Das Kinderbuch der Woche: Sternchen als ein Universum

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

 

Bilderbuch

Es ist Herbst. Vor dem großen alten Holzhaus steht ein kleines Mädchen. An seiner Hand baumelt ein schlenkriges Stofftier, braun mit hellen Tupfen. Die Blätter fallen und bilden bunte Haufen auf der Wiese. Das Mädchen stürzt sich mit seinem Stofftier hingebungsvoll in die Laubberge, von einem kleinen weißbraunen Hund beobachtet.

Der Tag geht zu Ende mit Lesen, Baden, Essen und Zähneputzen. Danach kuschelt sich das Mädchen mit dem Stofftier gemütlich ins Bett. „Gute Nacht, Sternchen“, sagt es zu ihm. Mit einem Kuss verabschiedet sich das Stofftier von dem schlafenden Kind und zieht mit Hund Theo los in sein eigenes nächtliches Leben. Zusammen spielen sie und klauen Kekse von der Anrichte. Diese Kekse gefallen auch dem Mäuserich Bruno. Er darf mitessen und erzählt den beiden vom größten Keks der Welt, den er ihnen zeigen will. Dazu müssen sie ihm auf den hohen Baum folgen. Der Hund kann nicht klettern, aber er schafft es, Sternchen hinauf in die Baumkrone zu schleudern. Schließlich stehen Bruno und Sternchen im hellen Licht des vollen Mondes, der den gerade gegessenen Keksen erstaunlich ähnelt.

Dem langbeinigen Sternchen traut der Mäuserich zu, mit einem großen Sprung auf dem Mond zu landen. Das schafft Sternchen zwar nicht, aber von unten sieht es tatsächlich so aus, als wäre das Stofftier dem Mond nahegekommen, bevor es kopfüber in einem großen Blätterhaufen landet. Zufrieden kehren die drei ins Haus zurück, essen die Kekse auf und legen sich schlafen. Am nächsten Morgen begrüßt das Mädchen sein Stofftier mit einem „Guten Morgen“.

Das Bilderbuch erzählt diese Geschichte als Comic mit wenigen Worten. Erst auf der fünften Seite sagt das Mädchen etwas, und das ist nicht viel: „Gute Nacht, Sternchen.“ Erst hier erfahren wir, dass Sternchen ein Spielzeug ist.

Während das – namenlose – Mädchen schläft, folgen wir Sternchen Bild für Bild durchs Haus und erfahren, dass es den Hund kennt und ihn Theo nennt. Theo redet nicht, aber die beiden verstehen einander ohne Worte und haben wahrscheinlich schon viele Nächte miteinander verbracht. Diesmal kommt Bruno, der Mäuserich, hinzu. Als er sich darüber lustig macht, dass ein kleines Stofftier einen so großen Namen wie Sternchen hat, sagt es bedeutungsvoll: „Ob groß oder klein, jeder ist ein Universum für sich.“ Ein großes Wort, gelassen ausgesprochen. Übrigens finde ich nicht, dass man diesen Satz erklären muss, wenn nicht nachgefragt wird. Ist das doch der Fall, wird dem Vorleser oder der Vorleserin schon etwas einfallen.

Die kleine, nicht einmal besonders originelle Bildgeschichte entfaltet Magie. Mich haben Liniers Illustrationen fasziniert – die Raffiniertheit der Einfachheit. Der bekannte argentinische Comic-Künstler Ricardo Liniers bekommt von mir ein Sternchen für das großformatige Bilderbuch. Ihnen empfehle ich das Buch zum Vorlesen und Anschauen mit Kindern ab drei oder vier Jahren. Kinder, die Bildgeschichten schon kennen, werden das Buch bald selbst lesen können.

 

 

Gabriela Wenke

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