Mach endlich Schluss!

Niemand muss so oft Schluss machen wie die PädagogInnen. Während der Normalbürger höchstens alle paar Jährchen etwas absagt, müssen die PädagogInnen den lieben langen Tag junge Menschen auffordern, etwas zu beenden. Weil die Freispielzeit um oder die Diktatschreibezeit abgelaufen ist, weil ein Zwist zur Kabbelei entartet, weil das Gebrabbel in der letzten Reihe nervt und das eben gehörte Widerwort unverschämt ist. Unzählige Momente, in denen sie zum Schlussmach-Wort greifen. Hören wir mal, welche Wörter zur Verfügung stehen.

Unter Möchtegernen

Möchtest du beim Schlussmachen sanft und einen Hauch partizipativ rüberkommen? Dann wähle den höflichsten aller Modi, nämlich den Konjunktiv, also den Mode-Modus. Verkünde: „Wäre es ok, wenn ihr mal damit aufhört? Wir müssten so allmählich mal zum Schluss kommen. Im Grunde ist die Zeit längst um. Also, ich fände es richtig toll, wenn jetzt jeder mal anfängt, aufzuhören…“ Ernte Zustimmung bei den Kindern: „Ja, wäre im Grunde wirklich toll, wenn wir das täten. Aber wir machen lieber weiter…“

Vorsicht vor falschen ­Konjunktiv- Freunden! Die formulieren streng: „Du möchtest jetzt bitte sofort mit dem Gebrabbel aufhören.“ Vielleicht klappt es ja, und das Kind glaubt, dass es das möchte.

Bei Sonunmachenwirs

Wenn du Überrumplungseffekte liebst, bist du bei den „Sonunmachenwirs“ richtig. Die rufen betont ruhig, aber einen Tick zu laut in die beschäftigte Kindergruppe: „So, nun legen wir alle unser Spielzeug beiseite… (Pause, in der die Kinder verwirrt ihre Sachen ablegen) … und räumen alles auf sei-näään Platz… (abermals Pause, den Blick wachsam schweifen lassen) … und gehen jääätzt ganz ruhig zum Ääässensraum.“

Die Technik der Massenhypnose wurde garantiert in einem solchen Kindergarten erfunden.

Bei den Warlords und -ladys

Du liebst knappe Kommandos und unbedingten Gehorsam? Eine Vielzahl gesellschaftlich akzeptierter Floskeln steht zum Schlussmachen bereit: „Finito! Kein Mucks mehr! Punkt, aus, Ende! Es reicht!“ Oder auf gut Italienisch: „Basta!“

Apropos „Es reicht“: Nutze „Es“-Formulierungen, um dich mit einer unsichtbaren Macht zu verbünden. „Mir reicht´s jetzt“ klingt nach übellaunigen Erwachsenen. „Es ist genug!“ heißt hingegen: Das objektiv aufgestellte Maß ist voll, und ich muss jetzt den Befehl von oben durchsetzen.

Arbeite im Ernstfall mit Lautmalerei: Wie eine Militärblaskapelle klingt ein akzentuiert und am besten in ­Proll-Berlinerisch ausgesprochenes „Hör – uff!“

Unter Sprücheklopfern

Es behagt dir trotz des Erfolges nicht, das Militärische? Dann kleide deine Kommandos einfach in putzige Sprich- oder Reimwörter. Sage „Ende Gelände“, obwohl das eigentlich keinen Sinn ergibt. Behaupte, dass „die Laube“ oder „der Lack“ fertig seien. Sorge für ein bisschen Grusel mit „Aus die Maus!“ Reicht das nicht, dann werde deutlicher: „Klappe zu, Affe tot.“

Bei den Fertigen

Wenn du nicht gern viele Worte machst, dann nutze „Fertig“, das Universalwort für Schlussmachen. Sag es, und Schluss ist.

 

Foto: Eva Blanco Fotografia, photocase

Die Erfindung von MINT

MINT ist kein Wort. Deswegen tut sich der Wortklauber zunächst schwer damit. MINT ist ein Akronym, also eine Abkürzung mehrerer Wörter durch deren Anfangsbuchstaben. Damit steht MINT in der Tradition des ersten Akronyms der Christenheit, nämlich INRI, der Inschrift auf dem Kreuz Jesu. INRI heißt – für alle Heiden unter der Leserschaft oder solche, die sich im Reliunterricht von anstrengenden MINT-Fächern erholten – Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum. Was übersetzt heißt: Jesus von Nazareth, König der Juden. Dass die Römer als Verfasser einen ziemlichen Abkürzungsfimmel (Aküfi) gehabt haben müssen, ist offensichtlich, sparten sie zwar Zeit beim Einritzen der Buchstaben, aber gewiss litt die Verständlichkeit: Woher wussten Spaziergänger rund um Golgatha, für was die zwei Is, das R und das N stand?

Zwar enthält INRI zwei gleiche Buchstaben wie MINT, aber das hat nichts zu bedeuten, denn MINT heißt nicht „Moderne Iesus von Nazareth-Theologie“, sondern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. MINT spart also zunächst 15 Silben ein und führt die Angewohnheit von Schülern fort, die Namen unbeliebter Fächer zu kürzen – siehe Mathe, Nawi, Sowi und Reli.

MINT ist nicht nur ein Akro- sondern auch ein Apronym. Apronyme sind nämlich – gleich fürs nächste Kneipenquiz merken! – Abkürzungen, die ein neues sinnvolles Wort ergeben. Solche Wörter gibt es nicht viele, weil der Trend zur sinnvollen Abkürzung noch neu ist.

Apronyme gelingen, wenn beim Abkürzen einer unschönen Wortsammlung ein sympathisches Wort entsteht. Aus dem holzigen European Region Action Scheme for the Mobility of University Students wurde der nette Name ERASMUS. Nicht ganz so gut klappt die Sache bei der Elektronischen Steuererklärung, denn das Apronym ELSTER lässt alle Steuerpflichtigen sogleich an Diebstahl denken, weil sie Elstern – unberechtigterweise! – für diebisch halten.

Wer hat MINT erdacht? Intensive Internet-Recherchen ergaben leider keine klaren Anhaltspunkte, höchstens Verdachtsmomente. Vermutlich waren es Bildungspolitiker, die sich um den Nachwuchs in den vier früher als Jungs-Fächer geltenden Disziplinen sorgten. Als Suchbegriff ergibt MINT zahlreiche Treffer, bei denen auch das Wort „Mädchen“ an prominenter Stelle vorkommt. Wenn’s um Jungs geht, bleibt es oft bei Mathe, Informatik, Technik und diversen Naturwissenschaften. Geht’s um Mädels, verschmilzt alles zu MINT.

Schmelzen und Mint – wer denkt da nicht an ein leckeres Eis, bei dem man aufpassen muss, es nicht auf seine mintfarbene Hose zu kleckern? Ja, unser mint in Kleinbuchstaben ist ein waschechtes Modewort und vermutlich wie die mintfarbene Hose irgendwann in der Mitte der Achtziger eingewandert. Doch niemand sagt „Mint“ zu dem verdauungsfördernden Tee. Aber wenn aus dem wuchernden Fast-Unkraut coole Kaugummis, Kaubonbons oder Schokoladenspezialitäten hergestellt werden – das ist mint. Sonderbar.

Was wissen oder ahnen wir über MINTs Entstehung? Entweder hatte, wer aus Mathe, Informatik, Technik sowie Physik, Chemie und Bio, also aus Naturwissenschaften, MINT gemixt hat, einfach Glück, weil das entstandene Wort gut funktioniert. Immerhin wäre, wenn wir wie die Briten statt Naturwissenschaften Science sagen würden, ziemlicher MIST rausgekommen…

Oder war es so, dass ein paar Herrschaften nächtelang beisammen saßen und verzweifelt grübelten: „Wir brauchen so ein echtes ­Girlie-Wort, um diese Nawi-Fächer für Mädchen interessant zu machen. Hubert, du hast eine Tochter, was interessiert Mädels so?“ „Eis, Pferde, Mode…“ Ewig buchstabierte man dann: „P wie Physik, I wie Informatik, N wie Naturwissenschaft, jetzt noch was mit K….“ „Gibt´s nicht! Besser ist R wie Rechnen, O wie Oekologie, S wie Science und A wie… “ Bis dann einer sprach: „Nehmen wir einfach MINT!“

Foto: vogt/photocase

Sechs Streitfragen

Gibt’s Streit? Frage eins ist schnell beantwortet: Ja, den gibt’s. Immer wieder. Obwohl ihn keiner macht.

Eine Eigenart hat das Wort „Streit“ nämlich: Es mangelt an passenden aktiven Verben. Streit kann man weder machen, erzeugen, leben, höchstens verursachen. In dieser Hinsicht ähnelt Streit einem Vulkanausbruch und einem Erdbeben, die sich ebenfalls von selbst ereignen. Genauso verhält es sich mit der militärischen Fortsetzung des Streits, dem Krieg: Den macht auch keiner, führt ihn höchstens (bloß: wohin?) oder erklärt ihn, damit klar ist, dass er da ist.

Willst du Streit? Frage zwei ist – mit drohender Faust vor der Nase – leichter beantwortet als nach längerem Nachdenken. Obwohl wir Frieden brauchen, scheint ein Bedürfnis nach Streit in uns zu stecken. Jedenfalls lassen Wörter wie „Streitlust“ oder „Streitsucht“ das vermuten. Politiker oder Unternehmer mit – ähem – pointierten Ansichten gelten gern als „streitbar“.

Besonders verräterisch aber scheint die Formulierung „Darüber lässt sich trefflich streiten“ zu sein, denn sie legt nahe, dass man das nur zu gerne tut. Eine Ausnahme gibt es, die oft bedauernd geäußert wird: Über Geschmack lässt sich – hier schieben viele Leute das Schlaumeierwort „bekanntlich“ ein – nicht streiten.

Frage drei lautet: Was gehört zum Streit? Dem Volksmund wie konflikt­geplagten Pädagogen geht die Antwort automatisch von der Zunge: Zum Streit gehören immer zwei. Eine Universal-­Antwort, die angestrengtes Nachdenken über Provokateure, Interessenausgleich zwischen Konfliktparteien und ungleiche Machtverhältnisse erspart: Jim und Jan streiten in der Bauecke, und weil zwei zum Streit gehören, sind sie selbst schuld. Das Opfer schreit, der Täter haut? Besser weitergehen, weil zum Streit eben zwei gehören.

Land A überfällt Land B? Sind eben typische Unruheherde voller Streitlust, die zwei. Besser nicht Partei ergreifen, denkt sich der Volksmund, sonst trifft das Lieblingssprichwort „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“ am Ende nicht mehr zu. Der „lachende Dritte“ hingegen macht sich die Sache leicht: „Ich will nicht wissen, wer angefangen hat, sondern wer aufhören kann.“

Wer streitet sich, wenn nicht ich? Die Antwort auf Frage vier: Streithansel.

Offenbar gibt es Menschen mit besonderer Neigung zum Streit. Vor ihnen muss man sich in Acht nehmen. Seit jeher hat der Volksmund dafür Fremde im Visier: Vor tausend Jahren waren es streitbare Wikinger, später verlegte sich das gefühlte Epi­zentrum erst nach Westen – die zerstrittenen, unruhigen Franzosen –, dann nach Süden zu den launischen Italienern und Spaniern, schließlich nach Osten, denn von den Polen stammt immerhin das Streit-Synonym Rabatz1. Besondere Streitlust aber attestierte man den eigenen Minderheiten. Lehnworte wie Zoff2 bezeugen das. Auch die immer noch gerne zitierten Kesselflicker haben rassistische Hintergründe, waren damit doch vor allem Roma gemeint, zu deren Broterwerb das Kesselflicken gehörte, ohne dass sie Mitglieder der entsprechenden Zunft waren.

Sind es heute immer noch die Anderen, die für Streit sorgen? Sicher. Vergleiche mal Berichte über „Randale im Asylbewerberheim“ und „familiäre Auseinandersetzungen bei deutscher Familie“.

Frage fünf: Ist öffentlicher Streit schlecht?

„Nicht vor den Kindern streiten“ lautet eine weitere Weisheit, die den Streit auf eine ähnliche Stufe wie öffentliche Liebesbezeugungen stellt. Obwohl Kinder sich „ständig in die Haare kriegen“, finden Volksmund und Volkspädagoge es wichtig, dass man stets „mit einer Stimme“ spricht, statt „Uneinigkeiten öffentlich auszutragen“. Die gleiche Haltung lässt sich Presseberichten über Politik entnehmen, wenn man auf ein Ende von „Asylstreit“, „Dieselstreit“ oder all den „Koalitionsstreitigkeiten“ hofft, als gäbe es nichts Wichtigeres als Burgfrieden im Staate. Selbst in windelweichen Wörtern wie „Meinungsverschiedenheit“ klingt an, dass die ideale Debatte doch eigentlich aus einem einstimmigen Austausch über gemeinsame Überzeugungen bestehen sollte.

Gibt’s – Frage sechs – auch gelassene Worte über Streit? Ja, und zwar in der Bibel, von dem streitlustigen, streitbaren und zu Recht umstrittenen Luther schön übersetzt: „Jegliches hat seine Zeit, Frieden hat seine Zeit, und Streit hat seine Zeit.“

1 Polnisch: rabac = hauen

2 Jiddisch: sof = mieses Ende

 

Von Kreaturen zu Kreatoren

Der erste kreative Prozess war wohl keiner. Für Christen, Juden und Moslems ist Gott der erste Kreative, denn Schöpfer heißt übersetzt Creator. Was dieser laut Schöpfungsgeschichte tat, ist mit keiner modernen Kreativitätstheorie vereinbar. ER schuf die Welt ganz ohne Materialanreize: Die Erde war wüst und leer. Statt kreativer Pausen legte ER ein stringentes Tempo vor und brachte es täglich zu einer bahnbrechenden Erfindung: Erst Licht, dann Himmel, Wasser und Erde, dann die Himmelskörper… Dabei wirkte Gott so zielorientiert, als habe er einen klaren Plan: ER befahl, dass grünes Land wachse – und die Erde brachte grünes Land hervor. Immerhin tat Gott das mit der für kreative Prozesse typischen intrinsischen Motivation, die allerdings erst nach der Vollendung einsetzte: Er sah, es war gut!

Erst danach bewies Gott laut Schöpfungsgeschichte kreative Kompetenzen – wahrscheinlich weil nun endlich Materialanreize für kreative Inspiration vorhanden waren. Nach der Erfindung des Paradieses baute er erst alle Tiere und Vögel aus Erde, obwohl er sie laut Kapitel 1 bereits am vierten Tag erschaffen hatte. Echte Kreative erfinden eben gern mal etwas bereits Erfundenes. Nun wurde ihm die Erd-Formungstechnik offenbar zu langweilig. Deshalb baute er den zweiten Menschen nach einem anderen Konzept: Rippe aus Mensch 1 entnehmen und daraus ein komplett neues Modell zusammenbiegen, Typenbezeichnung: Frau.

Man weiß, wie die Sache ausging: Apfelessen mit Nebenwirkung, Vertreibung aus dem Paradies, erster Sex, Kleinfamilienglück mit zwei Kinder, dann soap-artige Verwerfungen. Der übliche Menschenquatsch. Von wegen „Es war gut!“

Wie nennt man das, was Gott da hergestellt hat? Wasser, Land und Baum mögen „Kreation“ sein, ein Wort mit üblem Werbe-Beigeschmack. Wir Lebewesen dagegen sind „Kreatur“, sagt die Bibel wortwörtlich, was übersetzt bedeutet: „Es wurde geschöpft“.

Seit dem 17. Jahrhundert wurde der ursprünglich wertneutrale Bericht mehr und mehr mit Adjektiven wie „armselig“ oder „unglücklich“ kombiniert – klares Zeichen dafür, dass uns Menschen der passive Zustand des „Geschöpft-Werdens“ zunehmend weniger behagte. Also wechselten wir das Rollenfach – von der Kreatur zum Kreativen, der bis zur Erschöpfung schöpferisch tätig ist.

Lassen wir Gott, auch wenn er das nicht mag, mal beiseite. Die Bibel wortwörtlich zu nehmen, das ist ohnehin nur etwas für – Achtung! – Kreationisten, denen in der Evolutionstheorie der klar benannte Urheber fehlt.

Zum In-Wort wurde Kreativität tausende von Jahren später, genau genommen erst in den 1960er Jahren. Verantwortlich dafür war nicht Picasso, es waren dröge Bildungsforscher und die US-Regierung. Triebkraft war der Neid, denn die Russen hatten gerade den Sprung ins Weltall geschafft. „Um mitzuhalten, brauchen wir mehr Erfindergeist“, knurrte man jenseits des Atlantiks und begann, intensiv zu erforschen, wie gute Ideen entstehen. Nicht durch Fleiß, fand man heraus, sondern durch vielfältige Anregungen und ungezielte Denkprozesse, durch Ausprobieren statt Gleich-Bewerten, durch positiven Zuspruch statt allzu viel Leistungsdruck.

Forscher beschrieben vier bis sechs Phasen des kreativen Prozesses, der für das Entwickeln neuer Weltraum-Ideen dringend nötig war. Erst in dessen Sog entwickelte sich das Bedürfnis, kreative Denkprozesse auch im musischen Bereich zu nutzen, und Kreativ-Angebote, Kreativkurse oder kreatives Chaos entstanden wie die Teflonpfanne als Abfallprodukte der Raumfahrt.

Kehren wir noch einmal zum Ausgangspunkt zurück, um beide Auslegungen des Begriffs „Kreativität“ miteinander zu versöhnen. Denn wie wäre die Welt laut Bibel entstanden, wenn Gott ein echter Kreativer gewesen wäre? In einer kreativen Bibel stünde: „Am Anfang erschuf Gott jede Menge sonderbarer Teile, die zu gar nichts nutze waren. Er schmiss sie auf einen riesigen Haufen Schöpfungs-Schrott und ärgerte sich drei Tage lang. Die Zeit danach vertrieb er sich mit Wolkenschieben. Am 40. Tag beschloss er aufzuräumen. Als ihm beim Sortieren des Schrotts langweilig wurde, bastelte er ein bisschen vor sich hin. Plötzlich brummelte er: „Warte mal – jetzt kommt mir die Idee!“ Und er sah: Es war gar nicht mal so schlecht!

Also bastelte er weiter, bis zum heutigen Tag. Vielleicht dürfen wir Kreaturen irgendwann auch mal mitmachen?

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Die Natur: Ich war zuerst da!

Über dieses Wort freut man sich – natürlich! – als Wortklauber: In „Natur“ steckt alles, was es an Bedeutungen gibt. Schon der Ursprung des Wortes belegt das: „Natur“ heißt „Geburt“, denn sie ist quasi das Geborene, von selbst Entstandene.

Anders als ihre Gegenstücke „Kreatur“ – das Geschaffene oder Bearbeitete – und „Kultur“ braucht „Natur“ keine besondere Existenzberechtigung. Sie war zuerst da und genießt deshalb „Naturrecht“. Man spürt das selbst in unserer Sprache: Zu Sachverhalten, über die wir nicht diskutieren möchten, sagen wir „natürlich“ und „naturgemäß“. Natur heißt: Ist halt so.

Eine besondere Verbindung hat Natur zum Völkischen, auch vom Wort her: „Nation“ besitzt nicht zufällig den gleichen Wortstamm, sondern geht vom Volksstamm aus, in dem alle miteinander verwandt und daher ähnlich sind – Inzest ist die natürlichste Sache der Welt! „Gibt es doch nur bei Naturvölkern“, murrt jemand.

Obwohl wir keine Nationalisten mehr sind, haben wir die dumpfe Vorstellung einer besonderen „Natur“ jedes Volkes nicht völlig abgelegt, sondern sprechen von der „rheinischen Frohnatur“ und den „naturgemäß“ großschnäuzigen Berlinern. Lesen wir in einer Umfrage unter sächsischen Bürgern, dass immerhin 15 Prozent meinen, Deutsche seien anderen Völkern „von Natur aus“ überlegen, vermuten wir, dass solche Ansichten „in der Natur“ der Sachsen liegen.

Verweilen wir noch einen Moment am rechten Rand. „Gott hat die Menschen dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen“, schreibt ein gewisser Paulus – hieß der nicht eben noch Saulus? – in seinem Brief. Was meint er damit? Lesen wir weiter: „Desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben…“

Irgendwie klingt der Autor wie ein moderner Rechtspopulist, obwohl er schon fast 2000 Jahre lang tot ist – oder gerade deswegen? „Wir stehen für … die natürliche Verbindung von Mann und Frau“, sagt jedenfalls Herr Höcke von der AfD.

Traurig, dass selbst die Tier- und Pflanzenwelt ihre Rolle als natürlicher Vertreter des Natürlichen nicht ausfüllt. Bis zu 75 Prozent der Giraffen haben Bi-Erfahrungen, bei Elefanten gibt es Rüssel-Sex unter Bullen, 10 Prozent der Schafböcke sind schwul, und 20 Prozent sind bisexuell. All das lässt nur einen Schluss zu: Die Natur ist ziemlich widernatürlich!

Obwohl wir uns der Natur entfremdet haben, ist sie doch in uns – und damit meine ich nicht nur unseren Urwald aus Darmflora und Bakterienfauna. „Es liegt in der Natur des Menschen…“, tönen wir verheißungsvoll, um mit Satzteilen wie folgenden zu enden: „ein Haus zu bauen“, „Krieg zu führen“, „sich die Welt untertan zu machen“ oder „vernünftig zu denken und unvernünftig zu handeln“.

Kann es sein, dass unsere Natur durchdreht? Dafür spricht, dass es unter uns eine spezielle Untergruppe gibt, was deren Natur betrifft: Diverse Foreneinträge belegen, dass der „Natur des Mannes“ das „Bedürfnis (entspreche), sich mit anderen zu messen“, „der Bestimmer sein (zu) wollen“, aber einen „Beschützerinstinkt“ zu mobilisieren, wenn es um zarte Frauchen geht.

Gibt’s auch etwas, das „in der Natur der Frau“ liegt? Klar: „Cellulite“, „Eifersucht“, „die Schuld bei sich (zu) suchen“ und das, was Friedrich Holländer Marlene Dietrich singen ließ: „Das ist, was soll ich machen, meine Natur. Ich kann halt lieben nur und sonst gar nichts.“

Kurz: „Natur“ ist die treffendste Antwort auf „MeToo“: So sind wir halt – erst recht, wenn es um die „natürlichste Sache der Welt“ geht.

Natur ist primitiv, Kultur ist progressiv? Es gibt auch andere Sichtweisen. Dem Aufklärer und Pädagogik-Vordenker Jean-Jacques Rousseau wird der Ausruf „Zurück zur Natur!“ zugeschrieben. Von Natur aus gut sei der Mensch, fand Rousseau, aber eine ungerechte Gesellschaftsordnung habe ihn davon abgebracht, so dass der tief in ihm schlummernde „edle Wilde“ nur noch selten hervorluge. Ob dieser Gedanke den „Naturisten“ auf dem Campingplatz im Hirn herumspukt, die sich als „Naturfreunde“ fühlen, sich nach „Naturschönheiten“ verzehren und der „Freikörperkultur“ huldigen?

Natur gegen Kultur – der Wettstreit geht weiter. Heute taucht das Wort „Natur“ häufig im Zusammenhang mit seinem ärgsten Kontrahenten auf – in der ursprünglichen Bedeutung von Kultur = Ackerbau. Es ist problemlos möglich, sich auf ein mittelmäßiges REWE-Brot mit „Natur-Pur“-Siegel eine dicke Schicht „NaturPur“-­Zwiebelmettwurst von EDEKA zu schmieren, obwohl Brot, Wurst und alle anderen „Naturprodukte“ nicht ohne unseren kultivierenden Beistand entstehen. Die Alnatura-Produkte, die Naturino-Schuhe, das Laminat „Eiche Natur“, die naturidentischen Aromastoffe im Natur-Joghurt und der Naturdarm um die Currywurst sprechen dafür, dass Natur längst das neue Synonym für Kultur geworden ist. Aber das ist – natürlich – nur eine These.

Die Natur war zuerst da, und deswegen ist sie im Recht: Viele gute und böse Produkte profitieren, wenn sie sich mit dem Begriff „Natur“ rechtfertigen. Nur für eine gilt das jedoch nicht: die geschundene, ausgebeutete Natur. Man muss sie schützen, auch gegen die missbräuchliche, verdächtige, sinnverkehrende Verwendung des natürlich­sten Begriffs der Welt.

Aus: Katharina von der Gathen,
Anke Kuhl: Das Liebesleben der Tiere, 144 Seiten, gebunden,
Klett-Kinderbuch, Leipzig 2017,
18 Euro

Spiel

Mit diesem Wort kann man ja alles machen, staunt der Wortklauber. Fast jede Vorsilbe – zum Beispiel an-, ab,- aus-, zu-, zer- und ver- – passt, aber immer kommt was anderes heraus. Je nach Satzkontext kommen auch ganz unterschiedliche Themen zum Zuge: Musik oder Elek­tronik, Sex, Sucht oder Sport. Unser heutiger Unter­suchungsgegenstand ist jedenfalls ein wahres Wort-Spielzeug.

Woher kommt das Wort eigentlich?

Tanzbewegungen, weiß das etymologische Wörterbuch, wurden im Mittelhochdeutschen so genannt. Andere Völker sehen es anders: Das französische „jeu“ und das italienische „gioco“ gehen auf den „Jokus“, die Spielfreude der Lateiner, zurück.

Sind wir Deutschen, weil wir die Freude außen vor lassen, etwa Spielmuffel? Dafür könnte sprechen, dass wir nur ein Wort für alle möglichen Formen des Spiels verwenden. Die Engländer gehen nämlich differenzierter vor. Wenn ein Spiel ungeregelt ist, sprechen sie von „play“. Handelt es sich um ein Wettbewerbsspiel, sagen sie „match“. Gibt es Regeln, verwenden sie auch das Wort „game“.

Interessant ist, dass alle drei englischen „Spiel“-Wörter deutsche Vor- und Nachfahren haben: „Play“ geht auf das Urwort von „pflegen“ zurück und meint so etwas wie „betreiben“. „Match“ ist eng mit „machen“ und „Macker“ verwandt. Auch „game“ hat einen deutschen Cousin: Noch bei den Gebrüdern Grimm stand der „Gammel“ für „Lust, Übermut, Kitzel“. Der „Gammler“ war es dann, der dem lustvollen Wort seine schmuddelige Bedeutung verlieh.

Spielen wir ein bisschen mit dem Wort „Spiel“, das so viele Bedeutungen hat? Also los!

„Im Spiel sind wir…“, sagen Kinder, wenn sie so tun, als ob. Das hätte der Spielsüchtige, der gerade sein Haus verzockt hat, wohl gern: „Können wir nicht sagen, dass das nur ein Spiel war?“ versucht er seine Mitspieler zu überzeugen, aber die sagen nur: „Spielst du jetzt völlig verrückt?“ Daheim kann er seine bittere Niederlage schwerlich überspielen. „Ich habe ausgespielt“, erklärt er verzweifelt.

Indessen faltet Trainer Jupp seine müden Spieler zusammen: „Ich hab euch vor dem Spiel gesagt: Das Rückspiel wird alles, aber bestimmt kein Heimspiel für euch! Und dann kommt ihr hier mit miserablem Zuspiel und zu häufigem Abspiel – zum Beispiel beim Anspiel vom Mittelfeldspieler! Also, Jungs, das war ein ganz schlechtes Schauspiel, was ihr da geboten habt…“

Frau Direktor Heisterkamp hingegen ist skeptisch: Ihr Bettgespiele hat gerade ein turbulentes Liebesspiel mit ihr absolviert – in „allen Spielarten“. Jetzt aber kommen ihr die Liebesschwüre ihres Playboys plötzlich unecht vor – besonders seine billigen Wortspiele. „Spielt der mir nicht was vor?“ fragt sie sich. „Und hat er dies nicht auch schon, bedenke ich es recht, beim Vorspiel getan? Spielt er gar mit meinen Gefühlen?“ Mit gespieltem Lächeln drückt sie die Play-Taste des CD-Players, woraufhin ein Song von Helene Fischer ertönt, und flüstert: „Das wird ein Nachspiel haben, mein Freundchen.“

 

Gracias a la wider

Ein Kraftmeier liegt vor uns auf dem Seziertisch der Wortklauberei:

Das Wort „Widerstand“ zieht quasi ein bis drei ungeschriebene
Ausrufezeichen hinter sich her. Wir wollen schauen, was dahintersteckt.
Um es gleich zu sagen: Der harmlose „Stand“ ist es wohl nicht,
der dem Wort Power gibt. Aber was um Himmels Willen ist „wider“?

Erste Überraschung: Widers engster Verwandter, beim Zuhören jederzeit mit ihm zu verwechseln, ist ein scheinbares Widerwort, nämlich das nette und gemütliche „wieder“, das Beständigkeit signalisiert („Komm wieder!“) oder allenfalls mal Langeweile („Schon wieder Kohlrabi, örks!“). Trotzdem waren die beiden mal eins, nämlich zu Zeiten, in denen man darunter „(zu-)rück“ verstand: Gehen wir beide voneinander weg und drehen uns dann um, gehen wir wider uns – uns also entgegen und kommen damit wieder zurück.

Verblüffend: „wider“ und „wieder“ haben sogar einen gemeinsamen englischen Verwandten, der ebenfalls eine völlig widersinnige Bedeutung bekam: Auch „with“ war einmal „wider“. Wer war zuerst „wider“? Solche, die aus der Reihe tanzten, nämlich die Widerborstigen und Widerspenstigen.

Früher war viel mehr „wider“. Grimms „Deutsches Wörterbuch“ listet über 100 Wörter mit „wider“ auf, und manch eins der Widerworte hätte nicht verdient, schmählich vergessen zu werden. Zum Beispiel die „Widerbäffsamkeit“, über die sich Herren im Mittelalter (1500) gern aufregten: „Die weiber klagend allweg, si scheltend unnd widerbeffent on underlasz!“ Statt in des Meeres Widerwellen – jede Welle hat eine davon! – versanken diese Herren tief im Widerdriesz, einem Verwandten der Verdrießlich- und Überdrüssigkeit. Oder in beklagenswerter Widernis, da ihnen die Weiber alle zuwider waren. Wieso wetzte keiner von ihnen widerträchtig seine – zwischen den Eckzähnen sitzenden – Widerzähne, wenn er vor lauter Widerung widerzahm – das Gegenteil von zahm – geworden war? Warum antworteten sie ihren Widersacherinnen nicht wie mit Widerschmach, versetzten ihnen nicht den entscheidenden Widerschnall oder forderten sie widerspöttisch auf, ihnen die Widerseite zu lecken? Warum wünschten die Herren sie nicht in die Hölle, damit sie dem „Widerchrist“ anheimfallen? Der übrigens einen Widersacher hatte, dem einstmals sogar das seltene Kunststück des Widertodes gelang: „Widertodt, der uns nach uns belebt und machet frisch und rot, wenn wir vorlängst erblaszt.“

Ja, „wider“ war schon immer ein Scharfmacher. Zwar bedeuteten heutige Premium-Beschimpfungen wie „widerlich“ oder „anwidern“ ursprünglich nur, dass etwas gegen einen ist. In den „widrigen Umständen“ klingt das noch an. Aber dann kam der Ekel dazu: Wer wider mich ist, ist widerlich!

Und so verführte das Wörtchen „wider“, in klare Freund-Feind-Schemen zu verfallen. Der sanfte Jesus, offenbar schwer genervt von den Pharisäern, schleudert ihnen entgegen: „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich.“ Das greifen Imperatoren und Kriegstreiber aller Couleur auch heute noch gern auf, um ein für alle Mal klarzustellen: Entweder bist du mein Fan oder mein Feind. Aber mich ignorieren? Widerlich!

Ach je! Wie widerwärtig werden unsere Widerworte erst, wenn ihnen passende Adjektive angeheftet werden. Widerstand beispielsweise wird schon lange erbittert geleistet. Den Widerspruch gegen die Neuvergabe unserer PIN-Nummer oder die Umlackierung des Hausbriefkastens legen wir schärfstens oder mindestens entschieden ein. Und wenn zwei oder drei Leute dagegen sind, schreibt der Journalist ungeachtet düsterer Vergangenheit vom Widerstandsnest oder vom zu erstickenden Keim des Widerstands. Pfui!

Auch wenn es sich widerspenstig wehren mag: Insgesamt scheint das renitente „wider“ doch an Kraft einzubüßen. Vielleicht, weil sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es nicht immer um das scharfe Gegeneinander, sondern um konstruktiven Ausgleich von Interessen geht? Dass also zwischen „für und wider“ hin und wieder auch ein „eher so“ und „ein Stückweit“ Platz finden?

Wahrscheinlicher ist, dass „wider“ irgendwann an seiner Banalisierung zugrunde geht. Denn was erscheint bei der Google-Bildersuche in Hülle und Fülle, gibt man das widerborstige Wort „widerstehen“ ein? Richtig: Frau und Kekse, Frau im Schuhgeschäft, Mann und Schnaps, Katze mit Kulleraugen. Und der Satz: „Wer kann da schon widerstehen?“

Erkenne mich an!

Ich kenne dich. Ich erkenne dich deshalb wieder. Und ich erkenne etwas an dir.

Vom Wortsinn her kann Anerkennung eine banale Sache sein: Ich erkenne an deinen Mundwinkeln, dass du Spagetti Bolognese gegessen hast.

Anerkennung und ihr Gefährte, das ihr oft vorauseilende Zuerkennen, bedeuten, dass man einen Menschen nicht nur kennt und erkennt, sondern noch etwas an ihm erkennt, das an ihm klebt wie die soßentriefende Nudel im Mundwinkel, nämlich: Er ist mehr als nur er. Er ist quasi Mensch +.

Altbekannte Formen visualisieren die Verteilung von Anerkennung: Der verdiente Militär wird mit Orden dekoriert, Fritzchen Müller erhält ein klitzekleines „von“ als Prädikat, und einem Held werden Eigenschaften zuerkannt, die er gar nicht hat. Auch heute wird gern etwas angeklebt oder verliehen: das Bundesverdienstkreuz, die Haus-der-Kleinen-Forscher-Plakette oder die Anerkennung als staatlich anerkannter Erzieher.

Wie bitte? Verliehen? Bedeutet das etwa, dass Titel, Plakette und Berufsbezeichnung mir gar nicht gehören, sondern…?

Bingo! All diese Anerkennungen kann der Verleiher jederzeit – vielleicht nach festgelegten Regeln – widerrufen. Weil sie verliehen und nicht verschenkt sind, darf man sie auch weder vergeuden noch weiterreichen. Wer das dennoch tut, begeht womöglich den gleichen Fehler wie ein illegaler Untervermieter.

Das heißt: Einer besitzt Anerkennung, der andere erhält sie von ihm verliehen. Offensichtlich setzt Anerkennung in diesen Fällen eine Art Machtgefüge voraus. Ich anerkenne und verleihe, du fühlst dich geehrt, brüskiert oder verpflichtet. Aber: Wehe dem, der Zertifikate verleiht, ohne dazu – wie der Titelhändler auf den Cayman-Inseln – dazu berechtigt zu sein!

Ist dieses Machtgefüge etwa auch eine Voraussetzung für unsere Form des Anerkennens, die sich gern in das Sätzchen kleidet „Das hast du aber gut gemacht!“? Besitzen wir das unbestrittene Recht, Anerkennung zu verteilen? Oder agieren wir wie der Titelhändler, der sich dieses Recht anmaßt?

Tatsächlich steht ein Machtgefüge hinter den meisten Anerkennungen. Ob die Abschlüsse eines Staates anerkannt werden, hängt letztendlich davon ab, ob er als souveräner Staat anerkannt ist. Zwar liegt diesem Schritt oft gegenseitige Anerkennung zugrunde, aber letztlich entscheidet doch das Recht des Stärkeren – wie im Wolfsrudel. Anerkannt wird ein neuer Staat, wenn die starken Staaten ihn akzeptieren und die schwächeren nachziehen. Ob die Ostukraine, Transnistrien oder Palästina anerkannt werden, hängt nicht nur vom Vorhandensein eines funktionieren Staatswesens ab, sondern davon, ob es den Großen in den Kram passt oder nicht. Doch selten kommt unter Staaten vor, was Titelträger, Kurorte und gemeinnützige Vereine befürchten müssen: die Aberkennung. Sie hat auch schon manchen Politiker die flott herbeigeschriebene Doktorwürde gekostet.

Anerkennung wartet überall auf uns: Wer nicht als staatlich anerkannter Erzieher oder Heilerziehungspfleger für einen staatlich anerkannten Jugendhilfeträger tätig ist, hat vielleicht die IHK-Anerkennung als Handwerker, Magister, Krankengymnast oder geht wenigstens in den anerkannten Bildungsurlaub – zum Beispiel in anerkannte Luftkurorte, um sich von einem anerkannten Bergführer mit Jagdgebrauchshund durch ein anerkanntes Biosphärenreservat geleiten zu lassen. Feiert er dort Weihnachten, kann er das Lied „Stille Nacht“ singen, dem erst kürzlich von der UNESCO der Status als immaterielles Kulturgut der Menschheit zuerkannt wurde.

Der Anerkennung als Behinderter und der anerkannten Berufsunfähigkeit könnte allerdings die Aberkennung der Bürgerlichen Rechte folgen, wenn jemand plötzlich behauptet, Deutschland sei gar kein anerkannter Staat, und sich als Bürger des selbst erdachten Reichsstaats „Groß-Germanistan“ betrachtet. Nur der anerkannte Pflegedienst kommt dann noch zu Besuch. Oder die Polizei.

Eine kleine Liedzeile wartet aber bis heute auf den Status als „staatlich anerkannter Aphorismus“ oder „schützenswertes Jugendlichen-Gröhl­gut“, obwohl sie klare Grenzen für Anerkennung setzt: „Scheiße auf dem Teller­rand wird als Senf nicht anerkannt.“ He ladi ladi lo!

Foto: photocase, tobeys

Zeit, Raum und Zukunft

Ach, du liebe Zeit – die Zeit ist paradox: Jeder besitzt welche, kriegt ständig neue – und murrt doch, keine zu haben. Will man sie jemandem stehlen, muss man sie selbst aufwenden. Zwar gilt sie als ausgesprochen kostbar, sogar als bares Geld – doch dem Erwerbslosen steht sie reichlicher zur Verfügung als dem Vorstandsvorsitzenden. Ihre Superkräfte zeigt sie, indem sie dahinfliegt, alle Wunden heilt, hoffentlich für uns arbeitet, aber den Wettlauf gegen uns immer gewinnt. Dabei verrinnt sie heimlich, still und leise, sodass wir uns fragen, wo sie geblieben ist. Gut, dass jede Zeit zu Ende geht. Und immer folgt eine neue.

Jeder Mensch, der mitten im Leben steht – und wer tut das nicht? – hat eine Beziehung zur Zeit, aber wir PädagogInnen haben eine besonders intensive. Zwar sprechen wir vom Raum als „drittem Erzieher“, aber die Zeit ist der „vierte Erzieher“. Leider lässt sie sich nicht so bedeutungsvoll ausdifferenzieren wie der Raum, den es im Kindergarten als Bau-, Rollenspiel-, Tobe- oder Forscher-Raum gibt und in der Schule gar als Kunst-Raum. Zeit gibt’s nur ganz prosaisch zum Ankommen, Schlafen und Aufräumen.

Interessant ist: Während die Räume fast alle offene Angebote machen wollen, haben die Zeiten klare Vorstellungen über ihre Zwecke: In der Ruhezeit wird geruht, in der Lesezeit gelesen, und bei der Mahlzeit sollen fleißige Zähne Speisen zu Brei zermahlen. Nur eine Zeit macht eine Ausnahme und bestätigt damit die Regel: In der Freizeit muss man nichts tun, aber man kann…

Weil wir so viele Zeiten erfunden haben, müssen wir ständig an deren Vergehen erinnern, denn unser kindliches Gegenüber denkt zwar über alles nach, nicht aber über die Zeit. „Es ist höchste Zeit“, gemahnen wir den ­Nachwuchs beim morgendlichen Bummeln und unterstellen ihm, wenn er verspätet heimkommt, die Zeit vergessen zu haben. „Uns läuft die Zeit davon“, klagen wir als verantwortungsbewusste PädagogInnen, quält uns doch die ­Vorstellung, kostbare Zeit zu vergeuden und womöglich nicht allen Lernstoff ausgekippt zu haben, bevor
sich ein kind­­liches ­Zeitfenster wieder schließt. Kein Wunder, dass wir erst abends bei einer Tasse „Zeit für mich“-Tee zur Ruhe kommen.

Verlassen wir den trüben pädagogischen Alltag, um kurz vorm Ende der für diesen Text veranschlagte Lesezeit zwei weitaus prachtvollere Zeit-Räume – es gibt diese Kombinationen beider Dimensionen tatsächlich – aufzusuchen: Je nach Standpunkt begeistern Vergangenheit und Zukunft manch einen weitaus mehr als die öde Gegenwart, die schon vom Wort her unsympathisch an Haus- oder Zeugwart erinnert. Für den Mittelalter-Freak oder den verbiesterten Reichsbürger ist die Vergangenheit „Zeit für mich“, während Technik-Gläubige sich nach intelligenten, mit der Tapete und allerlei Außerirdischen vernetzten Kühlschränken sehnen und sich in eine Zukunft wünschen, die andere Leute sich ausdenken, um ordentlich Kohle zu machen.

Lassen wir die Narren hoffen und harren. Inzwischen nutzen wir unsere Zeit, um uns eine Zukunft und erst recht eine Gegenwart zu zimmern, die wir gut finden. Es ist an der Zeit – und wir haben zum Glück alle Zeit der Welt.