Brandbrief einer Erzieherin

wamiki veröffentlicht den Brandbrief von Jasmin Lachmann, 33 Jahre,  Facherzieherin für Integration:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

während wir Erzieher* schon lange vor den verheerenden Folgen der Corona-Pandemie auf uns aufmerksam machten, blieb dieses bisher fast unbeachtet. Die nun publizierten Zahlen der AOK zeigen, dass Erzieher eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit haben, an Corona zu erkranken wie andere Berufsgruppen. (Mehr Infos hierzu z.B. unter: Corona-Studie der AOK: Erzieher und Betreuer am häufigsten an Covid-19 erkrankt sowie Krankschreibungen wegen Covid-19 | Aktuelles | WIdO – Wissenschaftliches Institut der AOK)

Ich möchte Sie eindringlich bitten, den folgenden von mir verfassten Brandbrief zu lesen und uns Erziehern zu helfen. Wir schaffen das nicht alleine.

Mit freundlichen Grüßen Jasmin Lachmann, Facherzieherin für Integration

Brandbrief einer Erzieherin

Ob ich eigentlich verrückt sei, meinen alten Job als Fernsehjournalistin an den Nagel zu hängen, um Erzieherin zu werden, fragten sie mich. Und ganz ehrlich: Inzwischen frage ich mich das manchmal auch. Bevor ihr mich missversteht: Ich frage mich das nicht etwa, weil ich meinen Beruf nicht mag. Im Gegenteil. Ich liebe ihn. Ich liebe ihn sogar so sehr, dass es unglaublich schmerzt, überhaupt darüber nachzudenken, ihn aufzugeben. Aber manchmal kann ich einfach nicht mehr.

Und damit bin ich nicht alleine. Ich bin ausgebrannt, kaputt, überarbeitet. Vor allem aber bin ich frustriert. Dass Erzieher* weder ein hohes Ansehen genießen noch ein gutes Gehalt bekommen, war mir schon vor Beginn der Ausbildung bewusst. Schnell erlebte ich, dass die Wertschätzung noch geringer ist als gedacht. – Das ist traurig, aber irgendwie okay.

Nicht okay hingegen ist, dass meine Kolleg*innen und ich zwar dringend gebraucht, aber herzlos behandelt werden.

Ehe hier jetzt Eltern, die um ihre Existenz fürchten, aufhören zu lesen, hier ein kurzer Spoiler: Ich bin NICHT für radikale Kita-Schließungen. Aber ich bin für funktionierende Konzepte, die gemeinschaftlich umgesetzt werden können.

Ich will ehrlich sein: Als Covid19 erstmalig auftauchte, hatte ich Angst. Große Angst. Ich hatte Sorge, dass meine Lieben oder auch ich daran sterben könnten. Als die Kitas im März schlossen, war ich froh und – auch da will ich ehrlich sein – ich gehörte anfangs zu den Leuten, die auf gar keinen Fall in der Notbetreuung arbeiten wollten. Musste ich natürlich trotzdem. Das ist in Ordnung, das ist mein Job. Und wirklich: Eigentlich mache ich das ja gerne, weil ich Familien gerne unterstütze. Auch – oder besonders – in schwierigen Zeiten.

Nicht in Ordnung aber ist, was daraus gemacht wurde:

Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeiten wir völlig ohne Schutz und ohne die Möglichkeit, Abstand zu halten. „Meine“ Krippen-Kinder sind ein Jahr alt. Es erschließt sich hoffentlich jedem von selbst, dass es hier weder möglich noch sinnvoll ist, auf Abstand zu gehen. Selbstverständlich gebe ich den Kindern und auch ihren Familien nach wie vor die Geborgenheit, die sie brauchen. Ich lache, ich singe, ich spiele, ich tröste. Ich wickel, putze Nasen und helfe dabei, das selbstständige Essen zu erlernen. Mehrmals in der Stunde werde ich dabei angeniest und angehustet. Mit einem Kind zu kuscheln ist für mich noch immer ebenso selbstverständlich wie vor der Pandemie.

Dass große Menschenansammlungen und Treffen ohne Abstand zu vermehrten Infektionen führen, dürfte inzwischen jeder wissen. Nein, da kann ich den Konjunktiv vernachlässigen. Es weiß jeder. Wirklich jeder. Ich habe niemanden getroffen, der es nicht wusste. Und jeder, der schon einmal eine Kita von Innen gesehen hat, weiß auch, dass hier viele Haushalte ohne Abstand aufeinandertreffen.

Wiesen Erzieher*innen von Beginn an auf die Gefahr, welcher sie sich täglich aussetzen, hin, wurde dieses stets abgetan. Es hieß, Kitas seien keine Infektionsherde. Noch heute früh las ich, dass Frau Giffey mal wieder sagte, wir müssten die Kitas so schnell wie möglich wieder öffnen.

Sicher müssen wir das. Aber mit Hilfe von allen. Es kann nicht sein, dass wir Erzieher* der Situation einfach ausgeliefert werden. Wenn ich darüber nachdenke, was seit Beginn der Pandemie zum Schutz der Erzieher* getan wurde, dann muss ich leider sagen: Nicht viel. Ich muss wirklich darüber nachdenken, weil mir nichts so wirklich einfallen will. Meinem Träger mache ich da keinen Vorwurf. Dieser wird da von der Politik ebenso im Regen stehen gelassen. Aber ich mache all den politischen Entscheidungsträgern einen drastischen Vorwurf: Ihr nutzt uns als Kanonenfutter. Tut endlich etwas dagegen!

Wir brauchen Schutz im Sinne von ausreichend Hygieneprodukten wie Handschuhe und Desinfektionsmittel. Noch immer ist das nicht überall ausreichend vorhanden. Wir brauchen portable Plexiglasscheiben für dringend notwendige Elterngespräche. Wir brauchen (mehr) Masken. Wir brauchen funktionierende Hygienekonzepte (zu sagen, dass Erzieher einfach mehr putzen sollen, ist kein Konzept!) und dafür entsprechendes Personal. Wir brauchen die Unterstützung der Familien, die sich überlegen, ob ihr Kind gerade wirklich ganz dringend in die Kita muss.

An dieser Stelle sei kurz eingeschoben: Für mich hat jedes Kind ein Recht auf Förderung. Und ich möchte diesem auch gerecht werden. Mir ist auch bewusst, dass Kindern die sozialen Kontakte fehlen und dass es Kinder gibt, die „Zuhause dringend raus“ müssten. Ich wäre keine gute Erzieherin, wenn mir all das nicht bekannt wäre. Und auch hier schmerzt es, überhaupt darüber nachdenken zu müssen. Aber wir brauchen Hilfe. Wir können das nicht alleine stemmen und wir können nicht alleine dafür verantwortlich sein. Nicht die Kitas müssen fehlende Homeoffice-Möglichkeiten oder mangelnde Versorgung der Familien durch staatliche Systeme auffangen. Der Staat muss hier helfen. Und eben auch jeder Einzelne.

Ich erwarte von niemandem, seinen Job aufzugeben, um das Kind nicht in die Kita zu schicken. Ich erwarte ebenso wenig, dass jeder, der im Homeoffice arbeitet, sein Kind nicht in die Kita bringt. Und ich erwarte auch nicht, dass Kinder, deren Eltern Zuhause sind, nie wieder in die Kita kommen. Besonders Kinder mit (wesentlich) erhöhten Förderbedarfen dürfen wir bei all diesem nicht vergessen. Aber bitte: Vergesst auch uns nicht.

Vergesst mich nicht.

Falls dir das bisher alles zu anonym war: Ich heiße Jasmin. Ich bin 33 Jahre alt und Facherzieherin für Integration in Berlin. Ursprünglich komme ich aus Bremen. Ich singe und lache gerne. Ich häkel und habe mir in diesem Jahr das Nähen beigebracht. Ich habe zwei Schwestern, tolle Schwager, drei Neffen und eine Nichte. Ich habe Eltern, die ich in diesem Jahr viel zu selten gesehen habe.

Ich tobe gerne mit Kindern durch den Matsch, zähle Kastanien am Boden oder klettere das fünfundneunzigste Mal am Tag ein Klettergerüst hoch. Ich tanze mit den Kindern durch den Regen, baue Höhlen und gehe mit ihnen (wie auf dem angehängten Foto) gemeinsam ernten. Manchmal rede ich zu viel und manchmal weine ich zu schnell. In diesem Jahr habe ich sehr oft geweint.

Ich bin mir unglaublich alleine gelassen vorgekommen. Nein, eigentlich komme ich mir noch immer so vor. Und verarscht. Es tut mir Leid, dass ich dieses Wort wählen muss, aber genau das ist es. Ich komme mir verarscht vor.

Wisst ihr, ihr könnt gerne sagen, dass ihr keine bessere Lösung habt. Das wäre wenigstens ehrlich. Zwar wäre es dann ebenso schlimm wie zuvor, aber immerhin ehrlich. Ich komme mir vor, als würde man mir sagen wollen: „Ja, ich weiß, dass wir euch opfern. Aber diese Wahrheit verdienst du nicht.“

Na, kurz die Stirn gerunzelt, warum ich so übertreibe? Nun. Inzwischen bin ich recht zuversichtlich, dass ich nicht daran sterben werde. Vorsichtig bin ich trotzdem. Von Vorsicht seitens der Politik kann indes in Bezug auf die Kitas keine Rede sein. So befürchte ich, dass trotz des längst überfälligen und dann heute endlich erbrachten Beweises, dass Erzieher sich deutlich häufiger mit Corona anstecken als andere Berufsgruppen, dieses keinerlei weitere Beachtung findet und die Kitas wie geplant zum Regelbetrieb zurückkehren sollen.

Aber hey, gerne nochmals: Auch ich bin ein Mensch. Ich bin kein Roboter, der funktioniert, wie ihr euch das wünscht und der sich nicht anstecken kann, weil er nicht mehr als eine Blechdose ist. Ich bin mehr. Und ich bin auch mehr wert.

Ich bin es wert, dass ihr mir Wertschätzung entgegen bringt. Ich bin es wert, dass ihr ehrlich seid. Ich bin es wert, dass sich jeder überlegt, ob sein Kind gerade wirklich ganz dringend in die Kita muss oder ob es zu Zeiten der Pandemie nicht vorübergehend auch anders geht. Seltener zum Beispiel. Oder kürzer. Oder wie auch immer.

Ich bin es wert, dass ihr Danke sagt und es auch so meint. Ich bin es wert, dass ihr nicht vergesst, dass ich mich um das Wertvollste kümmere, was es gibt: Um eure Kinder und unsere Zukunft.“

wamiki findet, dass es eine Menge von möglichen Lösungen im Interesse von Erzieher*innen, Kindern und ihren Familien gibt. Wir sammeln, was sich wie ändern kann und muss. Du hast auch konkrete Vorschläge? Schick sie uns an info@wamiki.de. Wir veröffentlichen die gesammelten Vorschläge Anfang des neuen Jahres.

Mein Leben als Erzieherin

232.000 Windeln hat sie gewechselt: Seit 43 Jahren arbeitet Marina König in derselben Kita in Berlin-Kreuzberg. Doch um sie herum hat sich alles verändert. Ein Protokoll. Weiter lesen…

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Fortbildner_innen für mehr Personal und Qualität

Eine bessere personelle Ausstattung und verbesserte Rahmenbedingungen in der Frühen Bildung fordern jetzt in einem Offenen Brief Fortbildner_innen und Berater_innen aus den Reihen des „Netzwerk Fortbildung: Kinder bis drei“. Sie kritisieren die unhaltbaren Zustände in deutschen Kitas hinsichtlich Personalüberlastung und Rahmenbedingungen und fordern sofortige Verbesserungen! Der Offene Brief kann und sollte (!) mitunterzeichnet werden! wamiki dokumentiert den Text. Weiter lesen

Digitale Kita

Immer rasanter verändert sich unser Leben durch die Digitalität. Zum Glück wird dabei alles einfacher. Du merkst es zum Beispiel, wenn du Bescheid sagen willst, dass du später kommst. Früher musstest du lange nach einer Telefonzelle suchen – „Mutti, ich bin­’s! Ich komme später. Tschüssi!“ Heute geht es blitzschnell: Smartphone raus, Glasbruch-Schutzhülle ab, WhatsApp-Symbol suchen,…

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Küchenkinder

In einem kleinen Nebenraum der Küche im Mopelladen, sitzt der fünfjährige Jurek und hat gerade aufgegessen. Es gab: „Kartoffeln, Eier, Salat und Soße. Die gehört zu den Eiern“, sagt er. Und: „War lecker.“ Jurek ist eins von den Küchenkindern – Kinder, die es in die Küche zieht wie andere in den Bauraum oder Garten. Vor…

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PINA SCHAUKELT – Was kleine Kinder brauchen

01 pina schaukelt

Als am 8. März diesen Jahres in der gut gefüllten Urania in Berlin der Abspann von „Pina schaukelt“ der Regisseurin Heide Breitel lief, setzte lang anhaltender Beifall ein.

Wir hatten hier mit vielen anderen gemeinsam etwas gesehen, was ich als ein Ereignis der besonderen Art bezeichnen will: 90 Minuten lang schauten mehrere hundert Erwachsene gebannt vier Kleinstkindern zu, und ab und zu auch ihren Erzieher_innen. In einem Film fast ohne Handlung. Und das war keine Minute langweilig.
Nein, das war so spannend, so erkenntnisreich und gleichzeitig so unterhaltend, dass wir wussten – diesen Film wollen wir in unser Verlagsprogramm aufnehmen! Den müssen viel mehr Menschen sehen, als es die wenigen Kinoaufführungen ermöglichen. Nicht nur alle Kita-Erzieher_innen, sondern auch alle Väter und Mütter in diesem Land. Eigentlich alle, die Verantwortung für die Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern tragen. Größenwahn? Sicher! Also warum?

Weil der Film einerseits die Lernfähigkeit, Entdeckerfreude und Gestaltungslust der anfänglich zehn Monate alten Protagonisten authentisch einfängt und sie achtzehn Monate lang auf ihrem Weg geduldig beobachtet und anteilnehmend begleitet. Und weil er gleichzeitig die gelungene Beziehung dieser Kinder mit ihren Erzieher_innen zeigt. Eine Beziehung, die von Aufmerksamkeit, Zugewandtheit und vor allem von tiefem, stabilen Vertrauen gekennzeichnet ist und jeden Tag wieder neu geknüpft wird. Ihnen, den Kindern und Erzieher_innen, dabei zuzusehen ist für mich das eigentliche Highlight des Filmes.

Der Neurobiologe Gerald Hüther, der im Produktionsprozess des Films beratend involviert war, beschreibt in seinem lesenswerten Beitrag zum Film diese besondere Rolle der Erzieher_innen: „Es ist nicht leicht, Kinder zu begleiten, ohne sie zu Objekten von Erwartungen, Bewertungen, Belehrungen oder irgendwelcher Fördermaßnahmen zu machen. Dazu bedarf es eben der besonderen inneren Einstellung oder Haltung der jeweiligen Bezugspersonen, mit der Voraussetzung, dass ein Kind kein Objekt ist, sondern als gestaltendes, lernfähiges und erkennendes Subjekt wahrzunehmen ist. (…) Der Film von Heide Breitel lässt erleben, (…) wie diese Entwicklungen möglich werden.“

Sehen Sie selbst! Hier geht es zum Trailer des Films. Der Film ist ab sofort in unserem Shop bestellbar (HIER)!

Interview mit der Regisseurin Heide Breitel

heide breitel

Der Dokumentarfilm „Pina schaukelt. Was kleine Kinder brauchen“ (Deutschland 2016) beobachtet junge Kinder ab zehn Monaten auf Augenhöhe in ihrem Alltag in der Kinderkrippe und begleitet sie, bis sie 2 ½ Jahre alt sind. Der Film zeigt die unerschöpfliche Lernfähigkeit, Entdeckerfreude und Gestaltungslust, mit der Kleinst-und Kleinkinder die Welt erobern. – Einfühlsam begleitet von Erziehern und Erzieherinnen, die die Kunst des pädagogischen Ping-Pong-Spieles beherrschen, die die Kinder herausfordern, zugewandt und aufmerksam sind.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Dokumentarfilm über Kleinkinder zu machen? Gab es einen Auslöser?

Seit dem 8. August 2013 besteht nach dem Krippenkinderförderungsgesetz bundesweit ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für alle unter Dreijährigen. Es wurde viel darüber berichtet, wie das organisatorisch zu schaffen sei. Aber wie der Tagesablauf für die Kinder aussehen soll, was sie wirklich brauchen, um wachsen zu können an Körper, Geist und Seele, ist in der Diskussion untergegangen. 2012 habe ich den Film SCHLÜSSEL ZUM LEBEN in einer Kinderkrippe in Frankfurt am Main gedreht. Seitdem war es mein Wunsch, Kinder beim Wachsen länger zu beobachten.

Einen Kindergarten zu finden, der bereit ist, sich über einen längeren Zeitraum bei der Arbeit filmen zu lassen, war sicher nicht einfach. Wie haben Sie die Kita gefunden?

Bei meiner Recherche habe ich viele Einrichtungen besucht, staatliche, kirchliche, auch privat geführte Kindergärten. Dabei habe ich den INA KINDER.GARTEN in der Dresdener Straße in Berlin kennengelernt. Diese Kita ist 1986 aus einem umgebauten Parkhaus entstanden, deshalb gibt es dort sehr viel Platz für die Kinder. Die INA KINDER.GÄRTEN arbeiten nach dem Situationsansatz: was für die Kinder in diesem Moment gerade wichtig ist, wird aufgenommen, mit den Kindern bearbeitet und weitergeführt. Bei den Kleinkindern stehen Liebe und Wärme im Vordergrund, dass sie z.B. auf den Arm genommen werden wollen, wenn sie Trost und Schutz brauchen. In der Nestgruppe für Kinder unter drei Jahren fangen drei Erzieher_innen mit nur sechs bis acht Kindern an, die zwischen neun und elf Monate alt sind. Die Gruppe wächst im Laufe der Zeit und es kommen Kinder dazu, bis sie drei Jahre alt sind. Wir haben im Dezember 2013 mit acht Kindern in der Nestgruppe angefangen zu drehen.

Wie haben Sie sich mit den Eltern abgestimmt? Waren immer alle einverstanden mit den Dreharbeiten?

Das Einverständnis von Eltern kleiner Kinder zu bekommen, setzt großes Vertrauen voraus. 2002 habe ich ICH KANN DAS SCHON gedreht, ein Dokumentarfilm mit kleinen Kindern, die Down-Syndrom haben und 2005 war ich in der FERDINAND-FREILIGRATH-SCHULE für meinen Film AUS ERFAHRUNG KLUG. Mit diesen beiden Filmen habe ich mich den Eltern vorgestellt, damit sie sehen können, wie ich arbeite. Auf einem Elternabend habe ich viele Fragen beantwortet. Es gab auch Ablehnung. Aber in der Gruppe der ganz Kleinen haben die Eltern schließlich zugestimmt. Ich wurde sehr genau befragt, weil befürchtet wurde, dass ich mich auf Kosten der Kinder profilieren will. Nachdem die Eltern meine Filme gesehen hatten und nach einem weiteren Gespräch, waren dann alle einverstanden, auch dass ich zwei Jungen und zwei Mädchen auswählen wollte, damit die Zuschauer die Kinder im Film wiedererkennen können.

Wie haben sich die Erzieher_innen auf die Dreharbeiten vorbereitet?

Vor den Dreharbeiten habe ich die Nestgruppe immer wieder besucht. Einerseits wollte ich mich mit den Kleinen vertraut machen, andererseits um mich mit den Erzieher_innen abzustimmen. Bis zum zweiten Lebensjahr entwickeln sich die Kinder in Riesenschritten. Das wollten wir auf keinen Fall verpassen. Als wir anfingen, krabbelten sie noch, dann ziehen sie sich hoch, kommen auf die Füße, wagen die ersten Schritte und Lautieren, bis sie Ein-Wort-Sätze bilden und allmählich zur Sprache kommen. In dieser rasanten Zeit haben wir monatlich gedreht. Danach sind wir seltener gekommen und der Film endet, als die Kinder ca. 2 ½ Jahre alt waren und sich als ICH wahrnehmen konnten. Mir war es wichtig, den ganz normalen Alltag zu dokumentieren, die Kinder verbringen ja oft den ganzen Tag in der Kita. An die Erzieher_innen hatten wir keine besondere Wünsche: was an diesem Tag passierte, haben wir gedreht. So gesehen arbeiten wir auch mit dem Situationsansatz.

Wie haben Sie Ihr Aufnahme-Team gefunden?

Mit den Kollegen_innen habe ich schon oft zusammengearbeitet. Wir kennen uns lange und ich habe absolutes Vertrauen, dass sie den Tag mit Kamera (Thomas Ladenburger und Ralph Netzer) und Ton (Lilly Grote) so intensiv begleiten, wie es für die dokumentarische Arbeit erforderlich ist. Alle hoch-professionell und alle auch sehr umsichtig mit den Kleinen. Die Kamera musste sich fast immer auf dem Fußboden entlang bewegen, weil wir die Kinder gerne auf Augenhöhe sehen und nicht auf sie herabblicken wollten. Das war für das Team nicht immer leicht, hat aber super funktioniert. Der kleine Luc war beim ersten Drehtag so neugierig, dass er am liebsten ganz in die Kamera hineingekrochen wäre. Beim zweiten Dreh hatten wir eine weitere Kamera dabei, die das Team filmte. Jury ist auf der Rutsche und schaut mit großen Augen in die Kamera, will genau herausfinden, was da drin ist. Das konnte ich mit den Bildern der zweiten Kamera zeigen. Lilly Grote hat sich besonders gefreut, wenn wir bei den Kleinen waren und sagte immer: „So waren wir auch alle mal.“

Die Dreharbeiten waren vermutlich voller Überraschungen, weil Sie vorher nie wissen konnten, was sie erwartet.

Stimmt. Wenn sie noch ganz klein sind, schließen Kinder schon Freundschaften. Ein Beispiel: Luc hat ein schlafendes Kind im Körbchen geschaukelt und man sieht, dass er nach oben schaut. Die Kamera folgt seinem Blick und wir sehen, wie Juri zur Tür reinkommt, die Arme hochreißt, sich freut und lacht. Beide gehen aufeinander zu und geben sich ein Küsschen. Es ist immer ein Geschenk, wenn die Kamera genau in diesem Augenblick da ist, wo sich so eine kleine Szene ereignet. Sie ist eine meiner Lieblingsszenen im Film. Inszenieren kann man nicht mit kleinen Kindern. Aber der Dokumentarfilm kann zeigen, was sie gerade tun, worüber sie sich freuen, auch worüber sie traurig sind, wenn man sich ganz einlässt und jede Sekunde nah bei den Kindern bleibt und hinschaut.

Gab es auch Zeiten, in denen die Arbeit schwierig war?

Im Team gab es keine Schwierigkeiten, alle haben sich immer gefreut, die Kinder wiederzusehen. Für die Erzieher_innen war es schwerer, weil die Dreharbeiten doch ein Eingriff in ihre Arbeit waren. Auch sind sie es nicht gewohnt, vor der Kamera wie Schauspieler_innen ganz natürlich zu bleiben. Als wir uns länger kannten, war das aber nicht mehr so ein Problem. Ich habe immer nachgefragt, an welchen Tagen wir kommen können, damit “unsere vier Kinder“ nicht gerade krank sind oder im Urlaub. Zwischendurch habe ich sie besucht, mit ihnen gespielt und gesungen, damit das Vertrauen zwischen den Drehphasen nicht verloren geht. Ich bin den Erzieher_innen sehr dankbar, dass sie das durchgestanden haben mit uns, weil das schon eine Doppelbelastung gewesen ist. Aber im Nachhinein sind wir alle gemeinsam froh, dass wir das geschafft haben.

Die Musik im Film trägt viel zur Stimmung bei. Wie ist der Soundtrack entstanden?

Mit dem Komponisten Andreas Wolter habe ich besonderes Glück. Er hat schon für drei meiner Filme die Musik gemacht. Wir haben gemeinsam überlegt, wie wir es hinbekommen, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers in dem Gewusel der vielen Kinder bei unseren vier Kindern bleibt. Also hatten wir die Idee, dass die Musik einen zweiten Erzählstrang bildet. Wir haben den vier Kindern Instrumente zugeordnet: Pina bekam die Flöte, Juri, dem Babyalter fast schon entwachsen, das Fagott, Luc die Klarinette und Charlotte die Geige. So kann man jetzt die Kinder auch an der Musik wiedererkennen.

Interview: Hanna Hechel

Inklusions-Alltag

Erfurt, im Mai 2015: Aufregung herrscht in den Kitas „Sommersprosse“ und „Farbenklecks“, denn übermorgen wird Einweihung gefeiert. Besser: das Ende der lang anhaltenden Renovierungsarbeiten, in deren Zuge die beiden Kitas endgültig zusammenwuchsen – bei vollem Betrieb. Das war Inklusion pur und unter verschärften Bedingungen. Erfahrungen im Umgang mit dem Einschließen von Unterschieden hatten die Team-Mitglieder allerdings schon gemacht – in vielen Bereichen und Situationen.

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Brauchen Kinder unter drei Jahren eine Nestgruppe?

Von Pädagoginnen werde ich immer wieder gefragt, warum wir keine Nestgruppe haben, denn kleine Kinder brauchen doch unbedingt ein Nest. Ich finde es wichtig, dass sie so eine Hypothese aufstellen, aber sie müssen sie überprüfen, müssen sich fragen, ob die Hypothese richtig ist. Wenn nicht, müssen sie sie korrigieren.

Wir haben festgestellt, dass die Kinder die Nestgruppe nicht brauchen. Sobald sie krabbeln können, bewegen sie sich aus dem Raum in den großen Flur und machen uns deutlich: Wir schlüpfen aus. Versucht man nun, die Kinder in ihrem Raum festzuhalten, lernen sie nicht von anderen Kindern. Ihre Neugierde und ihr Explorationsverhalten werden zumindest stark eingeschränkt. Deshalb haben wir entschieden, die Kinder auf ihren Forschungstouren zu begleiten, um zeitnah auf ihre Bedürfnisse nach Sicherheit und Körperkontakt reagieren zu können.

Wie überprüft man eine Hypothese?
Man muss schauen, was die Kinder machen, wie sie mit Herausforderungen umgehen. Sobald unsere Kleinen robben konnten, machten sie sich auf den Weg. Und der große, lange Flur, den wir den Jüngsten nicht sofort zugemutet hätten, wurde ihr Lieblingsplatz. Dort konnten sie krabbeln, so weit sie wollten, die Treppe erklimmen … Also besserten wir nach, und der ehemalige Nestraum ist jetzt ein Rückzugsort mit Liegeflächen, Kissen und Materialien, mit denen die Kinder Höhlen bauen und sich auch gut verstecken können. Das machen alle gern, die Jüngsten wie die Ältesten.

Edeltraud Prokop, Leiterin des Kinderhauses Felicitas Füss-Straße, München ∫
Was interessiert dich? Stell deine eigene Frage unter www.wasmitkindern.de