Kinderbuch der Woche: Ein großer Tag ohne Handy

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

 

Das ist nur mit dem Handy zu ertragen. Draußen gießt es. Drinnen sitzt Mama am PC und arbeitet, obwohl Ferien sind. Sie hat keine Zeit für das Kind.

Das Kind vernichtet auf seinem Handy Marsmännchen – ein Klick und weg. Mit Papa wäre das anders, denkt das Kind. Mit dem würde es vielleicht doch rausgehen.

Wie immer nimmt Mama dem Kind schließlich das Handy weg. Wie immer holt es sich das Handy heimlich zurück, steckt es ein und geht hinaus in den strömenden Regen, den Hügel hinunter zum Teich mit den Steinen, die rund sind wie die Marsmännchen im Spiel. Das Kind springt von Stein zu Stein, als wolle es sie wegklicken. Dabei fällt das Handy ins Wasser und ist weg. Katastrophe! Das Leben hat keinen Sinn mehr.

Verzweifelt sitzt das Kind auf dem Boden, die Beine ausgestreckt wie Baumstämme, die im Schlamm versinken. Vor seinen patschnassen Brillengläsern ziehen riesige Schnecken vorbei. Moment mal, Riesenschnecken?

So beginnt das Sehen, das genaue Hinschauen: große Schnecken, rot getupfte Pilze. Und das Tasten: diese gallertigen Fühler der Schnecken. Und dann der Geruch der Pilze: wie früher in Opas Keller. Den hatte das Kind fast vergessen. Aber seine Nase erinnert sich.

Mit allen Sinnen erfährt das Kind die Welt: wie Regen schmeckt, wie die Wurzeln die Erde durchziehen, wie durchscheinende Steine das Licht auffangen, das durch die Wolken bricht, wie sich die Erde unter die Fingernägel gräbt. Das Kind steht auf, beginnt zu rennen, rutscht aus und purzelt die Wiese hinab, bis unten alles auf dem Kopf zu stehen scheint. Da ist der Bann gebrochen. Als das Kind schließlich klitschnass ins Häuschen zurückkommt, sieht es im Spiegel das staunende Lächeln seines abwesenden Vaters – im eigenen Gesicht. Eigentlich wollte das Kind der Mutter so viel erzählen, aber dann sitzen sie nur ganz ruhig in der Küche bei duftendem Kakao und schauen sich an.

Wunderschöne Bilder erzählen vom grauen Regenhimmel, von bläulichen Nebeln zwischen hellbraunen Stämmen, und mittendrin das Kind im orange-roten Regencape – ein Farbfleck, der immer mehr in Bewegung gerät. In all den sanften Naturtönen des Buches wiederholt sich das Orange, und wir folgen dem Kind. Es nimmt uns mit, zieht uns hinein in eine Natur, an die es sich wieder zu erinnern beginnt.

Eigentlich ist nichts passiert – außer dass ein Handy verloren ging und die Welt wieder Farben bekam. Den größeren Teil dieser Geschichte erzählt Beatrice Alemagna nicht mit Worten, sondern mit ihren ausdrucksvollen und beeindruckenden Bildern, die der italienisch-stämmigen, in Paris lebenden Künstlerin schon viele Preise einbrachten. Ein wunderbares Buch zum Immer-wieder-Vorlesen und Anschauen.

PS: Dem Buch wurde am 11. Mai 2019 der „Huckepack-Preis“ des Projekts „Vorlesen in Familien“ und des Bremer Institutes für Bilderbuchforschung in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar verliehen. Die Autorin dieser Rezension hielt die Laudatio.

 

 

 

 

Gabriela Wenke

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