Der Tag, an dem Mutti zurückkam

Hier gibts den Artikel als PDF: Satire_Mutti_#6_2020

Es war eigentlich ein ganz normaler Donnerstag. In den Schulen zankten sich die Kinder vor und mit den Lehrern. In der WhatsApp-Gruppe der Erdmänncheneltern zerriss man sich das Maul über die Gel-Nägel der neuen Kollegin Yasemin. Im REWE versuchte man geschickt, seine Waren auf das Band der neu eröffneten Kasse zu legen, ohne jemandem zu nahe zu kommen. Im Bundestag predigte der Abgeordnete Curio über den Zusammenhang zwischen Corona, Migration und Mannhaftigkeit. Und im Leserforum der Hessischen Allgemeinen Nachrichten beschimpften sich Gegner und Befürworter der Sanierung des Abwasserkanals in Hessisch Oldendorf erbittert. Doch dann, etwa gegen halb Elf, machte ein federleichtes Gerücht die Runde, aus dem bald panische Gewissheit wurde, bestehend aus jenen zwei Worten, die in jedem Klassenraum kurz vor Ende der Fünf-Minuten-Pause mit Lehrerwechsel zu hören sind: „Sie kommt!“

Mutti erschien. Packte den ersten – vielleicht einen von zwei Streithähnen – sanft, aber sicher an der Schulter. Machte ein Gesicht, das keinen Widerspruch duldete, und sprach: „Ich will nicht wissen, wer anfing. Ich will, dass ihr aufhört.“ Sah uns zu, bis wir alle Waren zurück in den Korb gelegt hatten, denn: Man drängelt nicht vor. Und entschied: „So, jetzt könnt ihr weitermachen.“

Mit Mutti war überall zu rechnen. Diktator Abrumski aus irgendeinem schwer zu merkenden Nachbarland wirkte plötzlich ganz kleinlaut, als Mutti ihm sagte: „Du weißt selbst, was du verkehrt gemacht hast, Freundchen!“ Expräsident T. sah mit waidwunden Augen zu Boden, weil Mutti die Sache mit dem schlechten Verlierer beinahe noch ein zweites Mal erklären musste – und das will man doch nicht. Abgeordneter Curio aber spürte entgeistert, wie Mutti ihm vor dem Hohen Haus am Rednerpult mit ihrem riesigen, nach uralter Spucke riechenden Taschentuch einen vergessenen Ei-Rest aus dem Mundwinkel entfernte: „So geht man aber nicht vor die Leute, mein Junge!“

Der Verkehr stockte, weil plötzlich alle bang auf die Temposchilder achtgaben. SUV-Fahrerin Martina verschlug es die Sprache, als Mutti sie fragte, was sie mit so einem Angeber-Auto wolle und woher sie denn überhaupt das ganze Geld dafür habe? Studienrat Raimund versprach stotternd, seinen Unterricht fortan besser vorzubereiten. „Bei den Hausaufgaben warst du früher auch immer so schlampig, mein Freund!“ Und im ICE klappte Mutti, resolut durch die Reihen schreitend, alle Laptop­deckel zu: „So, meine Lieben, genug in die Kästen geguckt! Wir spielen jetzt Halma, macht jeder mit?“

Natürlich versuchte mancher, Mutti zu entkommen – vergebens. Wenn Mutti allgemeine Schlafenszeit ausgerufen hatte und man trotzdem noch durch die dunklen Straßen zum Spätkauf hastete, fragte sie tückisch, wo man denn hinwolle und ob man nicht schlafen könne. In den Kantinen, in Gaststätten und selbst in den vornehmsten Restaurants konnte es passieren, dass der Kellner beim Abräumen unterbrochen wurde: „Stopp! Ich sehe gerade: Da liegt noch Kalbsbries. Barbara, wenigstens ein Kostehäppchen probierst du. Und dann noch eins… Bis dein Tellerchen blank ist.“ Dazu riss Mutti Augen und Mund auf, als wolle sie Barbara verschlucken.

Am ärgsten war es, wenn Mutti sich für jemanden einsetzte. „Sofort entschuldigst du dich, dass du Cemile diskriminiert hast!“ fuhr sie den Jung-Nazi Kai-Uwe an. Und weil er allzu leise sprach, ertönte ein aufmunterndes „Ich höre nichts!“ Ja, Mutti hatte viele Kinder, die sich bei­einander entschuldigen mussten. „Es tut mir leid, dass meine Beiträge im Leserforum immer wieder so unfreundlich klangen, ich bin eigentlich ein ganz Netter“, diktierte sie und befahl: „Das schreibst du jetzt – und zwar sofort!“ Zum Schluss ermahnte sie uns alle: „Und jetzt vertragt ihr euch!“ Wir nickten und sahen zu Boden, aber sogleich hieß es: „Seht euch an! Gebt euch die Hand!“

Manch einer versuchte, aufzubegehren, und zeterte: „Ich bin groß! Ich habe erfolgreich mehrere Pubertäten absolviert! Ich kann allein auf mich aufpassen!“ Dann fragte Mutti nur süffisant: „So?“ Da fiel das Großmaul in sich zusammen und schämte sich für seine unbedachten Worte.

Später tauchte auch Vati auf, sozusagen als zweite, deutlich flachere Welle. Er wiederholte, was Mutti angeordnet oder befohlen hatte, und wir ließen ihn gewähren. Denn wir wussten längst: Jederzeit kann Mutti zurückkommen. Und sie sieht uns zu, von wo auch immer…

 

Michael Fink

Michael Fink ist Autor und Fortbildner.

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