Halbe Helden

Seit dem Umzug ist Paul unglücklich. Sein Dauerschnupfen macht ihn zum rotnasigen Schniefer, und der großkotzige Max hat ihn auf dem Kieker. Da braucht es schon eine Fee, die ihm ein Wunder verspricht, ein blaues, und einen Gefährten. Zwar ist die Fee winzig, alt und schrumpelig, aber lautstark und überzeugend. Also macht sich Max mit einem jammernden, dicklichen Mini-Elefanten auf den Weg und muss Abenteuer bestehen, bei denen beide merken, dass mehr Mut, Stärke und Klugheit in ihnen steckt als angenommen. Schließlich hilft ihnen die Fee, die letzte Hürde zu überwinden und in den Besitz des blauen Wunders zu kommen. Doch da sind sie schon längst Freunde geworden.

Sprachverspielt lässt Andrea Schomburg ihre Fee fluchen, toben, gurren und erzählt eine witzige, poetische Geschichte über zwei halbe Helden, die auf ihrer Reise zum blauen Wunder ganze Kerle werden.

Die tapfere Siri

Frida Nilsson erzählt von Kindern, die keine Zweifel haben, was gut und richtig ist. Selbst wenn die ganze Welt gegen sie wäre – sie würden widerstehen. Die zehnjährige Siri ist so ein Kind. Als ihre kleine Schwester Mikis von Piraten geraubt wird, die Kinder stehlen, um sie in einem Bergwerk nach Diamanten graben zu lassen, zieht Siri los, um Mikis zu retten. Ihre unerschrockene Geradlinigkeit, Menschlichkeit und Stärke helfen ihr, zu überleben, und sie freundet sich mit Fredrik an, der auf dem ersten Schiff, auf dem sie anheuert, als Smutje arbeitet. Unterwegs rettet sie das Kind einer Meerjungfrau, lernt einen Jungen kennen, der ein Walhuhn aufzieht, um es Fische fangen zu lassen, und befreit mit der Tochter des Piratenkapitäns nicht nur Mikis, sondern auch die anderen Grubenkinder.

Die Kinder in Nilssons Büchern – darunter „Ich, Gorilla und der Affenstern“ oder „Frohe Weihnachten, Zwiebelchen“ – trotzen selbst den größten Gefahren, obwohl sie manchmal Angst haben und der Mut sie verlässt. Aber die Liebe zu ihren Angehörigen und der Wunsch, gute Menschen zu sein, sind stärker. Ein Kinderbuch, das wie alle guten Abenteuerbücher ermutigt, tapfer zu sein.

Die Wut des kleinen Tigers

Der kleine Tiger wird schnell wütend. Als die Mama ihn ermahnt, nicht so wild zu sein, sucht er nach einem Platz, an dem er seine Zornteufel verstecken kann – also nach einer Möglichkeit, mit seiner Wut umzugehen. Er holt noch einmal tief Luft, um sie herauszubrüllen, und versteckt sie dann unter seiner Mütze. Nun weiß er, wo die Wutteufel sind, und glaubt, sie im Griff zu haben.

Die in kräftig bunten Farben und einfachen Formen präsentierte Bildgeschichte ist schon für Kinder ab drei Jahren nachvollziehbar. Das Schreien und Toben des kleinen Tigers können sie nachspielen und dabei lautstark Dampf ablassen. Das tut gut!

Wir mit dir sind vier

Bilderbuch

Nachdem wir in „Ich groß, Du klein“ von Lilli L’Arronge dem kleinen und dem großen Wiesel durch ihren abwechslungsreichen Alltag gefolgt sind, ist die Wiesel­familie gewachsen und hat sich verdoppelt: „Wir mit dir sind vier.“

Treffsichere Cartoons erzählen von der Hochzeit, noch zu dritt, vom immer dicker werdenden Bauch der Braut, vom Freudentaumel nach der Geburt des Jüngsten. Wir folgen der Familie in den neuen, aufregenden Alltag, in dem einzelne Worte die Abenteuer der Wiesel lakonisch kommentieren, zum Beispiel im Schwimmbad: „schwimmt“ (der Papa), „dümpelt“ (Mama, die das Baby hält), „plantscht“ (das Baby) und „taucht“ (der Kleine, den wir aus dem Vorgänger-Buch kennen). Oder beim Ausflug im Regen: der Große „in Hektik“, der Kleine „in Träumen“, die Große „in Eile“ und das Kleinste „in Pfütze“.

Ein wunderbarer Alltagsspaß für junge Familien. Und wunderbar, wie die Künstlerin immer wieder alles auf den Punkt bring: Unter dem Titel sehen wir ein großes Bierglas, eine kleinere Teetasse, ein noch kleineres Glas mit Strohhalm und eine winzige Nuckeltasse.

Zuhause

Bilderbuch

Das Titelbild lässt vermuten, es handle sich um ein Sachbuch über verschiedene menschliche Wohnformen. Auf den zweiten Blick sieht man, dass auch Heime von Tieren dabei sind: ein Schneckenhaus, ein Bienenkorb, ein Vogelnest und ein Spinnennetz. Je länger man in dem großformatigen Bilderbuch blättert, desto mehr fantastische und märchenhafte Elemente entdeckt man: bis in kleinste Details liebevoll erfundene Unterwasser-Meeresburgen, Paläste und Schatzhöhlen aus 1001er Nacht. All das regt an, nachzudenken: Was kann alles ein Zuhause sein? Zum Schluss stellt die Künstlerin Carson Ellis sich selbst und ihr Haus vor. „Wo wohnst du?“ fragt sie den Betrachter.

Die farbstarken, mit kräftigem Strich flächig gemalten in den Details verspielt wirkenden Bilder belegen: Carson Ellis ist eine Entdeckung auf dem Bilderbuchmarkt, die genaues Hinschauen verdient und Kindern ab 4 Jahren überall Spaß machen wird – zu Hause und in der Fremde.

wamiki-Tipp: Ellis, C.: Zuhause. Aus dem Englischen von Thomas Bodmer. NordSüd Verlag 2016, 36 Seiten, 15,99 Euro, ab 4 Jahren

Ayda, Bär und Hase

Kinderbuch zum Vorlesen

Ayda lebt im Eigelstein, einem Kölner Stadtteil, in dem viele Menschen aus der Türkei, aus Griechenland und dem Iran wohnen, aus dem auch Aydas Eltern kommen. Die Kölner, hat Ayda gelernt, sind irgendwie anders als der Rest von Deutschland. Ayda findet, ihr Bâbâ sei wegen des FC Köln in diese Stadt gezogen, obwohl der Verein immer verliert. Bâbâ hat Mâmân beim Studium kennengelernt. Traurig ist Ayda, dass all ihre Cousins und Cousinen im Iran oder in Amerika wohnen und sie immer allein ist, weil sie keine Geschwister hat. Sie geht noch in den Kindergarten, ist fünf Jahre alt und ziemlich clever. Aber sie ist sehr klein. Deshalb soll sie immer mit den Kleinen spielen. Eines Tages trifft sie zwei Freunde, von denen der jüngere sehr groß ist und der ältere noch kleiner als Ayda: Bär und Hase. Die drei merken bald, das größer oder kleiner und älter oder jünger wenig darüber aussagen, ob man sich anfreunden und viel miteinander machen kann.

Humorvoll, frech und mit großer Liebe für kleine Kinder erzählt der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani die Geschichte von Ayda und ihren Freunden, die von überall her stammen, sogar aus dem Tierreich, aber eine gemeinsame Heimat in Köln gefunden haben. Als Kinderbuchautor ist Kermani es wert, endlich entdeckt zu werden.

Mondkaninchen

Bilderbuch

Die Kinder spielen in ihrem Garten, als das Unheil über sie hereinbricht: Der Bruder darf nicht mehr zur Schule gehen, und Papa sagt, dass das Land kaputt gemacht wird. Die Mutter und die zwei kleinen Mädchen sollen fliehen, der Vater und der ältere Bruder wollen nachkommen. Aber die Mädchen weigern sich zu gehen. Da kommen nachts Mondkaninchen und erzählen, dass sie einst vor dem bösen Wolf fliehen mussten und seitdem glücklich auf dem Mond wohnen.

Andrea Karimé und Annette von Bodecker-Büttner haben die Begegnung verschiedener Kulturen und Mythen schon in vielen Büchern mit märchenhaften und fantastischen Elementen geschildert. In dieser Geschichte, die die Heimat der Kinder in paradiesischen Bildern darstellt und auch auf Arabisch erzählt wird, liegt die Betonung darauf, den Mut zum Gehen zu haben, obwohl man viel lieber bleiben möchte.

Krähe und Bär

Kinderbuch zum Vorlesen

Der Bär im Zoo hat zwar jeden Tag mehr als genug zu fressen, aber er muss immer die gleichen kleinen Kreise drehen, hat noch nie etwas von der Welt gesehen und sehnt sich nach einem anderen Leben. Nur der frechen Krähe, die auf sein Futter aus ist, kann er davon erzählen. Eines Tages tauschen die beiden auf magische Art ihre Körper. Doch nach dem Überlebenskampf als Krähe kehrt der Bär freiwillig in seinen Käfig zurück und teilt sein Zuhause mit der freien Krähe, die ihn oft besucht.

Aber der Tausch hat nicht nur Vorteile: Die Krähe frisst, bis sie sich nicht mehr bewegen kann, und der Bär fällt auf einen lebensgefährlichen Trick der Ratten herein. Da hilft nur noch der Rücktausch.

Dass man doch lieber in der eigenen Haut steckt – kein Wunder. Aber dass jemand den Käfig der Freiheit vorzieht, das ist ungewöhnlich in Geschichten für Kinder. Doch der Bär sagt: „Das Leben teilen ist ein Glück, Krähe … Frühstück?“ Bei dieser Teilung kommen beide auf ihre Kosten.

Die Flucht

Bilderbuch

Heimat und Fremde sind abstrakte und so komplexe Begriffe, dass sie in Geschichten für kleine Kinder nur selten vorkommen. Doch es gibt einige Bilderbücher zu diesen Themen, darunter „Die Flucht“, ein grafisches Kunstwerk, das es auf die Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 geschafft hat.

Die Autorin Francesca Sanna versucht, für die Heimat schöne Bilder zu finden, um den Verlust der Geflohenen zu symbolisieren. Aber sie erzählt auch, warum Menschen ihre Heimat verlassen müssen.

Respekt vor Käfern und Pflanzen

Bilderbuch

Maria Sibylla Merian war die erste Naturforscherin der Welt. Mit „Sibylla und der Tulpenraub“ setzt Benita Roth ihr ein Denkmal. Das Buch handelt von einem Mädchen, das von Insekten und Reptilien, Spinnen und Amphibien – also von dem, wovor viele sich ekeln – fasziniert ist. Sibylla beobachtet, sammelt und fertigt hinreißende Zeichnungen von Pflanzen und Tieren an. Was sie in späteren Jahren gemalt hat, verliert selbst 400 Jahre nach ihrem Tod nicht seinen Wert.

Als Kind soll Sibylla einmal beim reichen Nachbarn Tulpen geklaut haben, damals unermesslich teuer, um sie auf dem Papier zu verewigen. Als der wutschnaubende Besitzer sie und ihre Eltern ins Gefängnis werfen lassen will, lädt Sibylla ihn ein, die wunderbaren Tulpen in ihrem Garten zu bewundern und genau hinzuschauen. Er ist so entzückt von den Blumen, die für ihn bisher nur eine Geldanlage waren, und von den Bildern, die Sibylla malt, dass er ihr die Tulpen überlässt. Ein ungewöhnliches Kind mit ungewöhnlichen Interessen – das wäre Sibylla auch heute.

Die bezaubernde Bildgeschichte motiviert, genauer hinzuschauen, die pflanzliche und tierische Wunderwelt zu bestaunen, sie zu malen oder zu fotografieren. Interessierte Kinder und Erwachsene finden im Internet mehr über das Leben der malenden Wissenschaftlerin und Abenteuerin.

Schwarzweiß

Bilderbuch

Ein großes, weißes Blatt und ganz unten auf der rechten Seite ein schwarzer Punkt. Er erzählt, dass er nicht allein ist, sie sind viele. Diesen vielen Punkten geht es gut, sie haben zu essen, sie haben Häuser und Spaß. Da meldet sich auf der leeren linken Seite ein weißer Punkt zu Wort. Auch die weißen sind viele. Aber ihnen geht es nicht gut. Deswegen wollen sie hinüber zu den schwarzen. Die beraten, lassen ein paar weiße kommen, aber es drängen so viele nach, dass sie sie stoppen. Die Seite mit den schwarzen und weißen Punkten ist jetzt sehr voll. Nun wollen die schwarzen hinüber, um den weißen zu helfen, etwas für weiße und schwarze Punkte zu erschaffen. Das gelingt. Es entstehen Gebäude, Autos und Eis – hergestellt aus weißen und schwarzen Punkten. Auf der letzten Doppelseite gibt es auf der linken und der rechten Seite je einen schwarzweißen Punkt, und beide verkünden: „Hallo, ich bin ein Punkt.“

In dem großformatigen Buch besteht alles aus schwarzen und weißen Punkten – eine überzeugende Idee, etwas so Komplexes wie Ungerechtigkeit darzustellen. Man kann sie übernehmen, sie mittels Steckern oder Legosteinen umsetzen und muss dabei nicht schwarz-weiß bleiben.

Kennedy

Kinderbuch

2017 wäre John F. Kennedy 100 Jahre alt geworden. An seine Worte im durch die Mauer geteilten Berlin erinnern sich viele Menschen. Er sagte: „ Die Freiheit ist unteilbar, und wenn auch nur einer versklavt ist, dann sind nicht alle frei. …Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt Westberlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.“

Die Autorin Shana Corey setzt in der als großformatiges Bilderbuch gestalteten Kurzbiographie einen Schwerpunkt auf die Bürgerrechtsbewegung in den USA und zeigt, dass Kennedy kein eindimensionaler, strahlender Held war, aber ein engagierter Präsident. Kurz: eine eindrucksvolle Bildgeschichte über einen außergewöhnlichen Mann.