Kreativ gewendet: Kindergarten changes the world

„Vom Kindergarten lernen heißt siegen lernen“, lautet ein Slogan, der den neuen Zeittrend zusammenfasst. Immer mehr Firmen und Institutionen schauen sich bei der Suche nach Produktideen für Erwachsene im Kindergarten um, getreu dem umgekehrten Grundsatz des Kinder­marketings: Was man mit vier gut fand, prägt einen fürs Leben.

Glaubst du nicht, Leserin? Dann durchforste mal den Stapel unter deinem wamiki-Heft: lauter Ausmalbilderbücher! Prüfe mal, was dein angejahrter Partner gerade macht: die Fußballbildersammlung sortieren oder online Simpel-Spiele zocken! Schau mal in den Kühlschrank: flüssige Breichen, mit dem Namen „Smoothie“ nur halbwegs treffend auf Erwachsene zielend.

Sieh also ein, dass du im Grunde deines Wesens ein Kleinkind bist, setze dich artig hin und höre gut zu, was dir Tante wamiki über die kommenden Trends für Erwachsene aus der Ideenwelt Kindergarten erzählt:

Nett dank Aktionstablett

„Früher hat mein Mann hungrig gewartet, bis ich nach Hause komme. Und das war manchmal echt spät“, berichtet Agneta. „Dann hatte ich die Idee mit diesen Aktionstabletts: Holzbrett mit einer Einteilung in der Mitte. Rechts lege ich den Dosenöffner und einen Löffel hin, links die Raviolidose. Sie müssten mal sehen, wie schnell mein Erwin die Aufgabe verstanden hat. Voll Montessori-begabt, der Gute!“ Allerdings, räumt die Endvierzigerin ein, habe der Partner mittlerweile das Prinzip des Aktionstabletts allzu gut antizipiert – „sagt man so, oder?“: „Jetzt stellt mein Göttergatte links die schmutzigen Schuhe drauf, rechts Bürste und Creme.“

Haste Kamishi bei?

„Netflix am Läppi schauen, wie zehnerjahrig ist das denn?“ gackert Leon. Der großbebrillte Vollbartträger verweist auf die in seinen stets der Zeit vorauseilenden Kreisen übliche Form des Filmgenusses: ein Holzsteckrahmen aus gebürsteter Linde, darin zellstofffreie Papierbögen aus nachhaltig angebautem Hanf, bedruckt mit feinster Tinte. „Wir schauen jetzt nur noch Kamishibai. Hier, zehn Bildkarten ‚Games of Thrones ‘! Oder wie wäre ein acht­seitiger Ambient-Bildkarten-Porno mit Mitmach-Stöhngeräuschen?“

Gut beobachtet

„Das ist uns einfach unheimlich“, erklären Gaby und Klaus dem Wachtmeister ihr Problem: Seit einiger Zeit wird das Pärchen aus der gegenüberliegenden Wohnung offenbar überwacht. Oder neudeutsch: gestalkt.

Der Polizist nickt verständnisvoll, führt einige klärende Gespräche und kommt mit einer guten Nachricht an den Tresen der Wache zurück: „Keine Angst! Das ist kein Stalking, sondern das neue sozialwissenschaftliche Programm ‚Nachbarschaftliche Beobachtung nach Leuwener Modell ‘. Übrigens, Sie beide haben hervorragende Engagiertheitswerte und damit beste Entwicklungschancen!“ Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Ganz anders als ihr offenbar integrationsbedarfsverdächtiger Nachbar Opa Meuke!“

Und Erwachsene ebenso: Portfolio!

„Jetzt bin ich dran mit Vorstellen“, drängt Sebastian, um seinen Grillfreunden sogleich den Inhalt des mitgebrachten Ordners zu präsentieren. Sein Erwachsenenport­folio macht Eindruck, nicht nur wegen der vielen hundert Seiten „Das kann ich schon“ und „Da war ich schon mal“.

Neidisch betrachten Ben, Jan, Jim und Tom die Bilder sonnenüberfluteter Hotelanlagen in Dubai und auf Teneriffa. Da schlägt Sebastian schon die Seiten mit den speziell für Erwachsenenportfolios entwickelten Sonderkategorien auf: „Meine schönsten Karrierestufen“, „Das kann ich besser als meine Kollegen“, „Mein erfolgreichstes Grillerlebnis“ sowie das Blatt „Sexy und erfolgreich zugleich: Meine Ehefrau“.

Gib mir die Hand

„Moment, hier können Sie nicht einfach durchlatschen“, sagt der Polizist und versperrt den Gehweg. „Hier an der Straßenbahnhaltestelle ist es wirklich gefährlich.“

„Danke für die Info, aber ich kann selber auf mich aufpassen…“, will Thoralf kess zurückgeben, spürt aber im gleichen Moment etwas Warm-Faltiges zwischen seinen Fingern. Offenbar hat der Polizist ihm die Hand eines ebenso davon irritierten Pensionärs aufgedrängt.

„Entweder mit Anfassen und in ordentlichen Zweierreihen, meine Herren“, weist der Uniformierte an, „oder Ihr Ausflug fällt heute aus.“

Thoralf, zunächst erschrocken, beginnt aus purer Höflichkeit ein rasant an Fahrt aufnehmendes Gespräch über Elektromobilität, Craftbeer und Milchersatzprodukte mit dem ihm zugeordneten Rentner.

„Etwas leiser bitte, man kann Sie ja bis zum vierten Stock hören!“ brüllt der Polizist aus der Ferne.

Mandala statt Randala

Gespannte Stille im Olympiastadion: Hertha greift an, und das Siegtor ist nur noch eine Frage von Sekunden. Plopp! Da landet der Schuss schon unhaltbar im rechten oberen Eck.

Warum aber setzt immer noch kein Jubel oder Gejammer, kein Fangesang und Geböller ein?

„Das ist mein Werk“, freut sich Stadionpädagoge Heinz. „Die Herren Hooligans haben keine Zeit mehr zum Krachmachen. Denen haben wir das neue Vereinslogo-Mandala zum Ausmalen hingelegt. Mit extradünnen Filzern!“

Spielzeugfrei, Spaß dabei!

„Oh Gott, wie sieht es denn hier aus!“ entfährt es in angemessener Schrille der heimkehrenden Unternehmergattin angesichts aufgerissener Schubladen, leerer Schränke und des blankgeräumten Fernsehtischs.

Da fällt ihr Blick auf einen dunkel gekleideten Herrn mit fashionabler Sturmhaube und farblich passender Schusswaffe.

„Ist das etwa ein Einbruch?“ fragt sie entsetzt.

„Klingt mir zu negativ“, entgegnet der Angesprochene. „Betrachten Sie das lieber als Materialimpuls zum Projekt ‚Besitzfreie Zeit ‘.“

Kostehäppchen im Tindergarten

„Bedaure, aber Sie sind, offen gestanden, überhaupt nicht mein Fall“, entfährt es Lisa angesichts ihrer Online-Verabredung, die sich nicht – wie versprochen – als Adonis, sondern als sackartiges Fleischgebilde mit Blumenkohl-Ohren entpuppt. Das Gebilde verzieht die Gesichtsmuskelmasse zu einem diabolischen Grinsen: „Wohl die Teilnahmebedingungen in der Paarschiff-App nicht gelesen, was? Da steht ganz klar: verpflichtender Kostehappen!“

 

 

Foto: photocase, view7

Michael Fink

Michael Fink ist Autor und Fortbildner.

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