Mord aus Liebe (6)

So endete Teil 5: „Sie haben also die Tote gefunden“, stellt Schuminski sachlich fest. „Bitte erzählen Sie mir genau, wie sich das abgespielt hat. Weshalb sind Sie in die Wohnung von Frau Schuh gefahren? Sie hatten doch Fortbildung.“ Elke schluckt. Ihr Mund ist trocken. „Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?“ fragt sie. Zeit gewinnen, denkt sie. Mutti war’s, aber das geht doch nicht…Schuminski schiebt ihr eine Plastikflasche mit Mineralwasser hin. Kein Glas. Elke greift zur Flasche – und kippt seitlich vom Stuhl. Sie spürt noch, dass sie fällt. Dann wird alles schwarz.

Tod-Bobbycar

Schuminski telefoniert eine Ärztin herbei und sagt zu Tranner: „Schluss für heute. Die beiden Damen kriegen bei uns Quartier, aber nicht in der gleichen Zelle. Ist eine Vorsichtsmaßnahme. Sag das dem Beamten.“

Auf einer Krankentrage wird Elke aus dem Verhörraum geschafft. Obwohl Tranner die Tür schließt, hört Schuminski, dass Mutti aufschreit und protestiert. Dann wird es still im Flur. „Feierabend“, sagt er. „Lass die Frauen erst mal zur Ruhe kommen. Nicht, dass uns die Alte auch noch aus den Latschen kippt. Wir machen morgen mit dem Schönling weiter.“

Tranner nickt. Schuminski wirft sich seinen Parka über die Schulter und geht.

 

Elke erwacht. Fahles Licht fällt durch ein vergittertes Fenster. Benommen versucht sie, sich zu besinnen: Wo bin ich?

Nach und nach fällt ihr alles wieder ein. Oh, Gott! Mutti! Elke will rufen, schreien, aber kein Ton kommt aus ihrem Mund.

Mutti war´s.

Ich darf nicht lügen, denkt Elke. Ich kann das gar nicht, ich werde doch immer gleich rot.

Man darf nicht töten. Auch Mutti darf das nicht. Niemand darf das.

Ich muss der Polizei sagen, wie es war, denkt Elke, sonst habe ich im Leben keine ruhige Minute mehr. Und Mutti muss ihre Strafe bekommen. Das ist nun einmal so. Ich werde sie im Gefängnis besuchen, so oft ich kann. Und ihr immer was Schönes mitbringen. Sie hat es doch für mich getan.

Wo ist Mutti eigentlich? Sitzt sie schon hinter Gittern? Hat es etwa eine Hausdurchsuchung gegeben? Eine Suppendurchsuchung? Und wieso hat man sie, Elke, in eine Zelle gesperrt? Ist sie verdächtig?

Elke geht zur Tür und dreht am Knauf. Die Tür ist nicht verschlossen. Weit und breit ist niemand zu sehen. Also hat man ihr wohl Asyl gegeben, als sie vom Stuhl kippte. Vage erinnert sich Elke, dass jemand kam, ihren Puls fühlte und sie abtransportieren ließ. Jetzt sieht sie: Auf dem kleinen Tischchen am schmalen Bett stehen ein Teller mit Wurstbroten und eine Flasche Wasser. Wahrscheinlich müssen Verdächtige über Nacht hierbleiben, wenn die Kommissare nach Hause gehen, denkt sie. Aber sie ist ja nicht verdächtig. Nur Mutti. Doch das weiß niemand außer ihr. Elke legt sich auf die Pritsche und versucht, wieder einzuschlafen. Die Wurstbrote bleiben unberührt.

 

Schuminski und Tranner sind zeitig im Büro. Die Zeugenvernehmungen im Fall Schuh gehen in die zweite Runde. Der schöne Toni ist einbestellt. Bevor er kommt, schaut Tranner in der Besucherzelle nach Elke. Die Ärztin hatte gesagt, dass die junge Frau so weit okay sei, nur angetrunken, und hatte den Nachtdienst angewiesen, sie schlafen zu lassen.

Tranner schaut durch den Spion. Elke schläft tief und fest. Gut so, denkt er. Dann erholt sie sich bestimmt von ihrem Schock und kann nachher erzählen, wie sie die Tote gefunden hat.

 

Auf dem Flur sitzt Toni Mittermaier. Er wirkt nicht mehr ganz so schnittig und selbstbewusst, ist eher etwas blass um die Nase. Na ja, denkt Tranner, wer hat schon gern mit der Polizei zu tun? Als Bulle wird man eben nicht geliebt.

Tranner hat Frau und zwei Kinder. Ob die ihn wirklich lieben? Die Kinder bestimmt. Aber Bettina? Nach 21 Jahren Ehe? Wer weiß…

 

Toni Mittermaier hat schlecht geschlafen. Die ganze Nacht beschäftigte ihn Carina Schuhs Tod. Wurde sie tatsächlich ermordet? Und warum? Soll er weiter so tun, als ob er sie nicht kannte? Der eine Kommissar hatte ihn misstrauisch beäugt, und dass er gleich heute einbestellt wurde, beruhigt Toni auch nicht gerade. War ihm das kurze Erschrecken beim Anblick der toten Carina anzumerken? Aber wer erschrickt nicht, wenn man ihm das Foto einer Toten unter die Nase hält. Wahrscheinlich nur abgebrühte Kommissare, denkt er und beschließt, dass er bei seiner Aussage bleiben wird: Er kannte Carina Schuh nur vom Telefon. Falls sie aus unerfindlichen Gründen doch darauf kommen, dass das nicht stimmt, kann er immer noch sagen: Pardon, ich habe sie nicht erkannt.

Toni atmet tief durch und steht entschlossen auf, als Schuminski ihn in den Verhörraum bittet.

 

Was für ein Lackaffe, denkt Schuminski, feiner Zwirn, himmelblaues T-Shirt, weiche Treter ohne Socken. Entweder schleppt der reihenweise Frauen ab oder Männer. Dann reißt er sich zusammen: Nur kein Neid, um Sex-Appeal geht es jetzt nicht. Es sei denn, der schöne Toni hatte was mit Carina Schuh.

Schuminski beschließt, es zunächst auf die sanfte Tour zu versuchen. „Danke, dass Sie gekommen sind, Herr Mittermaier. Nehmen Sie Platz. Sie kannten Carina Schuh nicht, hatten Sie gestern angegeben. Bleiben Sie dabei?“

Volle Breitseite, denkt Toni Mittermaier. Also lügen. „Ja, ich kannte sie nicht. Nicht persönlich. Wir hatten miteinander telefoniert und wegen der Teamfortbildung verhandelt. Alles andere lief schriftlich: Die Verträge…“

„Wie ist Frau Schuh denn auf Sie gekommen?“

„Ich bin Bewegungspädagoge und einigermaßen bekannt in der Kitaszene. Sie wird meine Website gefunden haben. Vielleicht wurde ich ihr auch empfohlen. Das weiß ich nicht mehr so genau.“

Schuminski wundert sich. „Ist es nicht üblich, sich Seminarleiter persönlich anzuschauen, ehe man sie engagiert? Wer kauft denn die Katze im Sack?“

„Wahrscheinlich fanden wir keinen gemeinsamen Termin. Jedenfalls hatte ich vorgeschlagen, den ersten Tag zum Kennenlernen zu nutzen und die nächsten Tage dann gemeinsam zu planen. Falls wir nicht harmoniert hätten…“

Harmoniert, ach Gottchen! Schuminski grinst. Wie gut, dass er nicht harmonieren muss, schon gar nicht mit diesem Typen.

„Herr Mittermaier, wir werden Sie jetzt nach Hause begleiten“, sagt Schuminski, „und uns ein wenig in Ihrer Wohnung umsehen. Kommen Sie.“

 

Toni Mittermaier fällt das Herz in die Hose. Damit hat er nicht gerechnet. Die ganze Nacht hatte er gegrübelt, aber an das Foto von der Weiterbildungsgruppe hatte er nicht gedacht. Es hängt über dem Siteboard. Carina ist deutlich zu erkennen.

 

„Was haben wir denn da?“ sagt Schuminski, nimmt das Foto von der Wand und hält es Toni Mittermaier unter die Nase. Der schaut ihn fragend an. Während der Autofahrt hatte er sich auf diesen Moment vorbereitet. Cool bleiben, hatte er sich vorgenommen.

„Du kanntest die Schuh, Freundchen“, zischt Schuminski, „raus mit der Sprache!“

„Ist sie das?“ fragt Mittermaier und zeigt auf die Blonde, die die Gruppe auf dem Foto ein wenig überragt. „Ich kenne sie nicht besser als die anderen Teilnehmerinnen. Tut mir leid, aber so ist es.“

„Dir wird gleich noch viel mehr leid tun“, faucht Schuminski.

Mittermaier zieht die Schultern zurück, drückt das Kreuz durch und fragt, jede Silbe betonend: „Seit wann duzen wir uns, Herr Kommissar?“

„So, jetzt reicht´s!“ brüllt Schuminski, zückt sein Handy und ruft die Kollegen der Spurensicherung an: „Stellt die Bude auf den Kopf, Jungs!“ Dann zieht er ein Paar Handschellen aus der Parkatasche und lässt sie um Mittermaiers Handgelenke klicken.

„Ab durch die Mitte“, raunzt er den entsetzten Dozenten an.

 

Tranner beschließt, Elke holen zu lassen. Sie wird ja wohl ausgeschlafen haben.

Mutti hatte er gestern Abend doch noch befragt, nachdem Elke umgekippt war. Er hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen.

Die alte Frau war ganz verzweifelt, als man ihre Tochter über den Flur trug. Tranner hatte Mühe, sie zum Bleiben zu bewegen. Sie wollte unbedingt zu Elke in die Zelle. Ganz abgesehen davon, dass Schuminski angewiesen hatte, die Frauen separat unterzubringen, hatte Tranner das sichere Gefühl, dass Elke dringend Ruhe brauchte. Auch vor Mutti.

 

Wird Elke ihre Mutti wirklich verraten? Kann sie ihr das antun? Antworten finden Sie im nächsten Heft.

 

 

Frank Seiffarth

Frank Seiffarth ist Online-Redakteur bei wamiki.

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