten, können die Verantwortlichen – zum Beispiel Kita-Träger oder die politisch Zuständigen – nun besser auf die Bedürfnisse der Praxis reagieren. Und die pädagogischen Fachkräfte merken, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen nicht allein sind, weil es vielen Kitas ähnlich geht. Außerdem erleben sie, dass es Menschen gibt, die sich dafür interessieren, was Kita-Teams brauchen, um gut arbeiten zu können.

Kamen die Teams, die auf die Umfrage reagierten, über geflüchtete Kinder und Eltern ins Gespräch?

Dorothee Jacobs: Ja, die meisten Kita-Teams kamen darüber ins Gespräch. Nur drei Kitas gaben an, ihre Träger seien für das Thema nicht offen.

Als Bündnis fragen wir uns nun: Wie können wir die Träger, Kita-Teams und Eltern anregen, die sich noch nicht miteinander austauschen? Welche Unterstützung brauchen sie von wem? Und wie können gute Praxisbeispiele verbreitet werden?

Zum Beispiel bei wamiki. Was ergaben die Antworten über das Umfeld der Kitas?

Hannah Rosenfeld: Darauf zielten die Fragen 3 bis 6. Es zeigte sich, dass viele Teams nicht wissen, ob und wie sich das Umfeld engagiert, ob es Willkommensinitiativen oder Proteste gibt. Wir denken, dass Kita-Teams, die mit geflüchteten Familien arbeiten, ihr Umfeld kennen sollten und dass sie eine unterstützende Anwohnerschaft brauchen. Wir fragen uns, was wir als Bündnis dafür tun können, zum Beispiel in Sachen Öffentlichkeitsarbeit.

Nehmen die Teams Vernetzungsmöglichkeiten im Umfeld wahr?

Dorothee Jacobs: Die Antworten auf Frage 7 lassen darauf schließen, dass die Teams bisher kaum Kontakte zu  Kitas oder Familienzentren pflegen, die Kinder mit Fluchterfahrungen aufgenommen haben. Sichtlich brauchen sie Unterstützung, um funktionierende soziale Netzwerke aufzubauen. Wir könnten uns vorstellen, dass die Einrichtung besonderer Konsultations-Kitas hier Abhilfe schaffen kann.

Wie viele Kitas haben bereits Erfahrungen auf diesem Gebiet?

Dorothee Jacobs: Die Antworten auf Frage 8 belegen, dass nur ein Viertel der Kitas solche Erfahrungen hat. Demzufolge wäre es wichtig, Kontakte zwischen geflüchteten Eltern, die Kita-Plätze suchen, und Kitas oder Trägern zu erleichtern. Wir finden, dass in dieser Sache erfahrene Träger anderen Trägern beratend zur Seite stehen könnten.

Fast die Hälfte der Kitas hat sich jedoch noch nicht mit dem Thema beschäftigt, wie die Antworten auf Frage 9 zeigen. Was mag dem im Wege stehen? Angst, Unsicherheit oder Überlastung?

Was wissen die Teams über Menschen, die geflüchtet sind?

Hannah Rosenfeld: Die Hälfte der Teams gab auf die Fragen 10 und 11 an, kaum Informationen über die Lebensumstände in den Sammelunterkünften zu haben. Das erschwert natürlich die Einfühlung und Verständigung.

Wer wenig weiß und selten Begegnungen hat, wird kaum Kontakte stiften können, oder?

Dorothee Jacobs: Doch. Viele Teams beantworteten die Frage 12, indem sie von gelungenen Aktionen berichteten: Elterncafés mit geflüchteten Familien, Begegnungen bei Festen, Spiel- und Sportangeboten. Nur ein Viertel der Teams verzichtete auf eine Antwort oder gab an: „Noch keine Idee“.

Im Bündnis sind wir der Meinung, dass das Thema „Flucht“ in absehbarer Zeit auf jede Kita zukommen wird. Deshalb sollten Prozesse der Auseinandersetzung und Ideensuche zum Beispiel von den Trägern initiiert, begleitet und moderiert werden. Am besten nicht eventorientiert, sondern so niedrigschwellig und alltäglich wie möglich.

Schätzten sich die Teams als offen für Inklusions-Prozesse ein?

Hannah Rosenfeld: Ja, denn 85 Prozent der Befragten beantworteten die Frage 13 mit „ja“ oder „eher ja“. Die Grundannahme „Alle gehören dazu“ scheint weit verbreitet zu sein.

Und wie sah es bei der Frage nach „Spielräumen“ in Sammelunterkünften aus?

Hannah Rosenfeld: 38 Prozent der Kita-Teams können sich vorstellen, dass ihre Träger dafür offen wären, solche Räume in Sammelunterkünften zu betreiben. Das war übrigens eine der ersten Ideen unseres Bündnisses, denn: Zwar leben die Familien bei ihrem Start in Deutschland in den Unterkünften, ziehen aber über kurz oder lang wieder aus, und ihre Kinder verlassen die in der Nähe gelegenen Kitas. Es wäre also sinnvoll, zweigleisig zu fahren und in den Unterkünften kindgerechte, den Standards entsprechende Räume zu schaffen, die von Trägern der Kinder- und Jugendhilfe betrieben werden – am besten in Kooperation mit einer Kita.

Fühlen sich die Teams über Kinderrechte informiert?

Hannah Rosenfeld: Die meisten, nämlich 87 Prozent, fühlen sich gut informiert. 11 Prozent beantworteten die Frage 15 nicht oder mit „eher nein“. Dieser Trend widerspiegelt sich auch in den Antworten auf Frage 16, denn 79 Prozent der Teams erklärten, dass es ihnen gelingt, den Bedürfnissen der Kinder mit geringen deutschen Sprachkenntnisse gut oder halbwegs gerecht zu werden. Es zeigte sich, dass die meisten Teams bereits Handwerkszeug besitzen, um mit diesen Kindern zu kommunizieren.

Wie beantworteten die Teams die Frage nach unterstützender Fortbildung?

Dorothee Jacobs: Insgesamt gaben mehr als drei Viertel der Kita-Teams in den Antworten auf Frage 18 an, Unterstützung bei der Arbeit mit geflüchteten Familien zu brauchen. Sie wünschen sich Fortbildungen zu diesem Thema. Konkret ging es ihnen um die kulturellen und religiösen Hintergründe, aber auch um die Lebensumstände der Familien, um Fluchtursachen und rechtliche Grundlagen der Asylverfahren. Auch das Thema „Trauma“ wurde oft genannt.

Um sich für die Familien öffnen zu können, wünschen die Teams sich mehr Zeit, mehr Personal und Supervision. Zudem machen Sprachbarrieren im Kontakt mit den Eltern Sorgen. Ein Viertel der Befragten äußerte Bedarf in diesem Zusammenhang.

Insgesamt zeigte sich, dass es den Beteiligten an Kommunikation und Information fehlt, dass ein besserer Personalschlüssel ebenso nötig ist wie der Einsatz von Sprachmittlern. Unser Bündnis wird sich darum bemühen, all dies an die zuständigen Stellen heranzutragen.

 

Die Fragen

1. Reden Sie in der Kita, im Team und mit den Eltern über Geflüchtete?
2. Ist Ihr Träger aus Ihrer Sicht grundsätzlich offen für die Thematik geflüchteter Familien?
3. Falls es im Umfeld der Kita eine Sammelunterkunft für Geflüchtete gibt – sind die Anwohnerinnen und Anwohner unterstützend engagiert?
4. Falls es im Umfeld der Kita eine Sammelunterkunft für Geflüchtete gibt – sind die Anwohnerinnen und Anwohner abwehrend engagiert?
5. Falls im Umfeld der Kita eine Sammelunterkunft für Geflüchtete geplant ist – sind die Anwohnerinnen und Anwohner unterstützend engagiert?
6. Falls im Umfeld der Kita eine Sammelunterkunft für Geflüchtete geplant ist – sind die Anwohnerinnen und Anwohner abwehrend engagiert?
7. Hat Ihre Kita schon Kontakt mit Kitas oder Familienzentren, die bereits Kinder mit Fluchterfahrung betreuen?
8. Engagiert sich das Team Ihrer Kita bereits und hat Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern aus geflüchteten Familien?
9. Wenn nicht – hat sich das Team der Kita schon darüber verständigt, wie es sich engagieren könnte?
10. Sind die konkreten Lebensumstände von Geflüchteten in der Kita bekannt?
11. Hatten Kolleginnen und Kollegen aus Ihrem Team oder Eltern schon einmal Kontakt zu einer Sammelunterkunft?
12. Welche Möglichkeiten sehen Sie, Kontakte zwischen Familien mit Fluchterfahrung und anderen Familien der Kita zu stiften?
13. Würden Sie Ihr Team als offen gegenüber dem Prozess der Inklusion bezeichnen, zum Beispiel: offen zu sein für alle, die in die Kita kommen möchten?
14. Können Sie sich vorstellen, dass Ihr Träger bereit und in der Lage wäre, einen „Spielraum“ in einer Sammelunterkunft eigenverantwortlich zu betreiben – in Patenschaft mit einer Kita?
15. Fühlen Sie sich gut über die Kinderrechte informiert?
16. Gelingt es Ihrem Team, die Bedürfnisse und Lebensthemen von Kindern mit wenig oder keinen (deutschen) Sprachkenntnissen wahrzunehmen?
17. Sind Sie der Auffassung, das Team braucht eine unterstützende Fortbildung, bevor es mit geflüchteten Familien zusammenarbeiten kann?
18. Zu welchen Fragen und Inhalten würden Sie bei einer solchen Fortbildung arbeiten und etwas hören wollen?

Ein großer Teil der Fragen konnte mit „ja“, „eher ja“, „eher nein“, „nein“, „weiß nicht“ und „keine Angaben“ beantwortet werden. Einige Fragen erforderten kurze Ausführungen.

 

 

Erika Berthold

Erika Berthold ist freie Journalistin und Redakteurin bei wamiki.

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