Mord aus Liebe

Das Unheil in Elkes Kindergarten nimmt seinen Lauf: Eine Teamfortbildung steht an. Teil 1 unseres Kita-Krimis

Elke geht in den Kindergarten. Seit 33 Jahren. Elke ist 36 und wohnt bei Mutti. Elke konnte immer gut mit Kindern. Schon beizeiten hatte sie sich ihr Taschengeld mit Babysitten verdient, immer gern gebastelt und irgendwann ein Schulpraktikum in dem Kindergarten gemacht, in dem Mutti als Köchin arbeitete. In den Räumen nebenan hatte Elke ihre drei Kita-Jahre verbracht und die nächsten vier Jahre im angeschlossenen Hort. Da war alles so vertraut. Sie musste sich nur an die Regeln halten, und die Regeln kannte sie ja von klein auf. Nie hatte sie ein Problem damit.

Elke hat auch nie Probleme mit Kindern. Die gehorchen alle aufs Wort. So wie sie es auch immer getan hatte. Da sie für alle Lebenslagen die passende Erziehungsmaßnahme parat hat, das Trostpflaster oder das Belohnungsbonbon, kommt sie weitgehend stressfrei durch den Alltag.
Doch in letzter Zeit geht Elke nicht mehr so unbeschwert in den Kindergarten. Unheil zog auf – in Gestalt der neuen Leiterin Carina Schuh. Jung, dynamisch und beseelt von dem Gedanken, die Arbeitsweise des Teams zu verändern. Allen Ernstes propagiert diese Frau, behinderte oder anderweitig gestörte Kinder aufzunehmen.
Elke kann sich das nicht vorstellen. Aber was soll sie machen? Die anderen Kolleginnen sind auch nicht begeistert und hoffen wie Elke, dass dieser Kelch an ihnen vorübergehen möge. Das Unheil nimmt seinen Lauf: Eine Teamfortbildung steht an. Zum ersten Mal, seit Elke in den Kindergarten geht, findet so etwas statt. Und dann auch noch mit einem Dozenten! Einem Mann!!! Als ob Männer etwas von Kindern und Erziehung verstünden.

Elkes Schritte werden immer langsamer, je näher sie dem Kindergarten kommt. Da hört sie eine Stimme hinter sich: „Guten Morgen! Ich nehme an, wir haben den gleichen Weg.“ Sie dreht sich um. Das ist der Vater von Genevieve, dem seine Frau nicht gesagt hat, dass heute Teamfortbildung ist, denkt sie. Doch das ist er nicht.
„Ich bin Toni Mittermaier“, stellt der Fremde sich vor, „und darf mit Ihrem Team die Fortbildung machen. Wer sind Sie denn?“ „Ich bin Elke, Erzieherin bei den Vierjährigen“, haucht Elke errötend. Sie traut sich kaum, den Blick zu heben. Der Mann sieht unverschämt gut aus.
„Na, das ist ja fein“, sagt Toni Mittermaier, hakt Elke unter, die vor Schreck fast ihre Tasche fallen lässt, und betritt die Kita mit ihr.
Elke und die Männer – kein leichtes Thema. Früher träumte sie vom Prinzen auf dem weißen Pferd, mit dem sie in einer Tüll-Wolke und zu den Klängen von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ die Kirche betritt. Zwei Mal dachte Elke, sie sei nahe dran. Zum Beispiel bei Karl-Friedrich.
Karl-Friedrich ist Zugbegleiter bei der Bahn. Er arbeitet meist nachts. Manchmal darf er den Zug abpfeifen. Karl-Friedrich ist ein stattlicher Mann, besonders in Uniform. Einmal hat er Elke aus dem Kindergarten abgeholt. Da haben die Kolleginnen aber geguckt! Und die Kinder erst! Reihum durften sie die Mütze aufsetzen und trillern.

Auch Mutti war von Karl-Friedrich begeistert. Sie sah sich schon als frisch gebackene Schwiegermutter kostenlos 1. Klasse fahren – von Stralsund nach Interlaken. Dass Karl-Friedrich die Schlafwagennächte dann lieber mit seiner neuen Kollegin als mit ihrer Elke verbrachte, das nimmt sie ihm noch heute übel. Elkes Liebeskummer währte ein Jahr. Dann kam Rainer, etwas kleiner, aber selbstständiger Handwerker. Rainer konnte alles. Nur „mit det Reden“ hatte er es nicht so. Mit ihm verbrachte sie einsilbige Abende vor dem Fernseher, an denen Rainer auf dem Sofa regelmäßig einschlief. Elke hätte ihn trotzdem geheiratet, aber Rainer brauchte eine Frau, die seine Buchhaltung macht. Und die fand er. Elke trauerte nicht allzu lange. Nur Mutti war wieder sauer wie nichts Gutes.

Und nun dieser Dozent! An seinem Arm schwebt Elke über den Kita-Flur, öffnet die Tür des Leiterinnenbüros und wundert sich: Komisch, sonst ist Frau Schuh doch immer die erste.Tapfer greift sie nach Toni Mittermaiers Arm und führt ihn ins Personalzimmer, in dem die Kolleginnen Lillholdschon warten, dicht an dicht um den Tisch gedrängt. „Oh Gott, denkt Elke, jetzt muss ich den Dozenten vorstellen … Mittermaier spürt ihre Not und ergreift das Wort: „Meine Damen! Ich bin Toni Mittermaier und begleite Sie während Ihrer Fortbildung. Da Bewegung unser Thema ist, schlage ich vor, wir verlegen die Vorstellungsrunde in Ihren zauberhaften Garten. Da kann Frau Schuh sich unproblematisch zu uns gesellen, wenn sie eingetroffen ist.“ Er reißt die Tür zur Terrasse auf, verbeugt sich und komplimentiert die Erzieherinnen und den Praktikanten hinaus. „Was für ein Charmeur“, flüstert Praktikant Ben Elke zu.

Toni Mittermaier nimmt alles in die Hand. Die Leiterin hatte sich sowieso gewünscht, bei der geplanten Fortbildung im Hintergrund zu bleiben. Also verliert er keine Zeit. „Meine Damen, mein Herr, stellen Sie sich bitte im Kreis auf. Und zwar in der Reihenfolge Ihrer Zugehörigkeit zu diesem Team.“ Ein Gerangel geht los, man turnt umeinander herum, bis endlich 14 Frauen von 33 bis 64 und ein junger Mann ihren Platz gefunden haben.
Der schöne Toni nimmt sie reihum in den Blick, fragt nach Namen, Einsatzorten und staunt über die Treue zum Haus. Tatjana bringt knapp zehn Jahre zusammen, alle anderen gehören quasi zum Inventar. Nur Ben ist erst seit einem halben Jahr hier. Mittermaier stellt sich ebenfalls vor. Er macht kein Hehl aus seiner Absicht und seinem Auftrag, das Team in jeder Hinsicht in Bewegung zu bringen. „Aber bitte keine Rollenspiele“, stöhnt Clara, die schon mal auf einer Fortbildung war und dort tatsächlich spielen sollte. Eine Zumutung.
„Schauen wir mal“, meint der Dozent. „Jetzt sollte Ihre Leiterin aber langsam erscheinen. Es geht heute ja nicht nur ums Kennenlernen, sondern auch um die inhaltliche Planung der Fortbildung. Da sollte sie schon dabei sein. Elke, wären Sie so lieb, noch mal im Büro nachzuschauen? Kann jemand Frau Schuh zu Hause anrufen? Oder auf dem Handy?“ Elke geht, und Ben greift zu seinem Smartphone.

Wo steckt Carina Schuh? Und was hat der smarte Toni tatsächlich für Absichten? Das erfahren Sie im nächsten Heft. Ungeduldige Leserinnen und Leser oder Leute, die ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk suchen, finden den Krimi, illustriert von Tasche oder als Audio-CD, auf unserer Web-Seite: www.wasmitkindern.de

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Pädagogikstudium abgebrochen. Pflegekraft, Postbote und Friedhofsgärtner. Erste literarische Versuche, Veröffentlichungen in der Lokalpresse. Fortsetzungsroman. Seit 2004 Hausmeister im Berliner Kinderhaus „Kumpelnest“.

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