Haro Senft: Zurück in die Kindheit

Die Filme von Haro Senft sind für Kinder gemacht. Erwachsene lieben sie, weil sie den Abstieg in die verschüttete eigene Kindheit erlauben, in Träume und Erinnerungen.

The Best of: 8 Filme auf 2 DVDs inkl. Begleitheft sind jetzt bei wamiki erschienen. Für Aus-und Weiterbildung besonders geeignet!

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„Sonnentage“, „Mondtag“ und „Ein Tag mit dem Wind“… Eine Zeitreise von Jürgen Zimmer

Im Jahr 2003 veröffentlichte der entwicklungspsychologische Pionier Daniel Stern das Buch „Die Lebenserfahrung des Säuglings“ – eine kleine kopernikanische Wende. Ohne die Kinderfilme von Haro Senft zu kennen, wurde Stern gleichsam sein entwicklungspsychologischer Partner. Stern nahm quasi die Kamera, kletterte in einen Säugling und filmte – mit dem Blick des Säuglings – von innen nach außen: ein zunächst wirres, konturloses, unscharfes Ineinander von Farben und Bewegungen, eine geheimnisvolle Welt und ein rat- und tatenloses Kind? Nein, Sterns Kleinkind ist ein großer Experimentator. Es probiert und macht und wiederholt und variiert und lernt im Zick-Zack. Aber es lernt nicht nur, sondern verwandelt die nahe Welt, ist ein grenzenlos neugieriger Eroberer, nicht von außen, sondern von innen getrieben.

Weiter so? Nein. Denn nun treten die domestizierenden Erwachsenen auf und trimmen das Kind. Seine Entdeckungsfahrten enden in gesitteten Lernprogrammen. Der lange Marsch des Kindes durch die pädagogischen Institutionen beginnt.

Es ist noch nicht lange her, dass die Kindheitsforscher eine Eigenschaft bei Kindern diagnostizierten, die scheinbar neu, in Wahrheit wohl aber uralt ist: die Resilienz. Also die Widerstandskraft eines Kindes, die Fähigkeit, selbst abwegige Erziehungsversuche und Verhaltensweisen Erwachsener irgendwie zu überstehen. Das Kind als Entdecker, Experimentator, Guerillero und Geheimnisträger.

Damit sind wir beim Avantgardisten Haro Senft, dem Mann, der Daniel Stern 20 Jahre voraus war.

Haro Senft interpretierte den Situationsansatz filmisch, entwickelte den Kinderfilm in überzeugender Weise weiter und nahm Abschied von Papas Kinderkino.
Ein Beispiel:

 „Hinter dem Zaun“

Eine Szene auf einer freien Fläche in einer Vorstadtsiedlung Münchens: Ein Junge zwirbelt am Propeller seines gummigetriebenen Flugzeugs. Es steigt auf und landet hinter dem Zaun in einem Garten. Dort steht eine kleine Hütte, in der ein alter Mann werkelt. Das weiß der Junge aber noch nicht. Er weiß es weder in Wirklichkeit noch im Film, sondern sucht seinen Flieger und kommt in den Garten. Er sieht den alten Mann. Der sieht ihn auch. Der alte Mann bekam von Haro nur mitgeteilt, dass etwas geschehe und er sich darauf einlassen möge.

Beide – der alte Mann und der Junge – sind überrascht, und alles, was nun geschieht, steht in keinem Drehbuch, sondern entwickelt sich aus der Situation heraus. Den Jungen interessiert, was der Alte in seiner Hütte macht; es gibt viel zu sehen und anzufassen. Nachdem der Alte den Flieger mit einer Stange vom Baum heruntergeholt und repariert hat, wobei die beiden sich anzufreunden beginnen, kommt – im Film so unerwartet wie in der Wirklichkeit dieses Drehtags – ein Mann zu Besuch, ein alter Grantler, der den Jungen und seine Freunde zurechtweist und sich dafür rotzfreche Antworten einhandelt. Auch nicht zu erfinden ist die Szene, in der der Junge eine Walnuss knacken will. Weil er das nicht schafft, versucht es der Alte, kriegt die Nuss aber auch nicht auf.

„Hinter dem Zaun“, von Haro Senft 1974 als Kurzfilm gedreht, ist ein vergessener Klassiker des deutschen Films mit Kindern, für Kinder und für Erwachsene, die sich an den nicht vorfabrizierten Pointen des Geschehens erfreuen. Haro provoziert Situationen von Kindern und mit Kindern und spürt den Ereignissen nach, die sich daraus ergeben. Das schützt ihn vor gestelztem Laienschauspiel. Seine Personen dilettieren nicht nach Textvorgaben, sondern reden und handeln aus sich heraus.

 

 

Haro Senft ist tot

Noch vor wenigen Tagen haben wir E-Mails ausgetauscht, nun mussten wir erfahren, dass der Filmemacher Haro Senft plötzlich gestorben ist.

Haro Senft (1928-2016) war ein Autorenfilmer der ersten Stunde und einer der Unterzeichner des Oberhausener Manifestes von 1962, mit dem Filmemacher unter dem Motto „Papas Kino ist tot“ der seichten Nachkriegsfilmproduktion aus Heimatfilmen und Liebesschnulzen den Kampf ansagten. „Seine Kurz- wie Autoren- wie Kinderfilme waren prägend und sind unvergessen“, teilte seine Agentur mit.

Haro Senft hat zwischen 1954 und 1997 über 40 Filme gemacht, als Produzent, aber meistens als Autorenfilmer – Produzent, Regisseur und Autor in Personalunion.

In der diesjährigen Berlinale-Retrospektive ”Deutschland 1966 – Filmische Perspektiven in Ost und West“ wird endlich wieder sein Spielfilm ”Der sanfte Lauf“ auf der großen Leinwand gezeigt. In diesem Film bekam übrigens Bruno Ganz seine erste große Hauptrolle. Schade, dass Haro Senft, der 2012 die Berlinale-Kamera der Berliner Filmfestspiele erhielt, dies nicht mehr miterleben kann.

Ab 1971 widmete sich Senft überwiegend der Regie und Produktion von Kinderfilmen, beispielsweise für die ZDF-Serie „Rappelkiste“. 1978 war er Mitgründer des „Fördervereins Deutscher Kinderfilm“ und bis 1998 auch Mitglied des Kuratoriums. Von 1980 bis 1984 leitete er in Südamerika, Asien, Afrika und Europa Seminare über „Kinder und Medien“ für das Goethe-Institut, für das er 1990 und 1991 auch einige Filme drehte.

Seine wichtigsten Kinderfilme wird der Verlag Was mit Kindern demnächst gesammelt herausgeben, daher der E-Mailverkehr zwischen uns und dem Regisseur. Leider können wir durch den plötzlichen Tod nun Haro Senft nicht mehr für das DVD-Booklet befragen, wie wir das eigentlich geplant hatten und unsere Ausgabe wird zu einer posthumen. Wir freuen uns trotzdem, dass wir durch die Veröffentlichung vielen Menschen eine Wiederbegegnung mit Filmen ihrer Kindheit ermöglichen werden und hoffen natürlich auf viele neue Haro Senft-Fans auch unter Jüngeren. Das hätte ihn sicherlich gefreut.