Stirbt die Konsequenz aus?

Eltern und Konsequenz. Was raten Ratgeber?

Immer wieder treffe ich auf hilflose Eltern, die sich fragen, wie sie ihren Kindern in Zeiten der Trotzphase, aber auch später, beistehen, dabei erzieherisch konsequent sein und mit Strafen zweckgemäß umgehen können. Rohe Gewalt ist zum Glück in den meisten Fällen kein Thema mehr. Auch das sehr hierarchische, angstbesetzte Erziehen scheint nicht mehr in zu sein. Die Rolle des Vaters, dem das Strafen früher oft überlassen wurde, veränderte sich im Laufe der Zeit, und in coolen Dad-Magazinen tritt mir ein neuer Mann entgegen. Stirbt die Konsequenz aus?

Mal nachlesen…

Bei der Recherche in Internetforen und auf Erziehungswebseiten erwartete ich eigentlich, dass auch die gute, alte Tante ihren essigsauren Senf dazu gibt: „Tja, wenn der Lukas nicht will, muss er eben mit den Konsequenzen leben. Dann sind Mama und Papa halt böse, und es gibt eine Woche Fernsehverbot.“ Stattdessen fand ich vorwiegend Beiträge, in denen von sanfter Erziehung die Rede ist. Wenn-dann-Sätze mit krassen Drohungen sollen vermieden werden, und die berüchtigten logischen Konsequenzen sollen dem Kind logisch nachvollziehbar dargelegt werden, damit es entsprechend reagieren kann. In einem handelsüblichen Papa-Magazin, in dem Elternzeit, Grillen und Zaubertricks thematisiert werden, heißt es: „Machen Sie Ihrem Kind liebevoll in einer ruhigen Ecke klar, dass sein Wille gerade nicht erfüllt werden kann und wieso das nicht der Fall ist.“ Da frage ich mich: Ist in Sachen Erziehung das Weichspülprogramm an?

Zwar zeigt die Ratgeber-Literatur, was in der Forschung über Entwicklungen im Kindesalter derzeit modern ist, aber werden die daraus resultierenden Vorschläge überhaupt angenommen? Und wie effizient sind sie eigentlich? Vielleicht ist manchmal ein unreflektierter Wenn-dann-Satz gar nicht so abwegig, weil er Gefühle authentisch widerspiegelt und klar macht, dass Eltern keine perfekten Menschen sind – was trotzigen Kindern im Moment zwar egal, am Ende vielleicht aber doch nicht unwichtig ist.

Vielleicht ist das Beherzigen der Ratschläge auch weniger entscheidend als die Kultur des Rat-Gebens an sich. Beim Durchforsten von Beiträgen über konsequentes Erziehungsverhalten fiel mir auf, wie programmatisch und berechnend Kinder auf den Status von Forschungsobjekten reduziert werden. Bestimmte Verhaltensweisen treten offenbar immer wieder auf, und mit bestimmten Zaubermitteln lässt sich dagegen ankämpfen. Selbst wenn von unterschiedlichen kindlichen Reaktionen auf härtere oder sanftere Worte die Rede ist – Kinder werden als Objekte dargestellt, nicht als Menschen, mit denen wir Erwachsene das (gute) Menschsein üben.

Fakt ist vermutlich: Elterliche Konsequenz ist eine Art Ideal, das ich jedenfalls nicht erreichen kann. Frage ich mich, wie konsequent ich mit mir und meinen Verhaltensweisen bin, verlassen mich die guten Vorsätze schnell, und ich flüchte mich in die warmen Gefilde der Inkonsequenz. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht so dramatisch, wenn es um menschliche Beziehungen geht – egal, ob mit Erwachsenen oder Kindern.

Selbst Dinge, von denen man nun wirklich konsequentes Verhalten erwarten kann, zum Beispiel Fahrkartenautomaten, neigen manchmal dazu, sich ihrer einzigen Funktion inkonsequent zu entziehen. Warum also von emotionalen, wilden, chaotischen Geschöpfen verlangen, sich den Konsequenz-Fibeln gefügig unterzuordnen, statt selbstbestimmt, kreativ und inkonsequent zu sein?

Mein Fazit: Erziehungsratgeber füllen zwar Bücherregale, aber auf die eigenen Kinder und unsere individuellen (emotionalen) Reaktionen lassen sich ihre Weisheiten nicht übertragen. Kein Lerneffekt, nur Kosten.

 

Text: Julinka Welz. Sie studiert Philosophie und Kreatives Schreiben in Hildesheim.

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