Pädagogik aufräumen

Pädagogik lebt von Ritualen, heißt es. Erzieher, Lehrer und *innen machen alles Mögliche, weil es nun mal derzeit üblich oder sogar vorgeschrieben ist. Egal, ob es Sinn hat oder nicht. Sinnvoll ist es aber auf jeden Fall, ab und zu auszumisten. Deswegen stellt diese Rubrik pädagogische Gewohnheiten aufs Tapet und fragt ganz ergebnisoffen: Ist das pädagogische Kunst, oder kann das weg?

Musikkurs mittwochs, donnerstags Yoga

Kinder ohne Kurs? Das geht heute ja gaaar nicht mehr! Deshalb erhalten – zusätzlich zum Kurs nach der Kita – viele Kinder auch im Kindergarten Besuch vom Kursleiter, der die Kleinen in Musik, Yoga oder einer Fremdsprache unterrichtet.

„Wir wollen euch nur Arbeit abnehmen“, sagen die Eltern oder der Veranstalter und vergessen, dass es andere Arbeiten gibt, die Pädagog*innen lieber abgenommen bekämen: Essen erwärmen, Papierkram, ­Personalsuche…

Kurse im Kindergarten sorgen übrigens dafür, dass die Fachkräfte nicht mehr als Bildungsprofis dastehen: „Wenn Musikalische Früherziehung ausfällt, versucht sich unsere Silvie als Aushilfe…“

Kinder, die nicht am Kurs teilnehmen können, werden an den Rand gedrängt. Und das Geld, das Eltern für den Extra-Quatsch hinlegen, könnte man anders viel besser verwenden – zu Hause und in der Kita.

Wäre vielleicht auch möglich: „Yoga wollt ihr? Ich mach mich schlau und biete das selbst an.“

Pädagogische Glaubenssätze AHOI

 

Essen muss nicht schön aussehen, nur satt machen.

Händewaschen vor dem Essen erfordert anschließend eine Riechprobe durch die pädagogische Fachkraft.

Sich selbst Essen auftun, dürfen die Kinder erst, wenn sie es können.

Partizipation beim Mittagessen geht nicht, weil

… nicht genug Essen für solche Experimente da ist,

… wir nicht genug Schüsseln haben,

… wir keine Zeit haben, danach den ganzen Raum zu putzen,

… die Kinder viel zu klein sind,

… die Augen der Kinder sowieso größer sind als ihr Magen,

… die Kinder noch nicht wissen, wie groß ihr Hunger ist, dann hat eines Berge auf dem Teller und für die anderen ist nichts mehr da, …

Was auf den Tisch kommt, wird gegessen.

Gekostet wird aber. Das hat mir auch nicht geschadet.

Zwischen dem Essen, das wir wegwerfen und der Hungersnot in der Welt, gibt es einen direkten Zusammenhang.

Nicht reden beim Essen, sonst verschluckt man sich.

Immer zuerst das Richtige essen, danach gibt es Nachtisch.

Wenn der Teller nicht leer ist, passt wohl auch der Nachtisch nicht mehr in den Bauch.

Wenn der Teller nicht leer ist, scheint morgen keine Sonne.

Individuelles Essensangebot heißt “dünne Kinder müssen aufessen und dicke dürfen nur eine Portion essen”.

Auch Kleinstkinder können schon lernen, zu warten und zwar bis alle aufgegessen haben.

Wenn es schon zuhause nichts Gesundes gibt, dann wenigstens hier in der Kita! (… sagte sie und goss dem Kind die 1,5 % H-Milch ein).

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Keine Strafe für Brave

Hier werden Rechtsfragen aus der Pädagogik verhandelt. Diesmal geht es um die Grenze zwischen pädagogisch vertretbaren Sanktionen und Verletzung von Kinderrechten. Weiter lesen…

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Das Lied von der Ausnahme

Hier gibts den Artikel als PDF: Das Lied von der Ausnahme_#5_2020

Der kleine Fritz aus Trusetal

verschmähte einst beim Mittagsmahl

im Eintopf alle Möhren.

Der Rest der Elefantengruppe

löffelte eifrig seine Suppe,

ließ sich davon nicht stören.

Doch die Erzieher krähten:

„Ja, wenn das alle täten?“

 

Die Annabell aus Haselünne

sprach ernst: „Ich bleib heut lieber drünne.“

Zur schönsten Rausgehzeit!

„Ich glaube wohl, ich hör nicht recht“,

sprach schwer erzürnt Frau Lieberknecht:

„Mein Fräulein, tut mir leid!

Denn wenn das alle machten,

wer wär dann noch im Gachten?“

 

Die Karolin aus Lüntenbeck,

die lief auf Socken ziemlich keck

durch’s Außenspielgelände.

Die andren Kinder dachten sich:

Das wäre höchstens was für mich,

wenn mir ein Schuh verschwände.

Doch die Erzieher bellten:

„Soll jeder sich erkälten?“

 

Der Adalbert aus Bacharach

verkündete: „Ich bleibe wach,

statt mittags stets zu schlafen.“

Doch Dörte knurrte: „Sei jetzt brav,

und mache deinen Mittagsschlaf.

Zwar will ich ungern strafen,

doch weiß ich, wohin’s führte,

wenn ich’s erlauben würde:

Am Ende wär ganz Bacharach

mittags ständig wach!“

 

Ein Praktikant in Byhleguhre

sprach zu den Kindern: „Hier im Flure

bau’n wir ein Haus aus Pappen.“

Die Kinder waren fix dabei.

„Momentchen“, sagte Hauswart Frey,

„det dürfte so nich klappen.

Wat, wenn sich jeda traute

und auf dem Fluchtweg baute?“

 

Die Isabel aus Iserlohn,

saß in der Schule manchmal schon

ganz gerne unterm Tisch.

Die andren Kinder riefen: „Cool!“

Und saßen lieber auf dem Stuhl.

Frau Nolte sprach: „So nich!“

Und murmelte, dass Inklusion

auch Grenzen hat in Iserlohn.

 

 

Dem Kinderhaus in Mechernich

gönnte man einen Neuanstrich.

Ausschließlich in Pastell.

Die Meisengruppe sagte sich:

„Das ist uns viel zu puschelig.

Wir hätten’s lieber grell.“

Der Bürgermeister sprach: „Ihr spinnt!

Auch eure Räume werden mint.

Setz ich jetzt keinen Riegel vor,

würd unsere Welt multi-color!“

 

Die Cosima aus Santewitt,

die brachte in die Kita mit

zwei eigne Teddybären.

Sprach Kerstin: „Was, wenn jeder käme,

und sich sein Kuscheltier mitnähme?

Da müssen wir uns wehren.

Wenn wir nicht konfiszieren,

ersticken wir in Tieren!“

 

Foto: Miss X, Photocase

Pädagogische Glaubenssätze Ahoi

Kleine Kinder brauchen Gemüse, um gesund aufzuwachsen.

Zu viel Kuscheln und Nähe verwöhnt das Kind.

Kinder heute können viel weniger als früher.

Bei Wutanfällen geht es nur um Macht.

Wenn Kinder nicht mit drei Jahren mit Messer und Gabel essen können, werden sie nicht ordentlich schreiben lernen.

Kinder, die nicht rückwärts laufen können, können später nicht rechnen.

Wir Erwachsenen wissen und können mehr und müssen dem Kind die Welt erstmal erklären.

Ohne Fleiß kein Preis. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof.

Kinder müssen lernen, dass man nicht nur losweinen braucht und schon kommt jemand angerannt.

Das merken Kinder doch gar nicht.

Wir müssen richten, was die Eltern nicht hinkriegen.

Das haben wir schon immer so gemacht.

Das hat mir auch nicht geschadet.

Arbeitsblätter sind die Daseinsberechtigung für Pädagog*innen.

Das muss das Kind schon können, schließlich ist es schon … Jahre alt.

Das hat nicht wehgetan. Kinder fangen erst an zu heulen, wenn wir drauf reagieren.

Mädchen sind halt so. Jungen sind halt so.

Die „Wenn-Dann-Sonst“-Methode ist am effektivsten.

Wenn Erwachsene reden, haben Kinder Sendepause.

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Sprünge von Kirstenmalzwei

DER JUNGE ist mit seiner großen Schwester im Schwimmbad. Er kann sehr gut schwimmen, tauchen und springen. Deshalb sitzt seine Schwester entspannt am Rand des Beckens.

Der Junge springt abwechselnd mit einem Mädchen vom Startblock.

Köpfer und möglichst viel spritzen – sie feuern sich gegenseitig an.

Dann öffnet das Drei-Meter-Brett. Der Junge stellt sich sofort an.

Das Mädchen traut sich nicht recht und geht zurück zu seiner Mutter, die in der Nähe sitzt.

„Kennst du den behinderten Jungen eigentlich?“, fragt die Mutter.

Die Tochter schaut sie mit großen Augen an: „Da war kein behinderter Junge!“ „Doch“, sagt die Mutter, „der mit dem besonderen Gesicht, der so komisch gesprochen hat.“

Das Mädchen guckt immer ratloser.

Die Mutter ist jetzt leicht genervt: „Nun bist du die ganze Zeit mit dem behinderten Jungen ins Wasser gesprungen! Nun sag mir doch einfach, ob du den schon vorher kanntest!“

„Ach, den meinst du“, antwortet das Mädchen, „dann sag doch gleich: Der Junge, der jetzt vom Dreier springt!“

Männer eben!

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum!

Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf.

Während einer Fortbildung zum Thema „Kommunikation und Sprache“ ging es darum, sich so oft wie möglich mit den Kindern auszutauschen. Da sagte eine Erzieherin, sie könne ja nicht mal mit ihrem Mann so viel reden. Immer, wenn sie ihm erzählen wolle, was am Tag passiert war, sagt er: „Wat laberst du denn, dit war doch schon jewesen…“

Im Dunkel der Nacht

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum! Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf.

Auf einer Einwohnerversammlung in Rüdersdorf wurde darüber informiert, dass demnächst 80 Flüchtlinge ankommen, davon 40 Kinder. Besorgt sagte eine Dorfbewohnerin: „Wenn die Laternen um 23.00 Uhr ausgehen, sieht man die Flüchtlinge gar nicht mehr.“ Warum? „Na, weil sie so dunkel sind.“

Da sagte der Landrat: „Denken Sie, dass Flüchtlingsfamilien mit ihrem Kindern nachts um den Dorfplatz spazieren? Die Kinder sind um die Zeit im Bett – wie Ihre und meine. Und ehrlich gesagt: So schön ist es kurz vor Mitternacht in Rüdersdorf auch nicht.“

Foto: REHvolution.de ,  photocase.de

Das eigensinnige Kind

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum!

Fündig wurde Erika Berthold diesmal im Märchenschatz der Gebrüder Grimm, die zwar als Horrorspezialisten bekannt sind. Aber so was? Hu!

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da musste die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.

 

Teaserfoto: flo-flash, photocase

Marsianer mit Ranzen

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum! Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von Praktikantinnen, Erzieherinnen, Leiterinnen, Fortbildnerinnen und Eltern. Erika Berthold hörte zu und schrieb die Geschichten auf.

Eine junge Syrerin hatte während ihres Studiums in Damaskus ein Praktikum in einer Kita absolviert. In Damaskus, wohlgemerkt. Vor zwei Jahren war sie geflüchtet, begleitet nun eine Fortbildnerin hin und wieder bei deren Aktivitäten im brandenburgischen Arbeitskreis „Mehrsprachigkeit“ und berichtet den Teilnehmerinnen, dass es in Syrien ein Schulsystem und Vorschul-Kitas gab. Dafür waren ihr die hiesigen Erzieherinnen dankbar, denn sie können sich jetzt erklären, was sie erleben: Etliche syrische Eltern aus den Flüchtlings­unterkünften bringen ihre Kinder mit gepackten Ranzen in die Kitas, weil sie davon ausgehen, dass die Kinder in der Kita schreiben und lesen lernen. Bekommen die Eltern mit, dass das nicht so ist, beschweren sie sich.

Was steckt dahinter? Nicht allein ein Kommunikationsproblem der Beteiligten, sondern vor allem die Vorstellung: Geflüchtete sehen zwar aus wie Menschen, kommen aber vom Mars.

Foto: photocase, marshi

 

 

 

Schreibschrift

Was es nicht alles gibt! Man glaubt es kaum!Episoden aus dem Kinderleben in Krippe, Kita und Grundschule, erzählt von KIRSTENMALZWEI (siehe hier).

Alle Kinder üben Schreibschrift.

Nur das Mädchen nicht.

„Das lernst Du nie!“, davon ist die Lehrerin überzeugt. Sie schickt das Mädchen mit der Schulbegleitung raus, um zu puzzeln. Die Mutter aber möchte, dass das Mädchen alles lernen darf. Zumindest versuchen.

Also setzt sie sich zu Hause mit dem Mädchen hin und schreibt. Tag für Tag.

Das Mädchen zeichnet ohnehin gerne und gut. Jetzt bekommt es so langsam auch Spaß am Schreiben.

Es schreibt immer besser und immer mehr. Seine Werke bringt es stolz mit in die Schule. Dort schreiben wieder einmal alle Kinder. Nur das Mädchen nicht.

„Das kannst Du doch schon so gut“, sagt die Lehrerin, „das brauchst Du ja jetzt nicht mehr zu üben.“ Und dann schickt sie das Mädchen wieder raus. Zum Puzzeln.