Kinderbuch der Woche: Bösemann

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

 

In expressiven Bildern zeigt Svein Nyhus, wie aus einem riesengroßen, freundlichen Vater ein immer düsterer, gewalttätiger Mann wird. Bösemann hat die Herrschaft über ihn übernommen. Niemand kann Bösemann aufhalten, auch die Mutter nicht, obwohl sie sich groß und breit macht, um den Jungen zu schützen.
Der Junge hat die schreckliche Verwandlung seines Vaters schon oft erlebt, sieht sie kommen und hofft doch, dass es anders sein wird, dass er sich nicht in dieses Ungeheuer verwandelt, rot vor Wut, brennend vor Zorn, berstend vor roher Kraft. Doch auch dieses Mal wieder bleibt die Uhr nicht fünf vor Zwölf stehen.
Text und Bilder greifen ineinander wie Zahnräder: die Uhren, das schwere, bedrohliche Werkzeug, die aggressiv wirkende Muskulatur des Mannes, die Flammen, die über dem Wütenden zusammenschlagen, die zarte, zerbrechliche Gestalt der Mutter und der kleine, verzweifelte Boj. Im Auge des Sturms zieht er sich in seine Fantasiewelt zurück.
Als der Orkan sich legt, einen gebrochenen Mann und Ascheflocken zurücklässt, flieht Boj nach draußen. Dort ist eine freundliche Frau mit einem weißen Pudel, dem er ebenso alles erzählen kann wie den Bäumen und Büschen. Menschen davon zu berichten, das kann er nicht. Doch dann kommt er auf die Idee mit dem Brief. Ein Brief an den König – wie an eine höhere Macht, die helfen kann.

„Lieber König, Papa haut. Ist das meine Schuld?
Liebe Grüße
Boj“

Der Brief ist tatsächlich bei jemandem angekommen, der helfen kann und befiehlt, dass Papa sich entschuldigt. Als der Vater das tut, wird er ganz klein, so klein wie sein Kind.
Der König nimmt Papa mit in sein Schloss, wo er lernt, mit Bösemann, der immer wieder aus ihm herausbrechen will, fertig zu werden. Er muss die eigenen angsterregenden Erinnerungen an seine Kindheit durchleben und sich selbst „reparieren“. Wenn Papa das kann, wird er nach Hause kommen. Dann wird alles gut.
Der Text von Gro Dahle und die so eindrucks- wie ausdrucksvollen Bilder von Svein Nyhus machen aus dieser komplexen Geschichte ein modernes Märchen. Dem erwachsenen Vorleser werden viele Symbole und Gleichnisse ins Auge springen, die aus der Kunst und aus Schriften zur Psychoanalyse bekannt sind. Kinder können sie auf ihre Weise verstehen und lernen, dass es Hilfe gibt, wenn man darum bittet. Wie im Märchen, wo das Gute über das Böse siegt.

Ich möchte ausdrücklich dazu ermuntern, sich das Buch mit Kindern ab etwa fünf Jahren anzuschauen. Wenn sie sich darauf einlassen, sind sie alt genug – sowohl Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, als auch diejenigen, die das nur vom Hörensagen, aus Büchern oder Filmen kennen.
Alle Erwachsenen, die Bedenken haben, Kinder mit Problemen, mit dem Bösen zu konfrontieren, verweise ich auf Bruno Bettelheim, einen berühmten Psychiater, der unter anderem das Buch „Kinder brauchen Märchen“ schrieb. Er erklärte einmal, dass Kinder das Böse, das Erschreckende, die Alpträume, die sie aufwühlen und ängstigen, in den Märchen stellvertretend durchleben. Dass Märchen gut enden, vermittelt Trost, den Glauben an die eigene Stärke und die Hoffnung, das Böse besiegen zu können. Ängste zu verniedlichen, das hilft hingegen nicht bei ihrer Bewältigung.
Wem das zu theoretisch ist, den möchte ich an „Hänsel und Gretel“ erinnern. Seit Jahrhunderten erzählt man Kindern die Geschichte von der bösen Hexe, die Kinder mit Zuckerzeug verführt und frisst, aber von den Geschwistern überwunden und im Ofen verbrannt wird. Und warum haben sich die Kinder im Wald verirrt? Weil ihre Eltern sie nicht mehr haben wollten. Das ist schon eine sehr angsteinflößende Geschichte, die unbedingt ein gutes Ende braucht, damit Kinder – und Erwachsene – sie aushalten können.
Also: Keine Angst vor Bösemann.

 

 

 

Gabriela Wenke

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