Kinderbuch der Woche: Ein Turm für die Weitsicht

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Bilderbuch

Der Junge Arthur und sein Vater leben auf einer Lichtung mitten in einem dunklen, undurchdringlichen Wald in der Nähe eines Dorfes. Zusammen arbeiten sie auf dem Feld. Alle Dorfbewohner haben Angst vor der schwarzen Wand des Waldes, in dem Wölfe, Riesen und riesige Dachse hausen sollen. Aber Arthurs Vater nicht. Er träumt davon, herauszufinden, was hinter dem Wald ist. Und eines Tages hat er eine Idee: Aus seinem Mehl backt er Brote und verkauft sie an die Dorfbewohner gegen – Steine. Aus diesen Steinen baut er mit Arthur einen Turm, um über den Wald hinwegschauen zu können.
Die Personen dieser ländlichen Idylle sind Hasen, die aussehen, als wären sie vor 100 Jahren gemalt worden, als die „Häschenschule“ entstand, die ja immer mal wieder neu aufgelegt wird und daher auch heutigen Kindern bekannt ist. Aber nein, Gérard Dubois hat diesen altmodischen Stil absichtlich für seine Geschichte gewählt und ihn mit modernen Vereinfachungen verbunden, zum Beispiel bei der Darstellung des Waldes, der einer Wand aus Ängsten und Vorurteilen gleicht.
Weil die Dorfbewohner viele Steine auftreiben, wächst der Turm langsam in den Himmel. Da zerstört ihn ein furchtbares Unwetter. Vergeblich versucht der Vater, den Turm zu retten, fällt schließlich erschöpft in tiefen Schlaf und kann kein Brot backen. Doch inzwischen haben die Dorfbewohner seine Idee aufgenommen. Sie räumen auf und bauen weiter.
Als der Vater endlich aufwacht, ist der Turm höher als zuvor. Alle packen nun mit an, und am Tag der Erstbesteigung feiern sie ein großes Fest. Als Arthur und sein Vater den Turm erklommen haben, sehen sie in der Ferne einen zweiten Turm mit einer winzig kleinen Figur, die ihnen zuwinkt. Es ist ein Hirsch, der auch wissen wollte, was hinter dem Wald liegt.
Anders als beim Turmbau zu Babel geht es in dieser Geschichte nicht um Hochmut und Selbstüberschätzung, sondern um Neugier und die Lust, mehr über die Welt zu erfahren.
Ein gelungenes Bilderbuch für kleine Kinder, die schon mal einen Blick auf die weite Welt werfen wollen, und eine Ermutigung, zu den eigenen Ideen zu stehen.

 

Gabriela Wenke

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