Bayern: Fachlich – Stark – Verbunden

Der Verband Kitafachkräfte Bayern

Hier gibts den Artikel als PDF: PraxisPower_Landesverbaende_#3_2021

Ein Interview mit Lisa Pfeiffer – zweite Vorsitzende im Landesverband Bayern

1. Warum habt ihr einen Kitafachverband gegründet? Was waren die Auslöser?

Als wir hörten, dass pädagogisches Personal in Rheinland-Pfalz einen Verband für Fachkräfte gegründet hat, dachten wir: Wow! Gibt es so etwas schon in Bayern? Nein, gibt es nicht, fanden wir bald heraus. Warum eigentlich nicht, wunderten wir uns und beschlossen: Wenn es noch keinen Verband für uns gibt, dann machen halt wir das! Ja – wir! Und zwar jetzt! Warum? Wir haben keine Lobby, das zeigt sich immer wieder. Es reicht. Wir fühlen uns als Fachkräfte aus der Praxis nicht vertreten. Deshalb schaffen wir uns die Lobby, die wir bisher nicht haben. Wir wollen ein Mitspracherecht für unsere Berufsgruppen und wir wollen unsere Praxiserfahrungen in der Konsequenz anerkannt wissen.

2. Welche Themen liegen euch am Herzen? Was wollt ihr wie verändern?

Bei den Gewerkschaften geht es eher um Tariferhöhungen, die sind natürlich wichtig! Uns geht es primär um die Verbesserung der Rahmenbedingungen, der Arbeitsbedingungen insgesamt. Es liegt so viel im Argen! Wir möchten den Personalschlüssel erhöhen. Es gibt viel zu wenig pädagogisches Personal für zu viele Kinder. Die Gruppen müssen verkleinert werden. Allein der Lautstärkepegel ist eine Zumutung für Kinder und Erwachsene.

Wir brauchen die notwendige Zeit zum Arbeiten – also auch verpflichtende Verfügungszeiten und Freistellungen von Leitungen und Stellvertretungen für ihre Leitungsarbeit. Der Beruf muss mehr anerkannt werden.

Wir müssen Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft leisten – für das, was Kinder für ihre gute Entwicklung tatsächlich brauchen. Und für das, was wir selbst als Berufsgruppe brauchen, um diesen wunderbaren Beruf verantwortungsvoll ausüben zu können.

Wie wir unsere Vorhaben angehen wollen?

Sehr viel über Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung!

Außenstehenden wird immer wieder signalisiert: Die Kinder sind in der Kita gut aufgehoben, werden super gefördert und das soziale Miteinander ist unverzichtbar. Stimmt alles, es funktioniert in der Praxis aber doch nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, gutes Personal da und die Ausbildung tatsächlich gut ist.

Wir wollen uns nicht nur beschweren, sondern gemeinsam Lösungen erarbeiten. Deshalb treffen wir uns mit Presse und Politik. Zum Beispiel mit Landtagsabgeordneten. Fortlaufende Berichte dazu findet ihr auf der Homepage: https://www.verband-kitafachkraefte-bayern.de/vereinsarbeit.

Wir möchten unsere Mitglieder in die Arbeit aktiv einbeziehen, sie fragen, wie es bei ihnen in der Praxis konkret vor Ort ausschaut. Wie kann es sein, dass viel zu oft über unsere Köpfe hinweg entschieden wird? Dabei gibt es so viele kompetente pädagogische Fachkräfte. Warum wird dieses ungeheure Knowhow übersehen? Wir möchten diese Potenziale, unsere Stärken, miteinander verbinden!

Fachlich – stark – verbunden ist so eine Art Leitidee für unseren Verband:

Fachlich – wir argumentieren mit der hohen Fachlichkeit, die uns als pädagogische Fachkräfte verbindet. Wir sind selbst vom Fach, wissen, was in der Praxis läuft. Wir kennen den Alltag, die Schwierigkeiten. Und wir legen Wert darauf, unsere Ziele und Forderungen wissenschaftlich zu begründen, die Studien der Bertelsmann Stiftung zum Beispiel sind ein Schatz.

Beides – unsere umfangreichen praktischen Erfahrungen und die enge Zusammenarbeit mit Expert*innen, deren Meinung und Studien wir als fundierte Grundlage für die Forderungen an Politik und Gesellschaft verwenden, legen den Grundstein für unsere Arbeit.

Stark – wir tun uns zusammen, wir machen uns stark für pädagogische Fachkräfte und alle, die es noch werden wollen und wir wachsen – in jeder Beziehung.

Verbunden – wir fühlen uns mit zahlreichen Fachkräften aus der frühen Bildung verbunden. Die häufig ähnlichen Ausganssituationen bringen es mit sich, dass wir für gleiche Ziele kämpfen. Wir vernetzen uns mit Politik, mit Presse, mit Trägern, mit allen Zuständigen….

Wie die Reaktionen auf unser Vorhaben sind?

Am häufigsten hören wir: „Total super! Die Gründung war überfällig. Wir wollten schon lange etwas ändern, wussten nur nicht wie…“. Einige hatten schon Brandbriefe geschrieben und sich meist über die Antworten geärgert, denn diese sind oft allgemein gehalten, wer soll sich da ernst genommen fühlen? All das führt dazu, dass wir uns jetzt zusammentun, denn gemeinsam können wir viel mehr erreichen… Die Gewerkschaften zum Beispiel haben ihre Perspektive, wir haben unsere. Und es gibt so viel gemeinsam zu verändern, dass Platz für jeden von uns ist.

Jacqueline Fleßa, Heilerziehungspflegerin, Fachwirtin im Erziehungswesen, Leiterin und dritte Vorsitzende im Verband
Lisa Pfeiffer, Erzieherin und Fachkraft für systemische Elternarbeit, zweite Vorsitzende im Verband
Veronika Lindner, Erzieherin und Kindheitspädagogin, erste Vorsitzende im Verband

 

 

Lisa Pfeiffer

 

Womit hast du 2021 aufgehört?

Mich über die Arbeits- und Rahmenbedingungen in der Arbeit nur zu beschweren. Mit diesem Man-hätte-könnte-sollte…

Womit hast du 2021 anfangen?

Ich bin dazu übergegangen zu sagen: Ja, ich kann und ich mach jetzt.

Seit 15 Jahren arbeite ich in dem Beruf, ich liebe meinen Beruf und doch wurde ich mit der Zeit immer unzufriedener. Ich wusste, ich könnte viel mehr. Es ist unheimlich frustrierend, auf Grund von schlechten Rahmenbedingungen und schlechter Politik nicht das für die Kinder leisten zu können, was ich möchte. Vor zwei Jahren bin ich Mama geworden, das war nochmal eine andere Perspektive. Ich dachte mir: Wenn ich es bisher nicht für mich selbst schaffe, so muss ich es doch für die Kinder tun, die alle – jedes Kind für sich – eine gute Bildung und Betreuung verdienen.

Als ich von der Gründung in Rheinland-Pfalz hörte, dachte ich: Wow, warum ist da bisher keine/r draufgekommen? Ich schau mir das an und mache mit, wenn es etwas Gutes ist. Nun bin ich eine von den drei Vorsitzenden.

Abhauen oder bleiben?

Ganz klar: Bleiben und kämpfen, nicht mehr im Beruf resignieren, uns kritisch reflektieren. Wir packen gern an, sind es gewohnt, die Kita am Laufen zu halten. Aus unserem Wunsch heraus, Gutes zu tun, vergessen wir aber zu oft, an uns selbst zu denken. Die Kollegin oder der Kollege ist mit der kompletten Gruppe mal wieder drei Wochen allein! Geht doch! Aber wollen wir, dass es so immer weiterläuft? Irgendwie und nicht qualitativ hochwertig? Was können wir verantworten? Und was nicht mehr?

Bitte ergänze den Satz: Wenn ich die Bundes­familienministerin wäre, dann …

würde ich mir ernsthafte Gedanken über die negativen Auswirkungen auf Kinder und die Gesellschaft machen, wenn sich tatsächlich im Kitabereich nicht bald etwas ändern wird.

Bitte ergänze den Satz: Es ist an der Zeit, …

nein längst überfällig, dass wir uns miteinander solidarisieren.

Es ist an der Zeit, sich aktiv für dringend notwendige Veränderungen einzusetzen, unserem Verband beizutreten, den Kindern wirklich mit ihren individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, diese oft gesagten Worte mit Leben zu erfüllen. Ich bin sehr dankbar, dabei mitwirken zu dürfen und freue mich auf eine gelungene Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.

 

Baden-Württemberg: Wir stehen für Veränderung

Verband Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg

Hier gibts den Artikel als PDF: PraxisPower_Landesverbaende_#3_2021

Ein Interview mit Anja Braekow – erste Vorsitzende im Landesverband Baden-Württemberg

1. Warum habt ihr einen Kitafachverband gegründet? was waren die Auslöser?

Wir reden immer gern davon, dass Kinder in den Kitas zu Gestaltern ihrer eigenen Lebenswelt werden sollen. Aber wir Erzieher*innen und Pädagog*innen arbeiten unter Arbeitsumständen, wo man nachmittags schon gar nicht mehr weiß, was man vormittags alles noch tun wollte?

Wie passt das zusammen? Gar nicht! Du kriegst Tag für Tag so einen Riesenberg Arbeit und du sollst dann schauen, dass du, für die Kinder, die die Zukunft unseres Landes sind, was Schönes draus machst. Das schaffst du nicht. Egal wie du dich mühst. Und die typischen Erzieher*innen-Reaktionen kennen wir doch alle: Wir jammern und versuchen dennoch, alles hinzubekommen. Irgendwie wird’s schon gehen. Augen zu und durch! Immer so weiter? Jahraus, jahrein? Nein danke! Wir hatten von der Gründung in Rheinland Pfalz gehört, um Weihnachten herum starteten wir eine Facebookgruppe zwecks Austausch und Anfang Januar gründeten wir unseren Berufsverband, mitten im baden-württembergischen Wahlkampf. Gestartet sind wir mit zehn Mitgliedern, heute – fünf Monate später – sind wir bereits 110. Wir haben mit Politiker*innen gesprochen und dabei beobachtet: Vielen ist gar nicht bewusst, unter welchen Umständen wir arbeiten. Und diese Umstände müssen wir sichtbar machen und verändern! Denn wir stehen für Veränderung!

2. Welche Themen liegen euch am Herzen? Was wollt ihr wie verändern?

Wir haben uns vier Ziele gesetzt.

Wir wollen erstens die Arbeitsbedingungen verbessern; zweitens den Personalschlüssel wieder an wissenschaftlichen Standards orientieren und vor allem einhalten; drittens die Ausbildung einheitlicher und praxisnäher gestalten und viertens Träger, Leitung, Team und Eltern bewegen, tatsächlich und verpflichtend zusammenzuarbeiten.

Wir haben in Baden-Württemberg im Vergleich mit anderen Bundesländern einen der besten Personalschlüssel – allerdings nur auf dem Papier! Dort nützt er uns aber nichts, wenn die Fachkräfte fehlen. Durch den Personalmangel bleibst du immer unter diesem Personalschlüssel. Wenn du großes Glück hast, arbeitest du mit dem Mindestpersonalschlüssel. Und der wird auch noch unterboten. Letztes Jahr hatte der Kommunalverband für Jugend und Soziales den Trägern coronabedingt sogar erlaubt, den Personalschlüssel zu unterschreiten, das geht auf Dauer nicht. Wir sind jetzt wieder im Regelbetrieb, und wir hören unsere Politiker*innen mit Stolz erfüllt sagen: „Ja, aber wir in Baden- Württemberg, wir haben dafür gesorgt, dass wir den besten Personalschlüssel haben.“ Wir antworten: „Ja, dann sorgt auch dafür, dass genug Personal kommt, dass wir mal so arbeiten können.“ Das wäre doch mal eine Maßnahme! Dabei werden in Baden-Württemberg sehr viele Fachkräfte ausgebildet. Nur: Die meisten angehenden Fachkräfte verabschieden sich nach spätestens drei Jahren aus dem Beruf. Wenn sie nicht schon in der Ausbildung vorher aussteigen. Es gibt ein Wirrwarr an Ausbildungsgängen und Modellen, das dringend entknäult werden muss. PIA – die vergütete Ausbildung könnte – weiterentwickelt – eine der Grundlagen für eine zukünftige praxisnahe anschlussfähige und transparente Ausbildung sein. Wir fordern: Die Praxis- Anleiter*innen müssen wie in anderen Berufen auch für diese zusätzliche Arbeit bezahlt werden und die Zeit dafür haben. Jetzt machen wir diese verantwortungsvolle Ausbildungsarbeit nebenbei. Und wenn du das unterm Tag nicht hinkriegst, was machst du dann? Genau, du mailst abends noch mit deiner Praktikantin hin und her, sie schickt dir die Ausarbeitung, die du dann neben dem Abendbrotmachen etc. liest. Das geht auf Dauer nicht! Jeder Mensch muss auch mal abschalten können und dürfen. Du kannst aber auch die jungen Leute nicht allein lassen. Du bist ja froh, dass sie in der Ausbildung sind. Und so strampeln wir uns in vielen kleinen Hamsterrädern ab. Bis zur Erschöpfung. Und darüber hinaus.

Wir wollen all diese Hamsterräder Schritt für Schritt stoppen. Deshalb haben wir Arbeitsgruppen gebildet, Kontakte geknüpft und überlegen: Welche Arbeitsbedingungen brauchen wir? Wie sieht ein alltagstauglicher guter Personalschlüssel für uns aus? Welche Möglichkeiten gibt es, die Ausbildung einheitlicher und praxisnäher zu gestalten?

Wir haben Kontakt auch zum Ministerium aufgenommen, denn wir möchten an der Überarbeitung des Bildungsplanes mitarbeiten, schließlich ist er die Basis für unsere Arbeit, den Teil für die Krippen gibt es noch gar nicht in Baden-Württemberg. Wir treffen uns mit anderen Verbänden: zum Beispiel mit Verdi, mit der GEW, um auszuloten, wo und wie wir zusammenarbeiten können. Regelmäßig verfassen wir Monatsberichte, nachzulesen auf der Homepage.

Für uns gilt: Gemeinsam sind wir stark. Es gibt so viele tolle neue junge Leute, die starten motiviert nach einem Studium in der Kita und rennen anschließend gegen Wände beim Gemeinderat: „Das brauchen wir nicht.“

„Und das schon gar nicht!“ Und überhaupt: „Was soll das nun schon wieder sein?“ Wir setzen hier auf Kommunikation im Austausch und untereinander. Wir stärken einander, denn wir stehen für Veränderung! In Baden-Württemberg gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Trägern: Träger, die auf Zukunft setzen, aber auch sehr viele Träger aus Schon-Immer-So-Gewesen. Die wissen leider immer noch nicht, was in der Kita vor sich geht und was dringend gebraucht wird … Andere Träger, die eigentlich qualitativ gut aufgestellt sind, überraschen uns damit, dass sie bei ihnen angestellte Verbandsmitglieder einbestellen und ihnen am liebsten fix Maulsperren anlegen möchten. „Du erzählst aber nix!“ Da gilt es aufzuschlüsseln: Wo fangen Datenschutz, Schweigepflicht etc. an und wo hören sie definitiv auf? Wir setzen auf Dialog nicht auf Monolog mit Maulsperren.

Unser viertes Ziel ist (auch deshalb) das Allerallerwichtigste. Wir müssen anfangen, zusammenzuarbeiten, diese ewige Wurschtelei hinter uns lassen: Die Erzieher*innen wurschteln vor sich hin, die Leitungen, die Träger, die Fachberatung, die Eltern. Jede/r wurschtelt vor sich hin. Keine/r weiß so richtig Bescheid und jede/r wieder nur ein bisschen. Und wirklich mal herzugehen und zu sagen: „Lasst uns doch mal alle an einen Tisch setzen, wir haben doch das gleiche Ziel: Wir wollen eine richtig tolle, schöne Kita-Zeit mit unseren Kindern gestalten.“ Ja, da kommen wir gar nicht dazu. Warum eigentlich nicht? Das müssen wir uns anschauen und verändern!

Seid ihr dabei?

 

Alex Bartsch, Erzieherin und dritte Vorsitzende
Angela Becker, Erzieherin und zweite Vorsitzende
Anja Braekow, Erzieherin, Kindergartenfachwirtin, Kitagründerin und Geschäfts­führerin, erste Vorsitzende im Landesverband
Martina Zekan; Erzieherin und Kassiererin
Bärbel Baumgärtner, Erzieherin und Waldpädagogin, zuständig für den Newsletter
Heide Pöschel, Erzieherin und Schriftführerin
Corinna Mühleis, Fachberatung Inklusion, Erzieherin, zuständig für die Öffentlichkeits­arbeit

 

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Anja Braekow

 

Womit hast du 2021 aufgehört und womit angefangen?

Ich bin aus einem Hamsterrad ausgestiegen – schon vor zehn Jahren als ich meine eigene Kita gegründet habe. Ich wollte nicht mehr so weiterarbeiten: immer mehr Aufgaben, immer weniger Zeit. Die eigentliche Arbeit mit den Kindern geriet ins Hintertreffen. Jetzt haben wir uns die eigene Kita geschaffen, wir können uns ent­wickeln, ausprobieren, wie es anders gehen kann. Das ist aufregend, anstrengend und wunderbar! Ich bin stolz auf mein Team, die Eltern und die Kinder…

Abhauen oder bleiben?

Bleiben und kämpfen. Mich als Träger zu etablieren war nicht einfach. Ich erinnere mich noch, wie ich in den Gemeinderat voller Elan hineinmarschiert bin, unterm Arm meinen Geschäftsplan. Und die haben mich angeschaut wie: „Was will sie denn hier? Nun lass sie mal wieder schön nach Hause gehen!“ Beim zweiten Mal bin ich dann wiedergekommen – gemeinsam mit den Kindern. Oh. Das kam gar nicht gut an. Aber sie haben es sich gemerkt. Auch zehn Jahre später krieg ich noch gesagt: „Das war aber keine gute Idee. Damals mit den Kindern im Gemeinderat.“ Meine Erfahrung daraus für heute ist: Wir müssen uns immer wieder zeigen, nicht zurückziehen, sondern aufstehen und unsere eigenen Lösungsvorschläge einbringen. Unverdrossen und ungescheut. Leute, es geht!

Bitte ergänze den Satz: Wenn ich die Bundes­familienministerin wäre, dann …

würde ich als erstes endlich lernen, zuzuhören!

Bitte ergänze den Satz: Es ist an der Zeit, …

aus dem Jammern ins Tun zu kommen. Ich arbeite viel und habe das Glück, dass das meine Familie schon weiß. Es macht aber auch echt Spaß, neue tolle Leute mit Ideen und Veränderungswillen kennenzulernen, einander zu unterstützen, respektvoll miteinander umzugehen. Es ist so viel in Bewegung! Das Leben ist schön!

 

 

 

Rheinland-Pfalz: Die Stimme aus der Praxis

Verband Kita-Fachkräfte Rheinland-Pfalz

Hier gibts den Artikel als PDF: PraxisPower_Landesverbaende_#3_2021

Ein Interview mit Claudia Theobald, Vorsitzende im Landesverband Rheinland-Pfalz

1. Warum habt ihr einen Kitafachverband gegründet? Was waren die Auslöser?

In unserer täglichen Arbeit beobachten wir schon seit Jahren, dass wir den Bedürfnissen der Kinder immer weniger gerecht werden. Wir haben in den letzten 20 Jahren erlebt, wie die Anzahl der Plätze und Kitas in die Höhe schoss. Immer jüngere Kinder werden immer länger betreut. Das Problem dabei ist: Personal und Räume wurden hier nie adäquat angepasst. Im August 2019 wurde in Rheinland-Pfalz ein neues KiTa-Gesetz verabschiedet. Im Vorfeld gab es massiven Protest seitens der Erzieher*innen, weil es wieder vor allem um mehr Quantität ging. Alle Kinder sollen mindestens sieben Stunden durchgehend mit Mittagessen betreut werden. Personal- und Raumausstattung lassen in den meisten KiTas zu wünschen übrig. Ein kindgerechter KiTa-Alltag rückt in noch weitere Ferne. Vielen Kollegen und Kolleginnen wurde immer klarer, dass es so nicht weitergehen kann und dass die Erzieher*innen eine öffentliche Stimme brauchen. Als 2019 das Kita-Gesetz in Rheinland-Pfalz verabschiedet wurde, war ich mit über 50 Jahren auf der ersten Demo meines Lebens, saß mit den Kolleginnen im Ple­narsaal. Es war so traurig! War es das nun? Nein! War es nicht. Mit einer Kollegin begann ich satirische Videoclips über das Kita-Gesetz zu produzieren. Wir dachten uns die Serie: „Glückskita in Rheinland-Pfalz“ *aus. Meine Teenager-Tochter richtete mir ein Konto bei Facebook ein und los ging’s. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Chatgruppe auf mehrere hundert Mitglieder an…

Ein anderer Zündfunke für uns waren die „Kitahelden“ von Andreas Ebenhöh, der immer wieder sagt: „Leute, ihr müsst aufhören, für euch sprechen zu lassen, ihr müsst selbst anfangen zu sprechen.“ Seine Worte klangen mir noch in den Ohren als Carmen, 20 Jahre Berufserfahrung und Leiterin, im Glücks-Kita-Chat einwarf: Wir müssten einen eigenen Berufsverband gründen! Einen Berufsverband, der den Erzieher*innen aus den KiTas vor Ort eine Stimme gibt. Wir stellen gern die Dinge vom Kopf auf die Füße. Deshalb wurde aus dem „Wir müssten“ bald ein “Was müssen wir tun, um das einfach zu machen?“. In der Chatgruppe machten wir die Idee publik, und sehr schnell hatten wir genug Interessent*innen zusammen, um gründen zu können. Wir wollen nicht mehr zuschauen, wie über uns gesprochen und entschieden wird. Und das oft von Leuten, die gar nicht wissen, wie es bei uns in der Praxis aussieht.

Anfangs wurden wir belächelt, unsere Politiker*innen mussten sich – wie wir auch – auf die neue Situation einstellen: Erzieher*innen ergreifen das Wort, widersprechen den schön gefärbten Märchen der Politik über unseren Kita-Alltag. Wir lassen uns nicht abwimmeln und fordern vehement die Einhaltung wissenschaftlicher Standards ein. Nur mild und freundlich sein, ändert gar nichts, das zeigt meine Berufserfahrung aus über 30 Jahren. Auf öffentlichen politischen Veranstaltungen wird immer wieder sehr gern die Mär von den guten Rahmenbedingungen in Rheinland-Pfalz erzählt. Wenn wir da aufklären, komme ich mir immer vor, wie jemand, der in einen riesigen rosa Luftballon piekst. Dann macht’s peng und die ganze Luft schnurrt raus. Noch gut erinnere ich mich an eine unserer ersten Veranstaltungen mit Bildungspolitiker*innen des Landes, ihre Mikrofone waren auf grün geschaltet. Als ich sie aufforderte, uns eine (eine einzige!) fachliche Quelle zu nennen, die belegt, dass hohe pädagogische Qualität in unseren Kitas in diesem Rahmen möglich ist, wurde es mucksmäuschenstill. Alle Mikrofone waren plötzlich auf Rot gesprungen und keine/r wollte mehr antworten. Diese Frage stelle ich in Gesprächen mit der Politik nunmehr seit zwei Jahren immer wieder neu. Eine Antwort darauf habe ich bis heute nicht erhalten.

2. Welche Themen liegen euch am Herzen? Was wollt ihr wie verändern?

Es geht uns um kindgerechte KiTa-Rahmenbedingungen. Wir fordern die seit vielen Jahren bekannten und veröffentlichten Mindeststandards für eine gute pädagogische Qualität in unseren Kitas. Über die notwendigen personellen und räumlichen Ressourcen herrscht in der Fachwelt und Fachpraxis Konsens. Leider ist die Politik bisher noch nicht bereit, die erforderlichen finanziellen Mittel in die Hand zu nehmen.

Das ist ein weiter Weg. Wir KiTa-Fachkräfte müssen lernen, darüber zu reden, wie der KiTa-Alltag wirklich aussieht und wie weit die Bedingungen im Alltag von pädagogisch guter Bildung und Betreuung entfernt sind. Wir waren über Jahrzehnte eine Berufsgruppe, die alles mitgetragen und möglich gemacht hat, wenn auch mit immer größerem Unbehagen.

Deshalb melden wir uns als Verband öffentlich zu Wort, suchen das Gespräch mit den Verantwortlichen im KiTa-Bereich, vernetzen und helfen uns untereinander weiter. Unser Motto ist: „Die Stimme aus der Praxis“. Das nehmen wir ernst und veröffentlichen Briefe, Stellungnahmen oder Aktivitäten unserer Mitglieder. Auf unserer Homepage und den Facebookseiten finden sich mittlerweile viele unterschiedliche Beiträge.

Keine von uns hatte Erfahrung mit der Gründung, wir haben uns unerschrocken durchgewurschtelt: Mustersatzungen, Verbandsarbeit, soziale Medien, wir waren selbst sehr gespannt, wie sich die Arbeit entwickeln wird. Eine Erfahrung ist: Deutschland tickt in Vereinen und Verbänden. Als Verband wirst du mit Aufmerksamkeit bedacht. Unsere Verbandsgründung stieß natürlich nicht nur auf Wohlgefallen. „Wir werden euch ganz genau beobachten“, hörten wir. „Ja, prima!“, antworteten wir: „Der Praxis zuhören und zusehen, genau das möchten wir.“ Im Juni haben wir unsere erste Mitgliederversammlung. Da werden wir das Thema Regionalisierung diskutieren. Ziel ist es, in den verschiedenen Ecken von Rheinland-Pfalz Verbandsmitglieder zu haben, die als Ansprechpartner vor Ort dienen.

Was uns immer wieder überrascht, ist das große mediale Interesse. „Warum interessieren Sie sich für uns?“, fragte ich kürzlich einen Journalisten. „Wir Journalisten lieben das wahre Leben, nicht die häufig gleichen Floskeln von Funktionären“, antwortete er. Rheinland-Pfalz weit sind Zeitung, Radio und Fernsehen uns gegenüber sehr offen und wir können unsere Sicht der Dinge mit einbringen, wenn es um das Thema KiTa geht. Mittlerweile haben wir einmal im Quartal Gespräche mit dem Bildungsministerium, um den Blickwinkel der Praxis vor Ort in die KiTa-Politik mit einzubringen und deutlich zu machen, was sich in der KiTa-Politik verändern muss. Was uns ganz besonders freut? Unsere Verbandsgründung schlägt Wellen. Nach unserer Gründung Ende August 2020 haben Fachkräfte in nun 15 (!) Bundesländern Kita-Fachkräfteverbände gegründet oder sind auf dem Weg dorthin. Auch daran sieht man, wie groß die Not in diesem Lande tatsächlich ist und dass wir in ganz Deutschland ein Problem mit der pädagogischen Qualität in unseren Kitas haben.

* Die Videoclips: Glückskita in Rheinland-Pfalz von Frau Theobald und Frau Steidel sind anzuschauen auf dem youtube-Kanal “Glücks- Kita”

 

Von links nach rechts:

Carmen Stepputat Erzieherin, 20 Jahre Berufspraxis, 8 Jahre Leiterin, stellv. Vorsitzende, Social Media

Kerstin Funke-Merkel Erzieherin, 30 Jahre Berufspraxis, Kassiererin

Kristin Starck-Fürsicht Erzieherin und Leiterin, 20 Jahre Berufspraxis, stellv. Vorsitzende

Claudia Theobald Erzieherin, 30 Jahre Berufspraxis, Qualitäts­­­­beauftragte, Vorsitzende und Schriftführerin

Sandra Krollmann Erzieherin, Revisorin, Webadministratorin

Sabine Fuchs, Erzieherin, Revisorin

Claudia Theobald

 

Womit hast du 2021 aufgehört und womit angefangen?

Da bin ich immer noch am Üben. Ich will nicht mehr intern jammern und schimpfen, denn dadurch verändert sich nichts. Ich will die Probleme öffentlich machen und vor Ort in der KiTa konsequent handeln. Ich bin zum Beispiel nicht mehr bereit, die Kinder unter prekären Umständen zu betreuen. Wenn zu wenig Personal da ist, müssen zum Beispiel auch mal Öffnungszeiten verkürzt werden. Die Schönfärberei vor den Eltern schadet den Kindern und uns allen. Wenn wir Eltern ernst nehmen wollen, dann müssen sie wissen, was wir warum verantworten können und was aus Kindeswohlgründen nicht mehr.

Abhauen oder bleiben?

Bleiben und kämpfen. Nach Verabschiedung des neuen Gesetzes habe ich intensiv darüber nachgedacht, das Arbeitsfeld zu wechseln. Mir ist aber wieder bewusst geworden, wie gern ich mit Kindern im KiTa-Alter arbeite und dass mein Herz nach all den Berufsjahren immer noch für die Frühpädagogik brennt. Deshalb habe ich mich fürs Kämpfen entschieden, in der Hoffnung, dass ich noch Rahmenbedingungen erleben darf, die kindgerechter sind als das aktuell der Fall ist. Es ist aber klar, dass der Weg weit ist und die Bretter, die zu bohren sind, dick sind. Schlechte KiTas sind nichts, was sich nicht verändern ließe. Wir wollen daran arbeiten, dass das gesellschaftliche Bewusstsein dafür wächst, unseren Jüngsten einen kindgerechten Alltag zu gewährleisten.

Bitte ergänze den Satz: Wenn ich die Bundes­familienministerin wäre, dann …

würde ich ein Gesetz verabschieden, das in allen Bundesländern für die KiTas pädagogische Mindeststandards nach wissenschaftlichen Empfehlungen vorschreibt. Gemeinsam mit Bund, Ländern, Kreisen und Kommunen würde ich ein Finanzierungskonzept entwickeln, mit dem kindgerechte Bedingungen in unseren Kitas finanziert werden können.

Bitte ergänze den Satz: Es ist an der Zeit, …

endlich den Mund aufzumachen, ehrlich zu berichten, wie der Alltag in unseren Kitas aussieht und sich nicht mehr duldsam vor den Karren sperren zu lassen. Ja, ich habe schon meine Stelle gewechselt, weil ich mit einem anderen Konzept arbeiten wollte. Die Rahmenbedingungen sind allerdings grundsätzlich in allen KiTas so unzureichend, dass qualitativ gute pädagogische Arbeit nur in Ansätzen möglich ist.

Es lohnt sich, für bessere KiTas zu kämpfen, denn die Kinder von heute sind die Gesellschaft von morgen.

 

 

Praxis Power. Bist Du dabei?

„Noch nie standen Kitas so im Zentrum der Aufmerksamkeit wie in der Corona-Zeit.“, schreibt Stefan Spieker, Geschäftsführer der FRÖBEL Bildung und Erziehung gGmbH in der aktuellen Ausgabe von „Welt des Kindes“ (Heft 3/Mai–Juni 2021).

„Noch nie in der Geschichte war das Bewusstsein für die Systemrelevanz der Kitas größer – und noch nie waren die öffentlichen Ohrfeigen für die dort Beschäftigten schallender. Die politische Interessenvertretung des Berufsstands ist scheinbar zu schwach, um sich ausreichend Gehör zu verschaffen. Pädagogische Fachkräfte und Kitas gehen immer wieder und viel zu schnell in dem verbandlichen Interessensausgleich unter. “ Stop!

Nichts muss bleiben wie es ist. Innerhalb von wenigen Monaten haben Erzieher*innen, Leitungen, Kinderpfleger*innen in 15 (!) Bundesländern ihre eigenen Fachverbände gegründet bzw. sind auf dem Weg dorthin. Noch nie gab es in der Geschichte der eigenen Interessensvertretung diese versammelte Praxis-Power. Trägerunabhängig und länderübergreifend: Kitapraxis for future!

Wir stellen in der gerade erschienenen Ausgabe 3/2021 unserer pädagogischen Fachzeitschrift wamiki und in den folgenden Ausgaben alle Landesverbände und Initiativen vor. Den Anfang machen die Landesverbände in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern.

Brandbrief einer Erzieherin

wamiki veröffentlicht den Brandbrief von Jasmin Lachmann, 33 Jahre,  Facherzieherin für Integration:

“Sehr geehrte Damen und Herren,

während wir Erzieher* schon lange vor den verheerenden Folgen der Corona-Pandemie auf uns aufmerksam machten, blieb dieses bisher fast unbeachtet. Die nun publizierten Zahlen der AOK zeigen, dass Erzieher eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit haben, an Corona zu erkranken wie andere Berufsgruppen. (Mehr Infos hierzu z.B. unter: Corona-Studie der AOK: Erzieher und Betreuer am häufigsten an Covid-19 erkrankt sowie Krankschreibungen wegen Covid-19 | Aktuelles | WIdO – Wissenschaftliches Institut der AOK)

Ich möchte Sie eindringlich bitten, den folgenden von mir verfassten Brandbrief zu lesen und uns Erziehern zu helfen. Wir schaffen das nicht alleine.

Mit freundlichen Grüßen Jasmin Lachmann, Facherzieherin für Integration

Brandbrief einer Erzieherin

Ob ich eigentlich verrückt sei, meinen alten Job als Fernsehjournalistin an den Nagel zu hängen, um Erzieherin zu werden, fragten sie mich. Und ganz ehrlich: Inzwischen frage ich mich das manchmal auch. Bevor ihr mich missversteht: Ich frage mich das nicht etwa, weil ich meinen Beruf nicht mag. Im Gegenteil. Ich liebe ihn. Ich liebe ihn sogar so sehr, dass es unglaublich schmerzt, überhaupt darüber nachzudenken, ihn aufzugeben. Aber manchmal kann ich einfach nicht mehr.

Und damit bin ich nicht alleine. Ich bin ausgebrannt, kaputt, überarbeitet. Vor allem aber bin ich frustriert. Dass Erzieher* weder ein hohes Ansehen genießen noch ein gutes Gehalt bekommen, war mir schon vor Beginn der Ausbildung bewusst. Schnell erlebte ich, dass die Wertschätzung noch geringer ist als gedacht. – Das ist traurig, aber irgendwie okay.

Nicht okay hingegen ist, dass meine Kolleg*innen und ich zwar dringend gebraucht, aber herzlos behandelt werden.

Ehe hier jetzt Eltern, die um ihre Existenz fürchten, aufhören zu lesen, hier ein kurzer Spoiler: Ich bin NICHT für radikale Kita-Schließungen. Aber ich bin für funktionierende Konzepte, die gemeinschaftlich umgesetzt werden können.

Ich will ehrlich sein: Als Covid19 erstmalig auftauchte, hatte ich Angst. Große Angst. Ich hatte Sorge, dass meine Lieben oder auch ich daran sterben könnten. Als die Kitas im März schlossen, war ich froh und – auch da will ich ehrlich sein – ich gehörte anfangs zu den Leuten, die auf gar keinen Fall in der Notbetreuung arbeiten wollten. Musste ich natürlich trotzdem. Das ist in Ordnung, das ist mein Job. Und wirklich: Eigentlich mache ich das ja gerne, weil ich Familien gerne unterstütze. Auch – oder besonders – in schwierigen Zeiten.

Nicht in Ordnung aber ist, was daraus gemacht wurde:

Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeiten wir völlig ohne Schutz und ohne die Möglichkeit, Abstand zu halten. „Meine“ Krippen-Kinder sind ein Jahr alt. Es erschließt sich hoffentlich jedem von selbst, dass es hier weder möglich noch sinnvoll ist, auf Abstand zu gehen. Selbstverständlich gebe ich den Kindern und auch ihren Familien nach wie vor die Geborgenheit, die sie brauchen. Ich lache, ich singe, ich spiele, ich tröste. Ich wickel, putze Nasen und helfe dabei, das selbstständige Essen zu erlernen. Mehrmals in der Stunde werde ich dabei angeniest und angehustet. Mit einem Kind zu kuscheln ist für mich noch immer ebenso selbstverständlich wie vor der Pandemie.

Dass große Menschenansammlungen und Treffen ohne Abstand zu vermehrten Infektionen führen, dürfte inzwischen jeder wissen. Nein, da kann ich den Konjunktiv vernachlässigen. Es weiß jeder. Wirklich jeder. Ich habe niemanden getroffen, der es nicht wusste. Und jeder, der schon einmal eine Kita von Innen gesehen hat, weiß auch, dass hier viele Haushalte ohne Abstand aufeinandertreffen.

Wiesen Erzieher*innen von Beginn an auf die Gefahr, welcher sie sich täglich aussetzen, hin, wurde dieses stets abgetan. Es hieß, Kitas seien keine Infektionsherde. Noch heute früh las ich, dass Frau Giffey mal wieder sagte, wir müssten die Kitas so schnell wie möglich wieder öffnen.

Sicher müssen wir das. Aber mit Hilfe von allen. Es kann nicht sein, dass wir Erzieher* der Situation einfach ausgeliefert werden. Wenn ich darüber nachdenke, was seit Beginn der Pandemie zum Schutz der Erzieher* getan wurde, dann muss ich leider sagen: Nicht viel. Ich muss wirklich darüber nachdenken, weil mir nichts so wirklich einfallen will. Meinem Träger mache ich da keinen Vorwurf. Dieser wird da von der Politik ebenso im Regen stehen gelassen. Aber ich mache all den politischen Entscheidungsträgern einen drastischen Vorwurf: Ihr nutzt uns als Kanonenfutter. Tut endlich etwas dagegen!

Wir brauchen Schutz im Sinne von ausreichend Hygieneprodukten wie Handschuhe und Desinfektionsmittel. Noch immer ist das nicht überall ausreichend vorhanden. Wir brauchen portable Plexiglasscheiben für dringend notwendige Elterngespräche. Wir brauchen (mehr) Masken. Wir brauchen funktionierende Hygienekonzepte (zu sagen, dass Erzieher einfach mehr putzen sollen, ist kein Konzept!) und dafür entsprechendes Personal. Wir brauchen die Unterstützung der Familien, die sich überlegen, ob ihr Kind gerade wirklich ganz dringend in die Kita muss.

An dieser Stelle sei kurz eingeschoben: Für mich hat jedes Kind ein Recht auf Förderung. Und ich möchte diesem auch gerecht werden. Mir ist auch bewusst, dass Kindern die sozialen Kontakte fehlen und dass es Kinder gibt, die „Zuhause dringend raus“ müssten. Ich wäre keine gute Erzieherin, wenn mir all das nicht bekannt wäre. Und auch hier schmerzt es, überhaupt darüber nachdenken zu müssen. Aber wir brauchen Hilfe. Wir können das nicht alleine stemmen und wir können nicht alleine dafür verantwortlich sein. Nicht die Kitas müssen fehlende Homeoffice-Möglichkeiten oder mangelnde Versorgung der Familien durch staatliche Systeme auffangen. Der Staat muss hier helfen. Und eben auch jeder Einzelne.

Ich erwarte von niemandem, seinen Job aufzugeben, um das Kind nicht in die Kita zu schicken. Ich erwarte ebenso wenig, dass jeder, der im Homeoffice arbeitet, sein Kind nicht in die Kita bringt. Und ich erwarte auch nicht, dass Kinder, deren Eltern Zuhause sind, nie wieder in die Kita kommen. Besonders Kinder mit (wesentlich) erhöhten Förderbedarfen dürfen wir bei all diesem nicht vergessen. Aber bitte: Vergesst auch uns nicht.

Vergesst mich nicht.

Falls dir das bisher alles zu anonym war: Ich heiße Jasmin. Ich bin 33 Jahre alt und Facherzieherin für Integration in Berlin. Ursprünglich komme ich aus Bremen. Ich singe und lache gerne. Ich häkel und habe mir in diesem Jahr das Nähen beigebracht. Ich habe zwei Schwestern, tolle Schwager, drei Neffen und eine Nichte. Ich habe Eltern, die ich in diesem Jahr viel zu selten gesehen habe.

Ich tobe gerne mit Kindern durch den Matsch, zähle Kastanien am Boden oder klettere das fünfundneunzigste Mal am Tag ein Klettergerüst hoch. Ich tanze mit den Kindern durch den Regen, baue Höhlen und gehe mit ihnen (wie auf dem angehängten Foto) gemeinsam ernten. Manchmal rede ich zu viel und manchmal weine ich zu schnell. In diesem Jahr habe ich sehr oft geweint.

Ich bin mir unglaublich alleine gelassen vorgekommen. Nein, eigentlich komme ich mir noch immer so vor. Und verarscht. Es tut mir Leid, dass ich dieses Wort wählen muss, aber genau das ist es. Ich komme mir verarscht vor.

Wisst ihr, ihr könnt gerne sagen, dass ihr keine bessere Lösung habt. Das wäre wenigstens ehrlich. Zwar wäre es dann ebenso schlimm wie zuvor, aber immerhin ehrlich. Ich komme mir vor, als würde man mir sagen wollen: „Ja, ich weiß, dass wir euch opfern. Aber diese Wahrheit verdienst du nicht.“

Na, kurz die Stirn gerunzelt, warum ich so übertreibe? Nun. Inzwischen bin ich recht zuversichtlich, dass ich nicht daran sterben werde. Vorsichtig bin ich trotzdem. Von Vorsicht seitens der Politik kann indes in Bezug auf die Kitas keine Rede sein. So befürchte ich, dass trotz des längst überfälligen und dann heute endlich erbrachten Beweises, dass Erzieher sich deutlich häufiger mit Corona anstecken als andere Berufsgruppen, dieses keinerlei weitere Beachtung findet und die Kitas wie geplant zum Regelbetrieb zurückkehren sollen.

Aber hey, gerne nochmals: Auch ich bin ein Mensch. Ich bin kein Roboter, der funktioniert, wie ihr euch das wünscht und der sich nicht anstecken kann, weil er nicht mehr als eine Blechdose ist. Ich bin mehr. Und ich bin auch mehr wert.

Ich bin es wert, dass ihr mir Wertschätzung entgegen bringt. Ich bin es wert, dass ihr ehrlich seid. Ich bin es wert, dass sich jeder überlegt, ob sein Kind gerade wirklich ganz dringend in die Kita muss oder ob es zu Zeiten der Pandemie nicht vorübergehend auch anders geht. Seltener zum Beispiel. Oder kürzer. Oder wie auch immer.

Ich bin es wert, dass ihr Danke sagt und es auch so meint. Ich bin es wert, dass ihr nicht vergesst, dass ich mich um das Wertvollste kümmere, was es gibt: Um eure Kinder und unsere Zukunft.”

wamiki findet, dass es eine Menge von möglichen Lösungen im Interesse von Erzieher*innen, Kindern und ihren Familien gibt. Wir sammeln, was sich wie ändern kann und muss. Du hast auch konkrete Vorschläge? Schick sie uns an info@wamiki.de. Wir veröffentlichen die gesammelten Vorschläge ab 22. Februar fortlaufend.

Der Gute-KiTa-Bericht 2020

Im vergangenen Jahr wurden in allen Bundesländern mit der Umsetzung des sogenannten Gute-KiTa-Gesetzes Maßnahmen für die Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung, insbesondere für die Verbesserung der Qualität ergriffen. Der Paritätische Gesamtverband, einer der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege und Dachverband von über 10.000 eigenständigen Organisationen, Einrichtungen und Gruppierungen im Sozial- und Gesundheitsbereich, hat diese Maßnahmen der einzelnen Bundesländer ausgewertet und zusätzlich Träger in ganz Deutschland nach ihren Bedarfen gefragt. Weiter lesen

Das neue Kita-Gesetz

Am 14. 12. 2018 stimmten Bundestag und Bundesrat dem „Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität in der Kindertagesbetreuung“, dem sogenannten „Gute-Kita-Gesetz“ zu.  Ausschnitte aus der Diskussion im Deutschen Bundestag haben wir in der aktuellen #wamiki 1/2019 veröffentlicht: HIER

Wen die gesamte Debatte interessiert, für den haben wir sie als PDF  Plenardebatte BT 14.12.2018 bereitgestellt. Sehr aufschlussreich, wie wir finden.

Lest dazu auch das Interview mit Nils Espenhorst in der aktuellen #wamiki, das Erika Berthold und Lena Grüber mit dem Referenten für Kindertageseinrichtungen / Tagespflege beim Paritätischen Gesamtverband geführt haben.

Was erwartet Ihr Euch vom sogenannten #GuteKitaGesetz?

Denkt Ihr, dass von den Geldern in Eurer Kita etwas ankommt?

Schreibt uns an redaktion@wamiki.de. Wir sind gespannt!

Neues Positionspapier – Willkommen Konkret

In Willkommen KONKRET – dem Berliner Bündnis für Kinder geflüchteter Familien, arbeiten seit Anfang 2015 Menschen aus der frühpädagogischen Praxis und Theorie, aus Verwaltung, Beratung, Therapie, Fort- und Weiterbildung sowie weiteren Arbeitsfeldern zusammen.

Alle Beteiligten setzen sich dafür ein, dass Kinder geflüchteter Familien Zugang zu Bildung, Erziehung und Betreuung erhalten. Wie den schon immer in Berlin lebenden Kindern sollen ihnen die gleiche Aufmerksamkeit, Fürsorge und die gleichen Leistungen zukommen.

Begonnen hatte das Bündnis Willkommen KONKRET vor allem mit der Fürsorge für sehr junge Kinder, seit dem Sommer 2017 kümmern sich alle Beteiligten auch um etwas ältere Kinder bis etwa zum Ende des Grundschulalters.

Es geht um die Unterstützung pädagogischer Fachkräfte, um Vernetzung, Weiterbildung aber auch um deutliche Formulierung politischer Forderungen. 2015 und in diesem Jahr gab es dazu Fachtage.

Soeben wurde ein aktuelles Positionspapier verabschiedet, das wamiki unterstützt und deshalb auch gern verbreitet. Interessierte können es sich hier im PDF-Format herunterladen.

Download: Handout Positionspapier Willkommen Konkret

Weitere Informationen zum Bündnis findet Ihr auf: www.willkommen-konkret.de

Aufruf von 130 Wissenschaft­ler_innen

Auch wenn die Regierungsbildungsgespräche gerade gescheitert sind, bleiben doch die Forderungen von renommierten Wissenschaftler_innen aus dem Bereich der frühen Bildung und Erziehung aktuell, die vor der Bundestagswahl die Politik aufgerufen hatten, sich endlich für einheitliche Qualitätsstandards in der frühen Erziehung, Bildung und Betreuung einzusetzen. Wir haben diesen Aufruf in der aktuellen wamiki 5/2017 abgedruckt, weil wir ihn für sehr wichtig und bedeutend halten. Hier im Blog deshalb auch noch einmal zur Erinnerung für künftige Regierungsverhandlungen, ergänzt um zwei Links zu lesenswerten Interviews mit zwei der Inititiatorinnen.

Aufruf: Qualitätsstandards in der frühen Erziehung, Bildung und Betreuung jetzt angleichen, dauerhaft verbessern und finanziell sichern

Die Forschung zu frühkindlicher Entwicklung und institutioneller Bildung, Erziehung und Betreuung liefert eindeutige Belege: Investitionen in strukturelle Rahmenbedingungen der Kindertagesbetreuung führen zu einer verbesserten pädagogischen Qualität und wirken sich förderlich auf kindliche Bildungs- und Entwicklungsverläufe aus. Dieses Wissen ist empirisch abgesichert und gut dokumentiert – jetzt muss es genutzt werden! Die Verantwortung dafür, WIE dies geschieht, liegt nach wie vor in den Bundesländern, bei den Kommunen und Trägern. Dafür, DASS diese Erkenntnisse umgesetzt werden, bedarf es jedoch enormer Ressourcen mit Unterstützung des Bundes. Um allen Kindern unabhängig von Herkunft und Wohnort gleiche Chancen zu ermöglichen, muss jede künftige Bundesregierung sicherstellen, dass auch in finanzschwachen Regionen ein bedarfsgerechter quantitativer und qualitativer Ausbau von Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege ermöglicht wird. Es sollte dabei sichergestellt werden, dass die Mittel tatsächlich in der Kindertagesbetreuung und bei den Kindern ankommen. Bund und Länder haben sich in einem gemeinsam gestalteten Prozess bereits auf Eckpunkte für ein Qualitätsentwicklungsgesetz verständigt. Die unterzeichnenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begründen den hierin ausgedrückten Willen der Politik, für alle Kinder in Deutschland auf vergleichbare Rahmenbedingungen in frühpädagogischen Institutionen hinzuarbeiten und so das

Postulat der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse einzulösen. Sie unterstützen ausdrücklich die im Beschluss vom 18./19. Mai 20171 niedergelegte Absicht der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK), die Erarbeitung eines solchen Gesetzes voran zu treiben.

Wir fordern die politisch Verantwortlichen daher auf:

(1) den Beschluss der JFMK unmittelbar nach Beginn der nächsten Legislaturperiode des Bundestags in ein Gesetzgebungsverfahren einmünden zu lassen

(2) die in Aussicht gestellte Mitfinanzierung des Bundes strukturell abzusichern, zügig zu realisieren und regelmäßig Bericht über quantitative und qualitative Aspekte des Qualitätsentwicklungsprozesses – auch unter vergleichender Perspektive – zu erstatten

(3) den Prozess der Aushandlung von Qualitätsentwicklungszielen in den Ländern unmittelbar zu beginnen, diesen partizipativ und transparent zu gestalten und seinen Fortschritt über konkret formulierte Meilensteine sicht- und überprüfbar zu machen

(4) die abzuschließenden länderspezifischen Zielvereinbarungen gemäß der neun formulierten Handlungsfelder im Beschluss der JFMK – z. B. zum Personaleinsatz oder zu Leitungstätigkeiten – grundsätzlich an empirisch abgesicherten Standards und wissenschaftlichen Erkenntnissen2 zu orientieren

(5) das bisherige Finanzierungsvolumen bzw. den erreichten Stand der Investitionen in Qualität und Qualitätsentwicklung in den Ländern unter keinen Umständen zurückzufahren, sondern zusätzliche Mittel für weitere Qualitätsverbesserungen zu verwenden

(6) die produktive Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung weiterhin zu suchen, um den Qualitätsprozess kritisch-konstruktiv begleiten zu lassen und dessen Ergebnisse und Effekte empirisch zu analysieren.

Initiatorinnen:
1. Prof. Dr. Susanne Viernickel (Universität Leipzig)

hier ein Interview mit ihr auf den Seiten ihrer Universität

2. Prof. Dr. Irene Dittrich (Studiengang Kindheits­pädagogik)

3. Prof. Dr. Rahel Dreyer (Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e. V.)

hier ein Interview mit ihr, geführt auf dem Portal ErzieherIn.de

 

Foto: chrisko82,  photocase.de

Wie aus Protest Politik wird

“bodies in urban spaces” Die Performance-Arbeiten von Willi Dorner fotografierte Lisa Rastl. Mehr Infos, Bilder, Termine … unter: www.ciewdorner.at     Textidee: Srdja Popvic. Futurzwei. Magazin für Zukunft und Politik. Herausgegeben von Harald Welzer. taz-Verlag 2017 wamiki-Tipp: Srdja Popvic und Matthew Miller: Protest! Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt/M….

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