Mein Leben als Erzieherin

232.000 Windeln hat sie gewechselt: Seit 43 Jahren arbeitet Marina König in derselben Kita in Berlin-Kreuzberg. Doch um sie herum hat sich alles verändert. Ein Protokoll. Weiter lesen…

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Geboren & Willkommen

Das Geheimnis meiner Geburt

Fotos: Eva von Schirach

Ayca: „Ich wurde in 40 Körnern Reis gebadet.“

Aycas Vater kommt aus der Türkei. In seiner Familie werden alle Babys auf diese Art im Leben willkommengeheißen. Wurdest du auch mit einem Ritual in deiner Familie begrüßt?

Artikel 14, UN-KRK: Alle Kinder haben das Recht, zu glauben und zu denken, was sie möchten und richtig finden.

 

Henri: „An meinem Geburtstag esse ich immer Eis. Das muss einfach so sein.“

Vielleicht kommt Henris Liebe zu Eis daher, dass es am Tag seiner Geburt eiskalt war. Was tust du am liebsten an deinem Geburtstag?

Artikel 12, UN-KRK: Alle Kinder haben das Recht auf eine eigene Meinung und darauf, dass diese angehört und berücksichtigt wird.

Marie: „So sieht mein erstes Foto aus.“

Maries Eltern sind neugierig und sehr glücklich über ihr zweites Kind. Die Familie wächst und verändert sich. Wer gehört für dich zu deiner Familie unbedingt dazu?

Artikel 8 und Artikel 27, UN-KRK: Alle Kinder haben das Recht auf ein liebevolles Zuhause.

Arno: „Ich habe als Baby in einer kleinen, gemütlichen Kiste geschlafen.“

In Finnland werden viele finnische Neugeborene in einen Willkommens- Karton gebettet. Wo hast du an deinen ersten Tagen auf der Welt geschlafen?

Artikel 6 und Artikel 23, UN-KRK: Alle Kinder haben das Recht, sich bestmöglich zu entwickeln und bekommen die Hilfe, die sie ­brauchen.

Rolly: „Am Tag meiner Geburt hat mir mein Vater eine Blume mit ins Krankenhaus gebracht.“

Ähnlich wie Pflanzen, brauchen Kinder zum Großwerden viel Liebe und Pflege. Woran merkst du, dass du von deinen Eltern gut umsorgt wirst?

Artikel 19, UN-KRK: Alle Kinder haben das Recht auf ein Leben ohne Gewalt.

Lilli: „Ich wurde als Baby mit Öl massiert.“

Es ist wichtig zu wissen, was Babys gut tut. Nicht nur das Öl schützt die Haut. Auch die Berührung durch das Massieren und Streicheln stärkt die Abwehrkräfte. Was weißt du über die Pflege von Babys?

Artikel 28, UN-KRK: Alle Kinder haben das Recht, zu lernen und Bescheid zu wissen.

Linus: „Als ich bei meiner Mutter im Bauch war, hat sie am liebsten Lakritze, Fisch, Ei und saure Gurken gegessen.“

Die werdende Mutter ernährt das in ihr wachsende Baby mit. Oft ent­wickeln schwangere Frauen dabei ungewöhnliche Essensgelüste. Weißt du, auf was deine Mutter Heißhunger während der Schwangerschaft hatte?

Artikel 24 UN-KRK: Alle Kinder haben das Recht auf angemessene Gesundheitsvorsorge. Das ungeborene Kind im Bauch der Mutter natürlich auch.

Akhlima: „Diese süßen Schuhe haben mir unsere Nachbarn geschenkt.“

Zur Feier ihrer Geburt haben Akhlima und ihren Eltern von anderen Hausbewohnern viele Babysachen geschenkt bekommen. Wie haben die Erwachsenen und Kinder in deiner Umgebung gezeigt, dass sie sich über deine Geburt freuen?

Artikel 3, UN-KRK: Alle Menschen haben die Aufgabe, sich um das Wohl der Kinder zu kümmern.

Jonathan: „Meine Eltern lieben die Geschichte von der Möwe Jonathan.“

Als Jonathan auf die Welt kam und seine Eltern ihn das erste Mal sahen, war ihnen sofort klar, dass dieser Name zu ihm passt. Wie bist du zu deinem Namen gekommen?

Artikel 8 und Artikel 7, UN-KRK: Alle Kinder haben ein Recht auf Unverwechselbarkeit und einen eigenen Namen.

 

 

Kirstenmalzwei in der neuen wamiki

Die wamiki #2/2017 ist gerade in der Endredaktion und Ihr könnt schon einmal einen Blick werfen. Zum Beispiel auf zwei neue Autorinnen, die einen Blog mit dem einfallsreichen Namen Kirstenmalzwei betreiben. Dahinter stehen, wer hätte es gedacht, zwei Frauen mit dem gleichen Vornamen: Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob bloggen seit Oktober 2016 über ihre Erfahrungen mit Inklusion und öfter leider auch mit Exklusion, deshalb heißt der Titel „Zwischen Inklusion und Nixklusion“.

Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob vom Inklusions-Blog kirstenmalzwei.blogspot.de
Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob

Beide Autorinnen sind vom Thema Inklusion ganz persönlich betroffen, denn sie haben Kinder mit Behinderungen, Söhne, die mit dem Down-Syndrom geboren wurden. Kirsten Ehrhardt hat über ihre Erfahrungen auch schon ein Buch geschrieben: Henri: Ein kleiner Junge verändert die Welt (2015). Mit sehr viel persönlichem Engagement hatte sie mit ihrem Mann erreicht, dass Sohn Henri statt einer Sonderschule die Realschule besuchen kann. Das Buch handelt unter anderem davon.

Die Geschichten, die es regelmäßig auf Kirstenmalzwei zu lesen gibt, sind zwar nicht alle persönlich erlebt, doch die Ereignisse haben sich so oder ähnlich zugetragen, und Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob haben meist in ihrer ehrenamtlichen Beratungstätigkeit von ihnen erfahren.

Hier eine Geschichte, die bei mir einen Lacher hervorrief, und von denen es beim Thema Inklusion zum Glück auch einige gibt. Mehr dann in wamiki #2/2017 und natürlich im Blog der Autorinnen. Ein unbekannter Zeichner liefert übrigens im Blog immer ganz wunderbare Illustrationen wie diese hier:

Voll behindert

Wochenende im Einkaufszentrum.
Auch DER JUNGE ist mit seiner Familie beim Großeinkauf.
Auf dem Parkplatz steht eine Gruppe Jungs.
Sie schubsen sich herum und haben scheinbar nur ein Lieblingswort: „Mensch Alter, voll behindert echt!“ „Boah, nee, wie scheiße ist die denn. Die ist doch behindert.“ „Ey, du Spacko, bist du behindert oder was?“
Als der Junge näher kommt, ruft einer: „Guck mal, wie komisch der aussieht!“
Alle schauen.
Dann sagt ein anderer: „Mensch, bist Du behindert! Der sieht doch nicht komisch aus. Der ist bei uns in der Klasse. Voll cool und immer total lustig.“
Und schon wird der Junge von allen umringt und begrüßt:
High five.
Was er denn so am Wochenende macht, wird er gefragt.
„Na, dann immer schön locker bleiben! Wir sehen uns Montag!“

 

Links:

kirstenmalzwei.blogspot.de

Patchwork XXL

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Willkommen konkret

Berliner Bündnis für Kinder geflüchteter Familien

Plakat Herzlich Willkommen
Tine Schulz, Illustration, aus: „Alle da“, Klett Kinderbuch-Verlag

Wer wir sind

In unserem Bündnis arbeiten Menschen aus der frühpädagogischen Praxis und Theorie, aus Verwaltung, Beratung, Therapie, Fort- und Weiterbildung zusammen.

Uns verbindet, dass wir uns für das Wohlergehen und die Rechte aller in Berlin lebenden Kinder engagieren. Das Bündnis konzentriert sich auf Kinder in den ersten sechs Lebensjahren.

Wir setzen uns dafür ein, dass alle Kinder geflüchteter Familien, die sich in Berlin aufhalten, Zugang zu frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung erhalten.

Unsere Positionen

1.       Geflüchtete Kinder sind in erster Linie Kinder. Wie alle Kinder haben sie das Recht, in ihrer Entwicklung gestärkt zu werden. Dies gilt in besonderer Weise für Kinder, die jünger als sechs Jahre sind und deren Zugang zu frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung bisher erheblich erschwert ist.

2.       Über die Lebensverhältnisse und -erfahrungen von jungen Kindern geflüchteter Familien haben wir zu wenig gesichertes Wissen. Wir wissen zudem nicht, wie sie ihre Erfahrungen verarbeiten. Stattdessen existieren viele Vorurteile, Stereotype und medial vermittelte Bilder. Diesen wollen wir differenzierend und aufklärend entgegen wirken.

3.       Junge Kinder mit Fluchtgeschichte haben die gleichen Grundbedürfnisse wie all ihre Altersgefährt_innen und sind ebenso individuell verschieden wie sie.

4.       Junge Kinder brauchen Normalität im Zusammensein mit anderen Menschen an einem sicheren, anregenden Lebens- und Lernort. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen freundlich und feinfühlig begegnen, ihre Kompetenzen erkennen und würdigen, sie vor Ausgrenzung und Abwertung schützen und dafür sorgen, dass sie ihre Potenziale entfalten können.

5.       Wer Kinder stärken will, muss ihre Familien stärken: Geflüchtete Familien brauchen Schutz, Anerkennung und konkrete Möglichkeiten, um selbstbestimmt an der Gesellschaft teilzuhaben. Abwehr und Diskriminierung verletzen die Würde von Eltern und beeinträchtigen ihre Sicherheit und Handlungsfähigkeit gegenüber ihren Kindern.

 

Unsere Forderungen

1.       Bürokratische Hürden, die das Recht der Kinder geflüchteter Familien auf Entwicklung und Bildung negieren und ihren Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz einschränken, müssen abgeschafft werden. Wir fordern, dass jede Kita dabei unterstützt wird, geflüchtete Kinder aufzunehmen. Für die Betreuung von Kindern und ihren Familien mit Fluchterfahrung müssen die Kitas bedarfsgerecht mit Personal und anderen Ressourcen ausgestattet werden.

2.       Jenseits des zivilgesellschaftlichen oder ehrenamtlichen Engagements vieler Berliner_innen sehen wir es als öffentliche Aufgabe, jungen Kindern mit Fluchterfahrungen sichere Lebens- und Lernorte zu verschaffen. Der Zuzug geflüchteter Familien muss in der Jugendhilfeplanung, Wohnungs- und Bauplanung, u. ä. berücksichtigt werden. Die Bezirke müssen bei diesen Aufgaben von Land und Bund umfassend unterstützt werden.

3.       Die frühkindliche Forschung muss Wissen über die Belastungen, Stärken und Ressourcen von Kindern geflüchteter Familien generieren. Dieses Wissen bildet die Grundlage für die Erarbeitung von Fortbildungs- und Beratungskonzepten, die Kita-Teams unterstützen, mit geflüchteten Kindern und deren Eltern zu arbeiten.

4.       Von der Erstaufnahmeeinrichtung an muss es in allen Sammelunterkünften anregende Lebens- und Lernbereiche und qualifizierte Fachkräfte geben, die es den jungen Kindern ermöglichen, sich ihre neue Umwelt nach und nach angstfrei und behütet zu erschließen. Gleichzeitig muss die Aufenthaltsdauer der Kinder in den Sammelunterkünften verkürzt werden. Geflüchtete Familien mit Kindern sollen schnellstmöglich und vorrangig in eigene Wohnungen ziehen können.

5.       Die interkulturelle Kompetenzerweiterung von Mitarbeiter_innen in Sammelunterkünften und Ämtern wie auch in Kitas, Familienzentren u. ä. Einrichtungen muss unterstützt werden.

6.       Für die Verständigung mit den Eltern und Kindern müssen Sprachmittler_innen zur Verfügung stehen, die unbürokratisch und bedarfsgerecht eingesetzt werden können. Dafür müssen finanzielle Mittel bereitgestellt werden.

7.       Der besonderen Schutzbedürftigkeit von Kindern mit Behinderungen muss in vollem Umfang Rechnung getragen werden. Ihnen ist schneller und umfassender Zugang zu medizinischer und sozialpädiatrischer Behandlung und Beratung zu ermöglichen. Dem Krankheitsbild entsprechend sind ihnen medizinische Hilfsmittel zu gewähren, die eine Verschlechterung ihres Zustandes verhindern, ihre Entwicklungsmöglichkeiten verbessern und die Familien entlasten.

8.       Um ihre Aufgaben im oben genannten Sinne verantwortungsvoll zu erfüllen, müssen Betreiber von Sammelunterkünften, Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) und Jugendhilfe auf der Basis verbindlicher Standards kooperieren. Ziel ist die bestmögliche Entwicklung der Kinder und die gesellschaftliche Beteiligung ihrer Familien. Diese Standards sind in den Verträgen festzuschreiben und ihre Einhaltung ist in regelmäßigen Abständen von unabhängiger Seite zu überprüfen.

Berlin, 10.7.2015

Erstunterzeichnende – in alphabetischer Reihenfolge

Organisationen: Berliner Kita-Institut für Qualitätsentwicklung (BeKi) und Institut für den Situationsansatz (ISTA) in der Internationalen Akademie Berlin für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie gGmbH (INA) / Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS) e.V. / Der Paritätische, LV Berlin / Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin / Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen (KuB) e.V. / Landeselternausschuss Berliner Kindertagesstätten (LEAK) / Nestwärme – Verein zur Betreuung und Beratung von AIDS-betroffenen Familien, Kindern und Jugendlichen e.V. / RAA Berlin / XENION Psychotherapeutische Beratungsstelle für politisch Verfolgte

Einzelpersonen: Kim Archipova, KoduKu e.V. / Erika Berthold, Redaktion „wamiki“ / Anke Dietrich, Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e.V./ Susanne Hantz, Geschäftsführerin Kindererde gGmbH / Sabine Hermann-Rosenthal, Aufwind Kita-Verbund gGmbH / Dorothee Jacobs, Kreativpädagogik Berlin / Gabriele Koné, Aufwind – Verein für aufsuchende Hilfen zur Erziehung e.V. / Maria Lingens, AWO Landesverband Berlin e. V. / Anne Wihstutz, Professorin an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) / Hannah Rosenfeld, Erzieherin / Sibylle Rothkegel, Dipl.-Psych, Psych. Psychotherapeutin / Bianca Thiede, Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V.

Inklusions-Alltag

Erfurt, im Mai 2015: Aufregung herrscht in den Kitas „Sommersprosse“ und „Farbenklecks“, denn übermorgen wird Einweihung gefeiert. Besser: das Ende der lang anhaltenden Renovierungsarbeiten, in deren Zuge die beiden Kitas endgültig zusammenwuchsen – bei vollem Betrieb. Das war Inklusion pur und unter verschärften Bedingungen. Erfahrungen im Umgang mit dem Einschließen von Unterschieden hatten die Team-Mitglieder allerdings schon gemacht – in vielen Bereichen und Situationen.

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Die Sprachexpertin

Mit diesem Beitrag wird die Serie fortgesetzt, in der wir – in Kooperation mit der GEW und um die Kampagne „Für ein besseres EGO“ zu unterstützen – Pädagoginnen porträtieren, über ihre Arbeit, ihre Kompetenzen und ihr Engagement berichten. Mehr über die Kampagne erfahrt Ihr auf unserer Internetseite: www.wasmitkindern.de
Diesmal stellt wamiki die Erzieherin Jenny Thörner-Klasen aus der zwischen Eifel und Mosel gelegenen Kita Wittlich-Neuerburg vor.

„Als ich nach der 10. Klasse von der Schule abging, überlegte ich, welchen Weg ich jetzt einschlagen könnte. Welcher Beruf könnte mich interessieren? Ich entschied mich für einen sozialen Beruf, weil ich schon immer interessant fand, wie der Mensch sich entwickelt, was ihn ausmacht, und wurde Erzieherin“, sagt Jenny Thörner-Klasen. „Ich wollte Kinder in ihrer Entwicklung begleiten und unterstützen.“

Jenny bewarb sich in einer großen Kita, absolvierte dort ihr Vorpraktikum und lernte, etwas für Kinder vorzubereiten, deren Interessen sie zu kennen glaubte. „Eigentlich ein Widerspruch in sich“, sagt sie, „aber so war es. Wir beobachteten die Kinder und nahmen eine Situationsanalyse vor, anstatt sie zu fragen, was sie machen wollen.“

Von laut nach leise und umgekehrt

Jenny ist 30 Jahre alt. In den letzten Jahren eignete sie sich in Fort- und Weiterbildungen zum Thema „Sprache“ Fach- und Hintergrundwissen an, das sie ins Team und konzeptionell einbringt. Ihr Bereich ist die pädagogische Arbeit mit den Jüngsten.

Beim Rundgang durch die Kita erklärt Jenny: „Der lange Flur verbindet diese Bereiche. Jeder Raum hat seinen speziellen Aufforderungscharakter. Am rechten Ende des Flurs liegt der Bewegungsraum, es folgen der Werkraum, der Bauraum und der Verkleidungsraum. Am linken Ende befindet sich der ruhigere Bereich, in den die Kinder durch die meist offene Glastür gelangen.“ Es geht also von laut nach leise.

„Ja“, sagt Jenny, „das ist das Prinzip. Den leisen Bereich bevorzugen die jüngeren Kinder. In den Räumen finden sie Sandtische, Kugelbahnen und Fühlinseln, also viele Möglichkeiten, leib-sinnliche Erfahrungen zu machen. Übrigens gestattet das Von-laut-nach-leise-Prinzip des Hauses allen Kindern, sich selbst zu regulieren, denn sie finden in jedem Raum Rückzugsmöglichkeiten und können auswählen, was gerade für sie passt. “

Der Flur ist lang und würde eine tolle Rennstrecke abgeben, wenn es da nicht viele Inseln gäbe. Zum Beispiel eine Sitzecke mit einem Sofa und Sesseln aus Urgroßvaters Zeiten, dahinter Regale mit den Bildungsbüchern und Könner-Heften der Mädchen und Jungen. Erlauben es die Kinder, dürfen Eltern oder Freunde darin blättern. Schräg gegenüber steht das „Birkenwäldchen“, eine Baumgruppe ohne Wurzeln und Kronen, aber mit einem Hochsitz, auf den Kinder klettern und den ganzen Flur überblicken können: Wer kommt? Wer geht? Was tut sich rundum?

Den Flur teilt ein niedriger runder Tisch, dem Kita-Eingang gegenüber platziert, an dem eine Erzieherin mit Kindern sitzen und sich mit ihnen austauschen, aber auch als Ansprechpartnerin für Kommende, Gehende oder Vorbei-Gehende fungieren kann. Gleich daneben steht eine Voliere, in der Wellensittiche zu Hause sind. Eines Tages brüteten sie. Als die Zeit heran war, schlüpfte tatsächlich ein Küken aus. Walter wurde es genannt. Unter der Überschrift „Unsere Wellensittiche haben Nachwuchs“ wurde seine Entwicklung dokumentiert. Doch der Kleine hatte eine Fußfehlstellung. In der freien Natur hätte er kaum Überlebenschancen gehabt. Die Dokumentation liegt neben der Voliere auf einem Tisch, und jeder kann Walters Werdegang noch einmal verfolgen. „Walter hatte eine starke Einschränkung“, sagt Erni Schaaf-Peitz, die Leiterin, „aber er war voller Lebensfreude. Ein Züchter sagte mir: ‚Das wird nichts, den müssen Sie entsorgen.‘ Trotzdem brachte ich das Vögelchen zurück in die Voliere. Seine Eltern waren froh, dass Walter wieder da war, fütterten ihn, und alle waren guten Mutes. Regelmäßig bandagierte eine Tierärztin seinen Fuß, ich machte mit Walter Krankengymnastik. Schließlich entwickelte er spezielle Fähigkeiten, bewegte sich unter Zuhilfenahme seines Schnabels, kletterte und lernte fliegen. Wir bauten breitere Stangen in die Voliere, so dass er besser landen konnte. Die Hauptgründe für Walters Genesung waren jedoch seine Stärke und die Zuwendung seiner Eltern. Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit lebten die Vögel uns vor, was möglich ist, wenn man sich umeinander kümmert. Faszinierend für die Kinder, die Eltern und das Team.“

Dass Walters Geschichte an dieser Stelle erzählt wird, soll übrigens kein Argument für tiergestützte Pädagogik sein, sondern ein Beleg für den offenen Umgang mit den Dingen der Welt, die vor keiner Kita-Tür Halt machen, aber nicht überall eingelassen werden, ob Offene Arbeit im Konzept steht oder nicht.

Verstehen und verstanden werden

Jenny Thörner-Klasen ist die Sprachexpertin in der Kita. Schon währen ihrer Ausbildung zur Erzieherin gingen ihr die Dimensionen des Berufs auf, sie merkte, wie breit er gefächert ist. Da erwachte ihr Interesse erst wirklich, sagt sie heute, und erklärt: „Es kommen immer jüngere Kinder in die Kitas, die sich hauptsächlich nonverbal verständigen. Ich muss sensibel und einfühlsam sein, um zu merken, was sie mir mitteilen möchten. Wie finde ich heraus, was so ein kleines Kind braucht? Was möchte es von mir? Was will es mir signalisieren?“

Nicht zufällig geriet Jenny nach ihrer Elternzeit zu den Jüngsten. „Die Entwicklungssprünge, die gerade kleine Kinder machen, faszinieren mich. Gut finde ich, dass wir uns nicht mehr unbedingt nach all diesen Tabellen richten müssen, in denen steht: Bis zu dem Monat muss ein Kind dies und das können. Wenn nicht, besteht Förderbedarf, und dann wird ihm etwas aufgezwungen, das es womöglich gar nicht gebrauchen kann. Ich finde es viel spannender, die Entwicklung der kleinen Kinder zu beobachten, zu dokumentieren, zu begleiten und herauszufinden, was ihnen gut tut. Mittels Mimik, Gestik, Blickkontakt, der Stimme…“ Jenny glüht förmlich, ihre Augen strahlen. „Da sitze ich auf dem Boden, ein Kind kommt angekrabbelt und zupft mich am Ärmel. Ich wende mich ihm zu, schaue es an und zeige ihm damit: Ich bin da, du kannst mir etwas mitteilen. Es kann sein, dass ich das Kind frage: Möchtest du etwas? Das Kind nickt oder schüttelt den Kopf, ergreift aber meinen Zeigefinger und führt mich. Ich folge ihm, lasse mich leiten, und es zeigt mir, was es möchte. Ohne Worte.“

Wir müssen authentisch mit Kindern kommunzieren, sie ernst nehmen, so klein sie noch sind.

Das ist die nonverbale Kommunikation, die die Erzieherin leib-sinnlich beherrscht. Kein Wunder, möchte man denken, denn in dieser Kita kommuniziert man auch erfolgreich mit Wellensittichen, ohne zu pfeifen oder zu flöten. Aber was ist mit der Sprache? „Ich finde immer wieder beeindruckend“, sagt Jenny, „wie Kinder sich Sprache aneignen. Wenn ich ihnen zeige, dass ich ihre Zwei-Wort-Sätze verstehe, wieso kommen sie zu Drei-Wort-Sätzen? Welche Motivation haben sie, ihre Sprache weiterzuentwickeln? Sie wollen verstehen und verstanden werden. Das ist der Motor der Sprachentwicklung. Und Sprache ist ein Schlüssel zur Welt.“

Ein weiterer Schlüssel: gute Beziehungen. „Wenn Kinder sich wohl und sicher fühlen, dann können sie die Welt entdecken, Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen, neugierig auf alles zugehen und ihre eigenen Wege finden. Fühlen sie sich unsicher, sprechen sie vielleicht nicht oder ziehen sich womöglich zurück.“

Jenny sagt: die Kinder. Jenny sagt nicht: Wir, die Erwachsenen, machen dies und das. Aber sie sagt: „Eine Erzieherin kann für die Sprachentwicklung kleiner Kinder nichts Besseres tun, als authentisch mit ihnen zu kommunizieren, was voraussetzt, sie ernst zu nehmen, so klein sie noch sind. Also nicht eia-eia, wau-wau, sondern – selbst wenn sie nicht alle Wörter verstehen – der ernsthafte, zugewandte Dialog. Diese Haltung nehmen junge Kinder sofort wahr, reagieren darauf und können sich in ihrer Sprache, auch der verbalen, weiterentwickeln.“

Bewegung und Vielfalt

Das Team hat sich der Offenen Arbeit verschrieben und bietet den Kindern damit die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen, jeden Tag ein Stück weiter zu gehen. Jenny beschreibt das bei den Jüngsten so: „Sie krabbeln oder gehen zur Tür, bleiben stehen, gucken und gehen wieder zurück. Ein paar Tage später überschreiten sie die Schwelle und schauen um die Ecke in den Flur. Erkenne ich das, kann ich sagen: Komm, wir gehen ein Stück weiter.“

Wahrscheinlich muss Jenny gar nichts sagen, denn die Kleinen merken: Jenny ist da, ich kann mich ins Unvertraute wagen. „Doch“, sagt Jenny, „Zuspruch ist immer gut.“

Ein anderer Vorzug der Offenen Arbeit: Die Kinder lernen von anderen Kindern, nicht allein von gleichaltrigen, sondern auch von älteren oder jüngeren, und von den Erwachsenen. „Wir haben hier alles quer Beet“, sagt Erni Schaaf-Peitz, „sind quasi ein Spiegelbild der Gesellschaft. Im Team gibt es zur Zeit zwei türkische Erzieherinnen, eine Erzieherin mit russischem Hintergrund, einen Erzieher und eine junge Frau mit Förderschulabschluss, die ein freiwilliges soziales Jahr bei uns absolviert. Ganz selbstverständlich wachsen die Kinder hier mit verschiedenen Menschen auf, mit kleinen und großen, dicken und dünnen, jungen und älteren. Das ist für sie normal.“

Manche Eltern fragen bei der Anmeldung trotzdem, wie es mit dem Migrationshintergrund in der Kita aussieht. „Super“, sagt Erni Schaaf-Peitz dann und geht in die Offensive, „wir begrüßen es sehr, wenn Familien mit verschiedenen Hintergründen uns bereichern, und freuen uns, dass wir Kinder haben, die in Persien geboren wurden, aus Marokko, Aserbaidschan und Rumänien, aus den USA, Finnland, der Türkei und Frankreich zu uns kommen. Diese Vielfalt macht unser Leben aus. Wir können voneinander lernen.“

Austausch und Ermutigung

Als Erzieherin mit dem Schwerpunkt „Sprache“ ist Jenny Thörner-Klasen nicht allein bei den Kleinen unterwegs, sondern im ganzen Haus. „Besonders wichtig ist es mir, mich mit den Kolleginnen auszutauschen, wenn es um Sprachanlässe geht oder darum, Dialogmöglichkeiten zu erkennen und aufzugreifen. Ein Beispiel: Will ein Kind in den Garten, kann ich es einfach schnell anziehen. Ich kann diese Alltagssituation aber auch als Anlass nutzen, um mit ihm einen kurzen Dialog zu führen. Natürlich muss wirkliches Interesse dahinterstecken. Sonst kommt es nicht zu diesem wunderbaren Moment gemeinsam geteilter Aufmerksamkeit, der für die Sprachentwicklung so bedeutsam ist.“

Im Austausch mit Kolleginnen aus anderen Einrichtungen geht es Jenny auch um Zuspruch. „Traut euch, euch mit den kleinen Kindern auf den Weg zu machen“, spornt sie die Erzieherinnen aus den Kitas an, sich auf die Jüngsten einzulassen. „Mutet euch und den Kindern ruhig etwas zu, weil ihr euch und den Kindern das zutraut. Besucht Fortbildungen, sucht das Gespräch und lasst euch bestärken.“

Dies ist gerade in der Offenen Arbeit unerlässlich. Immer wieder muss man sich miteinander verständigen, auch im eigenen Team. „Denn man bekommt ein ganz anderes Bild von einem Kind, wenn man dessen Entwicklung nicht nur mit der Kollegin aus dem eigenen Bereich bespricht“, sagt Jenny. „Dadurch eröffnen sich andere Perspektiven auf ein Kind, das ich vielleicht in der letzten Zeit als zurückhaltend erlebt hatte. Und dann berichtet die Kollegin, die für den Außenbereich zuständig ist, dass das Kind dort ganz selbstbewusst agiert. Schon wird mein Blick differenzierter und weitet sich.“

In der Kita gibt es Raumzuständigkeiten. Die Erzieherinnen sind mindestens ein Jahr lang für bestimmte Bereiche zuständig, damit Struktur und Verlässlichkeit für die Kinder und das Team gesichert sind. „Selbstverständlich steht das ganze Haus allen Kindern offen“, betont Jenny, „aber sie wissen: Sonja finden wir im Werkraum und Jenny meist im Kleinkindbereich. Übrigens haben wir bewusst keine Nestgruppe eingerichtet, denn wir wollen die Kleinen nicht wegsperren. Je älter sie werden, desto mehr erschließen auch sie sich das ganze Haus. Sie entscheiden, ob sie einen Raum verlassen, und nicht die geschlossene Tür.“

Hat noch jemand Fragen zum Thema „Kinder ernst nehmen“? Nein. Ich auch nicht.

 

Die Lebenskünstlerin

Mit diesem Beitrag beginnt eine Serie, in der wamiki – in Kooperation mit der GEW und um die Kampagne „Für ein besseres EGO“ zu unterstützen – Erzieherinnen und Kita-Leiterinnen porträtiert, über ihre Arbeit, ihre Kompetenzen und ihr Engagement berichtet. wamiki stellt diesmal die Erzieherin Christine Berg aus der Berliner Eltern-Kinder-Tagesstätte „Eene meene Mopel“ vor.

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Geschichten- Schreiberinnen

Mit diesem Beitrag wird die Serie fortgesetzt, in der wir – in Kooperation mit der GEW und um die Kampagne „Für ein besseres EGO“ zu unterstützen – Pädagoginnen porträtieren, über ihre Arbeit, ihre Kompetenzen und ihr Engagement berichten. Mehr über die Kampagne erfahrt ihr hier. Diesmal stellt wamiki die Erzieherinnen Daniela Bördner und Clarissa Körner-Bertele aus dem Münchner Kinderhaus Felicitas-Füss-Straße vor. Weiter lesen