Jetzt auch in der blauen Flasche!

Kirsten Fuchs erinnert sich an den Moment, als sie den Kapitalismus durchschaute.

Es gibt Tage, an denen hasse ich den Kapitalismus gar nicht so wie sonst, da tut er mir eher leid. Da stelle ich mir vor, dass der Kapitalismus ein alter Marktschreier ist, der mir seinen überlagerten Käse andrehen will: müde vom Schreien, charmant aus Übung, abgestumpft vom Herumreisen und sexy aus Gewohnheit. Er hat einen Ohrring und Tätowierungen auf den Handknöcheln: MEHR steht auf der rechten Hand, auf der linken NOCH MEHR, obwohl es fast nicht draufgepasst hat. Aber egal, wo MEHR passt, da passt auch NOCH MEHR. Er kann ja nichts dafür. Er hat zu viel von seinem eigenen überlagerten Käse genascht.

Kaum komme ich an seiner Bude vorbei, sieht er mich an, als würde er nur mein Bestes wollen. Mein Bestes ist das, was er für mein Bestes hält. Mein Geld natürlich, dabei ist vieles an mir viel besser als mein Geld. Er schätzt mich ab, aber ich soll es nicht bemerken. Ich bemerke es trotzdem. Dann sagt er etwas Charmantes. Solche netten Gäste wie Sie haben wir immer gern bei uns. Ihnen kann ich nichts vormachen.

Dann macht er mir was vor. Genießen Sie ausgewählte Käsespezialitäten in gemütlicher Atmosphäre. Ich empfehle unseren einzigartigen vierbeinigen Tisch und unsere passgenauen Stühle.

Wowowow, denkt man da schon.

Dann wieder was Nettes über mich. Sie sehen aus wie jemand, die guten Käse zu schätzen weiß.

Dann schenkt er mir etwas. Ich soll kosten und bekomme einen farblich abgestimmten Käse-Piker gratis.

Dann sucht er Argumente. Unser Käse ist sofort verzehrfertig und mit verschiedenen Lebensmitteln kombinierbar. Unser Käse mit gerundeten Ecken und geriffelter Kante. Zu jeder Tageszeit ein Hochgenuss, leicht portionierbar, passt zu hellem und dunklem Brot, enthält kein Nitroglycerin!

Das liebe ich. Solche Argumente. Ich werde ganz verrückt vor Freude. Ich spüre das gleiche Kribbeln wie kurz nach der Wende. Ich war zwölf, mein Bruder 15. Unser Fernsehkonsum erhöhte sich in dieser Zeit gewaltig. Denn zuvor waren wir die zwei Kinder in der DDR, die tatsächlich kein Westfernsehen konsumiert haben. Nicht durften, und auch nicht darunter litten. Ich erinnere mich an viele Stunden auf dem Klapprad, aber nicht an eine angesehene Folge „Alf“. Ich weiß von Tagen am Autobahnsee Velten, aber von keiner Folge: „Ein Colt für alle Fälle“.

Jedenfalls lagen wir auf dem neuen hellblauen Sofa, eine Art Plüschersatz, das die Farbe änderte, wenn man es gegen den Strich streichelte. Oft standen Botschaften auf dem Sofa. Wir schrieben: „Fernsehen bildet“, und Mama dahinter: „nicht“. Mama schrieb: „Hausaufgaben machen!“ Und wir schrieben dahinter: „ist öde!“ Manchmal standen lange Listen von Erledigungen auf dem Sofa, und wir hatten sie erst abzuarbeiten, bevor wir uns auf die Liste legen durften und so mit dem Popo alle Buchstaben wegrutschten.

Eines Tages lagen mein Bruder und ich auf dem Sofa, die wuchernden, pubertären Glieder lang ausgestreckt, jeder auf seiner Seite des Sofas, die Füße zueinander und oft gegeneinander gedrückt.

Wir glotzten wahllos. In einer Werbepause kam ein Werbespot für ein Feinwaschmittel. Der Sprecher sagte mit einem Hauch Erotik für Omas: „Jetzt auch in der blauen Flasche!“ Und es wurde die blaue Flasche gezeigt, mit einer aufregenden Kamerarundumfahrt und irgendwelchen rein gebastelten Gefunkel als wäre es eine goldene Flasche oder eine ganz besonders schöne Frau, die anmutig für Ihren Liebsten posiert.

Himmel, jetzt auch mit Regen!

Das hat uns zeruppt. Wir haben so gequiekt, mein Bruder und ich. „Jetzt auch in der blauen Flasche!“ Als ob das irgendwie eine Bedeutung hätte. Als ob das dann besser wäscht oder besser ins Bad passt. Als ob diese blaue Flasche es rechtfertigen würde, dass man einen Sprecher bezahlte, der das auf diese Art säuselte. Diese unfassbare Dummheit des Kapitalismus entschärfte uns total. Wir bekamen uns nicht mehr ein, weil dieser Blödsinn unsere Gehirne so reizte, als ob wir direkt und anhaltend gekitzelt würden. „Jetzt auch in der blauen Flasche!“

Wahnsinn! Als ob man jeden Satz der Welt auf jede Art der Welt sagen könnte. Im Kapitalismus war tatsächlich alles möglich. Auch alles blöde. Meine Mutter kam ins Wohnzimmer und freute sich über ihre fröhlichen Kinder, die sich die Bäuche hielten. Es wurde der Gag des Tages, mit dramatischer Stimme zu sagen: „Kinder, jetzt auch auf dem blauen Sofa!“ Oder „Mutter, jetzt auch im Wohnzimmer!“ Alles war plötzlich neu, und man konnte es anpreisen. „Himmel, jetzt auch mit Regen!“ Dieser Trick verwandelte die ganze Realität in etwas Bemerkenswertes, etwas Aufgeilendes. „Wahrnehmung, jetzt auch mit Werbespruch!“

Hach, war das ein schöner Einstieg in meine Zeit als Neu-Bundesbürgerin! „Welt, jetzt auch mit Kapitalismus!“ Eine neue Art Clownerie war geboren. Dem Kapitalismus dabei zusehen, wie er etwas verkaufte. Wie ein Zauberer, der mit geheimnisvollem Gesicht die Bühne betritt, mit einem ganz, ganz, ganz dicken Bein. Und nachdem er jede Menge Tücher hervorgezaubert hat, ist das Bein plötzlich genauso schmal wie das andere.

Ihnen kann ich nichts vormachen. Sie sind ja schon lange treue Leserin, treuer Leser meiner einzigartigen Texte. Sie wissen, auch dieser Text ist ein ganz besonderes Erlebnis für Sie. Man kann diesen Text zum Beispiel an jedem Ort lesen oder auch mehrfach genießen.

Und jetzt auch mit blauer Schrift!

 

Ihre Kirsten Fuchs

Kirsten Fuchs

ist Schriftstellerin, Lesebühnenautorin und Kolumnistin und lebt in Berlin. Mehrere Veröffentlichungen bis heute. Sie schreibt regelmäßig Kolumnen für »Das Magazin« und ist Mitglied bei der Lesebühne »Fuchs und Söhne«.

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