Kitaöffnung unumgänglich

Welche Kinder dürfen zuerst wiederkommen? Und wie soll der Infektionsschutz gewahrt werden? Für alle Beteiligten? Antworten auf diese und weitere Fragen fordern Eltern von mehr als drei Millionen Kindern in Deutschland sowie zehntausende Erzieher*innen.

Geplant ist ein Vier-Phasen-Modell. Die vier Phasen umfassen demnach

  1. die aktuelle Notbetreuung,
  2. eine erweitere Notbetreuung,
  3. einen eingeschränkten Regelbetrieb
  4. und die Rückkehr zum Normalbetrieb.

Aus dem Papier der Familien-und Jugendminister*innen geht hervor, dass Kitas erst wieder im Normalbetrieb laufen sollen, wenn ein Impfstoff auf dem Markt oder das Infektionsgeschehen weitgehend eingedämmt ist.

Nur, was passiert eigentlich, wenn kein Impfstoff gefunden wird?

Aus Sicht der Expertin  und Politikberaterin Ilse Wehrmann ist die fortgesetzte weitgehende Schließung von Kindertagesstätten und Grundschulen aus Gründen des Kinderschutzes und der Bildungsgerechtigkeit unverantwortlich. Gefragt seien kreative Konzepte für einen schrittweisen Wiedereinstieg in den Normalbetrieb, um mit begrenzten Ressourcen umzugehen. Die Lage der Kinder und der Familien in der Corona-Krise spiele im politischen Raum nur eine untergeordnete Rolle, kritisiert Wehrmann: „Kinder brauchen Kinder! … Bis zum Sommer die Kitas nur mit erweiterter Notbetreuung zu führen, das bedeutet unerträgliche Folgekosten – seelisch und wirtschaftlich“, warnt die promovierte Frühpädagogin. „Außerdem habe ich die Sorge, dass im Zuge der Corona-Krise wieder ein uraltes Rollenbild unterstützt werden soll, nämlich dass junge Mütter wie früher zu Hause bleiben sollen.“

Unter dem Titel „Unumgänglich: Die schrittweise Öffnung der Kitas“ hat sich Ilse Wehrmann deutlich positioniert. Vorab war der Beitrag schon im #wamiki-Blog zu lesen.

Download: schrittweise Öffnung_#2_2020

 

Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Wann machen die Kitas wieder auf?

Welche Kinder dürfen zuerst wiederkommen? Und wie soll der Infektionsschutz gewahrt werden? Für alle Beteiligten? Antworten auf diese und weitere Fragen fordern Eltern von mehr als drei Millionen Kindern in Deutschland sowie zehntausende Erzieher*innen.

Geplant ist ein Vier-Phasen-Modell. Die vier Phasen umfassen demnach

  1. die aktuelle Notbetreuung,
  2. eine erweitere Notbetreuung,
  3. einen eingeschränkten Regelbetrieb
  4. und die Rückkehr zum Normalbetrieb.

Aus dem Papier der Familien-und Jugendminister*innen geht hervor, dass Kitas erst wieder im Normalbetrieb laufen sollen, wenn ein Impfstoff auf dem Markt oder das Infektionsgeschehen weitgehend eingedämmt ist.

Nur, was passiert eigentlich, wenn kein Impfstoff gefunden wird?

Aus Sicht der Expertin  und Politikberaterin Ilse Wehrmann ist die fortgesetzte weitgehende Schließung von Kindertagesstätten und Grundschulen aus Gründen des Kinderschutzes und der Bildungsgerechtigkeit unverantwortlich. Gefragt seien kreative Konzepte für einen schrittweisen Wiedereinstieg in den Normalbetrieb, um mit begrenzten Ressourcen umzugehen. Die Lage der Kinder und der Familien in der Corona-Krise spiele im politischen Raum nur eine untergeordnete Rolle, kritisiert Wehrmann: „Kinder brauchen Kinder! … Bis zum Sommer die Kitas nur mit erweiterter Notbetreuung zu führen, das bedeutet unerträgliche Folgekosten – seelisch und wirtschaftlich“, warnt die promovierte Frühpädagogin. „Außerdem habe ich die Sorge, dass im Zuge der Corona-Krise wieder ein uraltes Rollenbild unterstützt werden soll, nämlich dass junge Mütter wie früher zu Hause bleiben sollen.“

Unter dem Titel „Unumgänglich: Die schrittweise Öffnung der Kitas“ hat sich Ilse Wehrmann in der neuen wamiki #2/2020 (in der Version: online-Ausgabe) deutlich positioniert. Im Blog kannst Du ihren Artikel bereits jetzt und vorab lesen.

Download: schrittweise Öffnung_#2_2020

Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Seid mutig und stark

Mut und Stärke sind nur zwei der vielen Eigenschaften, die wir unseren ­Kindergarten­kindern am Ende ihrer Kindergartenzeit gerne mit auf den Weg geben. Aber wie gelangen Kinder zu diesen Eigenschaften? Sie brauchen geeignete Vorbilder.

Wenn wir an Mut und Stärke denken, fallen uns viele Vorbilder aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen ein. Das reicht vom Polizisten über die Greenpeace-Aktivistin bis zum Tierpfleger, Starkstromelektriker, Dachdecker, Berg­retter oder der Bürgermeisterin. Die Berufsgruppe der Erzieherinnen und Erzieher verbinden wir eher nicht mit den Eigenschaften Mut und Stärke, die im Kita-Alltag von Außenstehenden nämlich nicht deutlich zu erkennen sind. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Erzieherinnen und Erzieher nicht gerade als Personen wahrgenommen werden, die man landläufig als „Rampensau“ betrachtet. Und dennoch birgt der Alltag im Kindergarten viele Momente, in denen wir Mut, Stärke und Standing beweisen müssen, wenn wir unseren Bildungsauftrag gut und gewissenhaft erfüllen möchten.

Zum einen muss es Erzieherinnen und Erziehern gelingen, sich vom „Förderitisvirus“ nicht anstecken zu lassen und dankend abzulehnen, wenn es zum Beispiel heißt: „Komm mit uns ins Zahlenland“. Moment mal! Plötzlich habe ich eine kleine Melodie im Kopf, die nicht nach Zahlen klingt, sondern nach Abenteuer.

Abenteuer, das ist es, was wir suchen! Eine Kita sollte voll spannender Erlebnisse und mutiger Erwachsener sein, die es wagen, mit den Kindern auf Entdeckungsreise zu gehen, oder so tollkühn sind, dass sie es Kindern sogar zutrauen, allein auf eine solche Reise zu gehen. Können Sie sich vorstellen, dass ganz schön viel Mut dazu gehört, die Kleinen allein durch die Einrichtung wandern oder in einem unbewachten Raum spielen zu lassen? Denn was ist, wenn die Eltern nachfragen oder die Kollegin denkt, man sei faul, weil man die Kinder nicht begleitet?

Dringend brauchen wir pädagogisches Fachpersonal, das nicht immer den Fallschirm für die Kinder aufspannt, sondern sie bestärkt, eigene Erfahrungen zu sammeln, und sie dabei unterstützt, sich selbst einschätzen zu lernen. Da ist es für beide Parteien, Kind und Fachkraft, eine Hilfe, sich auf die Ideen der Kinder einzulassen, sich von ihrem Forscher- und Entdeckerdrang inspirieren zu lassen und gemeinsam mit ihnen nach Problemlösungen zu suchen. Wenn wir den Kindern auf Augenhöhe begegnen, erfahren wir etwas über ihre Weltanschauung, erweitern unseren eigenen Horizont und riskieren es vielleicht, unsere eigenen Denkweisen zu reflektieren. Dazu ist Stärke vonnöten, denn wenn wir uns intensiv auf die Kinder einlassen möchten, gehört dazu, dass wir uns mit unseren Charaktereigenschaften einbringen und unsere Persönlichkeit preisgeben. Es gehört dazu, dass wir bereit sind, Neues auszuprobieren, Fehler zu machen, mit Kindern und Erwachsenen auch mal darüber zu lachen und den Alltag durch Unerwartetes zu bereichern. Ebenso gehört dazu, unsere Grenzen zu überschreiten, wenn die Kinder sich wünschen, dass wir einen toten Igel inspizieren, eine vertrocknete Blindschleiche aufschneiden oder einem Kind zusehen, das den höchsten Ast des Kletterbaums erklimmt.

Etwas nicht perfekt zu können, das macht uns menschlich und nahbar für Kinder und Erwachsene. Eltern ist es sympathisch, wenn wir nicht immer alles wissen und zugeben, etwas erst mal nachschlagen zu müssen.

Mut gehört auch dazu, mal Nein zu sagen, zum Beispiel zu absurden Wünschen der Eltern, die Rahmenbedingungen deutlich zu machen und aufzeigen, wo die Grenze ist.

Meiner Meinung nach gehört besonders viel Mut dazu, Müttern oder Vätern klarzumachen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn sie ihr Kind regelmäßig zu spät abholen. Genauso erfordert es Mut, Stärke und Standing, Nein zu unzumutbaren Arbeitsbedingungen zu sagen und sich für bessere Rahmenbedingungen der pädagogischen Fachkräfte einzusetzen.

Eins wird ganz deutlich: Wenn man sein persönliches Profil als pädagogische Fachkraft schärfen möchte, gehört dazu, dass man seinen Weg zwischen „Ist mir doch egal“ und „Alles muss perfekt sein“ findet und ihn selbstverständlich vertritt. Nur so gelingt es uns, dazu beizutragen, dass die Gesellschaft endlich das Klischee von der Kaffee trinkenden Erzieherin, die sich nicht dreckig machen möchte und nur nach Bastelvorlage arbeiten kann, verabschiedet. Dazu sind Mut und Stärke unerlässlich.

Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb

Sticheleien und Anregungen

Diesen Spruch – gibt’s den heute noch in Kitas und anderswo?

Ich weiß es nicht. Ich bin raus aus der Praxis und kann mich nur auf „früher“ beziehen. Manchmal auch auf das, was ich von Freundinnen höre oder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sehe.

Mir kam das Ritual mit dem „Piep“ immer wie eine Beschwörungsformel vor: Harmonie, komm zu uns und bleib bei uns. Beschworen wird, was man sich wünscht, aber vermisst.

Ist es wünschenswert, dass sich alle lieb haben?

Mir reicht es, wenn ich die Menschen lieb habe, die mir nahestehen. Doch wer steht mir nahe? Und warum? Was bedeutet das eigentlich genau? Und: Geht es dabei nur um Blutsverwandte, um Familienmitglieder im engeren Sinne, um Mutter, Vater, Geschwister und Großeltern? Oder geht es auch um Freundinnen und Freunde, die ähnlich auf die Welt schauen wie ich und mit denen ich wunderbar lachen und streiten kann? Schließen sich streiten und lieb haben eigentlich aus?

Wie klappt lieb haben?

Liebhaben gelingt am besten, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht. Darum klappt es in frei gewählten Beziehungen eher als in abhängigen. Zwangs-Liebhaben geht schief. Hat man keine Wahl, weil man beispielsweise noch ein Kind ist, kann Liebhaben fatal wirken: Die oft beschworene Bindung erweist sich als Fessel, die „Entbindung“ als Prozess des Erwachsen-Werdens erschwert.

Welche Bedeutung haben Feste und Rituale?

Wer Liebhaben vortäuschen muss, sollte üben, so zu tun, als ob. Besonders wichtig ist es dann, traditionelle Feste und Rituale einzuhalten. Merke: Niemals einen Geburtstag oder andere Liebhabefeste vergessen!

Weihnachten, das klassische Fest der Christenheit, wird ohne Gnade zelebriert. Alle Familienmitglieder haben sich tagelang furchtbar lieb und beschenken einander ohne Limit. Geschenke gelten als Liebesbeweise – egal, ob sie gefallen oder nicht. Man hat sich immerhin bemüht.

Die Liebe der Mutter geht durch den Magen: Ein knuspriger Gänsebraten ist kaum zu toppen. Und wenn’s gut läuft, beweist Vater seine Liebe, indem er den Baum besorgt und beim Schmücken schon mal die Schnäpse verkostet: „Ach, ist das gemütlich.“ Und: „Früher war mehr Lametta.“ Nur Dicki Hoppenstedt fällt aus der Rolle: „Zicke, zacke, Hühnerkacke!“ Ich liebe Loriots schräge Blicke auf Familie und Zwangsbeziehungen!

Die Wochen vor Weihnachten sind die umsatzstärksten im Jahr. Den Einzelhandel und die Versandhäuser freut’s. Doch für Eltern gibt es kaum eine stressigere Zeit. Und wofür das alles? Wenn schon nicht für den Weltfrieden, dann doch immerhin für den Familienfrieden. Was am Ende herauskommt, kann mittels Polizeistatistik besichtigt werden: Hauen und Stechen spätestens am zweiten Weihnachtsfeiertag, denn das „Piep“ in Dauerschleife macht selbst Engel verrückt.

Dennoch fahren erwachsene Kinder zu Weihnachten „nach Hause“. Die alt gewordenen Eltern könnten sonst traurig sein, und das will ja niemand. Haben die Kinder selbst Kinder, kehrt sich die Reiserichtung um: Nun kommen die Großeltern zu Besuch, was Stress ­potenziert, weil Oma und Opa aus Sparsamkeitsgründen auf dem Sofa nächtigen.

Zwar ist der Muttertag nicht ganz so emotional „besetzt“ wie Weihnachten, kann aber halbwegs mithalten. In Kitas bricht Wochen vorher wildes Bastelfieber aus. Schließlich erwarten die Mütter an ihrem Ehrentag einen Liebesbeweis in Form von Salzteigherzen oder bemalten Untersetzern. Etliche Exponate lagern bei mir noch heute in irgendeiner Kiste. So was schmeißt man doch nicht weg! Oder?

Langjährigen Erzieherinnen hängt der Bastelzwang ebenso zum Halse raus wie das Laternenfest. Eine Leiterin aus Bielefeld zählte ihre Restarbeitsjahre so: noch fünf Laternenfeste, noch vier, noch drei… Meine Erfahrung: Egal, wie gruselig man fand, was üblich war, die Devise hieß: durchhalten, bloß keinen Streit provozieren. Ich erinnere mich aber auch an kreative Lösungen. Ein Team in Dresden-Cossebaude schenkte den Müttern freie Zeit. Väter und Kinder wurden in die Kita eingeladen und machten was Abenteuerliches.

Eine schlaue Erfindung des Blumenhandels und der Süßwarenbranche: der Valentinstag. Immerhin reicht es, seiner Liebsten an diesem Tag eine Rose zu schenken, rot natürlich. Ich fände es schöner, wenn solche – und andere – Arten der Liebesbeweise keinen offiziellen Termin nötig hätten. Geld müssen sie auch nicht immer kosten.

Nun ja, es ist, wie es ist. Niemand kann sich dem Sog von Werbung und Tradition entziehen oder dem subtilen Druck familiärer Bindungen. Doch man könnte darüber streiten, was wichtig ist, für wen und warum. Vielleicht nicht unbedingt in der Familie, aber in der Kita. Das klärt die Luft, macht den Kopf frei und bringt auf Ideen.

Streitkultur?

Es gab eine Zeit, da war „Streitkultur“ ein Modethema im pädagogischen Arbeitsfeld. Es ging um den kultivierten Umgang der Erwachsenen mit ihren unterschied­lichen Sichtweisen. Man setzte sich zusammen, um sich auseinanderzusetzen und sich gemeinsam weiterzuent­wickeln. Das Ideal.

Ich habe etliche Seminare dazu veranstaltet, in Teams, mit Leiterinnen, Beraterinnen, Geschäftsführerinnen. Immer erlebte ich das Gleiche: Streit? Bloß nicht. Frauen sind lieb und glätten die Wogen. Darauf wurden sie seit Jahrhunderten abgerichtet: Streit vermeiden, Harmonie sichern und aushalten, was an Gewalt auf sie niederbrettert. Frauen sind keine Streithammel. Sie haben Angst vor Streit, vor allem in sozialen Arbeitsfeldern, obwohl es gerade dort viele Anlässe zum Streiten gibt. Siehe Pflege­notstand.

Wenn es um Qualität in der sozialen Arbeit geht, muss gestritten werden. Denn klar ist nichts, auch nicht nach Jahren und Jahrzehnten der Definitionsversuche. Obwohl…. Klar ist wohl inzwischen: Je nachdem, wer aus welcher Perspektive hinschaut, kommen unterschiedliche Ergebnisse heraus. Hilfreich ist folglich, zu erkennen, wer welche Interessen verfolgt und woran verdient. Beratung und Evaluation bringen mehr ein als die praktische Arbeit.

Piep, piep, piep…? Das bringt kaum voran. Streiten schon. Und es macht Spaß, wenn es nicht in Bösartigkeiten und Verletzungen abgleitet, sondern im Austausch von Argumenten oder Erfahrungen besteht. Was voraussetzt, das Gegenüber nicht als Feind zu sehen, sondern als einen Menschen mit anderem Blickwinkel.

Schön wär’s.

Vom Irrsinn des sog. Gute-Kita-Gesetzes

Warum er sich nicht wiederholen darf, erklärt Matthias Seestern-Pauly, Bundestagsabgeordneter der FDP, in seinem Gastbeitrag für wamiki.

Wie würden Sie entscheiden?

Es schien so, als wären wir in der öffentlichen Anhörung des Familienausschusses zum sogenannten „Gute-Kita-Gesetz“ nach mehreren Stunden intensiver Befragung der zehn Sachverständigen auf die Zielgerade eingebogen, als es noch einmal spannend wurde.

Die letzte Fragerunde hatte begonnen, da hoben sich sämtliche Blicke und ruhten auf der Phalanx der Sachverständigen, die gemäß der Größe der Bundestagsfraktionen von diesen benannt worden waren, in der Mitte des Ausschussrundes.

Die Frage an alle zehn Experten lautete:

„…Würden Sie in Abwägung aller Argumente, die jetzt auf dem Tisch liegen, uns nahelegen, uns zu enthalten, mit Nein oder mit Ja zu stimmen?“

Was dann folgte, hätte ein Wendepunkt sein können, sogar sein müssen: Neun der zehn geladenen Sachverständigen bekannten in kurzer Folge, dem vorliegenden Gesetzentwurf nicht zustimmen zu können. Nicht eine positive Stimme fand sich, die dem Gesetzentwurf – abgesehen von dem grundsätzlichen Ziel, die Kita-Qualität verbessern zu wollen – etwas abgewinnen konnte.

Neun Mal ‚Ich würde dem vorliegenden Entwurf nicht zustimmen ‘ – bei einer Enthaltung, da die zehnte Sachverständige von ihrem Verband kein Votum mit auf den Weg bekommen hatte.

Wenn man sich vor Augen führt, dass auch die von Union und SPD benannten Sachverständigen den Gesetzentwurf nicht zustimmungsfähig fanden, stellt sich die Frage: Was war passiert?

Dass wir als Freie Demokraten berechtige Kritik üben, auf Problemstellen hinweisen und auf Verbesserungen hinwirken, ist verständlich. Die engmaschige Kontrolle der Regierung und ihrer Arbeit ist Kernaufgabe guter Oppositionsarbeit. Dass jedoch auch Vertreter von Zivilgesellschaft, Stiftungen und Sozialverbänden ein Gesetz so eindeutig ablehnen, wie das sogenannte „Gute-Kita-Gesetz“, würde normalerweise nur eines bedeuten: zurück ans Reißbrett!

Doch es geschah nichts. Nicht eine der grundlegenden Problemstellen und nicht einer der Kritikpunkte wurde im Nachhinein der öffentlichen Anhörung – wie normalerweise parlamentarischer Usus – durch Änderungsanträge der Regierungskoalition zumindest in Ansätzen korrigiert.

Was, also, war passiert?

Den Beratungen war ein jahrelanger, gemeinsamer Prozess der Abstimmung zwischen Bund und Ländern vorausgegangen. Jedoch muss festgestellt werden, dass das von Ministerin Giffey vorgelegte Gesetz deutlich von den beschlossenen Eckpunkten der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK 2017) abweicht.

Das ursprüngliche Ziel der JFMK war es, dass der Bund sich verlässlich an den Kosten für den Ausbau der Kita-Qualität beteiligt. Die Bedingung im Gegenzug: Die Finanzmittel müssen zielgerichtet, wie vereinbart, von den Ländern eingesetzt werden.

An diesem Punkt begann der Prozess in den Händen von Familienministern Giffey an drei Stellen zu zerfasern und vom Vereinbarten abzuweichen:

• verlässliche Finanzierungsbeteiligung des
Bundes (über 2022 hinaus),

• klare Vereinbarungen mit den Ländern über
den Einsatz der Mittel,

• anschließende Kontrolle der Mittelverwendung durch bundesweit vergleichbare Qualitäts­standards.

Dieser Dreiklang aus verlässlicher finanzieller Unterstützung des Bundes im Gegenzug für überprüfbare Investitionen der Länder in vorher festgelegte Qualitätsfelder sollte die Basis für dauerhafte und zielgerichtete Verbesserungen der Kita-Qualität sein.

Es kam anders.

Es kam das sogenannte „Gute-Kita-Gesetz“

Wer verstehen will, wie sich der anfänglich vielversprechende Fahrplan der JFMK zum „Gute-Kita-Gesetz“ verpuppte, der braucht nur diese drei Punkte beleuchten. Doch der Reihe nach.

Bildung ist grundsätzlich Ländersache. Das bedeutet zum einen, dass die Länder alleine über die Ausgestaltung der Bildungspolitik entscheiden; es bedeutet aber auch, dass der Bund nur unter strengen Auflagen Geld an die Länder für die Bildung überweisen darf.

Im Falle des sogenannten „Gute-Kita-Gesetzes“ ist „überweisen“ jedoch nur eine Umschreibung. Hier überlässt der Bund den Ländern einen größeren Teil der Einnahmen aus der Umsatzsteuer. So erhalten die Länder ein Teil des Geldes, das dem Bund zugestanden hätte.

Eine solche Umschichtung der Umsatzsteuer darf aber nicht per se an Investitionen in die Bildung geknüpft sein: Daher will der Bund mit jedem Bundesland einen separaten Vertrag über die Verwendung der zusätzlichen Mittel schließen. Aber diese Verträge sind wenig mehr, als Feigenblätter. Denn wenn die Länder sich sodann nicht an die Absprachen der Verträge halten, gibt es keinerlei Sanktionsmöglichkeiten des Bundes. Denn die Mittel aus der Umsatzsteuer dürfen eben nicht zweckgebunden sein. Versuchte der Bund über Sanktionen eine bestimmte Verwendung des Umsatzsteuereinkommens der Länder zu erzwingen, so wären dies „goldene Zügel“, mit denen der Bund die Länder an die Kandare nähme. Und das wäre grundgesetzwidrig.

Um der (ungebundenen) Umsatzsteuerumlage dennoch den Anstrich der Seriosität zu verleihen, sollen also nach dem Willen der Bundesregierung Verträge zwischen Bund und Ländern die Kriterien der Mittelverwendung festlegen. Und zwar ohne jedwede Sanktionsmöglichkeit des Bundes. Grundlage für die Kriterien der Mittelverwendung in den Bund-Länder-Verträgen sind die Handlungsfelder, der „Instrumentenkasten“, des Bundesgesetzes. In diese Handlungsfelder zur Qualitätsverbesserung sollen die Länder das zusätzliche Geld des Bundes investieren.

Und hier findet sich deutlich die Handschrift von Frau Giffey wieder; leider, muss man sagen.

Warum?

Erstens: Frau Giffey hat sich in den Verhandlungen mit den Ländern über die Ausgestaltung der Handlungsfelder, in die die Länder die zusätzlichen Bundesmittel investieren können, ein Trojanisches Pferd in ihren Gesetzentwurf schreiben lassen: die pauschale Beitragsfreiheit.

Vorneweg: Eine soziale Staffelung der Beiträge ist ausdrücklich zu begrüßen und zwar nicht nur für Eltern im Sozialbezug, sondern insbesondere auch für Alleinerziehende und Eltern, für die der Kitabeitrag trotz Berufstätigkeit eine große Belastung darstellt. Kurz: Der Kitabesuch darf nicht am Geldbeutel der Eltern scheitern.

Dass die Länder auf die Beitragsbefreiung für alle als Teil des Instrumentenkastens drängten, ist vor dem Hintergrund teurer Wahlkampfversprechen grundsätzlich nachzuvollziehen, wenngleich man auch diese Intention kritisch hinterfragen muss. Festzustellen ist, dass die Länder sich am Ende durchgesetzt haben. Mehr Geld vom Bund, ohne Auflagen, aber mit dem Feigenblatt der pauschalen Beitragsfreiheit als Teil der Handlungsfelder ist für sie ein Geschenk.

Dieses Ländergeschenk ist aber eben auch schlechte Bundespolitik. Denn wenn es einen verlässlichen finanziellen Ausgleich des Bundes in Milliardenhöhe geben soll, dann muss die Bundesebene auch ein berechtigtes Interesse daran haben, dass die Finanzmittel nachvollziehbar in den dringend benötigten, tatsächlichen Qualitätsausbau fließen – und nicht, wie nun geschehen, ein Großteil der Mittel in der Refinanzierung von Wahlgeschenken versickert.

Denn angesichts des eklatanten Nachholbedarfs bei verbesserten Rahmenbedingungen für Fachkräfte, dem Betreuungsschlüssel, der Sprachförderung, der Entlastung der Kita-Leitungen und des baulichen Investitionsbedarfs für ein gutes Betreuungs- und Arbeitsumfeld in den Kitas ist eine pauschale Beitragsfreiheit zum jetzigen Zeitpunkt kontraproduktiv.

So sollen beispielsweise nach dem Willen der Rot-Schwarzen Landesregierung in Niedersachsen über 80 Prozent der vom Bund für den Qualitätsausbau vorgesehenen Finanzmittel in die Refinanzierung der pauschalen Beitragsfreiheit fließen. Dementsprechend niedrig sind die noch übrigbleibenden Mittel für tatsächliche Qualitätsinvestitionen.

Doch damit nicht genug. Durch dieses Vorgehen geraten die Kommunen sogar doppelt finanziell unter Druck: Denn die Ausgleichzahlungen der Länder reichen oftmals nicht aus, um die durch die pauschale Beitragsfreiheit gerissenen Haushaltslöcher zu stopfen. Eine Kommune, der die Elternbeiträge wegbrechen, fehlt das Geld an allen anderen Ecken und Enden. Die Folge: Die Kommunen müssen zusätzlich eigene Mittel für die Finanzierung der pauschalen Beitragsfreiheit aufwenden, die dann für bessere Rahmenbedingungen in der Bildung vor Ort fehlen.

Und was geschieht erst, wenn die Bundesmittel ab 2023 wieder wegfallen sollten? Kürzen die Länder dann ihre Ausgaben oder führen sie die Elternbeiträge wieder ein?

Zweitens: Selbst die Bundesländer, die die Mittel des Kita-Gesetzes nicht für die pauschale Beitragsfreiheit ausgeben, haben keinen verlässlichen Anreiz, keine Planungssicherheit, um in die wertvollste aller Qualitätsmerkmale zu investieren: gut ausgebildete und bezahlte Fachkräfte. Denn Personalkosten sind Langzeitverpflichtungen. Aber wer investiert in mehr Fachkräfte, wenn nur Geld für die nächsten vier Jahre zur Verfügung steht? Kaum jemand.

Drittens: Selbst die Möglichkeit, in den Bund-Länder-Verträgen zumindest wirkungsvolle Kontrollmechanismen über den Fortschritt bei der Qualitätsentwicklung zu vereinbaren, ist verbaut. Ministerin Giffey hat sich eine Frist bis zum 1. August 2019 gesetzt. Bis dahin müssen mit allen 16 Ländern entsprechende Verträge geschlossen sein. Geschieht dies nicht, können selbst diese Feigenblätter der Kontrolle nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Länder im Einsatz der zusätzlichen Mittel ungebunden sind. Das ist ein gehöriges Pfund, mit dem die Länder in den Vertragsverhandlungen wuchern können.

An dieser Stelle noch einmal zur Erinnerung: Der Dreiklang aus verlässlicher finanzieller Unterstützung des Bundes im Gegenzug für überprüfbare Investitionen der Länder in vorher festgelegte Qualitätsfelder sollte die Basis für dauerhafte und zielgerichtete Verbesserungen der Kita-Qualität sein.

Dies umzusetzen und in einem Konsens zu vereinen, hat Bundesministerin Giffey nicht geschafft.

Was am Ende bleibt ist das Bild einer Ministerin, die ihr Gesicht wahren musste. Dass die Union dem Gesetzentwurf zustimmte, war einzig und allein dem Koalitionsfrieden geschuldet – um die Qualität der Kitas ging es längst nicht mehr. Das wurde von Seiten der Union nicht nur in den Plenardebatten deutlich. Da hilft es auch nicht, wenn der Gesetzentwurf in einer hübschen, wohligen Verpackung steckt („Gute-Kita-Gesetz“), in der Hoffnung, dass die Öffentlichkeit denkt, alles sei Gold, was glänzt. Mitnichten.

Denn das Gesetz heißt offiziell Kita-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz. Das ist zwar kein wohliger Name, aber er macht unmissverständlich klar, worum es eigentlich gehen sollte: Qualitäts- und Teilhabeverbesserungen. Nicht pauschale Beitragsfreiheit im ersten Schritt. Nicht Gelder ohne Vorgaben und mit der Gießkanne für die Länder.

Wie also hätte ein gutes Kita-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz ausgesehen?

Die pauschale Beitragsfreiheit wäre nicht Bestandteil. Wohlgemerkt: die pauschale Beitragsfreiheit. Denn wenn die Beiträge zu einem Hindernis werden, die Kinderbetreuung überhaupt in Anspruch zu nehmen, ist die Befreiung von Beiträgen in diesen Fällen tatsächlich auch eine Qualitätsverbesserung. Ein wirklich gutes Kita-Gesetz hätte den Einsatz von Bundesmitteln also auf die Gegenfinanzierung einer fairen Sozialstaffel bei den Beiträgen beschränkt – im Interesse der Eltern und Kommunen.

Auch die Kontrolle der Mittelverwendung durch die Länder hätte mit einer wissenschaftlich fundierten Ausgestaltung der Handlungsfelder sichergestellt werden können: Wenn zum Beispiel klare, wissenschaftlich fundierte Zielkorridore für den Fachkraft-Kind-Schlüssel vorgegeben wären, dann ließen sich die Fortschritte in den Ländern auch tatsächlich und objektiv bewerten. Zum Vergleich: Im Gesetz von Ministerin Giffey heißt es lediglich, ein „guter“ Fachkraft-Kind-Schlüssel solle erreicht werden. Wie dehnbar der Begriff „gut“ ist, verdeutlicht sich so nicht nur beim Namen des sogenannten „Gute-Kita-Gesetzes“.

Zu guter Letzt der wohl problematischste Punkt: die fehlende Verstetigung, die fehlende verlässliche finanzielle Beteiligung des Bundes, die auch Personalausgaben nachhaltig ermöglichen würde.

An diesem Punkt ist die Haltung der Freien Demokraten klar: Wir brauchen endlich die Reform des Bildungsföderalismus! Wir können nicht für jedes Gesetz, für jedes Programm erneut zwischen Bund und Ländern ringen. Und für mich und meine Fraktion ist klar: Kitas leisten mehr als bloße Betreuung; Bildung beginnt in der Kita! Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, die es dem Bund erlauben, strukturell in Bildung zu investieren.

Um den Irrsinn des sogenannten „Gute-Kita-Gesetzes“ nicht zu wiederholen, sind diese Rahmenbedingungen unabdingbar. Investitionen in die Zukunft der Bildung, in die Zukunft unserer Kinder, dürfen nicht vom (fehlenden) Verhandlungsgeschick einer Bundesministerin und den Wahlkämpfen in den Ländern abhängen.

Das ist unverantwortlich, unverständlich und zukunftsvergessen.

Denn weltbeste Bildung ist die beste Chancengleichheit – und zwar für alle!

Text: Matthias Seestern-Pauly

Verhaltens­auffällig

Gerlinde Lill versenkt pädagogische Begriffe.

Aha, da haben wir wieder ein verhaltensauffälliges Kind. Wodurch fällt es auf?

Es rennt und hampelt, sitzt nie still, ist hyperaktiv. Es haut andere Kinder, schubst und beißt, ist aggressiv. Es will immer Bestimmer sein. Es kann sich nicht konzentrieren. Es will beim Morgenkreis nicht mitmachen, sondern immer nur bauen, Fußball spielen oder… Es fordert ständige Beachtung, ist distanzlos. Es spielt den Kasper, will

immer im Mittelpunkt stehen.

Zunächst einmal: Der Begriff „verhaltensauffällig“ trifft zu. Das Kind fällt durch sein Verhalten auf. Es fällt in irgendeiner Weise aus dem Rahmen, verhält sich anders als gewohnt oder üblich.

Für sich genommen wäre das ja kein Makel. Anders zu sein als andere, etwas Besonderes zu tun oder aufzufallen, das könnte ja auch zur Konsequenz haben, besonders beachtet und anerkannt zu werden. Doch diesen Klang hat der Begriff „verhaltensauffällig“ eher nicht. Wenn ein Kind als „auffällig“ bezeichnet wird, dann meint das fast immer: Es ist „gestört“.

Ob es wirklich gestört ist oder eher gestört wird – dieser Frage wird selten weiter nachgegangen. Abweichendes Verhalten stört und soll abgestellt werden. Deshalb sucht man schnell nach Ursachen. Am Liebsten in der Familie.

Typische Erklärungsmuster:

• Die Eltern setzen keine Grenzen.

• Die Eltern erwarten zu viel und setzen ihr Kind unter Leistungsdruck.

• Die Eltern sind extrem ängstlich.

• Die Eltern trennen sich gerade.

• Die Eltern kümmern sich vorwiegend um das jüngere Geschwisterkind.

• Die Eltern haben kein Interesse an ihrem Kind und parken es vorm Fernseher. Es bleibt zu lange in der Kita, ist morgens das erste und abends das letzte Kind. Es wird mit Konsum überschüttet, aber Zuwendung ist Mangelware.

• Die Mutter ist völlig überfordert.

• Die Mutter ist alleinerziehend.

• Die häuslichen Verhältnisse sind beengt, von Gewalt geprägt oder…

• Kein Wunder, wenn das Kind verhaltensauffällig ist.

Der Druck nimmt zu

Solchen Aussagen liegen häufig Vorstellungen über Familie und „richtiges“ Elternverhalten zugrunde, die sich am idyllischen Bild der traditionellen mittelständischen Kleinfamilie orientieren. Diesem Bild entsprechen immer weniger Familien.

Die Frage nach der Lebenssituation des Kindes in seiner Familie, nach der Situation der Familie überhaupt ist zweifellos wichtig. Doch reicht es, die häuslichen Bedingungen unter die Lupe zu nehmen, um das Verhalten von Kindern zu entschlüsseln? Wohl kaum.

Übliche Konsequenzen:

Das Kind wird ermahnt, reglementiert, manipuliert, „sanft“ gezwungen, ruhig gestellt, bestraft, abgesondert … Dauerkonflikte und Dauerbelastungen bleiben in aller Regel erhalten.

Eltern werden zum Gespräch gebeten. Es wird ihnen ein Besuch beim Therapeuten, beim Kinderarzt oder bei der Familienberatung empfohlen. Sie bekommen ein schlechtes Gewissen, weil ihr Kind nicht so funktioniert, wie es soll. Sie machen sich Sorgen, geraten unter Druck und erhöhen den Druck auf das Kind.

Häufige Vermutung:

ADHS. Erleichterung, wenn das bestätigt und mit Pillen behandelt wird. Jetzt weiß man endlich, was mit dem Kind ist. Es ist krank.

Akzeptanz von Differenz? Fehlanzeige

Auffallend bei den üblichen Beschreibungen und Interpretationen: Vor allem Jungen bekommen den Stempel „verhaltensauffällig“. Ihre ausladenden Spiele, ihre lautstarke Präsenz, ihr Übermut, ihre Lust am Kräfte-Messen und ihre überhaupt schwer zu bändigenden Kräfte sind für viele Frauen befremdlich. Männern hingegen fällt das weniger unangenehm auf, denn sie erinnern sich…

Auffallend ist auch: Lautstärke und Bewegungsfreude sind eher ein Grund für pädagogische Besorgnis als leises Elend. Das fällt weniger auf.

Und daran fällt auf: Nicht die Not eines Kindes steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Nicht das Problem, das es hat, führt zu weiteren Überlegungen, sondern das Problem, das es macht. Erwachsene machen sich vor allem dann Sorgen, wenn ein Kind von der Norm abweicht, wenn womöglich „etwas nicht stimmt“ und deshalb besondere Förderung notwendig wird.

Übrigens: Auch Erwachsene, die aus dem Rahmen fallen, bekommen schnell einen Stempel verpasst. Die Bereitschaft zur Akzeptanz von Differenz ist trotz wachsender Individualisierung und Vielfalt von Lebensformen noch immer nicht sehr ausgeprägt. Warum sollte das in der Kita anders sein? Sollte es? Es sollte.

Was ist unser Part?

Professionelle Pädagoginnen und Berater sind sich meistens einig. Selten kommen Zweifel auf. Doch vermeintliche Gewissheiten in Frage zu stellen ist ein Schlüssel zum Verstehen. Ein weiterer Schlüssel liegt darin, in Beziehung zum Kind zu gehen und ein dritter in der kritischen Frage nach der eigenen Wahrnehmung und Interpretation.

Wenn wir Kinder wirklich in ihrer Entwicklung unterstützen wollen, müssen wir uns auf sie einlassen, genau hinschauen, zuhören und nachfragen. Wir müssen ihre Verhaltensweisen als das sehen, was sie sind: ihre individuellen Antworten auf die Umstände ihres Lebens. Wir müssen ihre Signale zu verstehen suchen, um angemessen reagieren zu können.

Wir dürfen den Blick dabei nicht allein auf das Kind und sein familiäres Umfeld richten, sondern auch und vor allem auf seine Situation und die Bedingungen in der Kita:

• Wo ist die Not des Kindes? Was bewegt das Kind? Welche Gefühle können wir erkennen?

• Fühlt es sich eventuell in seinem Tun gestört? Kann es seine Spiele oder Forschungen in Ruhe zu Ende führen? Findet es die Dinge vor, die es interessieren? Findet es genügend Herausforderungen in der Kita, die seine Neugier befriedigen oder wecken?

• Anders geschaut: Was ist an diesem Kind besonders liebenswert? Durch welche Fähigkeiten und Interessen fällt es besonders auf? Und: Was ist mein Anteil daran, dass die Beziehung zu diesem Kind schwierig ist? Was stört mich? Zugespitzt: Wo liegen meine, unsere Verhaltensalternativen?

Die meisten Kinder verbringen einen großen Teil ihres wachen Lebens in der Kita. Hier machen sie Erfahrungen mit Beziehungen und Strukturen. Hier erleben sie Achtung und Beachtung ihrer Besonderheit – oder auch nicht. Hier machen sie prägende Erfahrungen, die für ihr Selbstbild von Bedeutung sind.

Die Frage ist also vor allem: Was ist unser Part? Was können wir dazu beitragen, dass sich jedes Kind gesehen und geachtet fühlt – so, wie es ist, und nicht so, wie es sein soll, aber leider, leider noch immer nicht ist. Was können wir tun, um bedenkliche Entwicklungen zu erkennen? Wir müssen uns ernsthaft damit auseinandersetzen, wie Kindern geholfen werden kann, die unglücklich sind, desinteressiert wirken, ständig in Konflikte geraten, ausgegrenzt werden oder deren Entwicklung stagniert. Und was ist noch bedenklich? Wenn ein Kind den Stempel „verhaltensauffällig“ bekommt. Das hilft ihm nicht, es schadet nur. Deshalb lassen Sie uns den Begriff mitsamt der daran hängenden Scheingewissheit an einen dicken Stein binden und über Bord werfen. Platsch.

 

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Welchen Wörtern gehst Du auf den Leim?

Begriffe versenken. Was ist das für ein Spiel?
In unserer pädagogischen Alltagssprache benutzen wir häufig Begriffe, die nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind. Oft sind sie auch nicht auf der Höhe dessen, was wir tatsächlich tun. Lassen wir uns auf den Gedanken ein, die Gewohnheitswörter der pädagogischen Szene auf ihren Gehalt zu überprüfen, kommen wir gar nicht mehr aus dem Versenken und Waschen heraus. Denn in den meisten Begriffen steckt ein längst überholtes Rollen- und Berufsbild. Kein Wunder, Sprache verändert sich. Aber nur allmählich. Der erste Schritt ist, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Dazu sollen die in diesem Buch gesammelten Beispiele dienen. Gespielt wird mit 37 pädagogischen Unwörtern von A wie Abholen über E wie Elternarbeit, H wie Haltungsänderung bis Z wie Zielvereinbarungen.

„Ich ging
den Worten auf
den Leim.“

Peter Maiwald

 

Halleluja!

Mit Ozobots, Ultimaker und Littlebits besser scheitern? Digitale Technik entfaltet eine ungebrochene Anziehungskraft, eine Mischung aus Faszination und Schrecken. Ein Sog, unaufhaltsam der Zukunft entgegen, dem man sich kaum entziehen kann, wenn man in europäischen Bildungseinrichtungen arbeitet. Ich habe gegen mehr Roboter, 3D-Drucker und Computer im Kindergartenalltag nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Ich bin aber mittlerweile…

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Ein musikalisches Kita-ABC

Seid Ihr auf der Suche nach originellen Musik-Ideen für die Kita, nach schwungvollen Möglich­keiten, Musik und Spiel zu verbinden? Kein Problem! Von A wie „Alle summen ihren schönsten Ton“ bis Z wie „Zippel-Zappel-Tanz“ hält das musikalische Kita-ABC jede Menge Ideen bereit: von der Gestaltung kleiner Musik-Momente bis zum bühnenreifen Auftritt. Zu jedem Buchstaben des ABC…

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Freispiel

Über Sinn und Unsinn pädagogischer Gewohnheitswörter

Schauen wir uns den Tagesablauf in Kita und Grundschule an, dann finden wir einen Wechsel von gelenkten Zeiten und sogenanntem Freispiel. Die eine Zeit – von Erwachsenen vorgeplant – gilt gemeinhin als pädagogische Zeit. Die andere trägt den Charakter von Erholungspausen oder Übergangszeiten. Steckt dahinter nicht ein völlig verdrehter Begriff von Freiheit und Spiel?

Freispiel – sozusagen ein weißer Schimmel?

Der Wortteil „frei“ im Begriff „Freispiel“ legt verschiedene Assoziationen nahe: Freiheit – freie Wahl – freie Zeit – frei von der Dominanz Erwachsener – Unabhängigkeit – unbeobachtet sein…

Bei „Spiel“ fällt uns sofort ein: Lust – Vergnügen – Leichtigkeit – Ungezwungenheit – eigene Impulse – der Mensch ist nur Mensch, wenn er spielt – spielerisches Aneignen von Welt – Spiel ist Lebenstraining… Unwillkürlich denke ich bei freiem Spiel an den Gegensatz zu unfreiem. Gibt es das? Natürlich. Es gibt ja sogar den Begriff des gelenkten Spiels. Aber ist gelenkt zugleich unfrei und unfroh? Oh je, jetzt wird es philosophisch! Sowohl der Freiheitsbegriff als auch der Begriff des Spiels haben tiefere Dimensionen zu bieten. Zu tief für diesen Beitrag. Aber vielleicht nicht zu tief, um „Freispiel“ zu versenken.

Was heißt „frei“?

Gehen wir die Sache doch mal pragmatisch an. „Freispiel“ bezeichnet diejenigen Zeiten, in denen Kinder wählen können, was sie spielen wollen. Wo sie dies tun, das ist zumeist schon wieder vorgegeben: entweder alle drinnen oder alle draußen, schlimmstenfalls alle in einem Raum… Die Wahl der Spielpartner ist durch begrenzte Räume und Gruppenschranken ebenfalls eingeschränkt. Und selbst dort, wo Spielorte und Spielpartner frei gewählt werden dürfen, gibt es oft starre Regeln: Nur fünf Kinder zugleich in diesem Raum.

Wie realitätsnah ist also der Begriff? Was meint „frei“ heute? Wenn ich an meine eigene Kindheit denke, in der wir vor und außerhalb der Schule unsere Spiele und Beziehungen wirklich frei von erwachsener Einmischung gestalten konnten, dann trifft der Begriff eher zu. Allerdings kannte ihn damals niemand. Spiel war immer frei. Natürlich gab es Vorgaben: „Wenn die Lichter angehen, kommst du nach Hause.“ Oder: „Ihr spielt nicht in den Ruinen.“ Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, uns vorzuschreiben, was, wie und mit wem wir spielen. Wer da war, war da. Die Regeln des Zusammenspiels bestimmten wir selbst und haben uns im wahrsten Sinne des Wortes zusammengerauft. Es gab „Chefchen“ und Außenseiter. Was gespielt wurde und wer mitspielen durfte, das wurde immer wieder neu ausgehandelt. Zwar trugen wir manche Blessuren davon, aber das wunderbare Gefühl von Freiheit kann ich noch heute spüren.

Und unsere Kita-Kinder? Die Freiheit der Wahl hat ihre Grenzen in der Welt, die wir den Kindern bieten. Ist diese Welt sehr stark begrenzt, sind es auch die Spiel- und Freiheitsräume – und das bedeutet: die Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten. Dramatischer als gegebene Begrenzungen erscheint mir aber der grundsätzliche Irrtum, selbstbestimmte und spielerisch genutzte Zeit für nicht so bedeutsam zu halten wie pädagogisch gelenkte Zeit. Denn Bildung findet immer statt und – von Pädagogen unbemerkt – mindestens so nachhaltig im freien Spiel wie im gemeinsamen und geplanten Tun.

Fragen ohne Antworten

Was macht es uns Erwachsenen so schwer, die (Frei-)Räume der Kinder auszudehnen? Was hindert uns, ihren Impulsen „Futter“ zu geben, ohne sie zu dominieren? Was befürchten wir, wenn Kinder tun, was für sie von Bedeutung ist? Warum fällt es uns so schwer, die spielerischen Lernprozesse der Kinder wahrzunehmen und nicht zu unterbrechen? Warum sehen wir nicht die Ernsthaftigkeit in ihrem Spiel? Warum erkennen wir nicht, welche Potenziale sich im Spiel entfalten?

Haben wir Angst vor der ungezügelten Lebensfreude der Kinder? Misstrauen wir dem wilden Spiel der Kräfte? Sind wir gar neidisch? Befürchten wir, die Kinder könnten das Leben für ein Wunschkonzert halten und später böse erwachen? Treibt uns die Sorge um, dass sich bestimmte Fähigkeiten – Schere oder Stift halten zum Beispiel – nicht entwickeln? Fürchten wir uns davor, mehr und mehr überflüssig zu werden? Oder können wir einfach nicht mehr nachvollziehen, was bei den Kindern passiert, weil wir aus dem Stadium heraus sind, in dem Realität und Fantasie verschmelzen? Bedeutet, erwachsen zu werden, beides zu trennen?

Und halten wir es für einen päda­gogisch wertvollen Beitrag zur Entwicklung von Kindern, die Zeit zu be­schränken, in der sie die Realität nach eigenen Ideen fantastisch verwandeln?

Viele offene Fragen und keine Antworten. Aber das macht nichts. So viel können wir uns doch immerhin vornehmen: Wir sollten locker­er werden, gelassener und aufmerksamer. Versenken wir das Freispiel samt seinem Gegenüber und fischen wir stattdessen nach mehr Freiheit und Spiel für Kinder und für uns.

Wahrheitslügen. Ein persönlicher Blick zurück

„Ehrlich währt am Längsten.“ „Lügen haben kurze Beine.“ „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ „Der liebe Gott sieht alles.“ Sind Sie auch mit solchen Sprüchen aufgewachsen? Wahrscheinlich. Denn ob mit oder ohne Verweis auf Gott – gegenüber Eltern galt die eiserne Regel: Sag die Wahrheit! Schon Verschweigen…

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Neues Positionspapier – Willkommen Konkret

In Willkommen KONKRET – dem Berliner Bündnis für Kinder geflüchteter Familien, arbeiten seit Anfang 2015 Menschen aus der frühpädagogischen Praxis und Theorie, aus Verwaltung, Beratung, Therapie, Fort- und Weiterbildung sowie weiteren Arbeitsfeldern zusammen.

Alle Beteiligten setzen sich dafür ein, dass Kinder geflüchteter Familien Zugang zu Bildung, Erziehung und Betreuung erhalten. Wie den schon immer in Berlin lebenden Kindern sollen ihnen die gleiche Aufmerksamkeit, Fürsorge und die gleichen Leistungen zukommen.

Begonnen hatte das Bündnis Willkommen KONKRET vor allem mit der Fürsorge für sehr junge Kinder, seit dem Sommer 2017 kümmern sich alle Beteiligten auch um etwas ältere Kinder bis etwa zum Ende des Grundschulalters.

Es geht um die Unterstützung pädagogischer Fachkräfte, um Vernetzung, Weiterbildung aber auch um deutliche Formulierung politischer Forderungen. 2015 und in diesem Jahr gab es dazu Fachtage.

Soeben wurde ein aktuelles Positionspapier verabschiedet, das wamiki unterstützt und deshalb auch gern verbreitet. Interessierte können es sich hier im PDF-Format herunterladen.

Download: Handout Positionspapier Willkommen Konkret

Weitere Informationen zum Bündnis findet Ihr auf: www.willkommen-konkret.de