11 gute Gründe, mal das Raum­konzept zu überprüfen

Hier gibt es den Artikel als PDF: Raumkonzept_#1_2026

 

1.

Fritzis Uroma strahlt beim Tag der offenen Tür über beide Backen: „Wie fein! Wie vertraut! Seit meiner Kindergartenzeit hat sich ja buchstäblich gar nichts verändert!“

 

2.

Der Raum sei der dritte Erzieher, postuliert jemand auf der Fortbildung salbungsvoll. Du überlegst: Mein Raum – ein Erzieher? Wahrscheinlich so ein Aktivrentner, der aus finanziellen Gründen bis zum Tod weiterarbeiten muss.

 

3.

Nach der Besichtigung am Tag der offenen Tür sagt die Interessentin tapfer: „Ich möchte den Platz trotzdem.“

 

4.

„Habt ihr beim Ausflug schon mal ein Kind verloren?“ fragt dich Sandra. „Das wäre meine Horrorvision.“ Du verneinst, denn bei euch gehen die Kinder nur drinnen dauernd verloren. Ist halt ein bisschen zugestellt, eure Inneneinrichtung.

 

5.

Ein Fotograf steht vor der Tür. Er mache gerade eine Bildstrecke zum Thema „Deutschlands Bildungsmisere“, sagt er, und da habe er den Tipp bekommen, eure Räume abzubilden.

 

6.

Nach der Eröffnung des Kita-Neubaus sind sich Bürgermeister Linnekogel und Architekt Gropüssier mit den geladenen Gästen einig: „Welch ein perfekt gestaltetes Setting!“ Nur die Kinder, findet einer, stehen dem Sichtbeton-Edelholz-Ensemble ästhetisch ein wenig im Wege.

7.

Deine Chefin Elaine braucht beim Texten der Homepage Formulierungshilfe. „Sagt man so: Unsere Räume sind bewusst reizarm gestaltet?“ Dünnlippig schlägst du vor: „Bewusst reizlos träfe es auch.“

8.

Ein zweiter Fotograf steht vor der Tür. Nein, mit Fotostrecken zur Bildungsmisere habe er nichts zu tun, wehrt er ab. Er benötige auch keine Kinder-Foto-Erlaubnis. Sein Genre sei ein anderes: Lost Places.

 

9.

Der Kitaausstatter-Vertreter fragt genervt: „Das Magnet­bausteineset Mausolini haben Sie, die Möbelkombination Märchenwald auch, die Bewegungslandschaft Balduin Biber ebenso. Kann ich Ihnen denn gar nichts aufschwätzen?“ Deine Chefin zögert. Dann fragt sie: „Bieten Sie auch Großcontainer für die Lagerung überzähliger Kita-Möbel an?“

 

10.

„Kindermund tut Wahrheit kund“, schmunzelst du, denn heute hat Berta ihren Eltern erklärt: „In der Garderobe ziehen wir die Hausschuhe aus. Dann wird der Garten nicht so schmutzig.“

 

11.

In eurer Fachzeitschrift lest ihr etwas Gehässiges von „11 guten Gründen, mal das Raumkonzept zu überprüfen“. Du sagst erleichtert: „Betrifft uns ja nicht. Oder erkennt hier jemand ein Raumkonzept?“

 

Foto: Francesco Ungaro / unsplash

Im Weltzimmer

Hier gibt es den Wortklauber als PDF: Wortklauber_#1_2026

Er ist in der kleinsten Hütte, gut abgegrenzt, und dennoch unendlich. Alle Erdenbürger leben gemeinsam in ihm, eventuell sogar Außerirdische. Gleichzeitig ziehen wir uns in ihn zurück, wenn wir Ruhe haben wollen. Wir nehmen manchmal mit Worten viel von ihm ein, greifen ihn uns gar. Wir stellen Fragen an ihn, lassen ihn nicht für Zweifel, brauchen ihn manchmal für uns. Einen Beruf hat er immerhin: Erzieher, allerdings nicht der erste oder zweite. Hä, über wen sprechen wir? Na, über den Raum!

 

Wo kommt das Wort her? Das Germanische hat uns rūma, den Raum, den Platz und die Lagerstätte beschert, also entweder einen umgrenzten oder offenen Raum. Das hat sich beim deutschen Wort fortgesetzt: Raum ist Weltall, Region, Zimmer, Flur (Vorraum) oder etwa die Mundhöhle (Rachenraum). Es gibt den Spielraum, den Freiraum, den rechtsfreien Raum. Raum kann auch Zwischen- und Leerraum sein, selbst der unbedruckte Rand dieser Zeitschrift ist einer namens Weißraum. Raum ist, wenn man irgendwo im Alpenraum in einem Warteraum wegen Schmerzen im Backenraum sitzt und den Raumduft schnuppert.

 

Diese universelle Wortverwendung unterscheidet das Deutsche von den meisten anderen Sprachen: Room und Chambre sind das Zimmer, place ist der Raum, den man einnimmt, espace oder space das Weltall. Uns Deutschen, könnte man spotten, ist das heimelige Zimmer immer gleich das Universum, sozusagen das Weltzimmer.

 

Vielleicht beeinflusst diese universelle Vorstellung des Raums auch unser pädagogisches Paralleluniversum. Jedenfalls fällt auf, wie oft das Wort in der PädagogInnen-Sprache vorkommt: Da gibt es den Gruppenraum, die Funktionsräume und sogar das Raumkonzept (Hatte der Schöpfer des Weltalls beim Urknall eigentlich auch eins?). Sogar vermenschlicht wird der Raum, wirkt er doch laut übersetzter Reggio-­Pädagogik als „dritter Erzieher“. Merkwürdig nur, dass man in Reggio selbst eher von „L’ambiente è il terzo educatore“ spricht, also: Die Umwelt, das (soziale) Umfeld, das Ambiente ist der dritte Erzieher, nicht das Zimmer.

Wie wirken Räume „erzieherisch“? Die Pädagogik weiß: Das menschliche Denken wird durch Räume beeinflusst. Bei einem Raumwechsel, bestätigten Studien, werden Informationen im Gehirn neu sortiert, mit positiven und negativen Auswirkungen. Beim Betreten eines neuen Raums kommt es immer wieder vor, dass man vorherige Gedanken verliert. Deshalb sagt man sich: „Ich geh mal in die Küche zurück, dann fällt’s mir wieder ein.“ Steckt man dagegen beim Denken fest („Wie kriege ich bloß diesen Text fertig?“) und verlässt kurz den Raum, eröffnen sich nicht selten Gedankenräume: „Hey, jetzt hab ich die zündende Idee!“

 

Bei Kindergartenräumen ist die Grundidee bekanntermaßen: Für wichtige kindliche Spiele wie Bauen, Verkleiden, Malen und Toben gibt es Räume, die schon beim Betreten anregen, sich in entsprechende Tätigkeiten zu vertiefen. Der Raum ist also die Spielanregung, das stumme „Spielt doch mal mit Bausteinen!“ Spannend, dass es meist die gleichen fünf oder sechs Räume sind, in die die kindliche Spieltätigkeit verbannt wird: der Rollenspielraum, der Bauraum, der Bewegungsraum, der Toberaum, der Kreativraum, manchmal ein Forscherraum, dazu der Ruhe-, Schlaf- oder Snoezelenraum, in dem die Kinder sich vom Spielen erholen können. Alle Räume haben gute Gründe, und doch erinnert die Starrheit der Einteilung an bürgerliche Wohnungszuschnitte, die stets das Elternschlafzimmer für Eheliches, das Kinderzimmer für die Kinder, die Küche zum Kochen und das Wohnzimmer zum Wohnen vorsehen. Damit mag auch zusammenhängen, dass manche PädagogInnen erwarten, die Kinder sollten das von den Erwachsenen erdachte Raumkonzept beim Spielen berücksichtigen: „Hey, hier ist der Bauraum, hier könnt ihr eure Burg nicht malen. Dafür gibt es das Atelier.“

 

Wer Räume schafft, eröffnet zwar Möglichkeiten, muss aber aufpassen, den BenutzerInnen mit dem Raumkonzept jederzeit gerecht zu werden: Stimmt die Einteilung? Oder brauchen neue Kinder neue Formen von Aktionsräumen? Auch die „Raumregeln“ sollten dem Aufenthalt im Raum förderlich sein, ihn also nicht limitieren, beengen oder unnötig in eine Richtung drängen. Vielleicht ist es gar nicht verkehrt, dass das Wort „Raum“ im Deutschen so unscharf ist: Ein guter Raum für Kinder ist ein abgegrenztes Zimmer, das gleichzeitig grenzenlos wie ein Universum sein kann.

 

Bock auf Lernen

Leo gehört zu den Adlern in Europa. „Adler“ heißt seine Lerngruppe in der Hamburger Schule An der Burgweide. „Europa“ heißt das Schulgebäude, in dem die Adler lernen. Andere Häuser seiner Schule tragen andere Kontinente-Namen. Und in anderen Schulen lernt man anders. Weiter lesen…

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Wir sind umgezogen

Ein wildes Leben

Hugo (4) und Johanna (6) haben sich ihr neues Zuhause im Briefkasten eingerichtet – Überblick, Nachbarschaftsnähe und Verkehrsanbindung garantiert. Leicht können sie hinaus, aber andere Leute können nicht herein, weil sie den Öffnungsdrücker nicht finden. Kommunikation findet zwischen Tür und Angel statt.

Arzenbacher umgezogen

Die Immobilie ist kostenfrei, nach Bedarf veränderbar und sicher wie ein Tresor. Das muss sie auch sein, denn Hugo und Johanna verwahren lebenswichtige Dinge darin: ein altes Handy, ein Geschirrtuch, ein Basecap, eine Tasche, einen Fächer, einen Strohhut und Proviant. Falls der Postbote oder die Dame aus dem Seniorenheim nebenan fragt, was sie da am Briefkasten machen, sagen Hugo und Johanna: „Wir sind umgezogen.“

 

Was ist dein Kinderzimmer für ein Raum?

Mit dieser Frage beschäftigen sich die Kinder der 1. bis 4. Jahrgangsstufe an der Grundschule der bundtStift-Schulen in Strausberg. Es ist ihr eigener Raum, der Raum, in dem sie spielen und schlafen, aber auch der Raum, in den sie sich zurückziehen, wenn sie traurig oder wütend sind. Es ist der Raum, in dem sie Geheimnisse…

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Volk ohne Raumkonzept? Nicht mit uns!

Wir sind Pädagogen. Weil wir das sind, denken wir pädagogisch. Das geht so: Bei allem, was wir denken, denken wir zusätzlich noch über etwas Anderes nach. Über die Kinder, die Eltern, die Lernziele, die Werte, die Zukunft, die Gegenwart. Und dabei planen wir Handlungen, so durchdacht, wie niemand anders das kann. Auch in Bezug auf Raum tun wir das. Wenn andere Leute darüber schmunzeln – bitte sehr. Sie haben die Möbel – wir haben das Raumkonzept! Übrigens gibt es nicht nur eins. Es folgt ein Überblick über die wichtigsten Raum-Konzepte deutscher Kindereinrichtungen.

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