DER JUNGE lernt rechnen.

In der Grundschule wurde zuerst mit roten und blauen Holzplättchen addiert.

Der Junge mochte aber keine Farben und hatte immer alles in grau in sein Heft gemalt. Verstanden hatte er es auf diese Art nicht wirklich. Später rechnete er dann mit dem Abakus. Das ging ganz gut. Bis zehn konnte er auch ziemlich sicher mit den Fingern rechnen.

Die Mutter hatte den Lehrern einmal das „Yes-we-can“-Material vorgeschlagen. „Das haben wir uns schon angeschaut“, sagten diese, „aber das fanden wir nicht so toll.“

Jetzt, an der weiterführenden Schule hat er eine Lehrerin aus einem anderen Bundesland. An ihrer alten Schule wurde ganz spezielles Rechenmaterial entwickelt. Das möchte sie jetzt auch mit dem Jungen machen. Der Abakus verschwindet im Schrank. Doch nach einem Schuljahr lässt sie sich an eine andere Schule versetzen.

Die nächste Mathelehrerin ist ein großer Fan von Montessori-Material. Sie schafft erst einmal Rechenperlen an. Doch mit denen spielt der Junge lieber als er rechnet.

Gut, dass bald schon wieder ein neuer Sonderpädagoge kommt. Bei ihm wird grundsätzlich mit dem Zahlenstrahl gerechnet. Fingerrechnen ist verpönt. Der Junge bekommt nur dann ein Lob, wenn er ohne Finger gerechnet hat. Leider versteht der Junge nicht, dass er bei „Minus“ auf dem Strahl in die andere Richtung rücken muss. Mit den Fingern hatte das immer gut geklappt. Doch als die Mutter es mit ihm zu Hause so machen will, schüttelt er den Kopf: „Keine Finger!“, sagt er streng.

Die Mutter gibt schließlich auf, setzt sich aufs Sofa und blättert in einer Fachzeitschrift. Dort fällt ihr Blick auf einen Artikel, in dem ein Experte zitiert wird. Er sagt: „Die meisten Kinder mit Down-Syndrom sind in Mathematik eben doch sehr sehr schwach“.

 

Sprünge von Kirstenmalzwei

DER JUNGE ist mit seiner großen Schwester im Schwimmbad. Er kann sehr gut schwimmen, tauchen und springen. Deshalb sitzt seine Schwester entspannt am Rand des Beckens.

Der Junge springt abwechselnd mit einem Mädchen vom Startblock.

Köpfer und möglichst viel spritzen – sie feuern sich gegenseitig an.

Dann öffnet das Drei-Meter-Brett. Der Junge stellt sich sofort an.

Das Mädchen traut sich nicht recht und geht zurück zu seiner Mutter, die in der Nähe sitzt.

„Kennst du den behinderten Jungen eigentlich?“, fragt die Mutter.

Die Tochter schaut sie mit großen Augen an: „Da war kein behinderter Junge!“ „Doch“, sagt die Mutter, „der mit dem besonderen Gesicht, der so komisch gesprochen hat.“

Das Mädchen guckt immer ratloser.

Die Mutter ist jetzt leicht genervt: „Nun bist du die ganze Zeit mit dem behinderten Jungen ins Wasser gesprungen! Nun sag mir doch einfach, ob du den schon vorher kanntest!“

„Ach, den meinst du“, antwortet das Mädchen, „dann sag doch gleich: Der Junge, der jetzt vom Dreier springt!“

Männer eben!

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum!

Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf.

Während einer Fortbildung zum Thema „Kommunikation und Sprache“ ging es darum, sich so oft wie möglich mit den Kindern auszutauschen. Da sagte eine Erzieherin, sie könne ja nicht mal mit ihrem Mann so viel reden. Immer, wenn sie ihm erzählen wolle, was am Tag passiert war, sagt er: „Wat laberst du denn, dit war doch schon jewesen…“

Im Dunkel der Nacht

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum! Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf.

Auf einer Einwohnerversammlung in Rüdersdorf wurde darüber informiert, dass demnächst 80 Flüchtlinge ankommen, davon 40 Kinder. Besorgt sagte eine Dorfbewohnerin: „Wenn die Laternen um 23.00 Uhr ausgehen, sieht man die Flüchtlinge gar nicht mehr.“ Warum? „Na, weil sie so dunkel sind.“

Da sagte der Landrat: „Denken Sie, dass Flüchtlingsfamilien mit ihrem Kindern nachts um den Dorfplatz spazieren? Die Kinder sind um die Zeit im Bett – wie Ihre und meine. Und ehrlich gesagt: So schön ist es kurz vor Mitternacht in Rüdersdorf auch nicht.“

Foto: REHvolution.de ,  photocase.de

Das eigensinnige Kind

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum!

Fündig wurde Erika Berthold diesmal im Märchenschatz der Gebrüder Grimm, die zwar als Horrorspezialisten bekannt sind. Aber so was? Hu!

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da musste die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.

 

Teaserfoto: flo-flash, photocase

Marsianer mit Ranzen

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum! Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf.

Eine junge Syrerin hatte während ihres Studiums in Damaskus ein Praktikum in einer Kita absolviert. In Damaskus, wohlgemerkt. Vor zwei Jahren war sie geflüchtet, begleitet nun eine Fortbildnerin hin und wieder bei deren Aktivitäten im brandenburgischen Arbeitskreis „Mehrsprachigkeit“ und berichtet den Teilnehmerinnen, dass es in Syrien ein Schulsystem und Vorschul-Kitas gab. Dafür waren ihr die hiesigen Erzieherinnen dankbar, denn sie können sich jetzt erklären, was sie erleben: Etliche syrische Eltern aus den Flüchtlings­unterkünften bringen ihre Kinder mit gepackten Ranzen in die Kitas, weil sie davon ausgehen, dass die Kinder in der Kita schreiben und lesen lernen. Bekommen die Eltern mit, dass das nicht so ist, beschweren sie sich.

Was steckt dahinter? Nicht allein ein Kommunikationsproblem der Beteiligten, sondern vor allem die Vorstellung: Geflüchtete sehen zwar aus wie Menschen, kommen aber vom Mars.

Foto: photocase, marshi

 

 

 

Schreibschrift

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum!Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von KIRSTENMALZWEI (siehe hier).

Alle Kinder üben Schreibschrift.

Nur das Mädchen nicht.

„Das lernst Du nie!“, davon ist die Lehrerin überzeugt. Sie schickt das Mädchen mit der Schulbegleitung raus, um zu puzzeln. Die Mutter aber möchte, dass das Mädchen alles lernen darf. Zumindest versuchen.

Also setzt sie sich zu Hause mit dem Mädchen hin und schreibt. Tag für Tag.

Das Mädchen zeichnet ohnehin gerne und gut. Jetzt bekommt es so langsam auch Spaß am Schreiben.

Es schreibt immer besser und immer mehr. Seine Werke bringt es stolz mit in die Schule. Dort schreiben wieder einmal alle Kinder. Nur das Mädchen nicht.

„Das kannst Du doch schon so gut“, sagt die Lehrerin, „das brauchst Du ja jetzt nicht mehr zu üben.“ Und dann schickt sie das Mädchen wieder raus. Zum Puzzeln.

Ordnungswahn

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum!Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf. Weiter lesen

Hurra, ich bin ein Schulkind!

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum! Es erinnert doch manchmal schon an Schwarze Pädagogik! Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf.

Ein Junge wird in eine Brandenburger Grundschule eingeschult. Am dritten Schultag findet er einen Stift nicht, traut sich nicht, die Lehrerin zu fragen, und läuft zu seiner Mutter, die zum Abholen gekommen ist.

Mutter und Kind gehen über den Schulhof. Es ist gerade Pause, viele Kinder tummeln sich auf dem Hof. Da entdeckt die Lehrerin die beiden und ruft: „Moritz, du bist doch ein Schulkind! Mit der Mama an der Hand – das geht ja gar nicht!“

Das Schulgesetz und Toms Zähne

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum! Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf.

Der achtjährige Tom hat ziemlich schlechte Zähne und schämt sich deswegen, obwohl er in Behandlung ist. Als die Jugendzahnärztin sich in der Grundschule angesagt hatte, schrieb Toms Mutter einen Brief: „Tom muss an der Untersuchung nicht teilnehmen. Wir gehen mit ihm regelmäßig zum Zahnarzt.“ Sie wollte dem Sohn die Peinlichkeit ersparen.
In der Schule ließen sich alle Kinder in den Mund gucken. Die Jugendzahnärztin lobte oder tadelte. Als Tom an der Reihe war und den Brief der Mutter vorzeigte, sagte die Ärztin zu ihm: „Du verletzt das Schulgesetz, wenn du hier nicht mitmachst! Wenn ich den Kindern nachher zeige, wie man diese Glasur auf die Zähne macht, brauchst du dich gar nicht erst anzustellen.“
Tom zuckte zwar zusammen, war aber froh, dass der Kelch an ihm vorübergegangen war.