Wort-Check: Inklusion

Inklusion – do mache mer mit! Aber wir Wortklauber haben die Pflicht, den Begriff in unserer Stiftung Wörter-Test gründlich untersuchen zu lassen. Das taten wir – und hätten ihn beinahe aus dem Verkehr gezogen. Warum?

Inklusion stammt aus dem Lateinischen, der Ex-Lieblingssprache des Schreibtischtäters, ist dem praktischen Pädagogen, seiner Kollegin und dem Gros der Eltern zwar nicht mehr ganz unbekannt, aber was das Wort genau bedeutet, erschließt sich nur einer kleinen, exklusiven Minderheit. Der Rest ist automatisch ausgeschlossen.

Was Inklusion bedeutet, erklärt uns der altsprachlich kompetente Pädagoge so: Den Wortstamm „clus“ kenne man schließlich von der Klausur, der kleinen Klause, der Klaustrophobie und sogar vom Klosett. Einschließen heißt das also. Wir schlucken. Alle ins Kämmerchen sperren – ist das schon Inklusion? Wir grübeln. War die DDR, so gesehen, ein perfekter Inklusionsstaat, der selbst die paar Dissidenten großzügig inkludierte?

Man verstehe ihn wohl absichtlich miss, erwidert der Latein-Pädagoge. Einschließen sei schließlich im übertragenen Sinne gemeint, und Inklusion bilde den Gegensatz zu Exklusion, weil keiner mehr ausgeschlossen werden solle. Wir nicken.

Es gehe übrigens um eine Präzisierung von Integration, erklärt der Pädagoge. Das heiße zwar übersetzt auch, jemanden zum Teil einer Gruppe zu machen. Aber der Unterschied sei: Bei Inklusion müsse niemand mehr zum Teil der Gruppe gemacht werden, denn er sei bereits inbegriffen.

Wir sind entzückt. Nach all den Jahren des Bemühens um Integration sind nun tatsächlich alle Teil der Gruppe. Doch: Ist das vielleicht der Grund, warum viele Verantwortliche wenig finanzielles Engagement für Inklusion zeigen? Weil das Ziel längst erreicht ist? Der Pädagoge rümpft die Nase und lässt uns wissen: Inklusion sei eine Vision von einer Gesellschaft, in der man niemanden mehr integrieren müsse, weil sowieso jeder inkludiert sei. Diese Vision müsse man leben…

…indem man Menschen nicht mehr integriere, sondern inkludiere? Jetzt schaut uns der Pädagoge genervt an: Inkludieren sei keine aktiv zu betreibende Tätigkeit, sondern ein passives Geschehen-Lassen. Entweder sei man inkludiert oder nicht. Man könne sich nicht selbst inkludieren. Außer auf dem Klo. Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf benötigten gewiss besondere Hilfe oder Förderung – aber eben ganz anders als in den alten Sonder-, Hilfs- und Förderschulen. Deswegen spreche man heute auch nicht mehr vom Integrationskind, denn – wenn überhaupt – seien alle in der Gruppe Inklusionskinder.

InklusionWortklauber

Aha. Da fällt uns die Annonce ein, die wir kürzlich im Netz fanden: „Wir suchen Menschen mit Beeinträchtigung für unsere Inklusions-Prunksitzung“, verlautbarte ein Gymnasium. Braucht man für eine glaubwürdige Inklusions-Prunksitzung denn überhaupt Menschen mit Beeinträchtigung, wenn auch Menschen ohne Beeinträchtigung inkludiert sind? Ist es möglicherweise okay, wenn man in der Grundschule um die Ecke erleichtert feststellt: „Bei uns klappt Inklusion prima, weil wir bisher keine behinderten Kinder aufnehmen mussten.“ Und was sollen wir von der Erzieherin Bärbel halten, die ihre Gruppe ermahnte: „Ab morgen kommt die Lotti zu uns, die sabbert manchmal. Aber dann sagt bitte keiner Iiih, denn die kann nichts dafür. Die ist ein I-Kind.“

Wahrscheinlich muss man dem Begriff Inklusion ein Motto als Erklärung voran- oder nachstellen, zum Beispiel: Vielfalt als Chance. Andererseits: Bei jedem Fußballspiel erlebt man, wie viele Chancen ungenutzt bleiben. Und heißt der Aktienfond, dem man sein sauer Erspartes anvertraut hat, „Chance“, dann kann man sicher sein, dass das Geld bald weg ist. Hätte man doch bloß das Modell „Garant“ genommen!

Ach, wir wollen nicht negativ denken, sondern „Chance“ so verstehen: Wir probieren jetzt Vielfalt aus, und wenn es damit nicht klappt, nehmen wir als nächstes Einheitlichkeit oder Einfalt.

Beliebt ist auch der Slogan „Gemeinsam sind wir stark“. Klingt gut in Kinderohren, aber nicht immer: „Gemeinsam fühlt ihr euch stark? Pfui! Drei gegen einen – das ist unfair!“

Dem Motto „Es ist gut, verschieden zu sein“, das ein Ex-Bundespräsident unter die Leute brachte, stimmen wir hingegen vorbehaltlos zu – auch weil es darüber hinwegtröstet, dass der Mann in diesem Jahr selbst verschieden ist.

Wir wägen ab: Inklusion ist letztlich ein Begriff voller Nachteile. Kaum jemand versteht ihn, und vermutlich wird er es neben den vielen anderen Fachwörtern schwer haben, sich durchzusetzen. Es sei denn, wir inkludieren den armen Begriff sofort.

 

 

Michael Fink

Michael Fink ist Autor und Fortbildner.

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