Das große Geschäft

Ein Kacka-Projekt in der Zebra-Kita Köln

Hier gibts den Artikel als PDF: Kacka_#5_2020_schöner essen

Ob Tier oder Mensch, groß oder klein – wir alle kommen nicht drum herum, „es“ zu machen, und zwar am besten täglich. Während aber Erwachsene nicht so gerne darüber sprechen, gehen Kinder sehr viel offener mit ihren Fragen und Gefühlen rund um das Thema „Kacka“ um.

Zu Beginn dieses Projekts habe ich die Projektgruppe – Kinder zwischen vier und sechs Jahren – gefragt, was ihnen zu dem Thema einfällt und was sie gerne machen möchten.

Ihre Reaktionen überraschten mich:

 

Elif: Ich möchte Kacka anfassen!

Fiona: Wir können mit Ton mal versuchen, Kacka zu machen.

Elif: Ja, eine Wurst aus Ton machen und dann sie braun anmalen! Und dann machen wir da kleine rote Kügelchen dran. Ich hab das mal gesehen!

Simona: Wo, in der Toilette?

Elif: Nee! Ich war mal mit Mama spazieren und da hab ich einen Hundehaufen gesehen.

Fiona: Und da war Paprika drin!

Simona: Aber warum war da Paprika drin?

Elif: Weil der Hund Paprika gegessen hatte. Oder Tomate. Oder was anderes rotes. Marienkäfer machen aber gelbes Kacka!

Simona: Kacka ist also nicht immer gleich. Wie oder wo könnten wir uns denn verschiedene Arten von Kacka anschauen?

Tristan: In einem Kacka-Museum!

Elif: Wir machen eine Kacka-Ausstellung!

Simona: Mit echter Kacka?

Tristan: Nein! Aus Knete, Ton, … gemalt, … . Wenn einer Kacka macht, dann können wir uns die mal angucken!

Fiona: Dann holen wir uns ein Blatt und malen sie ab.

Simona: So musst du aber ziemlich lange vor der Toilette stehen und da rein gucken … Was für Möglichkeiten gibt es noch?

Elif: Wir machen Fotos!

 

Und so ist unser Toiletten-Schild: „Nicht gleich spülen“ entstanden, welches die Kinder angefertigt und der Gruppe gezeigt und erklärt haben. Vor dem Herunterspülen wollten die Projektkinder die jeweiligen Ergebnisse fotografieren. Nun hängt es an der Tür der Kindertoilette und wir sind gespannt auf die „Werke“, die dort entstehen werden.

 

Emil: Igitt, das ist ekelig!

Simona: Ja, das finde ich auch. Und es stinkt!

Emil: Dafür gibt’s ja auch den Himmel!

Simona: Warum?

Emil: Damit es dann besser riecht! Und Ventilatoren!

 

Am nächsten Tag beschließen wir, nach draußen zu gehen und hoffen, auf etwas zu stoßen, das wir für unser Projekt gebrauchen könnten. Aber vorher will ich wissen: Welche Namen gibt es für Kacke? Sie kommen direkt rausgeschossen: Aa, Scheiße, großes Geschäft, …

Tristan: Scheibenkleister kann man auch sagen!

Unweit von der Kita macht Tristan die erste Entdeckung. Es handelt sich um eine orangene Tüte mit Inhalt.

Tristan: Kacka in der Tüte!

Elif: Da hat einer das aufgesammelt, in die Tüte geschmissen und das dann liegen lassen.

Simona: Was sollte man mit der Tüte eigentlich machen?

Elif: In den Müll schmeißen!

Unsere Fundstücke: Hundehaufen und Pferdeköttel

 

 

Auf unserem Spaziergang treffen wir zwei Hundebesitzer, die mit ihren Vierbeinern zusammen Gassi gehen. Einer hat einen großen, der andere einen kleineren Hund. Die Kinder trauen sich erst nicht, aber mit ein bisschen Hilfe stellen sie dann doch ihre Fragen:

Machen große Hunde große Haufen und kleine Hunde kleine Haufen?

Die Antwort ist JA! Warum? Und die Hundebesitzer erklären noch, dass große Hunde ja auch mehr fressen als kleine Hunde.

Nächste Frage: Kann man an dem Hundehaufen erkennen, ob es dem Tier gut oder schlecht geht?

Das ist etwas schwieriger. Nicht immer kann man das sehen, aber wenn der Hund krank ist, merkt man es sowieso.

Das bringt uns direkt auf unser nächstes Thema.

Warum haben wir überhaupt Stuhlgang (noch ein neues Wort!) und was passiert in unserem Körper?

 

Alessio: La cacca fa bene, l ‘ha detto la mamma! Io quando mangio faccio sempre la cacca! (Kacka machen ist gut, das hat Mama gesagt! Wenn ich esse, mache ich immer Kacka!)

Simona: Es scheint also einen Zusammenhang zu geben…

Und Kinder haben ihre eigenen, logischen Erklärungen:

Elif: Vielleicht ist an dem Essen eine unsichtbare Schnur und der Körper zieht sie dann runter!?

Wir schauen uns gemeinsam Bücher an, die von diesem Thema handeln.

Simona: Warum sind Fäkalien (wieder ein neues Wort!) so unterschiedlich?

Alessio: Gli animali grandi fanno la cacca grande e quelli piccoli la fanno piccola. (Große Tiere machen große und kleine Tiere kleine Kacke.)

Simona: E il colore? (Und die Farbe?)

Alessio: Perché se qualcuno fa la diarrea allora è verde! (Wenn jemand Durchfall hat, dann ist es grün!)

Simona: Ma non solo il colore, anche la forma e la consistenza sono diverse. Secondo voi perché? (Aber nicht nur die Farbe, sondern auch die Form und die Konsistenz sind unterschiedlich. Was denkt ihr, warum das so ist?)

Simona: Che cosa mangia una tigre? (Was frisst ein Tiger?)

Elif: Fleisch!

Alessio: Il coccodrillo mangia anche le persone intere! Lascia soltanto le ossa! (Das Krokodil frisst sogar ganze Menschen! Es lässt nur die Knochen übrig!)

Simona: Und was frisst die Kuh?

Alle: Gras!

Simona: Und welche Farbe hat ein Kuhfladen?

Alle: Grün!

Simona: Es gibt also fleischfressende und pflanzenfressende Tiere. Wo könnten wir denn Kot von solchen verschiedenen Tieren sehen?

Elif: Auf einem Bauernhof! Da sind Kühe, Hühner, Schweine…

Simona: Und wenn wir auch mal das von Elefanten, Zebras oder Tiger sehen möchten?

Tristan: Im Kölner Zoo!

Simona: Aber zurück zu unserer Frage: Warum „müssen“ wir alle, Menschen und Tiere?

Emil: Damit es nicht verstopft.

Simona: Was verstopft?

Emil: Der Bauch.

Elif: Weil harte Sachen, zum Beispiel Kohlrabi oder so, das wird zu Kacka. Und flüssige Sachen wie Wasser oder Saft, die werden Pipi. Flüssiges, das trinkt man, und Festes, das isst man.

Simona: Es muss also einen Zusammenhang geben zwischen dem, was wir essen und trinken, und dem, was dann rauskommt?

In einem Buch über den menschlichen Körper finden wir anschauliches Material über die Verdauung. Was ist das eigentlich?

Ella: Das passiert im Magen.

Simona: Was bedeutet es, wenn ich zum Beispiel sage, ich habe etwas nicht gut verdaut?

Ella: Dann tut es mir nicht gut.

 

Das Buch hilft der Gruppe, zu verstehen, wie unser Körper arbeitet und wie schlau er ist! Das, was er nicht mehr benötigt, wird einfach ausgeschieden!

Inspiriert durch die Bilder, die wie Stationen aneinandergereiht die Verdauung veranschaulichen, wollen wir selbst den menschlichen Körper und sein Verdauungssystem als „Busfahrt“ durch den Körper darstellen.

Zuerst zweidimensional.

So entsteht „Fabian“.

   

Unser „Fabian“ bekommt ein Gesicht…

 

Fabian: Verdauungssystem als liegendes Modell mit mehreren Bus-Haltestellen

 

Der Entschluss steht fest: Wir wollen in den Zoo!

Wir beschließen auch, vorher einen Brief zu schreiben, um unser Projekt zu erklären und unsere Absicht anzukündigen: Die „Häufchen“ verschiedener Tiere miteinander zu vergleichen und dabei insbesondere auf Unterschiede zwischen Pflanzen-und Fleischfresser zu achten.

Gemeinsam schreiben die Kinder folgenden Brief, dabei wechseln sie sich mit dem Schreiben ab.

Lieber Zoowärter,

du hast doch so viele Tiere in deinem Zoo.
Siehst du jeden Tag das Kacka von den Tieren?
Wir möchten das auch sehen, weil wir ein Kacka-
Projekt machen. Können wir dich besuchen?

Bitte antworte uns bald.

Fiona, Tristan, Elif

 

Ein Bild von Tieren mit ihren Ausscheidungen wird dem Brief beigefügt.

 

Der Wunsch der Kinder, in Begleitung eines Zoo-Mitarbeiters die Zootiere zu beobachten und ihren Kot zu vergleichen, stößt nicht auf die erwünschte Begeisterung, auch nicht auf die erwartete Hilfe und Unterstützung. In einem Telefongespräch mit einer Mitarbeiterin der Zooschule, bei dem ich unser Projekt kurz vorstelle, wird mir erklärt, ein solches Programm wäre nur für Schulkinder ab der 3. Klasse durchführbar. Kindergartenkinder würden dies nicht verstehen können.

Irrtum. Was die können, können wir aber schon lange!

Was wir bisher entdeckt, besprochen, ausprobiert, erfunden, gemalt, gebaut, in Frage gestellt, gestaltet, erkundet, gesehen, gerochen, gesucht, gefunden, und selbst gemacht haben in unserem Projekt.

Wir können fühlen, wie unser Herz schlägt! Und wie ist der Herzschlag von anderen?

Wenn wir uns viel bewegt haben, dann schlägt es ja noch schneller! Wir gehen Urgefühlen wie Hunger und Durst auf den Grund: Wie genau fühlt es sich an, wenn ich hungrig oder durstig bin? Was passiert mit mir, wenn ich länger nichts gegessen oder getrunken habe? Wie kündigt sich der Stuhlgang in meinem Körper an? Wie fühlt sich das an?

Unser „Fabian“ bekommt ein Gesicht,

ein Herz, … einen Magen, … einen Darm

und natürlich das, worum es uns hier geht!

Ein Video für Kinder auf youtube erklärt uns auf sehr anschauliche Art und Weise den Sinn und die Funktion von Essen für den menschlichen Körper. Die Idee entsteht, das Verdauungssystem als eine Art Busfahrt mit mehreren Haltestellen darzustellen. Der Verdauungsbus lädt das Essen ein und bringt es vom Mund durch die Speiseröhre zuerst in den Magen, dann in den Darm. Auf die Schilder der Haltestellen schreiben die Kinder wichtige Infos, wie zum Beispiel die ungefähre Dauer des Aufenthaltes im Magen. Das 3D-Modell konstruieren wir aus diversen Recycle-Materialien und bauen die Stationen noch einmal „zum Anfassen“.

   

Aus unserer Kacka-Ausstellung:
Auf einem unserer Spaziergänge haben wir einen plattgefahrenen Hundehaufen gesehen. Dieser inspiriert die Kinder bei ihren Modellen aus Ton und zu vielen weiteren Ideen.

 

Das Buch „Cacas. Die Enzyklopädie der Kacke“ von Oliviero Toscani (Colors 1998) hat uns hervorragende Vorlagen für Modelle geliefert. Jedes Kind hat sich ein Kot-Bild ausgesucht (Gorilla, Tiger, Mensch, Schlange), sein Modell gebaut und teilweise angemalt.

Es sind auch gemalte Bilder entstanden und hinter jedem Bild steckt eine andere Geschichte: Welches Tier hat hier gekotet? Was hat es vorher gegessen? Geht es dem Tier gut oder ist es krank?

…Im weiteren Verlauf des Projektes haben wir uns auch sprachlich auf kreative Art mit dem Thema beschäftigt. Die Kinder haben Kacka-Geschichten erfunden und sie wurden aufgeschrieben. Wir haben uns bereits bekannte Begriffe für Kot gesammelt, die sich je nach Herkunft und Kultur unterschieden, sowie im Internet gemeinsam nach neuen und außergewöhnlichen Ausdrucksformen gesucht. Daraus ist ein kleines Nachschlagewerk entstanden…

Das Projekt ist heute noch lebendig und wir werden damit weitermachen, solange die teilnehmenden Kinder es nicht abschließen möchten und mit ihrer Neugier zu mir kommen.

Text: Simona Caldana

Fotos: Z.E.B.R.A.-Kita Köln

 

 

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