Bayern: Fachlich – Stark – Verbunden

Der Verband Kitafachkräfte Bayern

Hier gibts den Artikel als PDF: PraxisPower_Landesverbaende_#3_2021

Ein Interview mit Lisa Pfeiffer – zweite Vorsitzende im Landesverband Bayern

1. Warum habt ihr einen Kitafachverband gegründet? Was waren die Auslöser?

Als wir hörten, dass pädagogisches Personal in Rheinland-Pfalz einen Verband für Fachkräfte gegründet hat, dachten wir: Wow! Gibt es so etwas schon in Bayern? Nein, gibt es nicht, fanden wir bald heraus. Warum eigentlich nicht, wunderten wir uns und beschlossen: Wenn es noch keinen Verband für uns gibt, dann machen halt wir das! Ja – wir! Und zwar jetzt! Warum? Wir haben keine Lobby, das zeigt sich immer wieder. Es reicht. Wir fühlen uns als Fachkräfte aus der Praxis nicht vertreten. Deshalb schaffen wir uns die Lobby, die wir bisher nicht haben. Wir wollen ein Mitspracherecht für unsere Berufsgruppen und wir wollen unsere Praxiserfahrungen in der Konsequenz anerkannt wissen.

2. Welche Themen liegen euch am Herzen? Was wollt ihr wie verändern?

Bei den Gewerkschaften geht es eher um Tariferhöhungen, die sind natürlich wichtig! Uns geht es primär um die Verbesserung der Rahmenbedingungen, der Arbeitsbedingungen insgesamt. Es liegt so viel im Argen! Wir möchten den Personalschlüssel erhöhen. Es gibt viel zu wenig pädagogisches Personal für zu viele Kinder. Die Gruppen müssen verkleinert werden. Allein der Lautstärkepegel ist eine Zumutung für Kinder und Erwachsene.

Wir brauchen die notwendige Zeit zum Arbeiten – also auch verpflichtende Verfügungszeiten und Freistellungen von Leitungen und Stellvertretungen für ihre Leitungsarbeit. Der Beruf muss mehr anerkannt werden.

Wir müssen Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft leisten – für das, was Kinder für ihre gute Entwicklung tatsächlich brauchen. Und für das, was wir selbst als Berufsgruppe brauchen, um diesen wunderbaren Beruf verantwortungsvoll ausüben zu können.

Wie wir unsere Vorhaben angehen wollen?

Sehr viel über Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung!

Außenstehenden wird immer wieder signalisiert: Die Kinder sind in der Kita gut aufgehoben, werden super gefördert und das soziale Miteinander ist unverzichtbar. Stimmt alles, es funktioniert in der Praxis aber doch nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, gutes Personal da und die Ausbildung tatsächlich gut ist.

Wir wollen uns nicht nur beschweren, sondern gemeinsam Lösungen erarbeiten. Deshalb treffen wir uns mit Presse und Politik. Zum Beispiel mit Landtagsabgeordneten. Fortlaufende Berichte dazu findet ihr auf der Homepage: https://www.verband-kitafachkraefte-bayern.de/vereinsarbeit.

Wir möchten unsere Mitglieder in die Arbeit aktiv einbeziehen, sie fragen, wie es bei ihnen in der Praxis konkret vor Ort ausschaut. Wie kann es sein, dass viel zu oft über unsere Köpfe hinweg entschieden wird? Dabei gibt es so viele kompetente pädagogische Fachkräfte. Warum wird dieses ungeheure Knowhow übersehen? Wir möchten diese Potenziale, unsere Stärken, miteinander verbinden!

Fachlich – stark – verbunden ist so eine Art Leitidee für unseren Verband:

Fachlich – wir argumentieren mit der hohen Fachlichkeit, die uns als pädagogische Fachkräfte verbindet. Wir sind selbst vom Fach, wissen, was in der Praxis läuft. Wir kennen den Alltag, die Schwierigkeiten. Und wir legen Wert darauf, unsere Ziele und Forderungen wissenschaftlich zu begründen, die Studien der Bertelsmann Stiftung zum Beispiel sind ein Schatz.

Beides – unsere umfangreichen praktischen Erfahrungen und die enge Zusammenarbeit mit Expert*innen, deren Meinung und Studien wir als fundierte Grundlage für die Forderungen an Politik und Gesellschaft verwenden, legen den Grundstein für unsere Arbeit.

Stark – wir tun uns zusammen, wir machen uns stark für pädagogische Fachkräfte und alle, die es noch werden wollen und wir wachsen – in jeder Beziehung.

Verbunden – wir fühlen uns mit zahlreichen Fachkräften aus der frühen Bildung verbunden. Die häufig ähnlichen Ausganssituationen bringen es mit sich, dass wir für gleiche Ziele kämpfen. Wir vernetzen uns mit Politik, mit Presse, mit Trägern, mit allen Zuständigen….

Wie die Reaktionen auf unser Vorhaben sind?

Am häufigsten hören wir: „Total super! Die Gründung war überfällig. Wir wollten schon lange etwas ändern, wussten nur nicht wie…“. Einige hatten schon Brandbriefe geschrieben und sich meist über die Antworten geärgert, denn diese sind oft allgemein gehalten, wer soll sich da ernst genommen fühlen? All das führt dazu, dass wir uns jetzt zusammentun, denn gemeinsam können wir viel mehr erreichen… Die Gewerkschaften zum Beispiel haben ihre Perspektive, wir haben unsere. Und es gibt so viel gemeinsam zu verändern, dass Platz für jeden von uns ist.

Jacqueline Fleßa, Heilerziehungspflegerin, Fachwirtin im Erziehungswesen, Leiterin und dritte Vorsitzende im Verband
Lisa Pfeiffer, Erzieherin und Fachkraft für systemische Elternarbeit, zweite Vorsitzende im Verband
Veronika Lindner, Erzieherin und Kindheitspädagogin, erste Vorsitzende im Verband

 

 

Lisa Pfeiffer

 

Womit hast du 2021 aufgehört?

Mich über die Arbeits- und Rahmenbedingungen in der Arbeit nur zu beschweren. Mit diesem Man-hätte-könnte-sollte…

Womit hast du 2021 anfangen?

Ich bin dazu übergegangen zu sagen: Ja, ich kann und ich mach jetzt.

Seit 15 Jahren arbeite ich in dem Beruf, ich liebe meinen Beruf und doch wurde ich mit der Zeit immer unzufriedener. Ich wusste, ich könnte viel mehr. Es ist unheimlich frustrierend, auf Grund von schlechten Rahmenbedingungen und schlechter Politik nicht das für die Kinder leisten zu können, was ich möchte. Vor zwei Jahren bin ich Mama geworden, das war nochmal eine andere Perspektive. Ich dachte mir: Wenn ich es bisher nicht für mich selbst schaffe, so muss ich es doch für die Kinder tun, die alle – jedes Kind für sich – eine gute Bildung und Betreuung verdienen.

Als ich von der Gründung in Rheinland-Pfalz hörte, dachte ich: Wow, warum ist da bisher keine/r draufgekommen? Ich schau mir das an und mache mit, wenn es etwas Gutes ist. Nun bin ich eine von den drei Vorsitzenden.

Abhauen oder bleiben?

Ganz klar: Bleiben und kämpfen, nicht mehr im Beruf resignieren, uns kritisch reflektieren. Wir packen gern an, sind es gewohnt, die Kita am Laufen zu halten. Aus unserem Wunsch heraus, Gutes zu tun, vergessen wir aber zu oft, an uns selbst zu denken. Die Kollegin oder der Kollege ist mit der kompletten Gruppe mal wieder drei Wochen allein! Geht doch! Aber wollen wir, dass es so immer weiterläuft? Irgendwie und nicht qualitativ hochwertig? Was können wir verantworten? Und was nicht mehr?

Bitte ergänze den Satz: Wenn ich die Bundes­familienministerin wäre, dann …

würde ich mir ernsthafte Gedanken über die negativen Auswirkungen auf Kinder und die Gesellschaft machen, wenn sich tatsächlich im Kitabereich nicht bald etwas ändern wird.

Bitte ergänze den Satz: Es ist an der Zeit, …

nein längst überfällig, dass wir uns miteinander solidarisieren.

Es ist an der Zeit, sich aktiv für dringend notwendige Veränderungen einzusetzen, unserem Verband beizutreten, den Kindern wirklich mit ihren individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, diese oft gesagten Worte mit Leben zu erfüllen. Ich bin sehr dankbar, dabei mitwirken zu dürfen und freue mich auf eine gelungene Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.

 

Baden-Württemberg: Wir stehen für Veränderung

Verband Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg

Hier gibts den Artikel als PDF: PraxisPower_Landesverbaende_#3_2021

Ein Interview mit Anja Braekow – erste Vorsitzende im Landesverband Baden-Württemberg

1. Warum habt ihr einen Kitafachverband gegründet? was waren die Auslöser?

Wir reden immer gern davon, dass Kinder in den Kitas zu Gestaltern ihrer eigenen Lebenswelt werden sollen. Aber wir Erzieher*innen und Pädagog*innen arbeiten unter Arbeitsumständen, wo man nachmittags schon gar nicht mehr weiß, was man vormittags alles noch tun wollte?

Wie passt das zusammen? Gar nicht! Du kriegst Tag für Tag so einen Riesenberg Arbeit und du sollst dann schauen, dass du, für die Kinder, die die Zukunft unseres Landes sind, was Schönes draus machst. Das schaffst du nicht. Egal wie du dich mühst. Und die typischen Erzieher*innen-Reaktionen kennen wir doch alle: Wir jammern und versuchen dennoch, alles hinzubekommen. Irgendwie wird’s schon gehen. Augen zu und durch! Immer so weiter? Jahraus, jahrein? Nein danke! Wir hatten von der Gründung in Rheinland Pfalz gehört, um Weihnachten herum starteten wir eine Facebookgruppe zwecks Austausch und Anfang Januar gründeten wir unseren Berufsverband, mitten im baden-württembergischen Wahlkampf. Gestartet sind wir mit zehn Mitgliedern, heute – fünf Monate später – sind wir bereits 110. Wir haben mit Politiker*innen gesprochen und dabei beobachtet: Vielen ist gar nicht bewusst, unter welchen Umständen wir arbeiten. Und diese Umstände müssen wir sichtbar machen und verändern! Denn wir stehen für Veränderung!

2. Welche Themen liegen euch am Herzen? Was wollt ihr wie verändern?

Wir haben uns vier Ziele gesetzt.

Wir wollen erstens die Arbeitsbedingungen verbessern; zweitens den Personalschlüssel wieder an wissenschaftlichen Standards orientieren und vor allem einhalten; drittens die Ausbildung einheitlicher und praxisnäher gestalten und viertens Träger, Leitung, Team und Eltern bewegen, tatsächlich und verpflichtend zusammenzuarbeiten.

Wir haben in Baden-Württemberg im Vergleich mit anderen Bundesländern einen der besten Personalschlüssel – allerdings nur auf dem Papier! Dort nützt er uns aber nichts, wenn die Fachkräfte fehlen. Durch den Personalmangel bleibst du immer unter diesem Personalschlüssel. Wenn du großes Glück hast, arbeitest du mit dem Mindestpersonalschlüssel. Und der wird auch noch unterboten. Letztes Jahr hatte der Kommunalverband für Jugend und Soziales den Trägern coronabedingt sogar erlaubt, den Personalschlüssel zu unterschreiten, das geht auf Dauer nicht. Wir sind jetzt wieder im Regelbetrieb, und wir hören unsere Politiker*innen mit Stolz erfüllt sagen: „Ja, aber wir in Baden- Württemberg, wir haben dafür gesorgt, dass wir den besten Personalschlüssel haben.“ Wir antworten: „Ja, dann sorgt auch dafür, dass genug Personal kommt, dass wir mal so arbeiten können.“ Das wäre doch mal eine Maßnahme! Dabei werden in Baden-Württemberg sehr viele Fachkräfte ausgebildet. Nur: Die meisten angehenden Fachkräfte verabschieden sich nach spätestens drei Jahren aus dem Beruf. Wenn sie nicht schon in der Ausbildung vorher aussteigen. Es gibt ein Wirrwarr an Ausbildungsgängen und Modellen, das dringend entknäult werden muss. PIA – die vergütete Ausbildung könnte – weiterentwickelt – eine der Grundlagen für eine zukünftige praxisnahe anschlussfähige und transparente Ausbildung sein. Wir fordern: Die Praxis- Anleiter*innen müssen wie in anderen Berufen auch für diese zusätzliche Arbeit bezahlt werden und die Zeit dafür haben. Jetzt machen wir diese verantwortungsvolle Ausbildungsarbeit nebenbei. Und wenn du das unterm Tag nicht hinkriegst, was machst du dann? Genau, du mailst abends noch mit deiner Praktikantin hin und her, sie schickt dir die Ausarbeitung, die du dann neben dem Abendbrotmachen etc. liest. Das geht auf Dauer nicht! Jeder Mensch muss auch mal abschalten können und dürfen. Du kannst aber auch die jungen Leute nicht allein lassen. Du bist ja froh, dass sie in der Ausbildung sind. Und so strampeln wir uns in vielen kleinen Hamsterrädern ab. Bis zur Erschöpfung. Und darüber hinaus.

Wir wollen all diese Hamsterräder Schritt für Schritt stoppen. Deshalb haben wir Arbeitsgruppen gebildet, Kontakte geknüpft und überlegen: Welche Arbeitsbedingungen brauchen wir? Wie sieht ein alltagstauglicher guter Personalschlüssel für uns aus? Welche Möglichkeiten gibt es, die Ausbildung einheitlicher und praxisnäher zu gestalten?

Wir haben Kontakt auch zum Ministerium aufgenommen, denn wir möchten an der Überarbeitung des Bildungsplanes mitarbeiten, schließlich ist er die Basis für unsere Arbeit, den Teil für die Krippen gibt es noch gar nicht in Baden-Württemberg. Wir treffen uns mit anderen Verbänden: zum Beispiel mit Verdi, mit der GEW, um auszuloten, wo und wie wir zusammenarbeiten können. Regelmäßig verfassen wir Monatsberichte, nachzulesen auf der Homepage.

Für uns gilt: Gemeinsam sind wir stark. Es gibt so viele tolle neue junge Leute, die starten motiviert nach einem Studium in der Kita und rennen anschließend gegen Wände beim Gemeinderat: „Das brauchen wir nicht.“

„Und das schon gar nicht!“ Und überhaupt: „Was soll das nun schon wieder sein?“ Wir setzen hier auf Kommunikation im Austausch und untereinander. Wir stärken einander, denn wir stehen für Veränderung! In Baden-Württemberg gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Trägern: Träger, die auf Zukunft setzen, aber auch sehr viele Träger aus Schon-Immer-So-Gewesen. Die wissen leider immer noch nicht, was in der Kita vor sich geht und was dringend gebraucht wird … Andere Träger, die eigentlich qualitativ gut aufgestellt sind, überraschen uns damit, dass sie bei ihnen angestellte Verbandsmitglieder einbestellen und ihnen am liebsten fix Maulsperren anlegen möchten. „Du erzählst aber nix!“ Da gilt es aufzuschlüsseln: Wo fangen Datenschutz, Schweigepflicht etc. an und wo hören sie definitiv auf? Wir setzen auf Dialog nicht auf Monolog mit Maulsperren.

Unser viertes Ziel ist (auch deshalb) das Allerallerwichtigste. Wir müssen anfangen, zusammenzuarbeiten, diese ewige Wurschtelei hinter uns lassen: Die Erzieher*innen wurschteln vor sich hin, die Leitungen, die Träger, die Fachberatung, die Eltern. Jede/r wurschtelt vor sich hin. Keine/r weiß so richtig Bescheid und jede/r wieder nur ein bisschen. Und wirklich mal herzugehen und zu sagen: „Lasst uns doch mal alle an einen Tisch setzen, wir haben doch das gleiche Ziel: Wir wollen eine richtig tolle, schöne Kita-Zeit mit unseren Kindern gestalten.“ Ja, da kommen wir gar nicht dazu. Warum eigentlich nicht? Das müssen wir uns anschauen und verändern!

Seid ihr dabei?

 

Alex Bartsch, Erzieherin und dritte Vorsitzende
Angela Becker, Erzieherin und zweite Vorsitzende
Anja Braekow, Erzieherin, Kindergartenfachwirtin, Kitagründerin und Geschäfts­führerin, erste Vorsitzende im Landesverband
Martina Zekan; Erzieherin und Kassiererin
Bärbel Baumgärtner, Erzieherin und Waldpädagogin, zuständig für den Newsletter
Heide Pöschel, Erzieherin und Schriftführerin
Corinna Mühleis, Fachberatung Inklusion, Erzieherin, zuständig für die Öffentlichkeits­arbeit

 

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Anja Braekow

 

Womit hast du 2021 aufgehört und womit angefangen?

Ich bin aus einem Hamsterrad ausgestiegen – schon vor zehn Jahren als ich meine eigene Kita gegründet habe. Ich wollte nicht mehr so weiterarbeiten: immer mehr Aufgaben, immer weniger Zeit. Die eigentliche Arbeit mit den Kindern geriet ins Hintertreffen. Jetzt haben wir uns die eigene Kita geschaffen, wir können uns ent­wickeln, ausprobieren, wie es anders gehen kann. Das ist aufregend, anstrengend und wunderbar! Ich bin stolz auf mein Team, die Eltern und die Kinder…

Abhauen oder bleiben?

Bleiben und kämpfen. Mich als Träger zu etablieren war nicht einfach. Ich erinnere mich noch, wie ich in den Gemeinderat voller Elan hineinmarschiert bin, unterm Arm meinen Geschäftsplan. Und die haben mich angeschaut wie: „Was will sie denn hier? Nun lass sie mal wieder schön nach Hause gehen!“ Beim zweiten Mal bin ich dann wiedergekommen – gemeinsam mit den Kindern. Oh. Das kam gar nicht gut an. Aber sie haben es sich gemerkt. Auch zehn Jahre später krieg ich noch gesagt: „Das war aber keine gute Idee. Damals mit den Kindern im Gemeinderat.“ Meine Erfahrung daraus für heute ist: Wir müssen uns immer wieder zeigen, nicht zurückziehen, sondern aufstehen und unsere eigenen Lösungsvorschläge einbringen. Unverdrossen und ungescheut. Leute, es geht!

Bitte ergänze den Satz: Wenn ich die Bundes­familienministerin wäre, dann …

würde ich als erstes endlich lernen, zuzuhören!

Bitte ergänze den Satz: Es ist an der Zeit, …

aus dem Jammern ins Tun zu kommen. Ich arbeite viel und habe das Glück, dass das meine Familie schon weiß. Es macht aber auch echt Spaß, neue tolle Leute mit Ideen und Veränderungswillen kennenzulernen, einander zu unterstützen, respektvoll miteinander umzugehen. Es ist so viel in Bewegung! Das Leben ist schön!

 

 

 

Rheinland-Pfalz: Die Stimme aus der Praxis

Verband Kita-Fachkräfte Rheinland-Pfalz

Hier gibts den Artikel als PDF: PraxisPower_Landesverbaende_#3_2021

Ein Interview mit Claudia Theobald, Vorsitzende im Landesverband Rheinland-Pfalz

1. Warum habt ihr einen Kitafachverband gegründet? Was waren die Auslöser?

In unserer täglichen Arbeit beobachten wir schon seit Jahren, dass wir den Bedürfnissen der Kinder immer weniger gerecht werden. Wir haben in den letzten 20 Jahren erlebt, wie die Anzahl der Plätze und Kitas in die Höhe schoss. Immer jüngere Kinder werden immer länger betreut. Das Problem dabei ist: Personal und Räume wurden hier nie adäquat angepasst. Im August 2019 wurde in Rheinland-Pfalz ein neues KiTa-Gesetz verabschiedet. Im Vorfeld gab es massiven Protest seitens der Erzieher*innen, weil es wieder vor allem um mehr Quantität ging. Alle Kinder sollen mindestens sieben Stunden durchgehend mit Mittagessen betreut werden. Personal- und Raumausstattung lassen in den meisten KiTas zu wünschen übrig. Ein kindgerechter KiTa-Alltag rückt in noch weitere Ferne. Vielen Kollegen und Kolleginnen wurde immer klarer, dass es so nicht weitergehen kann und dass die Erzieher*innen eine öffentliche Stimme brauchen. Als 2019 das Kita-Gesetz in Rheinland-Pfalz verabschiedet wurde, war ich mit über 50 Jahren auf der ersten Demo meines Lebens, saß mit den Kolleginnen im Ple­narsaal. Es war so traurig! War es das nun? Nein! War es nicht. Mit einer Kollegin begann ich satirische Videoclips über das Kita-Gesetz zu produzieren. Wir dachten uns die Serie: „Glückskita in Rheinland-Pfalz“ *aus. Meine Teenager-Tochter richtete mir ein Konto bei Facebook ein und los ging’s. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Chatgruppe auf mehrere hundert Mitglieder an…

Ein anderer Zündfunke für uns waren die „Kitahelden“ von Andreas Ebenhöh, der immer wieder sagt: „Leute, ihr müsst aufhören, für euch sprechen zu lassen, ihr müsst selbst anfangen zu sprechen.“ Seine Worte klangen mir noch in den Ohren als Carmen, 20 Jahre Berufserfahrung und Leiterin, im Glücks-Kita-Chat einwarf: Wir müssten einen eigenen Berufsverband gründen! Einen Berufsverband, der den Erzieher*innen aus den KiTas vor Ort eine Stimme gibt. Wir stellen gern die Dinge vom Kopf auf die Füße. Deshalb wurde aus dem „Wir müssten“ bald ein “Was müssen wir tun, um das einfach zu machen?“. In der Chatgruppe machten wir die Idee publik, und sehr schnell hatten wir genug Interessent*innen zusammen, um gründen zu können. Wir wollen nicht mehr zuschauen, wie über uns gesprochen und entschieden wird. Und das oft von Leuten, die gar nicht wissen, wie es bei uns in der Praxis aussieht.

Anfangs wurden wir belächelt, unsere Politiker*innen mussten sich – wie wir auch – auf die neue Situation einstellen: Erzieher*innen ergreifen das Wort, widersprechen den schön gefärbten Märchen der Politik über unseren Kita-Alltag. Wir lassen uns nicht abwimmeln und fordern vehement die Einhaltung wissenschaftlicher Standards ein. Nur mild und freundlich sein, ändert gar nichts, das zeigt meine Berufserfahrung aus über 30 Jahren. Auf öffentlichen politischen Veranstaltungen wird immer wieder sehr gern die Mär von den guten Rahmenbedingungen in Rheinland-Pfalz erzählt. Wenn wir da aufklären, komme ich mir immer vor, wie jemand, der in einen riesigen rosa Luftballon piekst. Dann macht’s peng und die ganze Luft schnurrt raus. Noch gut erinnere ich mich an eine unserer ersten Veranstaltungen mit Bildungspolitiker*innen des Landes, ihre Mikrofone waren auf grün geschaltet. Als ich sie aufforderte, uns eine (eine einzige!) fachliche Quelle zu nennen, die belegt, dass hohe pädagogische Qualität in unseren Kitas in diesem Rahmen möglich ist, wurde es mucksmäuschenstill. Alle Mikrofone waren plötzlich auf Rot gesprungen und keine/r wollte mehr antworten. Diese Frage stelle ich in Gesprächen mit der Politik nunmehr seit zwei Jahren immer wieder neu. Eine Antwort darauf habe ich bis heute nicht erhalten.

2. Welche Themen liegen euch am Herzen? Was wollt ihr wie verändern?

Es geht uns um kindgerechte KiTa-Rahmenbedingungen. Wir fordern die seit vielen Jahren bekannten und veröffentlichten Mindeststandards für eine gute pädagogische Qualität in unseren Kitas. Über die notwendigen personellen und räumlichen Ressourcen herrscht in der Fachwelt und Fachpraxis Konsens. Leider ist die Politik bisher noch nicht bereit, die erforderlichen finanziellen Mittel in die Hand zu nehmen.

Das ist ein weiter Weg. Wir KiTa-Fachkräfte müssen lernen, darüber zu reden, wie der KiTa-Alltag wirklich aussieht und wie weit die Bedingungen im Alltag von pädagogisch guter Bildung und Betreuung entfernt sind. Wir waren über Jahrzehnte eine Berufsgruppe, die alles mitgetragen und möglich gemacht hat, wenn auch mit immer größerem Unbehagen.

Deshalb melden wir uns als Verband öffentlich zu Wort, suchen das Gespräch mit den Verantwortlichen im KiTa-Bereich, vernetzen und helfen uns untereinander weiter. Unser Motto ist: „Die Stimme aus der Praxis“. Das nehmen wir ernst und veröffentlichen Briefe, Stellungnahmen oder Aktivitäten unserer Mitglieder. Auf unserer Homepage und den Facebookseiten finden sich mittlerweile viele unterschiedliche Beiträge.

Keine von uns hatte Erfahrung mit der Gründung, wir haben uns unerschrocken durchgewurschtelt: Mustersatzungen, Verbandsarbeit, soziale Medien, wir waren selbst sehr gespannt, wie sich die Arbeit entwickeln wird. Eine Erfahrung ist: Deutschland tickt in Vereinen und Verbänden. Als Verband wirst du mit Aufmerksamkeit bedacht. Unsere Verbandsgründung stieß natürlich nicht nur auf Wohlgefallen. „Wir werden euch ganz genau beobachten“, hörten wir. „Ja, prima!“, antworteten wir: „Der Praxis zuhören und zusehen, genau das möchten wir.“ Im Juni haben wir unsere erste Mitgliederversammlung. Da werden wir das Thema Regionalisierung diskutieren. Ziel ist es, in den verschiedenen Ecken von Rheinland-Pfalz Verbandsmitglieder zu haben, die als Ansprechpartner vor Ort dienen.

Was uns immer wieder überrascht, ist das große mediale Interesse. „Warum interessieren Sie sich für uns?“, fragte ich kürzlich einen Journalisten. „Wir Journalisten lieben das wahre Leben, nicht die häufig gleichen Floskeln von Funktionären“, antwortete er. Rheinland-Pfalz weit sind Zeitung, Radio und Fernsehen uns gegenüber sehr offen und wir können unsere Sicht der Dinge mit einbringen, wenn es um das Thema KiTa geht. Mittlerweile haben wir einmal im Quartal Gespräche mit dem Bildungsministerium, um den Blickwinkel der Praxis vor Ort in die KiTa-Politik mit einzubringen und deutlich zu machen, was sich in der KiTa-Politik verändern muss. Was uns ganz besonders freut? Unsere Verbandsgründung schlägt Wellen. Nach unserer Gründung Ende August 2020 haben Fachkräfte in nun 15 (!) Bundesländern Kita-Fachkräfteverbände gegründet oder sind auf dem Weg dorthin. Auch daran sieht man, wie groß die Not in diesem Lande tatsächlich ist und dass wir in ganz Deutschland ein Problem mit der pädagogischen Qualität in unseren Kitas haben.

* Die Videoclips: Glückskita in Rheinland-Pfalz von Frau Theobald und Frau Steidel sind anzuschauen auf dem youtube-Kanal „Glücks- Kita“

 

Von links nach rechts:

Carmen Stepputat Erzieherin, 20 Jahre Berufspraxis, 8 Jahre Leiterin, stellv. Vorsitzende, Social Media

Kerstin Funke-Merkel Erzieherin, 30 Jahre Berufspraxis, Kassiererin

Kristin Starck-Fürsicht Erzieherin und Leiterin, 20 Jahre Berufspraxis, stellv. Vorsitzende

Claudia Theobald Erzieherin, 30 Jahre Berufspraxis, Qualitäts­­­­beauftragte, Vorsitzende und Schriftführerin

Sandra Krollmann Erzieherin, Revisorin, Webadministratorin

Sabine Fuchs, Erzieherin, Revisorin

Claudia Theobald

 

Womit hast du 2021 aufgehört und womit angefangen?

Da bin ich immer noch am Üben. Ich will nicht mehr intern jammern und schimpfen, denn dadurch verändert sich nichts. Ich will die Probleme öffentlich machen und vor Ort in der KiTa konsequent handeln. Ich bin zum Beispiel nicht mehr bereit, die Kinder unter prekären Umständen zu betreuen. Wenn zu wenig Personal da ist, müssen zum Beispiel auch mal Öffnungszeiten verkürzt werden. Die Schönfärberei vor den Eltern schadet den Kindern und uns allen. Wenn wir Eltern ernst nehmen wollen, dann müssen sie wissen, was wir warum verantworten können und was aus Kindeswohlgründen nicht mehr.

Abhauen oder bleiben?

Bleiben und kämpfen. Nach Verabschiedung des neuen Gesetzes habe ich intensiv darüber nachgedacht, das Arbeitsfeld zu wechseln. Mir ist aber wieder bewusst geworden, wie gern ich mit Kindern im KiTa-Alter arbeite und dass mein Herz nach all den Berufsjahren immer noch für die Frühpädagogik brennt. Deshalb habe ich mich fürs Kämpfen entschieden, in der Hoffnung, dass ich noch Rahmenbedingungen erleben darf, die kindgerechter sind als das aktuell der Fall ist. Es ist aber klar, dass der Weg weit ist und die Bretter, die zu bohren sind, dick sind. Schlechte KiTas sind nichts, was sich nicht verändern ließe. Wir wollen daran arbeiten, dass das gesellschaftliche Bewusstsein dafür wächst, unseren Jüngsten einen kindgerechten Alltag zu gewährleisten.

Bitte ergänze den Satz: Wenn ich die Bundes­familienministerin wäre, dann …

würde ich ein Gesetz verabschieden, das in allen Bundesländern für die KiTas pädagogische Mindeststandards nach wissenschaftlichen Empfehlungen vorschreibt. Gemeinsam mit Bund, Ländern, Kreisen und Kommunen würde ich ein Finanzierungskonzept entwickeln, mit dem kindgerechte Bedingungen in unseren Kitas finanziert werden können.

Bitte ergänze den Satz: Es ist an der Zeit, …

endlich den Mund aufzumachen, ehrlich zu berichten, wie der Alltag in unseren Kitas aussieht und sich nicht mehr duldsam vor den Karren sperren zu lassen. Ja, ich habe schon meine Stelle gewechselt, weil ich mit einem anderen Konzept arbeiten wollte. Die Rahmenbedingungen sind allerdings grundsätzlich in allen KiTas so unzureichend, dass qualitativ gute pädagogische Arbeit nur in Ansätzen möglich ist.

Es lohnt sich, für bessere KiTas zu kämpfen, denn die Kinder von heute sind die Gesellschaft von morgen.

 

 

Praxis Power. Bist Du dabei?

„Noch nie standen Kitas so im Zentrum der Aufmerksamkeit wie in der Corona-Zeit.“, schreibt Stefan Spieker, Geschäftsführer der FRÖBEL Bildung und Erziehung gGmbH in der aktuellen Ausgabe von „Welt des Kindes“ (Heft 3/Mai–Juni 2021).

„Noch nie in der Geschichte war das Bewusstsein für die Systemrelevanz der Kitas größer – und noch nie waren die öffentlichen Ohrfeigen für die dort Beschäftigten schallender. Die politische Interessenvertretung des Berufsstands ist scheinbar zu schwach, um sich ausreichend Gehör zu verschaffen. Pädagogische Fachkräfte und Kitas gehen immer wieder und viel zu schnell in dem verbandlichen Interessensausgleich unter. “ Stop!

Nichts muss bleiben wie es ist. Innerhalb von wenigen Monaten haben Erzieher*innen, Leitungen, Kinderpfleger*innen in 15 (!) Bundesländern ihre eigenen Fachverbände gegründet bzw. sind auf dem Weg dorthin. Noch nie gab es in der Geschichte der eigenen Interessensvertretung diese versammelte Praxis-Power. Trägerunabhängig und länderübergreifend: Kitapraxis for future!

Wir stellen in der gerade erschienenen Ausgabe 3/2021 unserer pädagogischen Fachzeitschrift wamiki und in den folgenden Ausgaben alle Landesverbände und Initiativen vor. Den Anfang machen die Landesverbände in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern.

Praxis-Power. Bist Du dabei?

„Noch nie standen Kitas so im Zentrum der Aufmerksamkeit wie in der Corona-Zeit.“, schreibt Stefan Spieker, Geschäftsführer der FRÖBEL Bildung und Erziehung gGmbH in der aktuellen Ausgabe von „Welt des Kindes“ (Heft 3/Mai–Juni 2021).

„Noch nie in der Geschichte war das Bewusstsein für die Systemrelevanz der Kitas größer – und noch nie waren die öffentlichen Ohrfeigen für die dort Beschäftigten schallender. Die politische Interessenvertretung des Berufsstands ist scheinbar zu schwach, um sich ausreichend Gehör zu verschaffen. Pädagogische Fachkräfte und Kitas gehen immer wieder und viel zu schnell in dem verbandlichen Interessensausgleich unter. “ Stop!

Nichts muss bleiben wie es ist. Innerhalb von wenigen Monaten haben Erzieher*innen, Leitungen, Kinderpfleger*innen in 15 (!) Bundesländern ihre eigenen Fachverbände gegründet bzw. sind auf dem Weg dorthin. Noch nie gab es in der Geschichte der eigenen Interessensvertretung diese versammelte Praxis-Power. Trägerunabhängig und länderübergreifend: Kitapraxis for future!

wamiki stellt in dieser und in den folgenden Ausgaben alle Landesverbände und Initiativen vor. Den Anfang machen die Landesverbände in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern.

 

66 x BNE – oder wie Ihr Eure Einrichtung nachhaltiger machen könnt

Das Fachforum frühkindliche Bildung beim Weltaktionsprogramm der Unesco hat sich den Kopf zerbrochen, wie man Einrichtungen nachhaltiger machen kann.

Und deshalb hat es Qualitätsanforderungen und Praxisindikatoren entwickelt. Diese können eine Grundlage für die Fortschreibung der Qualitätsmanagementkonzepte der Träger von Kindertageseinrichtungen und der Trägerverbände sein. Die darin vorgestellten Qualitätsanforderungen und Praxisindikatoren sind im Sinne eines Referenzrahmens auch für die Weiterentwicklung der Bildungspläne geeignet.

Hier findet Ihr die Originalpapiere

Ethisches Leitbild

Basispapier

wamiki hat für Euch das Ganze in Spielkarten übersetzt.
Notwendige Veränderungsprozesse sind darin farblich nach drei Bereichen sortiert:

Rot für Führungsprozesse.
Grün für Kernprozesse.
Und Blau für Unterstützungsprozesse.

BNE Karten von wamiki.de - Vorderseite BNE Karten von wamiki.de - Rückseite

Gemeinsam im Team könnt Ihr Euch 66 Fragen stellen und zusammen überlegen, WAS Ihr WIE in Eurer Einrichtung nachhaltiger gestalten und verändern wollt. Schritt für Schritt. Jede dieser 66 Karten beinhaltet auf der Vorderseite einen Baustein und eine Anforderung. Auf der Rückseite findet Ihr die passende Frage, die Praxisindikatoren. Stellt sie Euch im Team und überlegt, in wie weit diese bereits zutrifft und welche Schritte Ihr als Team unternehmen möchtet, um die Einrichtung nachhaltiger zu gestalten.

Und so gehts: Ladet Euch das PDF zum Spiel herunter. Hier klicken.
Für den Druck in 100 Prozent, beidseitig, eignet sich Papier in 100 bis 120 g Stärke. Nun entlang der Schneidelinien die Karten trennen, sortieren und lospielen!

Wir freuen uns auf Euer kritisches Feedback und Eure Geschichten, was diese Karten bei Euch angestoßen haben.

 

BNE Karten von wamiki.de - Beispiel Führungsprozesse

 

Das Gute Kita Gesetz – ein Interview

Sich Gehör verschaffen
Das „Gute-Kita-Gesetz“ und die Verteilungsgerechtigkeit

Das „Gute-Kita-Gesetz“ hat Folgen für die Länder, die Kitas, die Fachkräfte, die Eltern und Kinder. Zwar werden die Vereinbarungen über die Verteilung der Mittel zwischen den Ländern und dem Bund erst getroffen, aber es ist höchste Zeit, sich auch in der Praxis darüber Gedanken zu machen und die Dinge nicht allein den politisch Verantwortlichen zu überlassen.
Im Wamiki-Gespräch schildert Toren Christians, stellvertretender Personalratsvorsitzender von KiTa Bremen, wie man die Mittel verteilen müsste und welchen Einrichtungen sie warum vor allem zugute kommen müssten.

Welche Überlegungen gibt es in Bremen über die Verteilung der Mittel aus dem „Gute-Kita-Gesetz“?

Gegenwärtig werden bei uns zwei Wege beschritten, auf denen die Mittel verteilt werden sollen. Der eine Weg ist: In einem Qualitätskreis, geführt von der Senatorin für Bildung, erarbeiten Trägervertreter und wir als Gewerkschaft ver.di Qualitätskriterien, die für alle Träger in Bremen und Bremerhaven gelten sollen, verständigen uns über Qualitätsziele und gucken, was geht. Über Geld wurde in diesem Kreis bisher noch nicht geredet, sondern pädagogisch-fachlich diskutiert.
Der zweite Weg, den ich neulich in einer Vorlage zum Jugendhilfeausschuss entdeckt habe: Es geht darum, die Elternbeiträge für die drei- bis sechsjährigen Kinder freizustellen. Das soll zum Sommer wirksam werden, und es wird darauf hingewiesen, wie viel Geld das „Gute-Kita-Gesetz“ in den nächsten Monaten und Jahren bringt. Es entsteht der Eindruck, dass die Option besteht, die Elternbeitragsfreistellung gegen zu finanzieren. Damit wäre das Geld aber weg. Das Land Bremen müsste dann, um die Elternbeiträge für die Drei- bis Sechsjährigen freizustellen, zirka 300 000 Euro selbst zahlen. Der Rest würde über das Gesetz finanziert.

Der Jugendhilfeausschuss empfiehlt die Beitragsfreiheit?

Die Beitragsfreiheit wurde in Bremen schon im vorigen Jahr beschlossen. Jetzt wird in den Vorlagen zur gesetzlichen Umsetzung unter anderem die Summe aus dem „Gute-Kita-Gesetz“ angeführt – als eine Option und immer unter dem Vorbehalt, dass unklar ist, wie viel das letztlich ausmacht, weil die Vereinbarung mit dem Bund ja noch aussteht.

Die Beitragsfreiheit wurde in Bremen unabhängig vom „Gute-Kita-Gesetz“ beschlossen?

Ja. Aber man ging damals von ganz anderen Summen aus. Die jetzige Summe ist viel geringer als das, was von den Landesministern verabredet war. Was jetzt für die Gesamtlaufzeit beschlossen wurde, war vorher für ein Jahr vorgeschlagen.

Der Jugendhilfeausschuss will umsetzen, was mal beschlossen wurde, und freut sich nun, dass es zusätzliches Geld gibt. Die Senatorin gibt die Analyse des Ist-Zustands in Auftrag und bestimmt Kriterien für das…

… was man fachlich weiterentwickeln will. Die Senatorin gehört dem Jugendhilfeausschuss an.

Und was hat der Qualitätskreis zu sagen?

Er arbeitet die qualitativen Anforderungen und gegebenenfalls den Finanzierungsbedarf für die Mittel aus dem „Gute-Kita-Gesetz“ aus. Das ist eine komplizierte Sache. Denn wer sagt, dass er die Qualität in einem Bundesland steigern will, hat es mit unterschiedlichen Kommunen zu tun. Er müsste also wissen, welche Qualität er an welcher Stelle steigern will und wie man Qualität bemisst. Zwischen den verschiedenen Trägern existieren aber riesige Unterschiede: Ein Kollege vertritt 30 Kitas der Stadt Bremerhaven. Zu dem Betrieb, in dem ich Personalrat bin, gehören 75 Kitas. Einige Sprecher von Elternvereinen und -initiativen sind für kleine Einrichtungen oder Krabbelgruppen zuständig. Angesichts dieser Vielfalt lässt sich Qualität nur schwer bemessen. Aber es ist richtig, dass ein offener Dialog darüber geführt wird.

Gibt es einen Zeitplan für das weitere Vorgehen?

Es gibt keinen offiziellen End-Zeitpunkt, aber den Plan, bis zum Sommer etwas auf dem Papier stehen zu haben. Andererseits: Im Mai haben wir Wahlen in Bremen. Was bis dahin nicht beschlossen ist, muss eventuell neu verhandelt werden, wenn eine andere Partei das Bildungsressort besetzt und neue Leute auf andere Ideen kommen oder andere Schwerpunkte setzen. Von daher: Man muss gucken, was am Ende rauskommt.
Wissenschaftlich begleiten Dr. Christa Preissing und Prof. Dr. Susanne Viernickel den Prozess. Deshalb denke ich, dass ein paar gute Orientierungen herauskommen.

Gibt es schon Qualitäts-Kriterien?

Im Moment sind wir beim Sortieren.

Zeichnet sich ein Trend ab?

Ein Trend wäre vielleicht der Versuch, Qualität in einem dialogischen Modell zu entwickeln. Also kein Mess-System wie die KES-Skala oder Ähnliches. Aber ich bin Realist und glaube, am Ende läuft es darauf hinaus: Wie verteilt man die Mittel unter den verschiedenen Trägern so, dass alle etwas damit anfangen können? Geld in dem Umfang für Qualitätssteigerung einzusetzen – das ist eine diffizile Sache. Wo setzt man an?
Das größte Geschenk hat man schon jetzt denjenigen gemacht, die die höchsten Kita-Beiträge zahlen. Kriegen diese Familien einen Anteil, sind sie deutlich entlastet. Aus meiner gewerkschaftlichen und pädagogischen Sicht wäre es aber viel wichtiger, endlich mal etwas für die Kitas an Brennpunkten zu tun.

Was würdest du machen, wenn du für Bremen entscheiden könntest?

Ich würde als erstes versuchen, genau herauszufinden, wie die Besucherstruktur der einzelnen Kitas und Einrichtungen ist. Das heißt: Welchen Bildungshintergrund haben die Eltern? Welchen finanziellen Hintergrund haben sie? Danach würde ich ein Ranking aufstellen. Die Kitas, die am „schlechtesten“ wegkommen, würde ich – vom Gebäude wie vom Personal und allem anderen – so ausstatten, dass Eltern aus anderen Kitas ihre Kinder dort anmelden.

Angesichts der Personalnot und fehlender Kita-Plätze hört sich das geradezu utopisch an.

Der Mangel an Kita-Plätzen ist relativ. Schraubt man das Angebot immer weiter hoch und sagt: Ihr könnt noch mehr erwarten, noch längere Betreuungszeiten in Anspruch nehmen und jetzt auch noch kostenfrei, dann liegt die Nachfrage bei fast 100 Prozent. Das ist nicht mehr zu erfüllen, wenn man so viele Jahre lang verpennt hat, genügend Fachkräfte auszubilden.
Vielleicht muss man an der einen oder anderen Stelle mal sagen: Okay, wir sind politisch mit unseren Versprechen über das Ziel hinausgeschossen, müssen einen Schritt zurückgehen und eingestehen, dass wir die Betriebsmittel im Moment nicht haben. Doch das ist nicht populär.
Ganz platt: Will man qualitativ gut arbeiten, braucht man gut ausgebildete Fachkräfte. Aber zu Beginn des letzten Kita-Jahrs fehlte in jeder Bremer Einrichtung durchschnittlich eine Erzieherin. Das summiert sich übers Jahr. Deshalb müsste man einen Schnitt machen und sagen: Wir versprechen den Eltern und der Öffentlichkeit nicht mehr, dass es viel toller wird, sondern nehmen das Geld, das da ist, zum Konsolidieren.
Guckt man sich allein die bauliche Situation der Einrichtungen in einer Stadt wie Bremen an: Es gibt Kitas, die sind „Sanierungsfälle“, und andere, die im Ausbau-Programm berücksichtigt wurden und schon fast den Vorstellungen entsprechen, die eine Erzieherin von ihrem Arbeitsplatz hat. Die Realität ist aber, dass einige Einrichtungen nicht mal über Pausen- und Mitarbeiterräume verfügen. Von großer Wertschätzung der Fachkräfte zeugt das nicht.
Schaue ich mir andere Betriebe und deren Pausenräume an: Es gibt eine Kantine für die Mitarbeiterschaft, angemessene Büros. Eine Erzieherin hingegen hat oft nicht mal Platz für ihre Unterlagen, gar nichts. Wo bereitet sie sich vor, wenn sie acht Stunden für eine Gruppe zuständig ist? Das Haus brummt, es gibt keinen ruhigen Ort für sie, keinen Internetzugang. Jedenfalls ist das nicht Standard, sondern eher die Ausnahme.
Will man von Bildungs- und Sozialarbeit sprechen, müsste eine Kita mit 20, 30 pädagogischen Fachkräften Räume haben, in denen Erzieherinnen sein können, wenn sie nicht mit den Kindern arbeiten. Jede Schule hat ein Lehrerzimmer. Ganz normal! Diesen Standard gibt es in Kitas bei weitem nicht.

Und schon gar nicht in Brennpunkt-Kitas.

Ich glaube, die einzige Möglichkeit besteht darin, eine gesellschaftliche Mischung herzustellen. Wir müssen in den Stadtteilen, in denen die Kinder es am schwersten haben, die Einrichtungen so attraktiv machen, dass mobilere Familien, die für ihre Kinder etwas Besseres wünschen, sie dort hinbringen.
Viele Menschen wissen überhaupt nicht, was das Leben in Armut für Kinder heißt, deren Mütter und Väter ihre Pflichten aufgrund ihrer Belastungen nicht so wahrnehmen können, wie wir denken, dass Eltern das tun müssen.

Wie kann das gelingen?

Man müsste die Mittel nach folgendem Kriterium verteilen: Welche Länder haben die meisten Bedarfe hinsichtlich des Durchschnittseinkommens und des durchschnittlichen Bildungsstandes der Bevölkerung? Diese Länder müssten das Geld dann auf ihre ärmsten Kommunen verteilen. Ein Bundesland wie Bayern könnte demnach nicht so viel Geld nach München schicken, wie München, eine relativ reiche Kommune, anteilig Einwohner hat. Also würden andere Kommunen berücksichtigt werden. Für die politisch Verantwortlichen wäre das ein komplettes Umdenken und würde zu einer ganz anderen Verteilung von Mitteln führen.

Solch ein politisches Handeln würde wahrscheinlich vielen Menschen viel mehr imponieren als Versprechungen, von denen die meisten vermuten: Wird sowieso nichts draus.

Stimmt. Aber das müsste sich jemand trauen. Es wäre nämlich ein Handeln – und zwar von jeder Partei, die im Bundestag sitzt – gegen die eigene Klientel, die eigene Wählerschaft.
An Wahlen beteiligt sich ja nur noch die Hälfte der Bevölkerung. In Stadtteilen, in denen es den Leuten besonders schlecht geht, liegt die Wahlbeteiligung bei 20 Prozent. Das heißt: Wer sich das traut, würde diejenigen, die zur Wahl gehen und ihm ihre Stimme geben, vor den Kopf stoßen, weil er denen etwas gibt, die ihn nicht gewählt haben.

Deshalb ist die Beitragsbefreiung so populär. So etwas bringt Wählerstimmen. Bei den Leuten, die Geld haben, schlägt sie am meisten zu Buche. Bei den Familien, die schon Zuschüsse bekommen, nicht.

Ich sehe das bei meiner Tochter. Natürlich freut sie sich darüber, dass jetzt in Niedersachsen Beitragsfreiheit herrscht und sie ihr Haus deutlich schneller abzahlen kann. Das kann ich nachvollziehen. Gekauft hatte sie das Haus aber vor dem Beschluss der Beitragsfreiheit und könnte es anders abzahlen.

Noch mal zurück zum Thema „Personal“ und dem Fachkräftemangel. Wie sieht es damit in Bremen aus?

Weil die Kolleginnen und Kollegen daran interessiert sind, dass es den Kindern gut geht, wird der Mangel überdeckt. Die Fachkräfte tun mehr, als ihnen gut tut. Das führt dazu, dass engagierte Kolleginnen und Kollegen, die schon lange im Beruf sind, krank werden und ausfallen. Die Krankheitsraten bei Erzieherinnen und Erziehern sind in den letzten Jahren astronomisch gestiegen – eine Auswirkung des Fachkräftemangels. Die andere Auswirkung: Ältere Kolleginnen halten den Stress nicht bis zur Rente aus und flüchten sich in Teilzeit.
Berufseinsteigerinnen hingegen kriegen heute sofort unbefristete Verträge und können bis zu 39 Stunden arbeiten. Manche sagen aber: So heftig brauche ich das nicht; ich komme mit dem Geld für 30 Stunden aus und arbeite Teilzeit. Trotz des Fachkräftemangels hat sich die Teilzeitquote in unserem Bereich kaum verändert. Das heißt: Wer kann, flüchtet sich in Teilzeit oder Nebenjobs, weil das Geld doch gebraucht wird, denn in der Kita ist der Druck zu hoch, und es kommt zu Überforderungen.
Ein Beispiel: Eine Kollegin, die mehr als 20 Jahre in einer Einrichtung arbeitet, reagiert in einer Stresssituation über und hält einem Kind die Hände fest, das rumkaspert. Obwohl die Frau weiß, das ihr Handeln nicht richtig ist, kommt es zu einem Gespräch mit der Fachberaterin, die ihr einen Vortrag hält und sie auffordert, an ihrer „Haltung“ zu arbeiten. Fast hätte es eine Abmahnung gegeben. Ich finde: Nicht die Erzieherin ist schuld – angesichts der druckvollen Bedingungen, die in ihrer Kita herrschen. Ganz andere Leute haben das zu verantworten.

Schlimm ist auch, dass erfahrene Kolleginnen aus dem Beruf aussteigen, weil sie die Arbeitsweise, zu der sie angesichts des Mangels gezwungen sind, nicht mehr mit ihrem Berufsanspruch vereinbaren können.

Eine andere Variante dieses Problems: Aus dem Umland kommen Erzieherinnen, die in ihren Wohnorten auch gern gesehen sind, zur Arbeit nach Bremen. Zunehmend entscheiden sie sich, in der beschaulichen Umlandgemeinde zu bleiben, und haben auf einen Schlag eine Elternschaft, die sie nicht in allen Großstadt-Ortsteilen geboten kriegen. Sie haben kurze Arbeitswege, die Einrichtungen und ihre Außengelände sind schöner, und teilweise werden sogar Zulagen auf den Tarif bezahlt. Inzwischen haben wir regelmäßig Kündigungen von Kolleginnen, die sich ins Umland flüchten. Viel mehr als früher. Im Prinzip ist das eine Art Umverteilung: Engagierte Kolleginnen und Kollegen gehen dorthin, wo es den Menschen besser geht.
In Bremen versucht ver.di gerade, mit den Arbeitgebern eine Tarifregelung festzulegen, die den Fachkräften, die in schwierigen Kitas arbeiten, ihren höheren Aufwand entgeltet – nach Sozialindex verteilt. Trotzdem wandern welche auf die andere Seite der Stadtgrenze ab.

All das müsste sich in den Analysen, die jetzt gefordert sind, niederschlagen.

Nein, das spielt überhaupt keine Rolle, wird nicht berücksichtigt. Man will nicht wirklich umsteuern, nichts umstellen. Die Verteilung der Mittel aus dem „Gute-Kita-Gesetz“ läuft pro Kopf der Bevölkerung. Danach ist das Kind eines Millionärs dem Kind einer Familie mit Sozialhilfe gleichgesetzt.

Also geht es letztlich darum, die bestehenden Verhältnisse abzusichern und nicht zu verändern. Was ist dein worst-case-Szenario, Toren?

Aus meiner Rolle und Funktion heraus ist mein worst-case-Szenario, dass genau an den prekären Stellen demnächst unausgebildete und schlecht ausgebildete Menschen eingesetzt werden, um die Betreuungszeiten zu sichern. Wir erleben jetzt schon, dass wegen fehlenden Personals mit den Eltern für bestimmte Zeiten Vereinbarungen getroffen werden, den vollen Betreuungsumfang, den sie zu Beginn des Kindergartenjahres zugesichert bekamen, nicht mehr in Anspruch zu nehmen. All das trifft wieder die Familien, die wir eigentlich besser stellen müssten.
Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, können ihre Kinder bis 16.00 Uhr in der Kita lassen. Sitzen Mutter oder Vater zu Hause, steht ihnen nur eine Betreuungszeit bis 12.00 oder 13.00 Uhr zu. Das besser ausgebildete Personal wird dann in den Bis-16.00 Uhr-Gruppen eingesetzt. Das notausgebildete Personal ist für die Kinder in den Kurzzeit-Gruppen zuständig, deren Eltern wahrscheinlich nicht aufmucken.
Wenn in einer Kita mal was schief läuft, landet sie schnell in der Zeitung. In vielen Kitas, die die Betreuung in den letzten Jahren aufgrund Personalmangels nicht sichern konnten, sorgten Eltern dafür, dass die Presse das brachte: Betreuung unsicher, mehr Not- als Regeldienst und, und, und…

Es gab in diesem Zusammenhang eine Selbstanzeige eines Kita-Trägers „Fröbel“ in Brandenburg. Wie reagieren die Träger in Bremen auf solche Notlagen?

Unsere Geschäftsführung ist direkt der Senatorin unterstellt. Deshalb darf unser Träger wie alle staatlichen Betriebe nicht mit einer Selbstanzeige reagieren. Private Träger können das tun.
Unser Träger reagiert, indem er versucht, personelle Aufstockungen in schwierigen Situationen vorzunehmen. Immer dort, wo der öffentliche Druck hoch ist, genehmigt der Träger für die betroffene Kita eine Sonderausstattung. Plötzlich kriegt die Leitung 15 Stunden mehr, um die Situation besser managen zu können, damit ihre Kita nicht mehr in der Zeitung steht.

Und woanders werden die Löcher größer.

Sie bleiben bestehen oder reißen auf.

Das ist, als ob man immer mehr Schulden macht und eigentlich Insolvenz anmelden müsste. Wenn die Rahmenbedingungen so schlecht sind, dass die Arbeit nicht mehr geschafft werden kann, erhebt sich die Frage, ob man weitermachen oder sagen muss: Es geht nicht mehr!

Die politisch Verantwortlichen müssten eingestehen: Wir haben mit dem, was wir versprochen haben, überzogen und müssen zurückrudern. Wir brauchen jetzt fünf oder zehn Jahre lang noch mehr Geld, um weniger zu machen. Jedenfalls so lange, bis genügend Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet sind.
Stellt euch vor, ihr habt eine Reise geplant und sitzt im Flieger. Die Türen werden geschlossen, das Flugzeug rollt auf die Startbahn, und der Pilot hält seine Ansprache: „Das Wetter ist gut, unsere Triebwerke sind frisch gewartet. Das hat eine umgeschulte Fachkraft gemacht, die bisher im Kindergarten beschäftigt war. In 160 Stunden hat sie das gelernt.“ Ich wette, dass ganz viele Leute sofort aussteigen wollen. Aber in der Kita kann man so was machen.

Wo und wie kann man denn jetzt noch Druck machen – zum Beispiel in Bremen?

Wenn die Haushalte fürs nächste Jahr beschlossen werden, müssten die Analysen fertig sein. Schon vor der Planung der Haushalte muss man den Finger in die Wunde legen und denjenigen, die die Gelder wahrscheinlich falsch lenken, wenigstens die Peinlichkeit ihres Handelns deutlich machen.
Ich bin mittlerweile Realist genug, um zu sagen, dass man nicht umsteuern kann. Doch wir können Fragen stellen und Erklärungen fordern, was mit den Geldern warum passiert. In Bremen und überall.

Welche Fragen könnten das sein?

Dafür gibt es kein Rezept. Aber es hilft immer, so viele politische Verantwortungsträger anzusprechen, wie man erwischen kann. Im Stadtteil kann man den Stadtteilbeiratssprecher oder den Vertreter der Opposition fragen, wie er sich die Verteilung der Mittel vorstellt. Trifft man auf einer anderen Ebene jemanden, der politische Verantwortung trägt, kann man ihn fragen, wie es sein kann, dass es so ist, wie es ist.
In Bremen laden wir unsere Landesministerin zu einer Personalversammlung ein – vor den Wahlen. Die Kolleginnen und Kollegen werden sie fragen, was sie denn mit dem Geld machen will, das sie kriegt. Ich finde, dass Fachkräfte, die unter Druck stehen, die treffendsten Fragen stellen und die politisch Verantwortlichen in größte Erklärungsnot bringen können.

Das Leitmotiv der Bundesministerin Giffey ist: Damit es jedes Kind packt. Dafür macht sie die Gesetze, sagt sie.

Ja, das ist gut gemeint. Man muss den Politikerinnen und Politikern aber erklären, was es für Auswirkungen hat. Das sehen sie nicht mehr. Dazu sind sie zu weit weg. Deshalb ist es so wichtig, dass die Fachkräfte, die Erzieherinnen und Erzieher, nicht versuchen, alles mit sich selbst und in ihren Einrichtungen auszumachen, sondern diejenigen einladen, die die Verantwortung für die Zustände tragen, und ihnen erklären, was Sache ist.

Neulich erzählte eine Kita-Leiterin am Telefon: „Viele Kolleginnen beschweren sich. Aber es hilft ja nichts. Ich bleibe lieber positiv eingestellt und versuche, das zu machen, was geht. Denn am Ende landet ja alles auf dem Rücken der Kinder…“
Das ist ein klassisches Phänomen in der Branche. Viele Fachkräfte agieren nicht politisch, sondern subjektivieren die belämmerte Situation: Ich bin verantwortlich und muss retten, was zu retten ist. Bin ich schlecht gestimmt, dann bin ich selbst schuld. Habe ich die richtige „Haltung“, wird es schon gehen. Es liegt an mir, nicht an den Bedingungen. So ist es aber nicht. Es wird sich nichts verändern, wenn alle denken: Ich regle das mit meinem Team oder zur Not allein.
Gegen das Gefühl des Allein-gelassen-Seins hilft Austausch: In jedem Bundesland geraten die Fachkräfte ans Limit. Und immer aus den gleichen Gründen.

Wenn sie erfahren, dass es überall so schlecht ist, stecken sie vielleicht die Köpfe in den Sand. Andererseits: Sich Gehör zu verschaffen, das ist schon mal ein Erfolg. Da wächst die Lust, weiterzumachen und nicht nur einzustecken. Man muss aber einen langen Atem haben.

Erde auf dem Feld – Erde auf dem Dach


Preview des Dokumentarfilms von Donata Elschenbroich, Petra Larass und Otto Schweitzer am 27. April um 17.00 Uhr im ACUD Kino, Veteranenstraße 21, 10119 Berlin

Erde! Ein „Unterrichtsgegenstand“? In Westbengalen?
Ein Wissen über die Erde, den Boden, unsere Lebensgrundlage, entwickeln Kinder nicht von selbst, auch dann nicht, wenn sie in den indischen Dörfern nah am Boden leben. Das Wissen, das heute in den Augen ihrer Eltern zählt, ist allein das schulische Wissen. Und in den Megacities gibt es auf den versiegelten Böden für die Kinder keinerlei Erfahrung von organischem Wachstum.
Auch in Indien wie in anderen Gesellschaften weltweit ist „nachhaltige Entwicklung“ zu einem alternativen Bildungsziel geworden.
Die Dokumentarfilmer Otto Schweitzer und Donata Elschenbroich sind 2017 zusammen mit Petra Larass den engagierten Pädagogen gefolgt in die Grundschulen und Jugendclubs der Dörfer in Westbengalen. Sie konnten umweltpädagogische Projekte von eindrucksvoller Qualität beobachten – Grundschüler, die Herbarien anlegen von in ihrem Nährwert unterschätzten „Unkräutern“,  und statistische Erhebungen durch Jugendliche in ihren EcoClubs zum Klimawandel und zur Ökologie ihrer Dörfer. Und auch in der Megacity Kalkutta bemühen sich Lehrer, den Kindern in ihrem survival of the fittest eine sinnliche Erfahrung zu ermöglichen mit einer Handvoll Erde: Wurzeln, Pflanzen, auf den Dächern der Slumschulen.
Im Anschluss an den Film, 45 Minuten, wird Ralf Tepel, Vorstand der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie, die den Film maßgeblich unterstützt hat, für Fragen zur (Bildungs-) Arbeit der Stiftung in Indien zur Verfügung stehen.
Und nach Rückmeldungen aus dem Publikum freuen wir uns auf Gespräche bei Brot & Wein im Garten vom ACUD Kino.
Wenn jemand mit dem Film arbeiten möchte, in der Schule, in umweltpädagogischen Projekten: Wir haben von der Erstauflage noch einige DVDs, die wir dafür gern zur Verfügung stellen.
Herzlich
Petra Larass und Donata Elschenbroich

wamiki-Tipp: Die Neuauflage des Filmes erscheint im 1. Halbjahr 2018 bei wamiki, gemeinsam mit 21 Filmen aus 21 Jahren in der Reihe: WELTWISSEN in Familie, Kindergarten und Schule. Von Donata Elschenbroich und Otto Schweitzer.

Kritik an Bedingungen in deutschen Kitas

Wir kritisieren die Bedingungen in deutschen Kitas und fordern mehr Personal und Qualität – jetzt und dringlich!

Als Vertreter*innen des bundesweiten „Netzwerk Fortbildung: Kinder bis drei“1 schlagen wir Alarm. Wir kritisieren die unzumutbare Überbelastung des Personals in pädagogischen Einrichtungen. Den Erzieherinnen und Erziehern wird ein immer größer werdender Aufgabenberg zugemutet, ohne ihnen die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Immer mehr Fachkräfte sind von Burn-out bedroht. Hoch engagierte Fachkräfte geben ihren Beruf auf, weil sie ihre pädagogischen Ziele nicht mehr umsetzen können oder weil sie unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht mehr arbeiten wollen.

Wir wissen aus zahlreichen Studien zur Qualität von Kindertagesbetreuung2, dass qualitativ gute Betreuung exzellente Rahmenbedingungen braucht, um das Wohl aller Kinder und ihr Recht auf Bildung zu gewährleisten. Jedoch zeigen unsere aktuellen bundesweiten Erfahrungen aus Praxisforschung, Fachberatung, Fortbildung und Supervision, dass die Schere zwischen den Rahmenbedingungen der Einrichtungen und den Anforderungen an die Fachkräfte immer weiter auseinander klafft.

Wir erleben engagierte Träger im Land, die ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Einrichtungen weit über den Mindeststandard ausstatten, auch wenn dies die eigenen Kassen strapaziert. Sie brauchen eine bessere finanzielle Ausstattung durch Land und Bund!

Gleichzeitig erleben wir jedoch viele Träger, die ihre Einrichtungen vernachlässigen und nur darauf setzen, dass Eltern sich nicht beschweren.

Als Fortbildner*innen und Berater*innen mit engem Praxiskontakt sehen wir uns in der Pflicht, diese Missstände öffentlich zu machen:

 

In vielen Bundesländern ist die Fachkraft-Kind-Relation unhaltbar.

• Es gibt deutlich zu wenig bis gar keine Zeit für Teambesprechungen, um die pädagogische Arbeit zu reflektieren;

• Teilzeitkräfte haben keine Übergabezeiten; es fehlen Vorbereitungszeiten;

der Krankenstand ist hoch: umso höher, je schlechter die Rahmenbedingungen sind;

• durch die hohen Belastungsanforderungen entstehen strukturelle unbewältigbare Überforderungssituationen; wir erfahren, dass Fachkräfte ungewollt in Situationen geraten, in denen das Wohlergehen, die Würde und die Rechte der Kinder gefährdet sind, obwohl Erzieher*innen Anwälte der Kinder sein wollen.

 

Deshalb fordern wir für Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder in den ersten drei Lebensjahren:

• Kinderrechte als Maßstab für politische Entscheidungen;

• bessere personelle Ausstattung für alle Kindertageseinrichtungen;

• fachlich qualifizierte und für Teamentwicklung freigestellte Leitungen für jede Kindertageseinrichtung;

• qualifizierte, verlässliche und finanzierte Aus- und Fortbildung, Fachberatung, Supervision;

• Berücksichtigung der verschiedenen Arbeitsaufgaben in Kindertageseinrichtungen, das heißt: Anstellung von Verwaltungs- und hauswirtschaftlichen Kräften;

• Einbindung und Mitbestimmung pädagogisch fachlicher Expertise in Planung und Durchführung von Aus- und Neubauten;

• mehr Raum für Kind und Fachkraft.

 

Nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr – jetzt!

Wir fordern Sie auf, in Bund, Land, Kommunen und der Trägerlandschaft Ihren Beitrag in der Verantwortungsgemeinschaft für Kindertagesstätten zu leisten, damit die Rechte und die Würde aller Kinder gewahrt werden.

Statten Sie Kindertagesbetreuung so aus, dass Kinder- und Menschenrechte garantiert sind und der gesetzliche Bildungsauftrag durch die Fachkräfte erfüllt werden kann.

Wir sind dabei und laden Sie ein, mit uns ins Gespräch zu kommen!

 

Kontaktadresse:

qualitaet.jetzt@gmail.com

In Vertretung der Erstunterzeichner*innen:

Barbara Baedeker, Freiburg; Elisabeth Erndt-Doll, Herrsching; Michaele Gabel, Idstein; Ute Steinmüller, Rostock; Prof. Dr. Wiebke Wüstenberg,

Frankfurt; Sylvia Zöller, Karlsruhe

 

Inklusions-Alltag

Erfurt, im Mai 2015: Aufregung herrscht in den Kitas „Sommersprosse“ und „Farbenklecks“, denn übermorgen wird Einweihung gefeiert. Besser: das Ende der lang anhaltenden Renovierungsarbeiten, in deren Zuge die beiden Kitas endgültig zusammenwuchsen – bei vollem Betrieb. Das war Inklusion pur und unter verschärften Bedingungen. Erfahrungen im Umgang mit dem Einschließen von Unterschieden hatten die Team-Mitglieder allerdings schon gemacht – in vielen Bereichen und Situationen.

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Die Sprachexpertin

Mit diesem Beitrag wird die Serie fortgesetzt, in der wir – in Kooperation mit der GEW und um die Kampagne „Für ein besseres EGO“ zu unterstützen – Pädagoginnen porträtieren, über ihre Arbeit, ihre Kompetenzen und ihr Engagement berichten. Mehr über die Kampagne erfahrt Ihr auf unserer Internetseite: www.wasmitkindern.de
Diesmal stellt wamiki die Erzieherin Jenny Thörner-Klasen aus der zwischen Eifel und Mosel gelegenen Kita Wittlich-Neuerburg vor.

„Als ich nach der 10. Klasse von der Schule abging, überlegte ich, welchen Weg ich jetzt einschlagen könnte. Welcher Beruf könnte mich interessieren? Ich entschied mich für einen sozialen Beruf, weil ich schon immer interessant fand, wie der Mensch sich entwickelt, was ihn ausmacht, und wurde Erzieherin“, sagt Jenny Thörner-Klasen. „Ich wollte Kinder in ihrer Entwicklung begleiten und unterstützen.“

Jenny bewarb sich in einer großen Kita, absolvierte dort ihr Vorpraktikum und lernte, etwas für Kinder vorzubereiten, deren Interessen sie zu kennen glaubte. „Eigentlich ein Widerspruch in sich“, sagt sie, „aber so war es. Wir beobachteten die Kinder und nahmen eine Situationsanalyse vor, anstatt sie zu fragen, was sie machen wollen.“

Von laut nach leise und umgekehrt

Jenny ist 30 Jahre alt. In den letzten Jahren eignete sie sich in Fort- und Weiterbildungen zum Thema „Sprache“ Fach- und Hintergrundwissen an, das sie ins Team und konzeptionell einbringt. Ihr Bereich ist die pädagogische Arbeit mit den Jüngsten.

Beim Rundgang durch die Kita erklärt Jenny: „Der lange Flur verbindet diese Bereiche. Jeder Raum hat seinen speziellen Aufforderungscharakter. Am rechten Ende des Flurs liegt der Bewegungsraum, es folgen der Werkraum, der Bauraum und der Verkleidungsraum. Am linken Ende befindet sich der ruhigere Bereich, in den die Kinder durch die meist offene Glastür gelangen.“ Es geht also von laut nach leise.

„Ja“, sagt Jenny, „das ist das Prinzip. Den leisen Bereich bevorzugen die jüngeren Kinder. In den Räumen finden sie Sandtische, Kugelbahnen und Fühlinseln, also viele Möglichkeiten, leib-sinnliche Erfahrungen zu machen. Übrigens gestattet das Von-laut-nach-leise-Prinzip des Hauses allen Kindern, sich selbst zu regulieren, denn sie finden in jedem Raum Rückzugsmöglichkeiten und können auswählen, was gerade für sie passt. “

Der Flur ist lang und würde eine tolle Rennstrecke abgeben, wenn es da nicht viele Inseln gäbe. Zum Beispiel eine Sitzecke mit einem Sofa und Sesseln aus Urgroßvaters Zeiten, dahinter Regale mit den Bildungsbüchern und Könner-Heften der Mädchen und Jungen. Erlauben es die Kinder, dürfen Eltern oder Freunde darin blättern. Schräg gegenüber steht das „Birkenwäldchen“, eine Baumgruppe ohne Wurzeln und Kronen, aber mit einem Hochsitz, auf den Kinder klettern und den ganzen Flur überblicken können: Wer kommt? Wer geht? Was tut sich rundum?

Den Flur teilt ein niedriger runder Tisch, dem Kita-Eingang gegenüber platziert, an dem eine Erzieherin mit Kindern sitzen und sich mit ihnen austauschen, aber auch als Ansprechpartnerin für Kommende, Gehende oder Vorbei-Gehende fungieren kann. Gleich daneben steht eine Voliere, in der Wellensittiche zu Hause sind. Eines Tages brüteten sie. Als die Zeit heran war, schlüpfte tatsächlich ein Küken aus. Walter wurde es genannt. Unter der Überschrift „Unsere Wellensittiche haben Nachwuchs“ wurde seine Entwicklung dokumentiert. Doch der Kleine hatte eine Fußfehlstellung. In der freien Natur hätte er kaum Überlebenschancen gehabt. Die Dokumentation liegt neben der Voliere auf einem Tisch, und jeder kann Walters Werdegang noch einmal verfolgen. „Walter hatte eine starke Einschränkung“, sagt Erni Schaaf-Peitz, die Leiterin, „aber er war voller Lebensfreude. Ein Züchter sagte mir: ‚Das wird nichts, den müssen Sie entsorgen.‘ Trotzdem brachte ich das Vögelchen zurück in die Voliere. Seine Eltern waren froh, dass Walter wieder da war, fütterten ihn, und alle waren guten Mutes. Regelmäßig bandagierte eine Tierärztin seinen Fuß, ich machte mit Walter Krankengymnastik. Schließlich entwickelte er spezielle Fähigkeiten, bewegte sich unter Zuhilfenahme seines Schnabels, kletterte und lernte fliegen. Wir bauten breitere Stangen in die Voliere, so dass er besser landen konnte. Die Hauptgründe für Walters Genesung waren jedoch seine Stärke und die Zuwendung seiner Eltern. Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit lebten die Vögel uns vor, was möglich ist, wenn man sich umeinander kümmert. Faszinierend für die Kinder, die Eltern und das Team.“

Dass Walters Geschichte an dieser Stelle erzählt wird, soll übrigens kein Argument für tiergestützte Pädagogik sein, sondern ein Beleg für den offenen Umgang mit den Dingen der Welt, die vor keiner Kita-Tür Halt machen, aber nicht überall eingelassen werden, ob Offene Arbeit im Konzept steht oder nicht.

Verstehen und verstanden werden

Jenny Thörner-Klasen ist die Sprachexpertin in der Kita. Schon währen ihrer Ausbildung zur Erzieherin gingen ihr die Dimensionen des Berufs auf, sie merkte, wie breit er gefächert ist. Da erwachte ihr Interesse erst wirklich, sagt sie heute, und erklärt: „Es kommen immer jüngere Kinder in die Kitas, die sich hauptsächlich nonverbal verständigen. Ich muss sensibel und einfühlsam sein, um zu merken, was sie mir mitteilen möchten. Wie finde ich heraus, was so ein kleines Kind braucht? Was möchte es von mir? Was will es mir signalisieren?“

Nicht zufällig geriet Jenny nach ihrer Elternzeit zu den Jüngsten. „Die Entwicklungssprünge, die gerade kleine Kinder machen, faszinieren mich. Gut finde ich, dass wir uns nicht mehr unbedingt nach all diesen Tabellen richten müssen, in denen steht: Bis zu dem Monat muss ein Kind dies und das können. Wenn nicht, besteht Förderbedarf, und dann wird ihm etwas aufgezwungen, das es womöglich gar nicht gebrauchen kann. Ich finde es viel spannender, die Entwicklung der kleinen Kinder zu beobachten, zu dokumentieren, zu begleiten und herauszufinden, was ihnen gut tut. Mittels Mimik, Gestik, Blickkontakt, der Stimme…“ Jenny glüht förmlich, ihre Augen strahlen. „Da sitze ich auf dem Boden, ein Kind kommt angekrabbelt und zupft mich am Ärmel. Ich wende mich ihm zu, schaue es an und zeige ihm damit: Ich bin da, du kannst mir etwas mitteilen. Es kann sein, dass ich das Kind frage: Möchtest du etwas? Das Kind nickt oder schüttelt den Kopf, ergreift aber meinen Zeigefinger und führt mich. Ich folge ihm, lasse mich leiten, und es zeigt mir, was es möchte. Ohne Worte.“

Wir müssen authentisch mit Kindern kommunzieren, sie ernst nehmen, so klein sie noch sind.

Das ist die nonverbale Kommunikation, die die Erzieherin leib-sinnlich beherrscht. Kein Wunder, möchte man denken, denn in dieser Kita kommuniziert man auch erfolgreich mit Wellensittichen, ohne zu pfeifen oder zu flöten. Aber was ist mit der Sprache? „Ich finde immer wieder beeindruckend“, sagt Jenny, „wie Kinder sich Sprache aneignen. Wenn ich ihnen zeige, dass ich ihre Zwei-Wort-Sätze verstehe, wieso kommen sie zu Drei-Wort-Sätzen? Welche Motivation haben sie, ihre Sprache weiterzuentwickeln? Sie wollen verstehen und verstanden werden. Das ist der Motor der Sprachentwicklung. Und Sprache ist ein Schlüssel zur Welt.“

Ein weiterer Schlüssel: gute Beziehungen. „Wenn Kinder sich wohl und sicher fühlen, dann können sie die Welt entdecken, Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen, neugierig auf alles zugehen und ihre eigenen Wege finden. Fühlen sie sich unsicher, sprechen sie vielleicht nicht oder ziehen sich womöglich zurück.“

Jenny sagt: die Kinder. Jenny sagt nicht: Wir, die Erwachsenen, machen dies und das. Aber sie sagt: „Eine Erzieherin kann für die Sprachentwicklung kleiner Kinder nichts Besseres tun, als authentisch mit ihnen zu kommunizieren, was voraussetzt, sie ernst zu nehmen, so klein sie noch sind. Also nicht eia-eia, wau-wau, sondern – selbst wenn sie nicht alle Wörter verstehen – der ernsthafte, zugewandte Dialog. Diese Haltung nehmen junge Kinder sofort wahr, reagieren darauf und können sich in ihrer Sprache, auch der verbalen, weiterentwickeln.“

Bewegung und Vielfalt

Das Team hat sich der Offenen Arbeit verschrieben und bietet den Kindern damit die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen, jeden Tag ein Stück weiter zu gehen. Jenny beschreibt das bei den Jüngsten so: „Sie krabbeln oder gehen zur Tür, bleiben stehen, gucken und gehen wieder zurück. Ein paar Tage später überschreiten sie die Schwelle und schauen um die Ecke in den Flur. Erkenne ich das, kann ich sagen: Komm, wir gehen ein Stück weiter.“

Wahrscheinlich muss Jenny gar nichts sagen, denn die Kleinen merken: Jenny ist da, ich kann mich ins Unvertraute wagen. „Doch“, sagt Jenny, „Zuspruch ist immer gut.“

Ein anderer Vorzug der Offenen Arbeit: Die Kinder lernen von anderen Kindern, nicht allein von gleichaltrigen, sondern auch von älteren oder jüngeren, und von den Erwachsenen. „Wir haben hier alles quer Beet“, sagt Erni Schaaf-Peitz, „sind quasi ein Spiegelbild der Gesellschaft. Im Team gibt es zur Zeit zwei türkische Erzieherinnen, eine Erzieherin mit russischem Hintergrund, einen Erzieher und eine junge Frau mit Förderschulabschluss, die ein freiwilliges soziales Jahr bei uns absolviert. Ganz selbstverständlich wachsen die Kinder hier mit verschiedenen Menschen auf, mit kleinen und großen, dicken und dünnen, jungen und älteren. Das ist für sie normal.“

Manche Eltern fragen bei der Anmeldung trotzdem, wie es mit dem Migrationshintergrund in der Kita aussieht. „Super“, sagt Erni Schaaf-Peitz dann und geht in die Offensive, „wir begrüßen es sehr, wenn Familien mit verschiedenen Hintergründen uns bereichern, und freuen uns, dass wir Kinder haben, die in Persien geboren wurden, aus Marokko, Aserbaidschan und Rumänien, aus den USA, Finnland, der Türkei und Frankreich zu uns kommen. Diese Vielfalt macht unser Leben aus. Wir können voneinander lernen.“

Austausch und Ermutigung

Als Erzieherin mit dem Schwerpunkt „Sprache“ ist Jenny Thörner-Klasen nicht allein bei den Kleinen unterwegs, sondern im ganzen Haus. „Besonders wichtig ist es mir, mich mit den Kolleginnen auszutauschen, wenn es um Sprachanlässe geht oder darum, Dialogmöglichkeiten zu erkennen und aufzugreifen. Ein Beispiel: Will ein Kind in den Garten, kann ich es einfach schnell anziehen. Ich kann diese Alltagssituation aber auch als Anlass nutzen, um mit ihm einen kurzen Dialog zu führen. Natürlich muss wirkliches Interesse dahinterstecken. Sonst kommt es nicht zu diesem wunderbaren Moment gemeinsam geteilter Aufmerksamkeit, der für die Sprachentwicklung so bedeutsam ist.“

Im Austausch mit Kolleginnen aus anderen Einrichtungen geht es Jenny auch um Zuspruch. „Traut euch, euch mit den kleinen Kindern auf den Weg zu machen“, spornt sie die Erzieherinnen aus den Kitas an, sich auf die Jüngsten einzulassen. „Mutet euch und den Kindern ruhig etwas zu, weil ihr euch und den Kindern das zutraut. Besucht Fortbildungen, sucht das Gespräch und lasst euch bestärken.“

Dies ist gerade in der Offenen Arbeit unerlässlich. Immer wieder muss man sich miteinander verständigen, auch im eigenen Team. „Denn man bekommt ein ganz anderes Bild von einem Kind, wenn man dessen Entwicklung nicht nur mit der Kollegin aus dem eigenen Bereich bespricht“, sagt Jenny. „Dadurch eröffnen sich andere Perspektiven auf ein Kind, das ich vielleicht in der letzten Zeit als zurückhaltend erlebt hatte. Und dann berichtet die Kollegin, die für den Außenbereich zuständig ist, dass das Kind dort ganz selbstbewusst agiert. Schon wird mein Blick differenzierter und weitet sich.“

In der Kita gibt es Raumzuständigkeiten. Die Erzieherinnen sind mindestens ein Jahr lang für bestimmte Bereiche zuständig, damit Struktur und Verlässlichkeit für die Kinder und das Team gesichert sind. „Selbstverständlich steht das ganze Haus allen Kindern offen“, betont Jenny, „aber sie wissen: Sonja finden wir im Werkraum und Jenny meist im Kleinkindbereich. Übrigens haben wir bewusst keine Nestgruppe eingerichtet, denn wir wollen die Kleinen nicht wegsperren. Je älter sie werden, desto mehr erschließen auch sie sich das ganze Haus. Sie entscheiden, ob sie einen Raum verlassen, und nicht die geschlossene Tür.“

Hat noch jemand Fragen zum Thema „Kinder ernst nehmen“? Nein. Ich auch nicht.