Pädagogik aufräumen

Pädagogik lebt von Ritualen, heißt es. Erzieher, Lehrer und *innen machen alles Mögliche, weil es nun mal derzeit üblich oder sogar vorgeschrieben ist. Egal, ob es Sinn hat oder nicht. Sinnvoll ist es aber auf jeden Fall, ab und zu auszumisten. Deswegen stellt diese Rubrik pädagogische Gewohnheiten aufs Tapet und fragt ganz ergebnisoffen: Ist das pädagogische Kunst, oder kann das weg?

Tausend Fotos im Portfolio

Ja, auch ich glaubte einst, dass Kinder es lieben, neu erworbene Kompetenzen vorzuführen und fotografieren zu lassen. Aber das war vor der Erfindung des Smartphones.

Heute werden Kinder überall und bei jedem Pups geknipst. Und all diese Bilder werden geteilt und geliked. Manche Kinder nervt das, andere reagieren auf Kameras mit immer professionellerem Affenscheiße-­Lächeln.

Es ist erstaunlich, dass jeder von uns heutzutage über seine Bildrechte entscheiden darf, aber das Knipsen von spielenden Kindern erlaubt ist und dazugehört. Die Portfolios, in denen solche Fotos gesammelt werden, sind längst zu überdekorierten Alben verkommen, in denen jedes aufgedruckte Herzchen den Eltern sagen soll: Wisst ihr eigentlich, wie lieb wir euer Kind haben?

Wäre vielleicht besser: Fotofreie Zeiten im Kindergarten einführen. Kinder sind Subjekte – und keine putzigen Objekte vorm Objektiv. Portfolios für Kinder und mit Kindern führen. Und Eltern nur reinschauen lassen, wenn die Kinder es aus­drücklich erlauben.

Foto: Nathan Dumlao, unsplash

Pädagogik aufräumen

Jalousie

Pädagogik lebt von Ritualen, heißt es. Erzieher, Lehrer und *innen machen alles Mögliche, weil es nun mal derzeit üblich oder sogar vorgeschrieben ist. Egal, ob es Sinn hat oder nicht. Sinnvoll ist es aber auf jeden Fall, ab und zu auszumisten. Deswegen stellt diese Rubrik pädagogische Gewohnheiten aufs Tapet und fragt ganz ergebnisoffen: Ist das pädagogische Kunst, oder kann das weg?

Anonyme Evaluationsbögen

Wer sich gern durch RUMSCHREIEN Luft macht, findet im Kindergarten eine brauchbare Alternative zum Internet-Forum oder der Kommentar-Spalte unterm Youtube-­Video: Bei der jährlichen, „selbstverständlich anonym ausgewerteten“ Elternbefragung kann man mal richtig die Sau rauslassen.

Pädagog*innen profitieren eher nicht vom Wissen, dass Eltern – vielleicht dieser Vater von Merle oder die super-freundliche Mutter von Jim – den „Scheiß-Kindergarten kein zweites Mal auswählen würden“. Auch viele traurige Smileys auf der Einschätzskala helfen nicht, die Frage zu beantworten, was besser zu machen wäre, verunsichern aber zuverlässig.

Wäre vielleicht besser: Genaue Adressierung, um über Kritik sprechen zu können. Und ein offenes Gespräch auf dem Sonder-Elternabend zum Thema: Was können wir verbessern?

Oder was meinst du?

Foto: Mr. Nico / photocase.de

Pädagogik aufräumen

Pädagogik lebt von Ritualen, heißt es. Erzieher, Lehrer und *innen machen alles Mögliche, weil es nun mal derzeit üblich oder sogar vorgeschrieben ist. Egal, ob es Sinn hat oder nicht. Sinnvoll ist es aber auf jeden Fall, ab und zu auszumisten. Deswegen stellt diese Rubrik pädagogische Gewohnheiten aufs Tapet und fragt ganz ergebnisoffen: Ist das pädagogische Kunst, oder kann das weg?

Bilder von Gebäuden an der Bauraumwand

An die Wand vom Bauraum gehört ein Bild vom Eiffelturm. Das sieht man in jedem Fachbuch und in jeder Kita in und um Deutschland. Was man deutlich seltener sieht: Kinder, die auf das nie ausgetauschte Bild starren und sich zum Bau von Türmen inspirieren lassen. Warum hängen solche Bilder da? Vermutlich, weil irgendeine Ur-Pädagogin dachte: Keine Ahnung, wie man diese Jungs anspricht, motiviert und inspiriert – ich bin ja ’ne Frau. Vielleicht hilft ein Foto?

Lass Dir, liebe Leserschaft, vom Ex-Jungen sagen: Jungs reagieren auf monatelang ausgehängte Eiffelturm-Fotos genau wie Mädchen: Mal kurz draufgeschaut, dann ignoriert.

Besser wäre: Bilder abhängen. Im Rollenspielraum gibt es auch keine Fotos von Prinzessinnen oder Müllmännern. Und niemand möchte Food-porn-Fotos in der Cafeteria sehen.

Wäre vielleicht besser: Die Wand für Regale oder Kinder-Bauwerk-Fotos aus der Kita zu nutzen und selbst für Inspiration zu sorgen: durch Mitbauen.

Foto: kallejipp, photocase

Das Tablet

DER JUNGE geht seit einem Jahr in den Kindergarten. Weil er da ist, konnte der Kindergarten eine zusätzliche Kraft einstellen.

Der Junge spricht nicht mit dem Mund. Er kommuniziert über ein Tablet. Auf das Tablet ist eine besondere App geladen.

Dreimal hat die Mutter die Erzieherinnen in die Benutzung eingewiesen. Auch eine Beraterin für Unterstützte Kommunikation war schon da. Trotzdem wird das Tablet kaum benutzt. Wenn die Mutter nachfragt, warum nicht, hört sie:

„Heute waren wir nur zu zweit.“

„Das Tablet geht ja immer wieder aus…“
oder

„Wir haben heute nur draußen gespielt, da stört es.“

Vor den Ferien gab es wieder einmal ein ausführliches Gespräch darüber, wie wichtig das Tablet für den Jungen ist. Denn nur so kann er sich ausdrücken.

Nun sind die Ferien vorbei und die Mutter ist gut erholt und guter Dinge. Sie bringt ihren Sohn in die Gruppe und legt das Tablet auf den Erzieherinnen-Tisch. Eine Erzieherin, die zusätzliche Kraft, schaut mit großen Augen erst auf das Tablet, dann auf die Mutter und sagt:

„Also, ob wir das mit dem Tablet diese Woche schaffen, kann ich nicht garantieren. Wir gewöhnen jetzt doch die neuen Kinder ein!“

Team

Zwischen Inklusion und Nixklusion

Team

DAS MÄDCHEN wird eingeschult. Es hat, wie drei andere Kinder auch, andere Lernziele als die Grundschüler. Es gibt in diesem Jahr zwei erste Klassen an der Schule. In welche Klasse sollen die vier Kinder kommen? Das war eine leichte Entscheidung für die Schulleitung:

Die eine Lehrerin, für die Klassenleitung vorgesehen, war sich ganz sicher: Gemeinsam unterrichten kann nicht gutgehen! Außerdem sei ihr der Leistungsaspekt auch in der ersten Klasse sehr wichtig, betonte sie. Die andere Lehrerin freute sich auf das Arbeiten im Team mit der Sonderpädagogin.

Und so wird es dann auch umgesetzt: Zu zweit planen und organisieren sie jetzt schon im zweiten Jahr den Unterricht für alle Schüler gemeinsam. Oft sehen die Kollegen, wie sie im Lehrerzimmer zusammensitzen und sich absprechen. Immer haben sie viele unterschiedliche Unterrichtsmaterialien um sich herum liegen. Die Schulleitung ruft die Inklusion immer wieder bei Konferenzen als Tagesordnungspunkt auf. Und dann erzählen die beiden Lehrerinnen: Wie gut die Zusammenarbeit klappt, wie sehr sie es genießen, so oft zu zweit zu sein, dass alle Kinder profitieren. Und dass die Leistungen der Klasse kein bisschen schlechter sind als die der Parallelklasse.

Heute nun geht es wieder um eine erste Klasse, die Klassenleitung und wieder um Kinder, die inklusiv lernen werden. Da meldet sich die andere Lehrerin in der Konferenz und sagt: „Also, ich könnte mir wirklich gut vorstellen, das zu machen!“

Das neue Fahrrad

DER JUNGE hat ein neues Fahrrad.

Knallrot ist es. Mit drei Rädern: einem vorne und zwei Rädern hinten.

Der Junge muss sich so nicht mehr um die Balance kümmern, sondern kann sich ganz auf die Verkehrsregeln konzentrieren.

Stolz fährt er damit durch die Stadt. Vorbei an zwei kleineren Jungs. „Der ist behindert“, flüstert der eine dem anderen zu, „der kann gar nicht richtig Fahrrad fahren.“ –

Die Mutter schluckt.

Heute fährt der Junge mit dem Fahrrad zum Sport. Einer seiner Klassenkameraden ist auch in der Gruppe. „Coool“, ruft der schon von weitem, als sich der Junge nähert.

Als das Fahrrad neben ihm zum Stehen kommt, sagt er noch einmal: „Wie cool ist das denn?“ Und dann lässt er sich vom Jungen alles ganz genau zeigen: Die Gangschaltung, die große Tasche hinten und den Lenker, der unten befestigt ist.

Die Mutter beobachtet die beiden aus der Ferne. Und nun freut sie sich doch darauf, dass der Junge morgen zum ersten Mal mit dem Fahrrad zur Schule fahren wird.

Mehr auf ihrem Blog:
kirstenmalzwei.blogspot.de

Tanzen

 

DER JUNGE tanzt. Hip Hop. Eine nette Gruppe, eine nette Trainerin.

Aber seit den Ferien tanzt er nicht mehr mit. Er steht nur am Rand und schaut zu. Die Trainerin ist besorgt. Was ist denn los? Der Junge zuckt nur mit den Achseln.

Die Mutter sagt: „Lassen Sie ihm Zeit! Das wird schon wieder…“ Auch in der Schule, bei der Musik und schon früher im Kindergarten gab es diese Phasen.

„Der ist ganz klar überfordert“, sagten damals die einen. „Der müsste in eine Gruppe für Kinder mit speziellen Bedürfnissen“, sagten andere. „Die Schere zu den normalen Kindern geht eben immer mehr auf“, sagten die nächsten.

Und die Mutter sagte das, was sie auch jetzt sagt: „Haben Sie bitte Geduld!“

Nun steht eine Tanzaufführung bevor. Nur noch zweimal Tanztraining…

„Unglaublich!“, sagt die Trainerin, als die Mutter den Jungen abholt, „heute hat er sich sofort zu den anderen gestellt und alles mitgemacht! Und er konnte alles!“

Dann lacht sie: „Na ja, lange genug angeschaut hatte er sich die Tanzschritte ja auch.“

Die Mutter lächelt.

Und dann sieht sie es bei der Aufführung selbst: Wie der Junge alles fröhlich mittanzt. Nur manchmal sind seine Arme nicht da, wo sie hingehören.

Immer dann, wenn er der Mutter zuwinkt.

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Ruhe

DAS MÄDCHEN arbeitet an drei Nachmittagen im Altenheim.

„Arbeit kann man das ja nicht gerade nennen“, hatte die Dame vom Arbeitsamt gemurmelt. Die Mutter kennt natürlich die Einschränkungen ihrer Tochter. Trotzdem hat sie ihr dies ermöglicht.

Das Mädchen sitzt in seinem Rollstuhl im Aufenthaltsraum zwischen vielen alten Damen. Einige drücken ihm immer mal wieder die Hand. Eine Dame zeigt dem Mädchen ein Fotoalbum aus ihrer Jugend. Das tut sie jede Woche. Wer das Mädchen gut kennt, sieht, dass es auf manche Fotos besonders reagiert. Gerne bauen die Damen kleine Türme oder Figuren aus Holzklötzen. Das Mädchen hilft dabei ein bisschen, so gut es geht. Viel besser kann es allerdings die Türme zum Einsturz bringen. Das ist dann immer ein großes Hallo.

Auch beim Singkreis ist das Mädchen mit dabei. Selbst singen kann es nicht. Dafür singen die Damen rechts und links besonders laut und deutlich.

Letzte Woche war das Mädchen allerdings krank. Erst heute kann es wieder ins Altenheim kommen. Die Leiterin empfängt das Mädchen und seine Mutter schon im Eingang: „Gott sei Dank sind Sie wieder da“, sagt sie, „Sie glauben nicht, was in der Woche hier los war. Alle haben gefragt, wann Sie denn endlich kommen. Und eine Unruhe war das – nicht auszuhalten!“

 

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Die Leiter

Zwischen Inklusion und Nixklusion

Erlebnistag der Klasse im Wald. Gemeinsam mit einem Trainer geht es um Teambildung. Die Kinder sollen eine freistehende Leiter besteigen.

Die Leiter wird von den Kindern selbst gut gesichert, ist aber ziemlich wackelig.

DAS MÄDCHEN mag steile Treppen, Leitern und ähnliches überhaupt nicht.Trotzdem geht es nach vorne.

„Super“, freut sich der Trainer.

„Du schaffst das!“, ruft die Klassenlehrerin. Die Mitschüler feuern das Mädchen an. Es steigt die Leitersprossen hoch.

„Du entscheidest, wie weit“, sagt der Trainer.

„So weit“, sagt das Mädchen, lässt sogar mit einer Hand los und winkt den anderen zu. Die klatschen noch lauter.

Als das Mädchen wieder unten ist, wird es von allen fröhlich abgeklatscht.

Die Lehrerin nimmt es in den Arm.

Als Erinnerung hat sogar jemand ein Foto gemacht: Wie das Mädchen da steht,

ganz stolz, auf der dritten Leitersprosse.

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Mehr Geschichten gibt es auf dem Blog:
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Reden

Zwischen #Inklusion und #Nixklusion

Förderplangespräch an der Schule DES MÄDCHENS.

Die Mutter geht nicht gerne zu diesen Gesprächen. Denn da wird immer sehr ausführlich besprochen, was ihre Tochter nicht kann und was nicht gut läuft. Manchmal kamen ihr bei diesen Gesprächen deshalb die Tränen.

Ihre Tochter war noch nie bei diesen Gesprächen dabei. Diesmal haben die Lehrerinnen sie aber mit eingeladen. Schließlich sei sie langsam alt genug dafür.

Das Mädchen sitzt also mit am Tisch und malt. Immer mal wieder beziehen die Lehrerinnen es mit ein. Hauptsächlich aber sprechen sie mit der Mutter.

Irgendwann schaut das Mädchen von seiner Zeichnung auf, wartet, bis keiner mehr spricht, und sagt zu den Lehrerinnen: „Nicht so viel reden über das Mädchen. Mama weint sonst!“

Nun kommen der Mutter schon wieder die Tränen. Aber nicht wegen der Förderplanung, sondern weil sie so gerührt ist und denkt: „Nun ist sie als geistig behindert eingestuft – und hat doch so viel vom Leben verstanden!“

DER JUNGE lernt rechnen.

In der Grundschule wurde zuerst mit roten und blauen Holzplättchen addiert.

Der Junge mochte aber keine Farben und hatte immer alles in grau in sein Heft gemalt. Verstanden hatte er es auf diese Art nicht wirklich. Später rechnete er dann mit dem Abakus. Das ging ganz gut. Bis zehn konnte er auch ziemlich sicher mit den Fingern rechnen.

Die Mutter hatte den Lehrern einmal das „Yes-we-can“-Material vorgeschlagen. „Das haben wir uns schon angeschaut“, sagten diese, „aber das fanden wir nicht so toll.“

Jetzt, an der weiterführenden Schule hat er eine Lehrerin aus einem anderen Bundesland. An ihrer alten Schule wurde ganz spezielles Rechenmaterial entwickelt. Das möchte sie jetzt auch mit dem Jungen machen. Der Abakus verschwindet im Schrank. Doch nach einem Schuljahr lässt sie sich an eine andere Schule versetzen.

Die nächste Mathelehrerin ist ein großer Fan von Montessori-Material. Sie schafft erst einmal Rechenperlen an. Doch mit denen spielt der Junge lieber als er rechnet.

Gut, dass bald schon wieder ein neuer Sonderpädagoge kommt. Bei ihm wird grundsätzlich mit dem Zahlenstrahl gerechnet. Fingerrechnen ist verpönt. Der Junge bekommt nur dann ein Lob, wenn er ohne Finger gerechnet hat. Leider versteht der Junge nicht, dass er bei „Minus“ auf dem Strahl in die andere Richtung rücken muss. Mit den Fingern hatte das immer gut geklappt. Doch als die Mutter es mit ihm zu Hause so machen will, schüttelt er den Kopf: „Keine Finger!“, sagt er streng.

Die Mutter gibt schließlich auf, setzt sich aufs Sofa und blättert in einer Fachzeitschrift. Dort fällt ihr Blick auf einen Artikel, in dem ein Experte zitiert wird. Er sagt: „Die meisten Kinder mit Down-Syndrom sind in Mathematik eben doch sehr sehr schwach“.