Das Kinderbuch der Woche: Vom Mann in den Wäldern

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

 

Wieland Freund, dem fantastischen Erzähler märchenhafter Geschichten, gelang eine kleine, tiefgründige Fabel über ein Wesen, das mit unterschiedlichen Namen durch die Jahrhunderte geistert. Hehmann, der wilde oder grüne Mann, ist der Hüter, Bewahrer und Verteidiger des Waldes.

Das Mädchen Nemi begegnet ihm in dem kleinen Waldstück, das zwischen Wohnsiedlungen und Straßen liegt – ein Überbleibsel der großen Wälder, die in alten Zeiten fast das ganze Land bedeckt hatten. Als Nemi an diesem ersten Tag aus ihrem Schulbus steigt, hört sie seine Heh-Rufe und folgt ihnen in den Wald hinein bis zur alten Kapelle, vor der eine weißhaarige Frau auf einer Bank sitzt. Aber sie ruft nicht.

Nemi folgt den Rufen weiter bis zu einer umgestürzten Buche. Hinter der scheint sich ein seltsames Wesen zu verstecken, dem Blätter im Gesicht wachsen und dessen Kopf ein pilzartiges Gebilde bedeckt. Sie spricht es an und sagt, sein „Heh heh“ habe sie herbeigerufen. Es ist der Hehmann, und er staunt, dass ihn auf einmal wieder jemand hört. Je länger die beiden miteinander reden, desto größer wird er. Aber seine Größe scheint zu schwanken, bis ein lautes Flugzeug ihn in Wut versetzt. Schreiend und immer größer werdend, läuft er ihm hinterher.

Sieben Tage lang begegnen sich die beiden. Der Hehmann kommt und geht. Er scheint alles zu vergessen und sich dann wieder zu erinnern: an die Lieder, die er zu Ehren der Tiere und Pflanzen des Waldes singt, und an Nemi, die ihn täglich sucht und ihr Matheheft vollmalt: mit Blättern, Schmetterlingen und mit allem, was kreucht, fleucht und wächst.

Nemi sind die Augen und das Herz aufgegangen für das, was der Wald ist. Plötzlich fragt sie sich, warum es im Wald keine Schmetterlinge mehr gibt und warum es wichtig ist, alte Bäume im Wald liegenzulassen. Sie lernt die Namen des Eichelhähers kennen und erfährt, welche Bedeutung er für den Wald hat.

Die alte Frau, die auf der Bank vor der Kapelle saß, zeigt ihr, dass ein großer Kopf aus Holz, der dem des Hehmanns ähnelt, die Kanzel in der Kapelle trägt. Sie erzählt Nemi, dass dieser „grüne Mann“ in vielen alten Kirchen zu finden ist.

Das zauberhafte, kluge und poetische Buch wurde von Hanna Jung geradezu magisch schön illustriert mit Bildern von Schmetterlingen, Vögeln und mythischen Gestalten. Ob es die junge Leserschaft zu verträumten Waldspaziergängen verführt oder zu den Freitags-Demos für die Umwelt einlädt – wer weiß?

Wem das Buch gefallen hat, der muss unbedingt von Wieland Freund „Wecke niemals einen Schrat!“ samt Folgeband lesen.

 

 

 

 

Gabriela Wenke

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