Kinderbuch der Woche: Die Wahrheit über den Osterhasen

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Nichts gegen Rituale und Mythen. Ganz abgesehen vom Ei als Fruchtbarkeitssymbol – seit mindestens einem Jahrhundert tun wir alles dafür, dass Kinder einen Hasen nicht von einem Kaninchen unterscheiden können und es für möglich halten, dass Hasen Eier legen. Zwar tut das weh, aber sei´s drum. Es wäre nur halb so schlimm, wenn die Bilderbuchwelt den in Gruben und Gängen lebenden Hasen nicht immer wieder aufleben ließe. Vielleicht weil das Wort Kaninchen so lang ist?

Hasen graben keine Höhlen, sondern sitzen geduckt in ebenerdigen Sassen. Wildkaninchen wohnen in Höhlen. Zwar haben Kinder gelernt, „dass es den Osterhasen nicht gibt“, aber das Buch „Hasenfest und Hühnerhof“ von Eva Sixt, das 2016 auf den Markt kam, könnte sie interessieren. Es ist ein Sachbuch über Hasen, Kaninchen, Hühner und deren Lebensweisen. Wer es kennt, kann auf Spaziergängen erzählen, dass gerade Wildkaninchen im Park herumhoppeln und was sie von Hasen unterscheidet. Die – größeren – Hasen lassen sich nämlich viel seltener sehen. Von Februar bis April, in ihrer Paarungszeit, wagen sie sich aus der Deckung. Ihre Wettläufe, Sprünge und Boxkämpfe sehen wie wilde Tänze aus. Wer das Glück hat, so etwas einmal zu sehen, ist fasziniert. Ansonsten sind die Hasen scheu und eher in der Dämmerung oder nachts aktiv. Sie leben in Landschaften mit Feldern, Äckern oder Wiesen, also eher in der Wildnis und nicht im Park.

Wildkaninchen dagegen sind auch in Stadtparks zu Hause und graben ihre Höhlen gerne in sandige Böden. Sie können zu Landplagen werden und sind besonders an Flüssen und am Meer gefürchtet, weil sie Dämme und Deiche unterhöhlen und dadurch zum Einsturz bringen. Von den Wildkaninchen stammen die Hauskaninchen ab, deren Arten die Illustratorin und Autorin Eva Sixt beschreibt und nicht verschweigt, dass sie – vielerorts Stallhasen genannt – den Menschen seit Jahrtausenden als Fleisch- und Felllieferanten dienen.

Die Eier stammen natürlich von den Hühnern. Im Buch lernen wir die Arten der modernen Hühnerhaltung kennen – vom Öko- bis zum Käfighuhn.

Bei all der Begeisterung für Osterhasen und Ostereier kann es nichts schaden, ein bisschen mehr über die unschuldigen Namensgeber zu wissen. Besonders gelungenen sind die Schwarzweiß-Zeichnungen der Tiere in Bewegung und die ganzseitigen Bilder von den Hasen beim Paarungstanz in der freien Natur.

Ein bisschen Aufklärung ab fünf Jahren darf schon sein, findet Gabriela Wenke.

 

 

Kinderbuch der Woche: Ein Pups gegen die Langeweile

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Bilderbuch


Man glaubt, das ist ein gut gemachtes Bilderbuch: Engagierte Eltern wollen ihre Kinder weg vom Tablet und raus in die Natur locken – aber das ist nur eine Seite der Geschichte. Als die Kinder nach dem Tablet-Entzug wie nasse Säcke über einem Ast hängen, geradezu betäubt von der unerträglichen Langeweile ohne Tablet, bleiben die gut gemeinten Ratschläge von Vater Gans (oder Ente?) unbeachtet. Fußball spielen ist langweilig, rennen, schaukeln, Blindekuh auch und beim Wäsche-Aufhängen helfen sowieso. Selbst als der Vater ein Planschbecken aufpumpt, um den Kindern eine Freude zu machen, erwachen Merle und Robbi nicht aus dem Koma der Langeweile. Nur Spatz stürzt sich überglücklich in das Becken, aber das reißt die beiden nicht aus ihrer Lethargie.
Plötzlich muss Robbi pupsen, bezichtigt Spatz, das Geräusch verursacht zu haben, doch der sagt, er habe nicht „pups“, sondern „blubb“ gemacht. Das finden alle lustig und haben auf einmal mehr Spaß, als sie sich vorstellen konnten. Solche Wirkungen können Kleinigkeiten haben!
Diese Alltagsgeschichte zeigt, dass es sich lohnt, es mit dem wahren Leben zu versuchen statt mit dem Tablet. Den Erwachsenen macht sie Mut, ruhig abzuwarten, bis Geist und Körper der Tablet-gewohnten Helden sich auf den Echtzeit-Modus umgestellt haben.
Humor und Hintersinn bewirken, dass die zart gestrichelten Geflügel-Figuren der Gefahr der Niedlichkeit entgehen, und man vergisst ganz und gar, dass da keine Menschenkinder zu sehen sind. Kinder ab drei Jahren wissen sowieso gleich, wer gemeint ist: sie und ihre Freunde.
Erwachsene sollten sich von den kurzen Texten nicht dazu verführen lassen, das Buch zu schnell vorzulesen. Das Abhängen und Langweilen muss wirken können, bevor man seinen Spaß daran haben kann. So viel Zeit muss sein, findet die Rezensentin und empfiehlt allen Vorlesern dieses bezaubernde Büchlein gegen die digitale Konkurrenz.

 

 

Kinderbuch der Woche: Inselleben für Anfänger

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Der Ich-Erzähler Peter und seine Freunde spielen leidenschaftlich gern Piraten. Zum Kostümfest ist klar, wie sie sich verkleiden wollen: als Piraten! Aber weil „Robinson Crusoe“ Peters Lieblingsbuch ist, illustriert mit fantastischen Bildern, schlägt ihm seine Mutter vor, als Robinson zum Fest zu gehen. Geschickt näht sie ihm ein Kostüm aus Tierfellen. Doch Peters Freunde kennen die Geschichte von Robinson nicht und finden das ungewöhnliche Kostüm lächerlich. Beschämt und gekränkt verlässt Peter das Fest, wird krank und fällt in Fieberträume, in denen er Robinson ist, auf dessen Insel lebt und Ausschau nach Piraten hält. Tatsächlich entdeckt er welche, aber es sind seine Freunde, und er ist zu Hause in seinem Bett. Die Freunde merkten nämlich, dass sie ihn gekränkt hatten, besuchen ihn nun, wollen mehr über Robinson Crusoe erfahren und sind bereit, sich auf Peters Lieblingsgeschichte einzulassen.
Peter Sis ist ein Ausnahmekünstler. Mit seinem prägnanten Illustrations-Stil setzt er diese Freundschafts- und Abenteuergeschichte so grandios ins Bild wie die Themen seiner anderen Bücher, die oft zwischen Sach- und erzählender Bildgeschichte changieren. Kleinere Bildsequenzen erhellen den Hintergrund des Geschehens, und eine Traumsequenz zeigt, wie Peter sich als Robinson auf der Insel fühlte. Jede Seite steckt voller Entdeckungen, angesiedelt zwischen Traum und Wirklichkeit.
Ein wunderschönes Bilderbuch mit kurzen Texten, die von Leseanfängern schon selbst gemeistert werden können, aber auch Kinder im Grundschulalter interessieren. Die Kurzfassung der berühmten Geschichte von Daniel Defoe macht Lust darauf, den berühmten Roman später selbst zu lesen.

 

 

Kinderbuch der Woche: Ferienglück am Meer

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

 

Es ist ein bezauberndes Bilderbuch. Bezaubernd – ein altmodisches Adjektiv für eine altmodische Geschichte? Ja, nein, vielleicht.
Wir begegnen Frau Alwina, rund und mit Sonnenhut, schon „im Skizzenbuch des Malers“ auf den vier (!) Seiten Vorsatzblatt, also auf den Seiten, bevor die Geschichte losgeht. Mit den Augen des Malers und in seinen Skizzen sehen wir, wie sie entsteht: ein Strand, die Gezeitenküste, die Promenade – am ehesten französisch – und eine dicke Frau, die traurig vor dem Hotel sitzt, weil ihre Buchung verschlampt wurde.
Aber Alwina gibt nicht auf und landet in einer Pension mit Bad auf dem Flur, in dem schon ein munteres kleines Mädchen in der Wanne sitzt und sich vehement beklagt, bei der Tante hier einfach abgeladen worden zu sein. Bevor Alwina erklären kann, dass sie auch eine von deren „doofen Gästen“ ist, hat Nelli schon gemerkt: Alwina ist nicht doof.
Nun erleben die beiden einen wunderbaren Sommer am Meer. Alwina findet, sie ist „gut im Wasser – das liegt am Fett“. Und sie hat keine Kinder, weil die meisten Männer keine dicken Frauen mögen, sagt sie. Den beiden gehen die Ideen nicht aus, und Nelli lernt sogar, sich erholsam zu langweilen.
Doch Alwinas Ferien gehen zu Ende, und Nelli bleibt heulend am Bahnhof zurück. Sie hat nur noch Alwinas Hut, der eigentlich ein bisschen zu groß ist, aber den sie auch dann noch trägt, als sie wieder zur Schule geht. Außerdem kommen Briefe, und man glaubt, dass diese ungewöhnliche Freundschaft noch lange nicht zu Ende ist.
Aus den zahlreichen Bilderbüchern von Heribert Schulmeyer, die ich in Händen hielt, ragt dieses heraus. Eine unglaubliche Leichtigkeit des Seins erfüllt Alwinas und Nellis Sommer, der für immer in Erinnerung bleibt: Das Licht, die Farben, die Bewegung und die rundum glückliche Begegnung eines kleinen Mädchens mit einer Frau, kurz: eine zauberhafte Geschichte.
Auch auf den vier (!) Nachsatzblättern folgen wir den leichthändigen Skizzen des Malers und sehen mit seinen Augen das Potenzial, das in der Begegnung steckt, die sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort ereignete.
Bei diesem Buch geht einem das Herz auf. Unbedingt vorlesen!

 

Kinderbuch der Woche: Bilder für Europa

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

2017 rief Markus Weber vom Moritz Verlag Illustratorinnen und Illustratoren auf, ihm Zeichnungen für Europa zu schicken. Wie sie ihre Idee umsetzen, war ihnen freigestellt. Während der Frankfurter Buchmesse 2017 wurden die Bilder in einer Ausstellung präsentiert und später versteigert. Der Erlös ging an die unabhängige Bewegung „Pulse of Europe“.

Europäische Kinderbücher sind schon seit vielen Jahrzehnten Teil des weltweiten Buchmarktes. Oft ist den Vorleserinnen und Vorlesern gar nicht bewusst, aus welchen europäischen Ländern die Illustratoren stammen. Der Brexit könnte nun wie der Ausschluss aus der europäischen Bilderbuchfamilie wirken, befürchtet Axel Scheffler, der seit 36 Jahren in Großbritannien lebt und mit der britischen Autorin Julia Donaldson seinen europa- und weltweit berühmten Grüffelo in die Bilderbuchwelt brachte.

Auf den Buchmessen in Frankfurt, Leipzig und Bologna ist die europäische Idee gerade in den Bildern der Illustratorinnen und Illustratoren vertreten, die man meist ohne Texte versteht. Schon seit vielen Jahrzehnten gleicht der Blick in einen Kinderbuchladen von Spanien bis Norwegen, von Estland bis Groß-Britannien einem Treffen alter Bekannter, die man in der jeweiligen Muttersprache längst kennt. Mit ihren Bildern und kurzen Texten werben Quentin Blake, Polly Dunbar und Chris Riddel, britische Künstler, die zu den Illustratoren der Ausstellung 2017 hinzukamen, weiterhin für ein Vereintes Europa – mit Groß-Britannien.

Axel Scheffler schreibt in seinem Vorwort, dass er immer noch auf das Einsehen der Politik hofft. Und ich hoffe mit vielen anderen, dass dieses Jahr 2019 nicht das Ende einer wunderbaren Chance auf ein vereintes Europa mit sich bringt.

Schauen Sie mit Kindern und Erwachsenen die Texte und Bilder an. Sprechen Sie miteinander über die europäische Idee. Staunen Sie über die Vielfalt und Qualität europäischer Illustratorinnen und Illustratoren. Das wünscht sich

Ihre Gabriela Wenke

 

 

 

Kinderbuch der Woche: Ein starkes Mädchen

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Billie schaut auf die Welt wie Pippi Langstrumpf. So ähnlich formulierte es eine Rezensentin im Internet. Das irritierte mich, denn Billie ist zwar stark, könnte aber nie ein Pferd mit einer Hand hochheben. Doch ihre emotionalen und seelischen Kräfte sind erstaunlich. Sie schöpft sie aus dem Leben mit ihrer Mutter, die anscheinend wenig geeignet zu sein scheint, einem Kind ein schönes Heim und eine angemessene Erziehung zu geben. Aber sie ist selbstbewusst und lebt mit Billie in einem Kokon aus Zuneigung und Offenheit. Weil sich ihr körperlicher und seelischer Zustand immer stärker verschlechtern, wird Billie vom Jugendamt zu einer Pflegefamilie hoch in den Norden Schwedens geschickt, in einen Ort namens Bokarp.

„Billie alle zusammen“ heißt der dritte Band über ein Ausnahmekind, das ganz ohne „fantastische“ Eigenschaften ein Leben meistert, an dem andere Kinder zerbrochen wäre. Wie ein Naturereignis bricht sie in die Borkarper Familie ein, stellt die richtigen Fragen, kann Wichtiges von Unwichtigem trennen und unbeirrbar beobachten.

Billie ist nicht naiv. Obwohl sie sich an Gemeinsamkeiten, Nähe und Intimität erinnert, sieht sie bei einem Besuch in Stockholm: Die Mutter ist inzwischen so krank, dass Billie nicht mehr bei ihr leben kann. Und: Billie meint, was sie sagt, sagt, was sie sieht, und besteht nicht darauf, immer Recht zu haben. Ihr realistischer, freundlicher Blick auf die Pflegefamilie öffnet den Eltern und den beiden Kindern die Augen: Nach dem Tod eines kleinen Bruders verfiel die Familie in eine Starre, der sie mit der Aufrechterhaltung von Regeln und familiären Ritualen zu begegnen versucht, was niemandem hilft: Die Tochter präsentiert sich im Internet als eine Art Model und gibt anderen Mädchen Schminktipps; der Sohn zieht sich mit seinen Tonarbeiten ins Gartenhaus zurück; der Vater hält sich an Handball und gesunde Ernährung; die Mutter versucht, sich als Pfarrerin mit Ordnungsregeln gegen die Ungerechtigkeit der Welt zu wehren, die ihr das jüngstes Kind nahm.

Im ersten Band der kleinen Reihe entdecken wir mit dem Großstadtmädchen Billie die Szenerien und Inszenierungen dieser im Schock erstarrten Familie. Billie, die mit ihrer Mutter seit Jahren auf Augenhöhe lebt, durchschaut die Rituale der in ihrem Unglück steckengebliebenen Menschen. Ohne Bosheit weigert sie sich, unsinnige Regeln einzuhalten. Den Kopf voller Rasta-Locken und in Secondhand-Klamotten, sieht sie aus wie ein Gegenentwurf zu den Borkapern, die sich jedoch von Buch zu Buch – der zweite Band heißt „Billie – wer sonst?“ – immer mehr aus ihren verkrusteten Strukturen zu lösen beginnen.

Zwar überlebt die Ehe von Petra und Mange diese Lösung nicht, aber sie führt zur Verbesserung der Beziehungen. Das stellt Billie vor ein neues Problem: Obwohl sie nun in der Familie und in der Schule angekommen ist, will das Jugendamt sie – der Trennung der Eheleute wegen – herausholen. Es braucht einen Großeinsatz von Erwachsenen und Mitschülern, damit Billie bleiben kann, wo sie endlich angekommen ist.

Billie ist eine starke Mädchenfigur, deren Geschichte sich den üblichen Zuordnungen entzieht. Sie ist den Menschen zugewandt, sie reagiert auf Unbekanntes mit Neugier und Offenheit. Ihre Frage ist nicht „Was tut ihr mir an?“, sondern „Wie kann ich euch verstehen – und euch vielleicht sogar helfen?“

Um auf den anfänglichen Vergleich mit Pippi Langstrumpf zurückzukommen: Billie hat den Mut, eigene Antworten zu finden, damit es allen ein bisschen besser geht.

Unbedingt lesen und weitergeben. Das empfiehlt

Gabriela Wenke

 

 

 

 

 

Kinderbuch der Woche: Vermeintlich fremd

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Bilderbuch

Durch flächige Illustration in starken Farben und kräftigem Strich zieht das Buch die Blicke auf sich. Dunkles Rot und sandiges Gelb, von einer Diagonale getrennt, teilen sich den Titel. Schwarz wirft ein unheimliches Wesen seinen Schatten: „Zorilla“ zieht sich in glänzenden Buchstaben über den Titel. Wir begegnen ihm wieder auf einer in grelles Grün getauchten Straße, wo ihm die Bewohner – Affen, Hunde und andere Tiere – ängstlich hinterherschauen. Im Hafenviertel beäugen die Tiere neugierig bis misstrauisch die kräftige, dunkle Gestalt im schwarzen Mantel, die ihnen unheimlich ist und über die viel geredet wird.

Zorilla redet mit niemandem. Im Schutze der Dunkelheit kauft er sonderbare Dinge ein, aus seinem Haus kommen unheimliche Geräusche. Als ein paar Mutige sich heranschleichen wollen, werden sie von hellen Blitzen und glühender Hitze vertrieben. Alle haben Angst, stellen aber am nächsten Morgen fest, dass Zorilla verschwunden ist.

„Was ist geschehen?“ fragen sie sich, als sie in Zorillas Haus eine riesige Wanne, einen Schmelzofen und andere seltsame Dinge finden. „Hätten sie nur einmal den Zorilla gefragt“, heißt es in der Mitte des Buches, in der nur der Schatten Zorillas über die Seiten ragt.

Dann erzählt Jutta Bücker, „was auch geschah“: Ein schwarzer Marder tanzt allein und voller Fernweh in seinem Zimmer, baut sich schließlich aus all dem geschmolzenen Glas eine riesige Flasche, so groß, dass er sich hineinsetzen und dahin schwimmen kann, wo es offensichtlich einen anderen oder eine andere seiner Art gibt.

Die wunderschönen, emotionalen Bilder zeigen im ersten Teil die Angst, das Schattendunkel des Zorilla und die furchterregenden Fratzen der anderen Figuren, die ihn zu verfolgen scheinen. Im zweiten Teil sind die Bilder voller Heiterkeit und Leichtigkeit, voller Sehnsucht nach Sonne, Wärme und voller Freude, als Zorilla sich schließlich wie eine Flaschenpost ins Meer, in die Welt wirft. Das sollte man sich mit Kindern unbedingt zu Gemüte führen und vor Augen halten, findet Gabriela Wenke

 

 

 

100 Gedichte für Kinder

Kinderbuch

Gedichte sind ja eher nicht praktisch, sondern poetisch. Aber das Buch „Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht“ mit 100 neuen Gedichten deutschsprachiger Autorinnen und Autoren ist sehr praktisch: Knallrot, so dass man es nicht übersehen und immer wiederfinden kann. Ein bisschen elastisch und nicht zu groß, so dass es in einen kleinen Rucksack passt, zum Mitnehmen und Rumtragen. Auf diese Weise hat man immer ein Gedicht zur Hand. Uwe Gutzschhahn, der nicht nur für sein Lebenswerk als Übersetzer den Deutschen Jugendliteratur Preis erhalten hat, sondern Autor und insbesondere Lyriker ist, hat die 100 neuen Kindergedichte gesammelt, in denen viel Humor, Witz und Schabernack zu finden ist. Das sollte Erwachsene ermutigen, auch mal ein Gedicht vorzutragen. Und mit 100 Gedichten kann man 20 Wochen Tag für Tag bestücken – a poem a day, keeps the Nachhilfelehrer away –, bis jedes Kind selbst so dichten kann wie Gerhard Rühm:

verunglücktes abzählgedicht;

eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,

acht, neun, zehen — eine fehlt

Die restlichen 99 Gedichte möge sich die geneigte Leserin, der amüsierte Leser selbst anschauen – nebst der wagemutig-farbenfrohen Bilder von Sabine Kranz.

100 Gedichte sind ein guter Beginn für ein poetisches 2019!

Gastfreundschaft

Bilderbuch

„Ein Sturm zieht auf, ein Sturm zieht auf!“ Die Waldbewohner verrammeln ihre Häuser, gefüllt mit Vorräten, Wärme und Licht. Sie machen es sich gemütlich. Da kommen Großer Bruder Bär und sein kleiner Bruder. Misstrauisch aus Gucklöchern beäugt, bitten sie höflich um Einlass. Ihnen ist kalt, sie haben Hunger, und sie haben Angst im Dunkeln. Aber niemand lässt sie ein. „Der Platz reicht schon für uns kaum aus. Geht weiter bis zum nächsten Haus.“ Nur Kleiner Fuchs läuft ihnen nach und bringt ihnen eine Laterne.

Abgewiesen landen sie auf einem eisigen Hügel. Doch sie haben Glück: Es beginnt zu schneien. Wie man aus Schnee Höhlen baut, das wissen die Bären. Als Familie Fuchs aus ihrer zusammenbrechenden Höhle fliehen muss, findet sie bei ihnen Unterschlupf.

„In einer Nacht ohne Ende

Und ohne Mondenschein

Öffneten zwei Fremde

Ihr notdürftiges Heim.“

Die kleine Geschichte wird in lyrisch-rhythmischer Sprache erzählt, in Reimen, die die Suche beschreiben. Tiere als handelnde Personen – das Buch könnte schon 100 Jahre alt sein. Trotzdem oder gerade deswegen bringt es das Thema „Gastfreundschaft“ bezaubernd auf den Punkt, das für viele Gemeinschaften überlebenswichtig war und ist. Mit lebhaftem Strich, ausdrucksstarken Figuren und einer Sprache, die sich fast von allein vorliest, überzeugt das Buch ebenfalls.

Farben der Wut

Bilderbuch

Eine Bildgeschichte über die Wut eines Kindes: Vom „fröhlichen Vögelchen“ verwandelt es sich in eine „runzlige Rübe“, wenn der Zorn es packt. Was ihn so in Wut versetzen kann, schildert der kleine Ich-Erzähler, begleitet von Bildern, die ihn in einer rosaroten familiären Idylle zeigen: Vater, Mutter und Kind – breit lächelnd.

Aber wenn das Kind nur noch will und will und will, sagen die Eltern „Nein“ und verharren inmitten des kindlichen Wutanfalls aus allen Rottönen in zurückhaltendem Weiß. Erst als sich das Gefühlsgewitter gelegt hat und der Junge wieder ein bisschen denken kann, fällt ihm ein, was die Eltern immer sagen: dass sie nicht gut hören können, wenn sie jemand anschreit, und dass die Leute sich voneinander entfernen, wenn sie zu laut zu sind. Als der Junge sich beruhigt hat, erinnert er sich, dass Mama ihn liebhat und dass ihr Weiß seinem Rot näherkommt, bis die Welt rosarot ist.

Ein schneller, explodierender Strich und explosive Farben zeigen die Gefühle des Kindes und auch den Punkt, an dem es „zurückrudert“, sich beruhigt und seine Gedanken wiedereinsetzen. Geradezu beneidenswert vorbildlich begleiten die Eltern das Kind durch die große Wut, indem sie sich zurückziehen, abwarten und für ihr Kind da sind, als es wieder „weiß“ sehen kann.

Die in Wort und Bild überzeugend erzählte Geschichte von der großen Wut, aus der einem – bitte! – jemand heraushelfen möge, ist auch ein Ratgeber für Eltern, ganz ruhig und „weiß“ zu bleiben, schon um sich auf die rosaroten Momente danach freuen zu können.

Kinderbuch der Woche: Wolf, Ente und Maus

Eine kurze Geschichte für kluge Kinder und Philosophen

Eines Morgens trifft eine Maus einen Wolf, der sie frisst. Damit ist die Geschichte jedoch nicht beendet, denn der Wolf hat die Maus lebend verschlungen.

Mit ihrem lauten Klagen stört die Maus eine Mitbewohnerin im Wolfsbauch, nämlich die Ente, die schlafen will. Weil die Maus erklärt, es sei draußen Morgen, bietet die Ente erst einmal Frühstück an: gedeckter Tisch, Stühle, Tischtuch, Marmelade. „Du wirst dich wundern, was man in einem Wolf so alles finden kann“, sagt die Maus zufrieden und erzählt, sie habe draußen immer Angst gehabt, von einem Wolf gefressen zu werden. Die Sorge habe sie nun nicht mehr. Das überzeugt die Maus. Höflich fragt sie, ob sie bleiben darf. Klar – und das feiern die beiden mit Wein und Leckereien, so dass dem Wolf ganz schlecht wird. Das lockt einen Jäger an, doch der schießt daneben. Aber der arme Wolf ist so fertig, dass er nicht fliehen kann. Aus seinem Maul blasen Maus und Ente zur Attacke und vertreiben den Jäger. Der dankbare Wolf will sich bei den beiden revanchieren: Sie haben einen Wunsch frei. Natürlich wünschen sie sich, im Wolfsbauch wohnen bleiben zu dürfen. Seitdem heult der Wolf nachts immer den Mond an.

Seit Jona im Bauch des Wals gelandet war, hat sich niemand jemals Gedanken darüber gemacht, wie es dem Wal damit erging. Zwar waren die Größenverhältnisse anders – doch Jona war schon ein großer Brocken für jemanden, der sonst nur Krill frisst. Aber das ist eine andere Geschichte…

Die Geschichte „Der Wolf, die Ente und die Maus“ ist vorwiegend in Brauntönen mit gebrochenem Weiß gehalten. Ein wenig Rot, Orange und Grün gibt es nur im Bauch des Wolfes. Jon Klassen braucht nicht viele Farben und auch nur wenige, sehr abstrahierende Bilder, um die Geschichten zu erzählen. Trotzdem verstehen Große und Kleine sie auf wunderbare Weise.

 

Das Kinderbuch der Woche: Spielwörter und Wörterspiele

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

 

Schon im Vorwort sagt Christoph Niemann, dass Zeichnen und Schreiben für ihn eng verbunden sind. Das macht den Witz der 352 Seiten voller Wörter und Zeichnungen aus. Auf Seite 9 steht nur das Wörtchen „ich“. Darüber ein äußerst reduziertes, lächelndes Gesicht, das sich in einem Rechteck spiegelt.

Manche Zeichnungen stehen allein auf einer Seite. Zum Beispiel ein Mann. Auf der Seite gegenüber ist ein Junge zu sehen, in der gleichen Kleidung wie der Mann, aber sie ist dem Jungen viel zu groß. So interpretiert und deutet Christoph Niemann das Wort „Mann“.

Es macht Spaß, das dicke Buch durchzublättern, wenn man schon lesen und sich Seite für Seite den Zusammenhang zwischen Wort und Bild erschließen kann. Liest jemand die Wörter vor, können jüngere Kinder die Zusammenhänge beim Blättern leicht entschlüsseln und ganz nebenbei sogar ein wenig Lesen lernen: Bilder und Wörter lesen.

Je nach Temperament und Sprachgefühl werden Kinder, die die Geduld haben, verlockt, sich dicke Wälzer wirklich anzuschauen, und finden jede Menge Ideen zu Zeichnungen und Wörtern. Wer weiß, worauf sie dabei kommen…