Alles ist möglich

Die Struktur des Alphabets – sie steht unerschütterlich fest. Jeder Buchstabe nimmt seinen angestammten Platz ein und folgt dem vorhergehenden. Die Themen dieses Alphabets der Kindheit dagegen wählte ich frei und subjektiv. Ich bin mir sicher, dass jeder von Ihnen eine andere, ebenso eigensinnige, ebenso subjektive Auswahl treffen würde. Jeder von uns trägt sein eigenes Wörterbuch der Kindheit in sich, gespeist von seinen persönlichen Erfahrungen und Neigungen. Eine Anleitung, wie das Alphabet der Kindheit zu lesen sei, gibt es nicht. Seine 26 Buchstaben, jeder für sich einzigartig in Wesen und Gestalt, sind unsere treuen Begleiter. Sie schaffen das Gerüst und den Rahmen, der uns Orientierung gibt beim Durchwandern der Kindheit. Es liegt ganz an Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ob Sie diese abschreiten von A bis Z, so wie Sie es damals als Kind in der Schule gelernt haben, oder ob Sie nach eigenem Begehren zwischen den Buchstaben herumspazieren wie in einem wilden Garten. Alles ist möglich.

Helge-Ulrike Hyams

Machtspiele

Bilderbuch

„Hier kommt keiner durch!“ – Das Medium Buch wird Teil der Geschichte, die Mitte der Doppelseite zur unsichtbaren Grenze, die nicht überschritten werden darf. Ein Aufpasser hindert die immer bunter werdende Menge, von der linken auf die rechte Buchseite zu wechseln, die blütenweiß und leer bleibt. Den Grund für seine Aufgabe hinterfragt er nicht, er führt sie gewissenhaft aus, auch als er von den Menschen mit immer drängenderen Fragen nach dem Sinn des Ganzen konfrontiert wird. Schließlich löst sich ein Ball aus der Menge, hopst nach rechts, und da gibt es kein Halten mehr: Die ganze Schar stürmt hinterher.

Die konzeptionelle Idee dieses stringent strukturierten Bilderbuchs ist mit einfachen bildnerischen Mitteln umgesetzt. Die Filzstiftzeichnungen geben ihm eine aus dem Rahmen fallende Ästhetik. Text gibt es in diesem Buch kaum; das wenige, das gesprochen wird, steht in farbigen Sprechblasen. Dafür verstecken sich in dem Gewimmel umso mehr Erzählanlässe. Denn das, was auf den ersten Blick ungeordnet wirkt, folgt einer eigenen Logik. Jede der 62 Figuren erhält einen eigenen Charakter und erzählt eine eigene Geschichte. Das Thema des Buches, der Umgang mit Autoritäten, ist universell und umfasst das Verhalten auf dem Schulhof ebenso wie politische Dimensionen. Diese Zusammenhänge greift das Buch auf witzige und ungewöhnliche Weise auf. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Kinder-und Jugendliteraturpreis 2017.

Versteckspiele

Bilderbuch

„Hast du meine Schwester gesehn? Sie ist größer als ich. Und sie hat blaue Augen.“ Ein kleiner Junge sucht seine große Schwester. Er weiß genau, wie sie aussieht und was sie anhat. Er nimmt uns mit auf seine Suche und fragt jeden, der ihm begegnet. Aber halt! Ist das wirklich ein Hund hinter dieser Mauer dort? Oder etwa ein grüner Drache? Hinter jeder Seite dieses Buches verbirgt sich etwas ganz Anderes, als wir zunächst zu sehen glauben. Schließlich findet der kleine Junge seine Schwester, aber nur mit der Hilfe des Betrachters!

Es ist eine Suche zwischen Ernst und Spiel, zwischen dem Alltag im Leben eines kleinen Kindes und dem Theaterspiel größerer Kinder. Suchen, Finden und Entdecken werden auf drei Ebenen initiiert und angeregt. Auf der Ebene des Theaterspiels größerer Kinder für Kleine, auf der Ebene des frühen Versteckspiels kleiner Kinder und auf der Ebene des Formenspiels. Ein Klappbilderbuch voller Überraschungen, mit farbenfrohen, expressiven Bildern von Joke van Leeuwen.

Vom Wolf, der keine Kreide frisst

Bilderbuch

Der Wolf gibt sich große Mühe, sich als Ziegenmutter zu verkleiden, und ist so überzeugt, die Geißlein werden ihm keinen Widerstand entgegensetzen, dass er nicht mal Kreide frisst. Er stößt die Tür auf, brüllt los, stürzt aber über Bälle, Schirme und alles, was zu dem Chaos im Hause der sieben Geißlein gehört. Ein schönes Suchbild: Wo stecken die Geißlein? Auf der Lampe, unterm Grün der Zimmerlinde…

Der Wolf beschließt, erst mal das Zimmer aufzuräumen, damit die Tierchen keine Verstecke mehr haben. Außerdem gehen ihm Unordnung und Dreck auf die Nerven. Inzwischen verziehen sich die Geißlein in die noch chaotischere Küche. Wieder ein Suchbild!

Als das Erdgeschoss aufgeräumt ist, geht es im ersten Stock und unterm Dach weiter. Der Wolf putzt und räumt, um freien Blick auf seine Beute zu bekommen. Endlich hat er alle Geißlein vor sich. Unbeeindruckt hören sie zu, wie er über den Saustall schimpft. Da öffnet sich die Haustür, und Mutter Ziege, begleitet von ihren Nachbarn, den Schweinen, tritt herein, überragt den Wolf bei weitem und borgt ihn den Schweinen. Als Putzhilfe.

Sebastian Meschenmosers buntes Geißlein-Gewusel sprudelt von originellen Ideen und Lebensfreude nur so über. Ein Riesenspaß voller Hintersinn.

Wenn Papa im Gefängnis ist

Bilderbuch und Sachbuch

An Tagen, an denen der Vater Omas Haselnussparfüm benutzt, mag der Junge ihn lieber, denn das Minzparfüm erinnert ihn an den Geruch im Schulklo. Aber Papa lacht und sagt, wenn er das Haselnussparfüm nehme, würden sich die Eichhörnchen auf ihn stürzen. Lacht der Vater so, wird dem Jungen warm im Bauch.

Das Gesicht mit dem strahlenden Lachen füllt die ganze Seite des großformatigen Buches, in dem es nur wenige Farben gibt: Pappbraun, graue Schattierungen, schwarze Kohlestriche und Weiß. Ganz anders wirkt der Vater auf der nächsten Seite: Der Junge erinnert sich, wie es war, als er Papa die Zigaretten wegnahm, damit der nicht mehr raucht. Zwei Porträts, zwei Seiten einer Medaille.Auf dem Schulhof ist der Junge oft allein. Er weiß nicht, ob und wie er sagen soll, wo sein Vater ist: im Gefängnis. Nur eine Stunde haben der Junge und seine Mutter mit ihm, wenn sie ihn besuchen. Schließlich nennt der Junge ihn Wolkenbildhauer, Maulwurfsbändiger und Nebelfabrikant, denn er ist verantwortlich für den Nebel der Enttäuschung in Mamas Augen. Dafür hasst der Junge ihn. Aber er weiß: Das ist sein einziger Papa.

Jedes der meisterhaft gezeichneten Bilder fängt ein Stück der Geschichte dieser kleinen Familie ein: der Vater im Gefängnis, die Enttäuschung der Mutter, Liebe und Zorn des Jungen, der keine Ahnung hat, was er den anderen Kindern sagen soll. Indem ZAÜ den Vater lebendig und voller Gefühle zeichnet, vermittelt er seine Wahrheit dieser Geschichte: Ein Mann, der seinen Sohn liebt, und ein Junge, der ihn trotz allem vermisst.

 

Die Wahrheit über Armut in einem reichen Land

Kinderbuch

Die Autorin und Illustratorin Jutta Bauer hat Schülerfragen zum Thema „Armut“ gesammelt, die betroffene Erwachsene und Jugendliche beantworten. Schwerer war es, Reiche zum Reden zu bringen, denn die „sprechen nicht gern über Geld“, erläutert sie im Vorwort. Doch ein paar Reiche haben es getan.

Das Buch entstand in Hamburg, und die Armen, mit denen Jutta Bauer sprach, traf sie bei Organisationen, die arbeits- oder obdachlosen Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen helfen, zum Beispiel „Café mit Herz“, „Hinz & Kunz“ oder „KIDs“. Aber vieles, was sie in Hamburg fand, gibt es so oder ähnlich auch in anderen großen Städten.

Fakten ergänzen die Geschichten und Antworten: Wie viel Prozent Kinder gelten in der BRD 2015 als arm? 19,07 Prozent! Und der Prozentsatz steigt…

Die Fragen der Schüler beziehen sich jedoch nicht nur auf Daten und Fakten, sondern auch auf die Gefühle der Betroffenen, auf ihre Erwartungen, Freuden und alltäglichen Probleme: „Wo gehen Sie duschen?“

Das ist nicht wahr!

Bilderbuch

Auf dem Buch ist ein gelber Würfel zu sehen. „Das ist ein Ball“, steht daneben. „Das ist ein Fahrrad“ steht links auf einer Seite, und rechts sehen wir ein Auto. Als hätten wir Einspruch erhoben, lesen wir: „Guck dir die Räder an. Das ist auf jeden Fall ein Fahrrad.“ Niemals ist der Widerspruch eine Richtigstellung, sondern von Seite zu Seite werden die Behauptungen absurder.

Für dieses Buch braucht man Humor und die Fähigkeit, zu benennen, was man tatsächlich auf den Bildern sieht. Kind und Vorleser können es witzig finden, dass eine Prinzessin als Monster bezeichnet wird, ein Monster als Prinzessin und dass am Ende des Buches steht: „Das ist nicht das Ende von diesem Buch!“

Manche Menschen haben keine Freude an solchem Quatsch. Das kann man nur akzeptieren und still vor sich hin kichern.

 

Mikas Himmel

Bilderbuch

Der dunkle Hund Mika, der uns auf dem Titelblatt so treuherzig anschaut, ist tot. Wir sehen Hund und Körbchen, eine Kreidezeichnung auf mattem Schwarz – wie auf einer alten Schultafel. Dieses Schwarz bekommt farbige Ecken, die von Doppelseite zu Doppelseite größer werden und dem Schwarz langsam den Umriss eines Hundes geben. In den farbigen Rändern tauchen mehr und mehr Erinnerungen an ein Hundeleben auf: erst nur Stöckchen, dann ein im Regen tanzender Hund, einmal gar mit Flügeln.

In knappen Sätzen kommt der kleine Bruder zu Wort, der fragt, wie es für Mika im Himmel denn sein wird und ob der Hund auf den Wolken laufen kann. Keine Ahnung.

Am nächsten Morgen hört der kleine Bruder Gebell, und dann hören es alle: Gebell aus dem strahlend blauen Himmel. Und auf den weißen Wölkchen spielt ein glücklicher Hund.

Lakonisch, dicht und sehr berührend wird der kleine Bruder mit dem unfassbaren Sterben Mikas in wenigen Worten und Bildern konfrontiert: erst geheimnisvoll düster, dann immer fröhlicher greifen die Zeichnungen die Erinnerung an Mika auf. Ob es im Hundehimmel wirklich so zugeht – wir wissen es nicht. Aber glauben wollen wir es schon.

Ein zauberhaftes Bilderbuch von zwei großen Künstlerinnen, den Niederländerinnen Bibi Dumon Tak und Annemarie van Haeringen. Beide überraschen mit immer neuen Ideen und Formen.

 

Ich war’s nicht!

Kinderbuch

Robinhund ist ein lebhaftes Kind. Er hat im Kindergarten eine Freundin, Fritzi, die gern wild mit ihm spielt. Wenn er sie auf der Schaukel so doll anschubst, dass sie im hohen Bogen gegen Onno fliegt, ist er schuld. Die Kinder, ihre Erzieherin Hedda und die Leiterin sehen ihn nur als Störenfried. Schließlich reicht es Robinhund. Er haut ab und versteckt sich. Aber sein großer Bruder findet ihn, und sie gehen zusammen nach Hause.

Dieser große Bruder ist der verständnisvolle Freund, den sich wohl jedes Kind wünscht. Er versteht, dass das umgefallene Glas, der Flug von der Schaukel und andere Missgeschicke keine Absicht waren, ist stark wie ein Vater und damit für Robinhund ein Fels in der Brandung.

Kleine Skizzen auf dem Vorsatzblatt stimmen darauf ein, dass die beiden Jungen eine ganz besondere Beziehung haben: Sie spielen zusammen, fahren Schlitten und schlafen in einem Bett. Mit diesem großen Bruder kann Robinhund nichts passieren, und er versteht nicht, was er im Kindergarten überhaupt soll. Ohne die freche Fritzi wäre er dort unter kindlichen Bedenkenträgern allein.

Eine wunderbare Geschichte, besonders für Kinder, die Farbe ins Leben bringen, denen dabei auch mal was schiefgeht und die keinen großen Bruder haben.

 

 

Geld zu verkaufen!

Kinderbuch

Einer hat Geld, die andere nicht: Alma baut sich aus Treibholz ein Baumhaus in den alten Baum. Milan lässt sich von seiner Mutter einen funkelnagelneuen Bausatz aus dem Baumarkt mitbringen. Alma klaut ein paar von Milans Brettern, aber der will, dass sie die bezahlt, denn er findet, dass man für Geld arbeiten muss, und bringt Alma dazu, ihm zu helfen. Dafür gibt er ihr ein paar Münzen, für die er ihr dann sein altes Kaspertheater verkauft.

Alma merkt, dass sie für alles arbeiten soll, was Milan von seinen Eltern einfach so bekommt. Aber ein Baumhaus oder eine Strickleiter kriegt er nicht, denn das sei zu gefährlich.

Für die Strickleiter brauchen die Kinder wieder Geld, haben nun aber beide keins mehr und malen sich welches. Im Baumarkt kommen sie damit nicht durch. Doch inzwischen sind sie clever: Sie verkaufen ihr selbst gemachtes Geld als Lesezeichen, halten zusammen und erreichen mit ihren originellen Ideen immer mehr. Als nächstes wollen sie sich ein Floß bauen, Milans Hütte draufsetzen und später auf Piratenfahrt gehen.

Ein Lehrstück über Arm und Reich, Haben, Brauchen, Gerechtigkeit und die Bedeutung des Geldes. Zwei Kinder finden einen Weg, zusammen zu spielen – trotz ihrer Unterschiede. Doch es bleiben Fragen offen: Warum muss Alma arbeiten, wenn sie etwas braucht? Und warum bekommt Milan alles umsonst?

 

Der kleine Koch

Kochbuch für Kinder

„Kochen, was schmeckt“, fordert dieses Kochbuch und empfiehlt den Kindern, selbst zu kochen und darauf zu achten, was in der Umgebung wann und wo wächst. Deshalb ist das Buch in Jahreszeiten aufgeteilt. Die Rezepte und Tipps wurden in den mobilen Küchen von Junior Slow e. V. – am besten mal googeln – und von den Autoren ausprobiert, mit Kindern gekocht und gegessen. Verbote wie „kein Fleisch“ und „kein Zucker“ gibt es nicht, nur Tipps wie Bio-Eier oder Bio-Mehl. Damit werden die Autoren den Ideen der Slow Food Bewegung gerecht, die sich nicht nur für gutes, sauber und fair produziertes Essen einsetzt, sondern auch für Geschmacksbildung und Lebensmittelwissen.

Die Rezepte sind nicht durchgehend vegetarisch, wenn sie auch fast ohne Fleisch auskommen, und schon gar nicht vegan, obwohl einige dahingehend abgewandelt werden könnten. Schließlich weiß man schon seit langem, dass Ausprobieren und Selbermachen die Geschmacksnerven schulen und am besten für gesunde Ernährung werben.

Da Kinder vernünftigerweise nicht – ganz – allein kochen, ist die gemeinsame Herstellung von Lebensmitteln nicht nur in Familien, sondern auch in Tagesstätten oder Ganztagsschulen mit Küchen etwas, das wirklich Spaß macht.

Mick Mangodieb

Kinderbuch

König Linus I. lässt seine Untertanen hungern, verbannt sie auf eine Insel im Meer und lässt deren verwaiste Kinder in den Kohlebergwerken schuften. Er will nichts anderes essen als Zuckerwecken. Deshalb nimmt ihn seine Braut nicht. Also verdonnert er immer wieder einige Untertanen, für ihn zu kochen. Wenn es ihm nicht schmeckt, werden sie auf die Insel verbannt oder den Haien zum Fraß vorgeworfen. Als Mick beim Mango-Klauen erwischt wird, muss er für den König kochen. Die Abmachung: Wenn es Mick gelingt, dem König sieben Tage hintereinander etwas Schmackhaftes zuzubereiten, sind er und die auf die Insel Verbannten gerettet – darunter Micks Eltern und die Eltern seiner Freunde.

Mit stets frischen Zutaten und vielen Kräutern gelingt es Mick, so zu kochen, dass es dem König schmeckt. Er benutzt ein altes Kochbuch, das er in den Hinterlassenschaften seiner Eltern gefunden hatte, entdeckt einen versteckten Kräutergarten und dort einen alten Mann, der sich mit dem Kochbuch auszukennen scheint. Wem beim Lesen das Wasser im Mund zusammenläuft, der kann die Rezepte nachkochen.

Das Besondere an dieser Geschichte ist die hingebungsvolle Schilderung guten Essens und seiner Zubereitung. Ganz nebenbei geht es auch ums Überleben mit dem, was man hat: Was auf der Insel nicht wächst und gedeiht, das gibt es nicht und vorgefertigte Lebensmittel schon gar nicht.